Yogischer Gleichmut Die Grundlage der Sadhana
Sri Aurobindo | Die Mutter
Die Flut materialistischer Gedanken liegt immer auf der Lauer und wartet auf die geringste Schwäche, und wenn wir nur für einen Moment in unserer Wachsamkeit nachlassen, wenn wir sogar nur etwas achtlos sind, strömt und dringt sie von allen Seiten in uns ein. Sie ertränkt mit ihren übermächtigen Fluten manchmal die Resultate unzähliger Bemühungen. Dann gerät das Wesen in eine Art Erstarrung, seine physischen Bedürfnisse nach Nahrung und Schlaf verstärken sich, seine Intelligenz ist verdunkelt, seine innere Schau verschleiert, und trotz des geringen Interesses, welches es wirklich an solchen oberflächlichen Aktivitäten hat, besetzen sie es fast völlig. Dieser Zustand ist extrem schmerzvoll und ermüdend, denn nichts ist ermüdender als materialistische Gedanken. Und der jetzt ausgelaugte mentale Geist leidet wie ein gefangener Vogel, der seine Flügel nicht mehr ausbreiten kann und sich trotzdem danach sehnt, sich frei emporzuschwingen.
– Die Mutter
Mache dein Bewusstsein still und weit; tauche tiefer in deine Seele ein.
– Sri Aurobindo
Bemühe dich in diesem Jahr Gleichmut zu gewinnen.
– Die Mutter
Teil 1 WAS IST GLEICHMUT
Worte Sri Aurobindos
Kapitel 1
Was Gleichmut bedeutet – I
Gleichmut bedeutet, in allen Situationen innerlich unbewegt zu bleiben.
Gleichmut bedeutet ein ruhiges und unbewegtes Mental und Vital. Er bedeutet, nicht von Dingen, die geschehen oder gesagt oder dir getan wurden, berührt oder gestört zu sein, sondern sie mit einem ehrlichen, von durch persönliche Gefühle hervorgerufenen Verfälschungen freien Blick anzuschauen. Man muss versuchen, die Hintergründe zu verstehen, warum sie geschehen, was man aus ihnen lernen soll, was es in einem selbst ist, das durch sie angegriffen wird, und welchen inneren Nutzen oder Fortschritt man durch sie erlangen kann. Es ist die Beherrschung der eigenen vitalen Regungen, – Ärger, Empfindlichkeit und Stolz, wie auch Begehren und der Rest. Man darf ihnen nicht erlauben, das emotionale Wesen zu beherrschen und den inneren Frieden zu stören. Man darf nicht unter dem Andrang und Impuls dieser Dinge sprechen und handeln, sondern dies nur aus einer ruhigen inneren Geisteshaltung heraus tun. Es ist nicht leicht, diese Gelassenheit in einem ganz vollkommenen Maß zu besitzen, aber man sollte immer versuchen, sie mehr und mehr zur Basis des eigenen inneren Zustands und des äußeren Handelns zu machen.
Gleichmut bedeutet noch etwas anderes: einen ruhigen Blick zu haben auf die Menschen und ihre Natur, die sie bewegenden Kräfte und ihr Handeln. Es hilft einem, ihre Wahrheit zu erkennen, wenn man seinen Geist von allen persönlichen Gefühlen im Sehen und Urteilen frei macht und die ganze mentale Voreingenommenheit beseitigt. Persönliches Gefühl verzerrt immer und lässt einen im Tun der Menschen nicht nur die Taten selbst sehen, sondern Dinge dahinter, die es meistens nicht gibt. Missverstehen und falsche Beurteilungen, die hätten vermieden werden können, sind das Resultat; unbedeutende Dinge rücken in den Vordergrund. Ich habe gesehen, dass mehr als die Hälfte der bedauerlichen Geschehnisse dieser Art im Leben diese Ursache haben. Aber im normalen Leben sind persönliches Gefühl und Empfindlichkeit ein fester Teil der menschlichen Natur und mögen dort für eine Selbstverteidigung nötig sein, obwohl ich denke, dass sogar hier eine starke, weite und gleichmütige Haltung Menschen und Dingen gegenüber eine viel bessere Art der Verteidigung wäre. Aber für einen Sadhak ist es ein wesentlicher Teil seiner Entwicklung, sie zu überwinden und vielmehr in der ruhigen Stärke des Geistes zu leben.
