Kapitel 2

Was Gleichmut bedeutet – II

…ein absoluter Gleichmut in Mental und Seele… muss allumfassend werden, wenn wir im Geist vollkommen sein sollen. Denn die Verehrung des Meisters der Arbeiten erfordert ein klares Erkennen und eine frohe Bestätigung seiner Gegenwart in uns, in allen Dingen und allen Ereignissen. Gelassenheit ist das Zeichen dieser Verehrung; sie ist der Seelengrund, auf dem wahre Hingabe und Verehrung geschehen können.

Der Herr in allen Wesen

Der Herr ist gleichermaßen in allen Wesen; wir müssen keine wesentlichen Unterschiede machen zwischen uns und den anderen, den Weisen und Unwissenden, Freund und Feind, Mensch und Tier, dem Heiligen und dem Sünder. Wir dürfen niemanden hassen, niemanden verachten, von niemandem abgestoßen sein; denn in allen müssen wir den Einen sehen, ob verborgen oder zu seinem Gefallen manifestiert. In dem einem oder anderen ist er etwas mehr oder weniger offenbar oder verborgen und in anderen wieder gänzlich entstellt, entsprechend seinem Willen und seinem Wissen über das, was das Beste für jenes wäre, was er in ihnen gestalten und in ihrer Natur herausarbeiten will. Alles ist unser eigenes Selbst, ein Selbst, das viele Formen angenommen hat. Hass und Abneigung, Verachtung und Ekel, Festhalten, Verhaftetsein und Vorlieben sind natürlich, notwendig und unvermeidbar auf einer bestimmen Stufe: sie leisten Beistand oder helfen der Natur in uns ihre Wahl zu treffen und sie aufrecht zu erhalten. Aber für den Karmayogi sind sie ein Überbleibsel, ein Stolperstein, ein Prozess der Unwissenheit; und in dem Maße, wie er voranschreitet, fallen sie von seiner Natur ab. Die Kindseele braucht sie für ihr Wachstum; aber in der göttlichen Kultur fallen sie beim Erwachsenen ab. In der Gottnatur, zu der wir uns erheben müssen, kann es eine diamantharte, sogar vernichtende Strenge, aber keinen Hass geben, eine göttliche Ironie, aber keine Verachtung, eine ruhige, klarsichtige und starke Ablehnung, aber keine Abneigung und Antipathie. Sogar das, was wir zerstören müssen, sollen wir nicht verabscheuen oder dabei scheitern, es als verkleidete und temporäre Bewegung des Ewigen zu erkennen.

Der Herr in allen Dingen

Und weil alle Dinge das eine Selbst in seiner Manifestation sind, sollen wir dem Hässlichen und dem Schönen, dem Entstellten und dem Vollkommenen, dem Edlen und Vulgären, Vergnüglichen und Unerfreulichen, Guten und Bösen gegenüber die gleiche seelische Haltung haben. Auch hier wird es keinen Hass, keine Geringschätzung und Abneigung geben, sondern das unparteiische Auge, welches in allen Dingen ihren wirklichen Charakter und den ihnen zugewiesenen Platz sieht. Denn wir werden wissen, dass alle Dinge unter den für sie bestimmten Umständen auf die Weise, die im jetzigen Zustand oder der Funktion oder Entwicklung ihrer Natur möglich ist, so gut sie können oder mit welchem Manko auch immer etwas vom Göttlichen ausdrücken oder verschleiern, entwickeln oder verzerren. Das kann eine Wahrheit oder Tatsache, eine Energie oder Möglichkeit des Göttlichen sein, die in der progressiven Manifestation für das Ganze der gegenwärtigen Summe aller Dinge und für die Perfektion des letztendlichen Ergebnisses notwendig ist. Es ist die Wahrheit, die wir hinter dem vergänglichen Ausdruck suchen und entdecken müssen. Unbeirrt von den Erscheinungen, den Unzulänglichkeiten oder Entstellungen des Ausdrucks können wir dann den Göttlichen verehren, der hinter seinen Masken für immer aufrichtig, rein, schön und vollkommen ist. Tatsächlich muss alles verwandelt werden: nicht Hässlichkeit, sondern göttliche Schönheit muss akzeptiert, nicht Unvollkommenheit als unser Ruheplatz gewählt, sondern Perfektion erarbeitet, und das höchste Gut und nicht das Böse zum universalen Ziel gemacht werden. Aber was wir tun, muss mit einem spirituellen Verstehen und Wissen geschehen. Es sind das Gute, die Schönheit, die Perfektion und die Freude des Göttlichen und nicht die menschlichen Standards dieser Dinge, nach denen wir streben sollen. Wenn wir keinen Gleichmut besitzen, ist es ein Zeichen, dass wir immer noch von der Unwissenheit festgehalten werden, wirklich nichts verstehen und es mehr als wahrscheinlich ist, dass wir die alte Unvollkommenheit nur zerstören, um eine andere zu erschaffen: denn wir ersetzen die göttlichen Werte durch die Wertschätzungen unseres menschlichen Mentals und unserer Wunsch-Seele.

