Kapitel 3

Was Gleichmut nicht bedeutet

Er [Gleichmut] ist keine bloße Zwangsruhe und Desinteresse, kein Rückzug vom Erleben, sondern ein Erhabensein über die momentanen Reaktionen von Mental und Vital. Es ist der spirituelle Weg, auf das Leben zu antworten oder besser, es zu umarmen und aufzurufen, zu einer perfekten Form des Wirkens von Selbst und Geist zu werden. Es ist das erste Geheimnis der seelischen Meisterschaft über die Existenz. Wenn wir sie vollkommen erlangen, erhalten wir Zutritt zum Urgrund der göttlichen spirituellen Natur.

Gleichmut ist nicht dasselbe wie Duldsamkeit, – obschon sich zweifellos ein gefestigter Gleichmut ungemein, sogar unendlich ausweitet, eine menschliche Kraft der Ausdauer und Nachsicht.

Gleichmut beinhaltet keine träge Akzeptanz. Wenn es zum Beispiel das kurzzeitige Scheitern einer Bemühung in der Sadhana gibt, muss man Gleichmut bewahren und nicht verstört oder verzweifelt sein; man darf das Scheitern nicht als Zeichen des Göttlichen Willens akzeptieren und die Bemühung aufgeben. Man sollte vielmehr den Grund und die Bedeutung des Misserfolges herausfinden und vertrauensvoll auf den Erfolg hinarbeiten. Genauso ist es bei Krankheit, – du solltest nicht besorgt, erschüttert oder unruhig sein, Krankheit nicht als den Göttlichen Willen akzeptieren, sondern sie vielmehr als Unvollkommenheit des Körpers betrachten, die du wie vitale oder mentale Fehler auch loszuwerden versuchst.

Samata meint nicht die Abwesenheit von Egoismus, sondern das Nichtvorhandensein von Begehren und Anhaftung.

Ich habe gesagt, dass „Samata“ die Abwesenheit von Verlangen und Anhaftung zeigt. Das Ego-Gefühl kann verschwinden oder in einer verfeinerten oder gröberen Form bleiben, – es hängt von der Person ab.

Es ist keine mentale Ruhe, Distanziertheit, Gleichgültigkeit, keine träge Stilllegung des Vitals, keine Passivität des physischen Bewusstseins, die keinerlei Bewegung oder keine Bewegung, die auf die erstrebte Kondition abzielt, erlaubt, obschon so etwas manchmal für diese spirituelle Kondition (hier: samata, Übs.) gehalten wird. Es ist dagegen eine weite, umfassende, unbewegte Universalität wie jene des Zeugen-Geistes hinter der Natur. Denn alles hier scheint eine veränderliche halb geordnete, halb verworrene Organisation von Kräften zu sein. Hinter ihnen kann man aber einen unterstützenden Frieden spüren, eine Stille und Weite – nicht träge, sondern ruhig, nicht kraftlos, sondern potenziell allmächtig, mit einer konzentrierten, stabilen, unbeweglichen Energie in sich, die allen Bewegungen des Universums standhalten kann.

