Kapitel 1

Geschichten über Selbstkontrolle

Ein wildes Pferd kann gezähmt werden, aber einem Tiger legt man niemals Zügel an. Warum ist das so? Weil es im Tiger eine böse, grausame und unverbesserliche Kraft gibt, so dass wir nichts Gutes von ihm erwarten können und ihn vernichten müssen, um ihn zu hindern Unheil zu verursachen.

Auf der anderen Seite kann das wilde Pferd, so unfügsam und launisch es anfangs sein mag, mit ein bisschen Mühe und Geduld beherrscht werden. Mit der Zeit wird es lernen zu gehorchen und uns sogar zu lieben. Schließlich wird es sein Maul aus freien Stücken für die Trense öffnen, die ihm angelegt wird.

In den Menschen gibt es ebenso rebellische und unbändige Wünsche und Impulse, aber sie sind selten so unkontrollierbar wie der Tiger. Öfter sind diese Dinge wie das wilde Pferd: um sie zu brechen, braucht man Zaumzeug; und der beste Zaum ist der, den du dir selber anlegst, die sogenannte Selbstkontrolle.

Hussein war der Enkel des Propheten Mohammed. Sein Zuhause war schön und seine Börse gut gefüllt. Wer immer ihn beleidigte, beleidigte einen reichen Mann. Und der Ärger der Reichen ist mächtig.

Eines Tages ging ein Sklave, der einen Topf kochenden Wassers trug, an Hussein vorbei, während dieser speiste. Unglücklicherweise tropfte etwas Wasser auf den Enkel des Propheten, der einen Wutschrei ausstieß.

Auf die Knie fallend, hatte der Sklave die Geistesgegenwart, einen passenden Vers des Koran zu zitieren:

„Das Paradies ist für jene, die ihren Ärger zügeln“, sagte er.

„Ich bin nicht ärgerlich“, fiel ihm Hussein ins Wort, berührt von dieser Rede.

„…und für jene, die den Menschen vergeben“, fuhr der Sklave fort.

„Ich vergebe Dir“, sagte Hussein.

„…denn Allah liebt die Barmherzigen“, fügte der Diener hinzu.

Während dieses Austauschs war Husseins Ärger vollständig verschwunden. Ganz im Frieden mit sich selbst ließ er den Sklaven aufstehen und sagte:

„Von jetzt an bist du frei. Hier, nimm diese vierhundert Silberstücke.“

Auf diese Weise lernte Hussein, sein Temperament, das so großzügig wie ungestüm war, im Zaum zu halten. Weil sein edler Charakter weder böse noch grausam war, war er es wert, beherrscht zu werden.

Wenn also eure Eltern oder Euer Lehrer euch manchmal drängen eure Natur zu beherrschen, ist es nicht, weil sie glauben, dass eure Fehler, große oder kleine, sich nicht beheben lassen, sondern im Gegenteil, weil sie wissen, dass euer schnelles und feuriges Gemüt wie ein junges Vollblut ist, das im Zaum gehalten werden muss.

Wenn euch angeboten würde, in einer schäbigen Hütte oder in einem Palast zu wohnen, was würdet ihr wählen? Höchstwahrscheinlich den Palast.

Uns wird gesagt, dass Lord Mohammed, als er das Paradies besuchte, große Paläste sah, die auf einer Anhöhe mit Aussicht auf die ganze Landschaft errichtet worden waren.

„Oh Gabriel“, sagte Mohammed zu dem Engel, der ihm alle diese Dinge zeigte, „für wen sind diese Paläste?“. Der Engel antwortete:

„Für jene, die ihren Ärger beherrschen und Beleidigungen vergeben können.“

Nun, ein friedvolles Gemüt, frei von Rache, ist wahrhaftig wie ein Palast, doch ein nachtragender und aufgewühlter Geist ist es nicht. Unsere Gedanken sind eine Wohnung, die wir sauber, süß, heiter und voller Harmonie werden lassen können, wenn wir wollen; aber wir können sie auch zu einer dunklen, schrecklichen Höhle machen, die angefüllt ist mit traurigen und misstönenden Schreien.