Gleichmut bedeutet nicht eine neue Ignoranz oder Blindheit; er ruft keine trostlose Sichtweise hervor und vernichtet keine Farbtönungen. Es gibt Unterschiede, Ausdrucksvarianten, und wir sollten diese Mannigfaltigkeit schätzen, – viel angemessener, als wir es mit einer Sicht könnten, die getrübt ist von halber und irrender Liebe, von Hass, Bewunderung, Verachtung, Sympathie, Antipathie, Anziehung und Widerwillen. Aber hinter der Vielfalt sollen wir immer den in ihr wohnenden Vollkommenen und Unwandelbaren sehen, und wir sollen fühlen, erkennen oder wenigstens – wenn er für uns verborgen ist – dem weisen Zweck oder der göttlichen Notwendigkeit der bestimmten Manifestation vertrauen, gleich ob sie unseren menschlichen Normen harmonisch und vollkommen oder unvollständig oder sogar schlecht und böse erscheint.

Der Herr in allen Geschehnissen

Und genau so sollen wir denselben Gleichmut von Mental und Seele allem Geschehen gegenüber haben, sei es schmerzlich oder angenehm, sei es Niederlage oder Erfolg, Ehre oder Herabsetzung, guter oder schlechter Leumund, Glück oder Unglück. Denn in allem sollen wir den Willen des Herrn der Arbeiten und ihrer Resultate sowie einen Schritt im sich entwickelnden Ausdruck des Göttlichen sehen. Für diejenigen, deren inneres Auge offen ist, manifestiert er sich in Kräften und deren Spiel und Resultaten, genauso wie in Dingen und in Geschöpfen. Alles bewegt sich auf ein göttliches Ereignis zu; alle Erfahrungen, Leiden und jeder Mangel, wie auch Freude und Zufriedenheit sind ein notwendiges Glied in der Ausführung einer universalen Bewegung, die wir verstehen und befürworten müssen. Zu revoltieren, verdammen und aufzuschreien sind Impulse unserer uneinsichtigen und unwissenden Instinkte. Empörung hat wie alles andere im Spiel ihren Nutzen und ist sogar notwendig, hilfreich und für die göttliche Entwicklung zu ihrer angemessenen Zeit und Stufe vorgesehen. Aber die Regung einer unwissenden Rebellion gehört zur Stufe der seelischen Kindheit oder ungeformten Adoleszenz. Die gereifte Seele verurteilt nicht, sondern versucht zu verstehen und zu meistern. Sie schreit nicht auf, sondern akzeptiert oder müht sich zu verbessern und zu perfektionieren, revoltiert nicht innerlich, sondern arbeitet daran zu gehorchen, zu erfüllen und zu verwandeln. Deshalb sollen wir alle Dinge mit gleichmütiger Seele aus den Händen des Meisters empfangen. Misserfolg sollen wir genauso ruhig wie Erfolg als eine Passage akzeptieren, bis die Stunde des göttlichen Sieges kommt. Unsere Seelen, Mentale und Körper werden bei schlimmsten Sorgen, Leiden und Schmerzen, wenn diese uns als göttliche Gabe zugeteilt werden, unerschüttert bleiben und auch nicht von stärkster Freude und Wonne übermannt sein. Völlig im Gleichgewicht werden wir so auf unserem Weg kontinuierlich voran gehen und allen Dinge gleich ruhig ins Auge sehen, bis wir auf eine höhere Stufe vorbereitet sind und an der höchsten und universalen Glückseligkeit teilhaben können.

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