Ein Zustand perfekten Gleichmuts, Samata, kann etabliert werden, in welchem man alle – Freunde wie Feinde – als gleichwertig ansieht, und er wird nicht von dem, was Menschen tun, oder von Ereignissen gestört. Es ist die Frage, ob dies alles ist, was von uns verlangt wird. Wenn ja, wird die generelle Haltung eine neutrale Gleichgültigkeit allem gegenüber sein. Aber die Gita, die sehr auf einem vollkommenen und absoluten Gleichmut besteht, fährt fort zu sagen: „Kämpfe, vernichte den Feind, siege“. Wenn keinerlei allgemeine Handlung gefordert ist, keine der Falschheit entgegengesetzte Wahrheitstreue außer in der eigenen persönlichen Sadhana, kein Wille, dass die Wahrheit siegen möge, dann wird die Samata der Gleichgültigkeit ausreichen. Aber hier muss eine Arbeit getan und eine Wahrheit etabliert werden, gegen die gewaltige Kräfte aufgestellt sind, unsichtbare Kräfte, die sichtbare Dinge, Personen und Handlungen als ihre Instrumente benutzen können. Wenn man zu den Schülern, den Suchern dieser Wahrheit gehört, muss man für die Wahrheit Partei ergreifen und den Kräften, die sie attackieren und zu ersticken suchen, Widerstand entgegensetzen. Arjuna wollte sich für keine der beiden Seiten entscheiden und jede feindliche Handlung sogar den Angreifern gegenüber verweigern. Sri Krishna, der so sehr auf Samata beharrte, kritisierte seine Haltung stark und bestand genauso darauf, dass er den Feind bekämpfen müsse. „Sei gleichmütig“, sagte er „sieh die Wahrheit klar und kämpfe.“ Deshalb ist es nicht unvereinbar mit Gleichmut, sich auf die Seite der Wahrheit zu stellen und sich zu weigern, der attackierenden Falschheit Zugeständnisse zu machen, und entschlossen loyal den Feinden und Aggressoren entgegenzutreten. Es ist das persönliche und egoistische Gefühl, das abgelegt werden muss; Hass und vitale Böswilligkeit müssen zurückgewiesen werden. Aber Loyalität und die Weigerung, mit den Angreifern und Feinden Kompromisse einzugehen oder mit ihren Ideen und Forderungen zu liebäugeln und zu sagen: „Jedenfalls können wir bei dem, was sie von uns fordern, einen Kompromiss eingehen“, oder sie als Kameraden oder eigene Leute zu akzeptieren, sind Dinge von enormer Wichtigkeit. Wenn der Angriff eine physische Bedrohung der Arbeit, der Verantwortlichen und Ausführenden der Arbeit wäre, würde man das sofort sehen. Aber wenn die Attacke von versteckterer Art ist, kann dann eine passive Haltung richtig sein? Es ist ein innerer und äußerer spiritueller Kampf; durch Neutralität, Kompromiss und sogar Passivität kann man den feindlichen Kräften sogar Zugang gewähren und die Vernichtung der Wahrheit und ihrer Kinder ermöglichen. Wenn du es von dieser Seite aus betrachtest, wenn der innere spirituelle Gleichmut fundiert ist, siehst du, dass aktive Loyalität und entschlossenes Parteiergreifen gleichermaßen richtig sind. Beides ist nicht unvereinbar.

Ich habe es natürlich wie eine generelle Frage jenseits irgendeines bestimmten Falles oder einer persönlichen Frage behandelt. Es ist ein Handlungsprinzip, dass im richtigen Licht und ausgewogenen Verhältnis gesehen werden muss.

So wie beim Handeln und Nichthandeln ist es bei dieser doppelten Möglichkeit von Interesselosigkeit und Ruhe einerseits und aktiver Freude und Liebe andererseits. Gleichmut, nicht Gleichgültigkeit ist die Grundlage. Gleichmäßiges Beharrungsvermögen, unparteiische Indifferenz, ruhiges Hinnehmen der Ursachen von Freude und Kummer ohne jede Reaktion von Kummer und Freude sind die Vorbereitung und negative Basis des Gleichmuts; doch der Gleichmut ist nicht vollkommen, bis er seine positive Form von Liebe und Wonne annimmt. Das Sinnenmental muss zuerst das gleichmäßige rasa, Entzücken, des All-Schönen finden, das Herz eine gleiche Liebe und Ananda für alle und das seelische Prana das Genießen dieses rasa, Ananda und dieser Liebe. Das ist jedoch die positive Vervollkommnung, die sich mit der Befreiung einstellt. Unser erstes Ziel auf dem Pfad der Befreiung ist aber eher die Befreiung, welche mit der Loslösung vom Wunsch-Mental und der Zurückweisung seiner Passionen kommt.