Yogische Samata bedeutet Gleichmut der Seele, eine Gelassenheit, die auf dem Gespür für das eine Selbst, das eine Göttliche in Allem gründet, – sie sieht den Einen trotz aller Differenzen, verschiedenen Grade und Ungleichheiten.
Gleichmut ist ein Begriff des Bewusstseins, der in unser ganzes Wesen und unsere Natur die ewige Gelassenheit des Unendlichen bringt. Außerdem ist er eine Bedingung für ein sicheres und vollkommenes göttliches Wirken.
Kapitel 2
Was Gleichmut bedeutet – II
…ein absoluter Gleichmut in Mental und Seele… muss allumfassend werden, wenn wir im Geist vollkommen sein sollen. Denn die Verehrung des Meisters der Arbeiten erfordert ein klares Erkennen und eine frohe Bestätigung seiner Gegenwart in uns, in allen Dingen und allen Ereignissen. Gelassenheit ist das Zeichen dieser Verehrung; sie ist der Seelengrund, auf dem wahre Hingabe und Verehrung geschehen können.
Der Herr in allen Wesen
Der Herr ist gleichermaßen in allen Wesen; wir müssen keine wesentlichen Unterschiede machen zwischen uns und den anderen, den Weisen und Unwissenden, Freund und Feind, Mensch und Tier, dem Heiligen und dem Sünder. Wir dürfen niemanden hassen, niemanden verachten, von niemandem abgestoßen sein; denn in allen müssen wir den Einen sehen, ob verborgen oder zu seinem Gefallen manifestiert. In dem einem oder anderen ist er etwas mehr oder weniger offenbar oder verborgen und in anderen wieder gänzlich entstellt, entsprechend seinem Willen und seinem Wissen über das, was das Beste für jenes wäre, was er in ihnen gestalten und in ihrer Natur herausarbeiten will. Alles ist unser eigenes Selbst, ein Selbst, das viele Formen angenommen hat. Hass und Abneigung, Verachtung und Ekel, Festhalten, Verhaftetsein und Vorlieben sind natürlich, notwendig und unvermeidbar auf einer bestimmen Stufe: sie leisten Beistand oder helfen der Natur in uns ihre Wahl zu treffen und sie aufrecht zu erhalten. Aber für den Karmayogi sind sie ein Überbleibsel, ein Stolperstein, ein Prozess der Unwissenheit; und in dem Maße, wie er voranschreitet, fallen sie von seiner Natur ab. Die Kindseele braucht sie für ihr Wachstum; aber in der göttlichen Kultur fallen sie beim Erwachsenen ab. In der Gottnatur, zu der wir uns erheben müssen, kann es eine diamantharte, sogar vernichtende Strenge, aber keinen Hass geben, eine göttliche Ironie, aber keine Verachtung, eine ruhige, klarsichtige und starke Ablehnung, aber keine Abneigung und Antipathie. Sogar das, was wir zerstören müssen, sollen wir nicht verabscheuen oder dabei scheitern, es als verkleidete und temporäre Bewegung des Ewigen zu erkennen.
Der Herr in allen Dingen
Und weil alle Dinge das eine Selbst in seiner Manifestation sind, sollen wir dem Hässlichen und dem Schönen, dem Entstellten und dem Vollkommenen, dem Edlen und Vulgären, Vergnüglichen und Unerfreulichen, Guten und Bösen gegenüber die gleiche seelische Haltung haben. Auch hier wird es keinen Hass, keine Geringschätzung und Abneigung geben, sondern das unparteiische Auge, welches in allen Dingen ihren wirklichen Charakter und den ihnen zugewiesenen Platz sieht. Denn wir werden wissen, dass alle Dinge unter den für sie bestimmten Umständen auf die Weise, die im jetzigen Zustand oder der Funktion oder Entwicklung ihrer Natur möglich ist, so gut sie können oder mit welchem Manko auch immer etwas vom Göttlichen ausdrücken oder verschleiern, entwickeln oder verzerren. Das kann eine Wahrheit oder Tatsache, eine Energie oder Möglichkeit des Göttlichen sein, die in der progressiven Manifestation für das Ganze der gegenwärtigen Summe aller Dinge und für die Perfektion des letztendlichen Ergebnisses notwendig ist. Es ist die Wahrheit, die wir hinter dem vergänglichen Ausdruck suchen und entdecken müssen. Unbeirrt von den Erscheinungen, den Unzulänglichkeiten oder Entstellungen des Ausdrucks können wir dann den Göttlichen verehren, der hinter seinen Masken für immer aufrichtig, rein, schön und vollkommen ist. Tatsächlich muss alles verwandelt werden: nicht Hässlichkeit, sondern göttliche Schönheit muss akzeptiert, nicht Unvollkommenheit als unser Ruheplatz gewählt, sondern Perfektion erarbeitet, und das höchste Gut und nicht das Böse zum universalen Ziel gemacht werden. Aber was wir tun, muss mit einem spirituellen Verstehen und Wissen geschehen. Es sind das Gute, die Schönheit, die Perfektion und die Freude des Göttlichen und nicht die menschlichen Standards dieser Dinge, nach denen wir streben sollen. Wenn wir keinen Gleichmut besitzen, ist es ein Zeichen, dass wir immer noch von der Unwissenheit festgehalten werden, wirklich nichts verstehen und es mehr als wahrscheinlich ist, dass wir die alte Unvollkommenheit nur zerstören, um eine andere zu erschaffen: denn wir ersetzen die göttlichen Werte durch die Wertschätzungen unseres menschlichen Mentals und unserer Wunsch-Seele.
