Kapitel 1
Wie man Gleichmut festigt
Vollkommenes Samata braucht lange, bis es gefestigt ist, und es hat drei Vorbedingungen – die Selbsthingabe der Seele an das Göttliche durch eine innere Hingabe, die Herabkunft der spirituellen Ruhe und des Friedens und die stetige, lange und beharrliche Zurückweisung aller egoistischen, rajasischen und sonstigen Gefühle, die mit dem Samata unvereinbar sind.
Das erste, was getan werden muss, ist die volle Weihung und Darbringung des Herzens, – das Wachsen spiritueller Ruhe und die Hingabe sind die Vorbedingungen der Wirksamkeit des Zurückweisens des Ego, des rajoguna, et cetera.
Wir müssen den Glauben haben, dass trotz unserer Ignoranz und unserer Irrtümer und Schwächen und trotz der Attacken feindlicher Kräfte und jeglichen unmittelbaren Anscheins eines Versagens der Göttliche Wille uns durch alle Gegebenheiten zur letzten Verwirklichung führt. Dieser Glaube wird uns Gelassenheit geben; es ist ein Glaube, der das akzeptiert, was geschieht, – nicht als etwas Endgültiges, sondern als etwas, das man auf dem Weg durchlaufen muss. Ist Gleichmut erst einmal fest verankert, kann auch eine von ihm unterstützte andere Art von Glauben etabliert werden. Er kann durch den Einfluss des supramentalen Bewusstsein dynamisiert werden, die gegenwärtigen Umstände überwinden, bestimmen, wie es weitergehen soll und helfen, die Verwirklichung des Willens des Transzendenten Göttlichen herabzubringen.
Der Glaube an das Kosmische Göttliche ist in seiner Handlungskraft durch die Erfordernisse des Spiels begrenzt.
Um endgültig von diesen Einschränkungen frei zu werden, muss man das Transzendente Göttliche erreichen.
Im Spiel der kosmischen Kräfte, zieht der Wille im Kosmos – wie man sagen könnte – scheinbar nicht immer einen sanften und direkten Weg bei der Arbeit oder Sadhana vor. Er bringt oft plötzliche Wendungen hervor in dem, was wie Turbulenzen zu sein schien, die die Richtung ändern und den Gegebenheiten entgegenstehen, sie aufrühren oder Auswege verkomplizieren, die zeitweise sicher oder etabliert waren. Die wichtige Sache ist, Gleichmut zu bewahren und aus allem, was im Leben und in der Sadhana geschieht, eine Gelegenheit und ein Mittel zum Fortschritt zu machen. Es gibt einen verborgenen höheren transzendenten Willen hinter dem Willen und Spiel der kosmischen Kräfte – einem Spiel, das immer eine Mischung aus vorteilhaften und unerwünschten Dingen ist. Und es ist dieser Wille, vor dem man sich verneigen und dem man Glauben schenken soll; aber du darfst nicht erwarten, seine Wege immer verstehen zu können. Das Mental möchte, dass dieses oder jenes getan und die gewohnte Vorgehensweise beibehalten wird, doch was das Mental will, ist gar nicht immer das, was für ein größeres Ziel beabsichtigt ist. Man muss tatsächlich einem festgelegten zentralen Ziel in der Sadhana folgen und nicht davon abweichen, dabei aber nicht auf äußeren Umständen, Bedingungen et cetera aufbauen, als ob es fundamentale Dinge wären.
Das erste Ergebnis der Selbstverwirklichung ist das Gefühl des Einsseins mit anderen Existenzen im Universum. Seine frühe oder unreife Form ist der Versuch, andere zu verstehen oder Sympathie für sie zu empfinden, die Tendenz zu einer sich weitenden Liebe, zu Mitgefühl oder Mitleid mit anderen und der Impuls, für das Wohlergehen anderer zu arbeiten.
Das so verwirklichte Einssein ist eine pluralistische Einheit, das Zusammenbringen gleicher Teile, das eher in einer Gesamtheit oder Solidarität resultiert als ich echtem Einssein. Das Bewusstsein nimmt die Vielen als die wirklichen Existenzen wahr; der Eine ist nur ihr Ergebnis.
