Kapitel 9
Der Gleichmut des denkenden Mentals und der höchste spirituelle Gleichmut
Der Gleichmut des denkenden Mentals wird ein Teil, ein sehr wichtiger Teil der Vervollkommnung der Instrumente in der Natur sein. Unsere gegenwärtige attraktive, sich selbst rechtfertigende Bindung an unsere intellektuellen Vorlieben, Beurteilungen, Meinungen, Vorstellungen und einengenden Assoziationen der Erinnerung, die die Grundlage unserer Mentalität ist, an die laufenden Wiederholungen unseres gewohnheitsmäßigen Denkens, an die Forderungen unseres pragmatischen Verstandes und die Begrenzungen sogar unseres intellektuellen Wahrheits-Mentals muss wie andere Anhaftungen der Objektivität einer gleichmütigen Schau weichen. Das gelassene Denk-Mental wird Wissen und Unwissenheit, Wahrheit und Irrtum, die Dualitäten, welche von der begrenzten Natur unseres Bewusstseins und den Vorurteilen unseres Intellekts und seines kleinen Vorrats an Argumenten und Intuitionen kreiert sind, betrachten und alle – ohne von einer der beiden Schlingen gebunden zu sein – akzeptieren und eine leuchtende Transzendenz erhoffen. In Unwissenheit wird es ein Wissen sehen, das eingekerkert ist und sich nach Befreiung sehnt oder sie erwartet, und im Irrtum eine Wahrheit bei der Arbeit, die sich selbst verloren hat oder vom tastenden Mental in irreführende Formen gekleidet wurde. Auf der anderen Seite wird es sich nicht von seinem Wissen gefangen halten oder sich an der Suche nach frischer Erhellung hindern lassen, noch mit zu grimmigem Griff auf der Wahrheit bestehen – auch wenn es sich ihrer in vollem Maße bedient – oder sich an ihre gegenwärtigen Ausformungen ketten. Dieser vollkommene Gleichmut des denkenden Mentals ist unverzichtbar, weil das Ziel dieses Fortschritts das größere Licht ist, welches zu einer höheren Ebene spiritueller Erkenntnis gehört. Dieser Gleichmut ist der störanfälligste und schwierigste von allen und wird vom menschlichen Mental am wenigsten praktiziert. Seine Vervollkommnung ist unmöglich, so lange das supramentale Licht nicht vollständig auf die aufwärts schauende Mentalität fällt. Ein wachsender Wille zur Gelassenheit in der Intelligenz ist aber notwendig, bevor das Licht frei auf die mentale Substanz einwirken kann. Dies ist auch keine Verneinung der Bestrebungen und kosmischen Zwecke der Intelligenz, keine Gleichgültigkeit oder neutrale Skepsis und auch kein Ruhigstellen aller Gedanken in der Stille des Unbeschreibbaren. Ein Beruhigen des mentalen Denkens kann Teil der Disziplin sein, wenn es das Ziel ist, das Mental von seinem eigenen einseitigen Arbeiten zu lösen, damit es zu einem geeigneten Kanal für ein höheres Licht und Wissen werden kann. Doch es muss auch eine Transformation der mentalen Substanz geben, sonst kann das höhere Licht nicht in seiner Fülle eine überzeugende Form für das geplante Wirken des göttlichen Bewusstseins im menschlichen Wesen annehmen. Die Stille des Unbeschreibbaren ist eine Wahrheit göttlichen Seins, aber das Wort, das von jener Stille ausgeht ist auch eine Wahrheit, und es ist dieses Wort, welchem eine Gestalt in der bewussten Form der Natur gegeben werden muss.
Aber schließlich ist diese Glättung der Natur eine Vorbereitung, damit der höchste spirituelle Gleichmut das ganze Wesen in Besitz nehmen und eine intensive Atmosphäre schaffen kann, in der das Licht, die Macht und Freude des Göttlichen sich im Menschen in zunehmender Fülle manifestieren können. Jener Gleichmut ist der ewige Gleichmut des Sachchidananda. Es ist ein Gleichmut des unendlichen Seins, das aus sich selbst existiert, ein Gleichmut des ewigen Geistes. Aber er wird das Mental, Herz, Leben, den Willen und das physische Wesen in seine eigene Form gießen. Es ist ein Gleichmut des unendlichen spirituellen Bewusstseins, welches das selige Fließen und die ruhigen Wellen eines göttlichen Wissens enthält und stützt. Es ist ein Gleichmut des göttlichen Tapas, das in der ganzen Natur ein leuchtendes Wirken des göttlichen Willens anstoßen wird. Es ist ein Gleichmut des göttlichen Ananda, der das Spiel einer universellen göttlichen Freude, universeller Liebe und eine unermessliche Ästhetik universeller Schönheit etablieren wird. Die vollkommene Ruhe und Stille des Unendlichen wird zum weiten Himmelsraum unseres vervollkommneten Wesens werden; aber das ideale, gleichmütige und perfekte, durch die Natur auf die Beziehungen des Universums einwirkende Handeln des Unendlichen wird zum ungestörten Einfließen seiner Kraft in unser Wesen. Dies ist die Bedeutung des Gleichmuts im Sinne des integralen Yoga.
…die Gita geht in einer Passage sogar soweit, Gelassenheit und Yoga gleichzusetzen, samatvam yoga ucyate. Das bedeutet, dass Gelassenheit das Zeichen der Einheit mit Brahman, des Werdens zu Brahman und des Wachsens in ein ungestörtes spirituelles Ruhen des Wesens im Unendlichen ist.