Gleichmut bedeutet nicht eine neue Ignoranz oder Blindheit; er ruft keine trostlose Sichtweise hervor und vernichtet keine Farbtönungen. Es gibt Unterschiede, Ausdrucksvarianten, und wir sollten diese Mannigfaltigkeit schätzen, – viel angemessener, als wir es mit einer Sicht könnten, die getrübt ist von halber und irrender Liebe, von Hass, Bewunderung, Verachtung, Sympathie, Antipathie, Anziehung und Widerwillen. Aber hinter der Vielfalt sollen wir immer den in ihr wohnenden Vollkommenen und Unwandelbaren sehen, und wir sollen fühlen, erkennen oder wenigstens – wenn er für uns verborgen ist – dem weisen Zweck oder der göttlichen Notwendigkeit der bestimmten Manifestation vertrauen, gleich ob sie unseren menschlichen Normen harmonisch und vollkommen oder unvollständig oder sogar schlecht und böse erscheint.
Der Herr in allen Geschehnissen
Und genau so sollen wir denselben Gleichmut von Mental und Seele allem Geschehen gegenüber haben, sei es schmerzlich oder angenehm, sei es Niederlage oder Erfolg, Ehre oder Herabsetzung, guter oder schlechter Leumund, Glück oder Unglück. Denn in allem sollen wir den Willen des Herrn der Arbeiten und ihrer Resultate sowie einen Schritt im sich entwickelnden Ausdruck des Göttlichen sehen. Für diejenigen, deren inneres Auge offen ist, manifestiert er sich in Kräften und deren Spiel und Resultaten, genauso wie in Dingen und in Geschöpfen. Alles bewegt sich auf ein göttliches Ereignis zu; alle Erfahrungen, Leiden und jeder Mangel, wie auch Freude und Zufriedenheit sind ein notwendiges Glied in der Ausführung einer universalen Bewegung, die wir verstehen und befürworten müssen. Zu revoltieren, verdammen und aufzuschreien sind Impulse unserer uneinsichtigen und unwissenden Instinkte. Empörung hat wie alles andere im Spiel ihren Nutzen und ist sogar notwendig, hilfreich und für die göttliche Entwicklung zu ihrer angemessenen Zeit und Stufe vorgesehen. Aber die Regung einer unwissenden Rebellion gehört zur Stufe der seelischen Kindheit oder ungeformten Adoleszenz. Die gereifte Seele verurteilt nicht, sondern versucht zu verstehen und zu meistern. Sie schreit nicht auf, sondern akzeptiert oder müht sich zu verbessern und zu perfektionieren, revoltiert nicht innerlich, sondern arbeitet daran zu gehorchen, zu erfüllen und zu verwandeln. Deshalb sollen wir alle Dinge mit gleichmütiger Seele aus den Händen des Meisters empfangen. Misserfolg sollen wir genauso ruhig wie Erfolg als eine Passage akzeptieren, bis die Stunde des göttlichen Sieges kommt. Unsere Seelen, Mentale und Körper werden bei schlimmsten Sorgen, Leiden und Schmerzen, wenn diese uns als göttliche Gabe zugeteilt werden, unerschüttert bleiben und auch nicht von stärkster Freude und Wonne übermannt sein. Völlig im Gleichgewicht werden wir so auf unserem Weg kontinuierlich voran gehen und allen Dinge gleich ruhig ins Auge sehen, bis wir auf eine höhere Stufe vorbereitet sind und an der höchsten und universalen Glückseligkeit teilhaben können.