In einer Stadt im Norden Frankreichs kannte ich einmal einen Jungen, der von Natur aus offen, aber wild war und leicht seine Beherrschung verlor. Eines Tages sagte ich zu ihm:

„Was, glaubst Du, ist für einen starken Jungen wie dich schwieriger, einen Schlag auf gleiche Weise zu beantworten und deine Faust in das Gesicht eines Freundes fliegen zu lassen, der dich beleidigt, oder in dem Augenblick deine Faust in deiner Tasche zu halten?“

„Sie in meiner Tasche zu halten“, antwortete er.

„Und was, denkst Du, ist eines mutigen Jungen wie dir würdiger, das Leichtere oder das Schwierigere zu tun?“

„Das Schwierigere“, sagte er nach kurzem Zögern.

„Gut, dann versuche dies beim nächsten Mal zu tun, wenn du die Gelegenheit bekommst.“

Einige Zeit später, kam der Junge und erzählte mir nicht ohne berechtigten Stolz, dass er „das Schwierigere“ habe tun können. Er sagte:

„Einer meiner Arbeitskollegen, der für seine schlechte Laune bekannt war, schlug mich in einer Anwandlung von Wut. Weil er weiß, dass ich stark bin und normalerweise nicht einfach verzeihe, bereitete er sich darauf vor sich zu verteidigen. Da erinnerte ich mich daran, was du mir gesagt hattest. Es war härter für mich, als ich dachte, aber ich hielt meine Faust in der Tasche. Und sobald ich das tat, fühlte ich keinen Ärger mehr, sondern nur Mitleid mit meinem Freund. Deshalb streckte ich ihm meine Hand hin. Das überraschte ihn so sehr, dass er sprachlos mit offenem Mund eine Weile vor mir stand. Dann ergriff er meine Hand, schüttelte sie heftig und sagte gerührt: „Nun kannst du mit mir machen, was du willst, ich bin jetzt für immer dein Freund.“

Dieser Junge hatte seinen Ärger beherrscht, wie Kalif Hussein es getan hatte.

Aber es gibt viele andere Dinge, die auch beherrscht werden müssen.

Der arabische Dichter Al Kosai lebte in der Wüste. Eines Tages kam er an einem schönen Naba-Baum vorbei und fertigte aus dessen Ästen einen Bogen und einige Pfeile an.

Am Abend machte er sich auf, um einige wilde Esel zu jagen. Bald hörte er das Hufgetrappel einer sich nähernden Herde. Deshalb schoss er seinen ersten Pfeil ab. Doch er spannte den Bogen so stark, dass der Pfeil nach dem Durchtritt durch den Körper eines Tieres auf einen nahen Felsen prallte. Als er das Geräusch von Holz auf Stein vernahm, dachte Al Kosai, er hätte sein Ziel verfehlt. Deshalb schoss er seinen zweiten Pfeil ab, und wieder durchschlug der Pfeil einen Esel und traf auf dem Felsen auf. Erneut dachte Al Kosai, er habe sein Ziel verfehlt. Auf die gleiche Weise schoss er einen dritten, einen vierten und fünften Pfeil ab, und jedes Mal hörte er denselben Ton. Als das zum fünften Mal geschah, zerbrach er voller Wut seinen Bogen.

Bei Sonnenaufgang sah er fünf Esel vor dem Felsen liegen.

Wenn er geduldiger gewesen wäre und bis zum Tagesanbruch gewartet hätte, hätte er seinen Seelenfrieden und auch seinen Bogen behalten.

Man sollte aber nicht denken, dass wir ein Training schätzen, das den Charakter schwächt, indem es ihn all seines Tatendrangs und Elans beraubt. Wenn wir einem wilden Pferd Zügel anlegen, wollen wir nicht, dass das Zaumzeug ihm das Maul verletzt und die Zähne zerbricht. Und wenn wir wollen, dass es seine Arbeit gut macht, müssen wir die Zügel straff halten, um es zu lenken. Aber wir dürfen sie nicht so stark anziehen, dass es nicht mehr vorwärts gehen kann.

