Kapitel 2

Die Bedeutung von „Sei absolut frei“

Ich hätte gerne, wenn mir jemand sagte, was er unter „absolut frei sein“ versteht, denn es ist eine sehr wichtige Frage. Ich werde euch sagen, warum.

Die meisten Leute verwechseln Freiheit mit Freibrief. Denn für den gewöhnlichen Geist bedeutet frei zu sein, die Chance, jede Dummheit zu begehen, die er möchte, ohne dass jemand einschreitet. Ich sage, man muss „ganz frei“ sein, aber es ist ein sehr gefährlicher Rat, außer man versteht die Bedeutung der Worte. Frei wovon? – frei von Anhaftungen, offensichtlich. Es ist genau das. Es ist die Geschichte des Buddha, der dem jungen Mann, dem Experten in allen Künsten, antwortet: „Ich bin ein Experte in der Kunst der Selbstbeherrschung. Wenn Menschen mich beglückwünschen oder loben, lässt es mich ruhig und gleichgültig bleiben. Wenn sie mich tadeln, lässt es mich ebenso ruhig und gelassen sein.“

Fragt euch, in welchem Maß ihr über Lob und Tadel erhaben seid. Nicht, dass ihr euch anderen so überlegen fühlt, dass es euch nicht wichtig ist, was sie sagen. Das ist es nicht. Es bedeutet, dass ihr euch eines allgemeinen Zustands der Unwissenheit bewusst geworden seid, eures eigenen eingeschlossen. Und wenn andere glauben, dass etwas gut ist, wisst ihr: „Es ist nicht so gut wie jenes“, und wenn sie glauben, etwas ist schlecht, könnt ihr sagen: „Es ist nicht so schlecht wie jenes.“ Alles ist völlig miteinander vermischt und letztlich kann niemand jemand anderen beurteilen. Deshalb seid ihr bei allem Lob und Tadel gänzlich gleichmütig.

Und das ist der beste Weg, frei zu sein. Lasst eure Hingabe an das Göttliche vollständig sein, und ihr werdet vollkommen frei sein.

Der einzige Weg wirklich frei zu sein, liegt darin, eure Hingabe an das Göttliche vollständig zu machen, ohne Vorbehalt, weil dann alles, was euch festhält und herunterzieht, ganz natürlich von euch abfällt und keine Wichtigkeit mehr hat. Wenn jemand kommt und euch tadelt, könnt ihr sagen: „Wer gibt ihm das Recht mich zu tadeln, kennt er den höchsten Willen?“ Und es ist genau das Gleiche, wenn man euch beglückwünscht. Dies soll euch nicht dazu raten, nicht von dem zu profitieren, was von anderer Seite kommt. – Ich habe während meines ganzen Lebens gelernt, dass sogar ein kleines Kind einen etwas lehren kann. Nicht, dass es weniger unwissend als ihr wäre, aber es ist wie ein Spiegel, der euch so widerspiegelt, wie ihr seid. Er mag euch etwas zeigen, das nicht wahr ist, aber ebenso etwas, das ihr nicht wusstet. Deshalb könnt ihr eine Menge lernen, wenn ihr die Lektion ohne unerwünschte Reaktion annehmt.

In jeder Stunde meines Lebens habe ich gelernt, dass man etwas lernen kann; aber ich habe mich nie von den Meinungen anderer beeinflussen lassen, denn ich denke, dass es in der Welt nur eine Wahrheit gibt, die etwas verstehen kann, und das ist die Höchste Wahrheit. Dann ist man ganz frei. Und es ist diese Freiheit, die ich bei euch sehen möchte, – frei sein von allen Anhaftungen, aller Unwissenheit, allen Reaktionen; frei sein von allem außer einer vollständigen Hingabe an das Göttliche. Dies ist der Weg heraus aus allen Verpflichtungen der Welt gegenüber. Das Göttliche allein ist zuständig.

Im tiefen Frieden des Gleichmuts wird die Liebe im Sinne einer reinen und beständigen Einheit voll erblühen.

…alles, was ich erhalte, sogar die Dinge, die als sehr schmerzvoll angesehen werden, lassen mich absolut ruhig und gleichgültig bleiben – ´gleichgültig` im Sinne einer aktiven Interesselosigkeit: ohne jede schmerzvolle Reaktion, absolut neutral (mit einer auf die Ewigkeit hindeutenden Geste), mit perfektem Gleichmut. Aber in dieser Gelassenheit liegt ein präzises Wissen über das, was getan werden muss, was gesagt und geschrieben und was beschlossen werden muss, kurz gesagt, aller Dinge, die Handeln zur Folge haben.