Wirkliches Wissen beginnt mit dem Erkennen essentieller Einheit, – eine Materie, ein Leben, ein Mental und eine Seele, die in vielen Gestalten spielt.
Wenn diese Seele der Dinge als Sachchidananda erkannt wird, dann ist das Wissen vervollkommnet. Denn wir sehen, das Materie nur ein Spiel des Lebens ist, Leben ein Spiel der Mentals, welches sich in der Materie aktiviert, und das Mental ein Spiel der Wahrheit oder Kausalidee, welches die Wahrheit des Seins in allen möglichen verschiedenen mentalen Formen darstellt. Wir erkennen Wahrheit als ein Spiel des Sachchidananda und Sachchidananda als Selbstmanifestation eines höchsten Unbegreiflichen, Para-Brahman oder Para-Purusha.
Wir nehmen die Seele in allen Körpern als dieses eine Selbst oder Sachchidananda wahr, welches sich im individuellen Bewusstsein vervielfältigt. Wir sehen auch, dass jedes Mental, Leben und alle Körper aktive Formen desselben Seins im umfassenden Wesen des Selbst sind.
Dies ist das Erschauen aller Existenzen im Selbst und des Selbst in allen Seinsformen, was die Grundlage perfekter innerer Freiheit, Freude und vollkommenen Friedens ist.
Denn durch diese Schau – proportional zu ihrer Intensität und Vollständigkeit – verschwindet aus der individuellen Mentalität jegliche jugupsa, d.h. Abscheu, Zurückweichen, Antipathie, Angst, Hass und andere Verirrungen des Gefühls, die durch die Trennung und den persönlichen Widerstand anderen Wesen oder Dingen gegenüber entstehen. Der vollkommene Gleichmut der Seele ist gefestigt.
Das grundlegende „Ich“-Gefühl verschwindet, wenn in allem das eine universale Selbst erkannt wird und dieses Erkennen in jedem Moment unter allen Bedingungen und Umständen stabil bleibt. Gewöhnlich geschieht dies zuerst im Purusha-Bewusstsein und die Ausdehnung auf die Bewegungen der Prakriti findet nicht sofort statt. Aber sogar, wenn es „Ich“-Regungen in den Reaktionen der Prakriti gibt, betrachtet der innere Purusha sie als kontinuierliches Abspulen eines alten Mechanismus und nicht als zu sich gehörig. Die meisten Vedantisten halten hier, weil sie denken, dass solche Reaktionen beim Tod des Menschen aufhören werden und alle in den Einen eingehen. Aber für einen Wandel der Natur ist es notwendig, dass die Erfahrung und das Erkennen des Purusha sich auf alle Teile erstrecken muss: Mental, Vital, Körper und Unterbewusstsein. Dann können auch die egoistischen Regungen der Prakriti langsam aus einem Bereich nach dem anderen verschwinden, bis keine mehr zurückbleibt. Hierfür ist ein vollkommenes Samata sogar in den Körperzellen und in jeder Schwingung des Wesens notwendig – sama hi brahma. Man ist dann auch in seinen Arbeiten ziemlich frei davon. Das Individuum bleibt, aber es ist nicht das kleine trennende Ego, sondern eine Form und Macht des Universalen, welche sich mit allen Wesen eins fühlt, ein handelndes Zentrum und Instrument des Universalen Transzendenten, voller Ananda über die Gegenwart und das Wirken, aber nicht unabhängig denkend oder fühlend oder für das eigene Wohl handelnd. Dies kann nicht Egoismus genannt werden. Das Göttliche kann nur dann ein Ego genannt werden, wenn es eine getrennte Person ist, die durch ihre Getrenntheit begrenzt ist, wie im christlichen Gottesbegriff (obwohl auch hier das esoterische Christentum diese Begrenzung aufhebt). Ein Ich, das nicht in dieser Weise getrennt ist, ist gar kein Ich.