Unglücklicherweise gibt es zu viele schwache Charaktere, die wie Schafe von einem bloßen Bellen angetrieben werden können.

Es gibt sklavische und unsensible Naturen, denen es an Geist mangelt und die duldsamer sind, als es gut ist.

Abu Otman al-Hiri war für seine übermäßige Geduld bekannt. Eines Tage wurde er zu einem Fest eingeladen. Als er dort ankam, sagte ihm der Gastgeber: „Du musst entschuldigen, ich kann dich nicht empfangen. So gehe bitte nach Hause, und möge Allah dir gnädig sein.“

Abu Otman ging nach Hause. Kaum war er dort angekommen, erschien sein Freund und lud ihn wieder ein.

Abu Otman folgte seinem Freund bis an die Türschwelle, doch dort hielt der Freund an und entschuldigte sich wieder. Abu Otman ging ohne zu murren nach Hause.

Ein drittes und viertes Mal wiederholte sich dasselbe, aber schließlich empfing ihn sein Freund und sagte vor der ganzen Gesellschaft zu ihm:

„Abu Otman, ich habe mich so benommen, um deine Geduld und Nachsicht zu testen.“

„Lobe mich nicht“, antwortete Abu Otman. „denn Hunde üben die gleiche Tugend: sie kommen, wenn sie gerufen werden und gehen, wenn man sie wegschickt.“

Abu Otman war eine Mann und kein Hund. Und es konnte niemandem nützen, wenn er sich freiwillig ohne Würde oder guten Grund dem Spott seiner Freunde aussetzte.

Hatte nun dieser Mann, der so lammfromm war, nichts in sich, was beherrscht werden sollte? Oh doch, das hatte er! Es war etwas, was am schwersten von allem zu kontrollieren ist – die Schwäche seines Charakters. Und weil er nicht wusste, wie er sich beherrschen konnte, machte jedermann mit ihm, was er wollte.

Ein junger Brahmachari war klug und wusste dies. Er wollte seinen Talenten mehr und mehr Fähigkeiten hinzufügen, damit jedermann ihn bewundere. Aus diesem Grund reiste er von Land zu Land.

Bei einem Pfeilmacher lernte er Pfeile herzustellen.

Außerdem lernte er Schiffe zu bauen und zu segeln.

An einem anderen Ort lernte er den Häuserbau.

Und wieder an anderen Orten erwarb er verschiedene andere Kenntnisse.

Auf diese Weise besuchte er sechzehn verschiedene Länder. Dann kehrte er nach Hause zurück und erklärte stolz: „Welcher Mann auf der Erde ist so geschickt wie ich?“ Lord Buddha sah ihn und wollte ihn eine edlere Kunst lehren, als er jemals zuvor erlernt hatte. In der Gestalt eines alten Shramana zeigte er sich dem jungen Mann mit einer Bettelschale in der Hand.

„Wer bist du?“ fragte der Brahmachari.

„Ich bin ein Mann, der seinen Körper beherrschen kann.“

„Wie meinst du das?“

„Der Bogenschütze kann seine Pfeile genau ausrichten“, sagte Buddha. „Der Kapitän lenkt sein Schiff, der Architekt überwacht den Hausbau, aber der weise Mann beherrscht sich selbst.“

Auf welche Art?“

„Wenn er gelobt wird, bleibt sein Geist unbewegt, wenn er getadelt wird, bleibt sein Geist ebenso ruhig. Er liebt es, dem Rechten Weg zu folgen, und er lebt im Frieden.“

Kinder mit gutem Willen, ihr solltet lernen euch zu beherrschen, und wenn ein starker Zügel nötig ist, um eure Natur zu kontrollieren, beklagt euch nicht.

Ein lebhaftes junges Pferd, das nach und nach gut erzogen wird, ist viel wertvoller als ein stilles Holzpferd, das immer ruhig bleibt, was du auch tust, und dem du Zügel nur zum Spaß anlegst.

Die psychologischen Schwierigkeiten können als ausgezeichnete Gelegenheit genutzt werden, Gelassenheit zu üben.

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