Kapitel 2

Drei Stufen im Wachsen des Gleichmuts

Dieser Gleichmut kann nur durch eine langwierige Prüfung und geduldige Selbstdisziplin erreicht werden. Solange das Begehren stark ist, kann es außer in beruhigten Perioden und der Ermüdung des Begehrens überhaupt keinen Gleichmut geben, und dann ist es eher eine träge Gleichgültigkeit oder ein Zurückschrecken des Begehrens vor sich selbst als die wahre Stille und positive spirituelle Einheit. Außerdem hat diese Disziplin oder dieses Wachstum im Gleichmut seine notwendigen Zeiträume und Stufen.

Eine Zeit des Erduldens

Gewöhnlich müssen wir mit einer Periode des Erduldens beginnen; denn wir müssen lernen allen Kontakten zu begegnen, sie zu erdulden und zu integrieren. Jede Faser in uns muss gelehrt werden, nicht vor dem zurückzuschrecken, was schmerzt und Abscheu auslöst, und nicht auf Angenehmes und Anziehendes loszustürzen, sondern uns allem zuzuwenden, es zu akzeptieren, auszuhalten und zu überwinden. Wir müssen stark sein und alle Interaktionen ertragen, nicht nur solche, die uns persönlich betreffen, sondern auch jene, die unserer Sympathie oder unserem Konflikt mit den uns umgebenden Welten, ober- oder unterhalb, und ihren Bewohnern entspringen. Wir sollen das Handeln und den starken Einfluss von Menschen, Dingen und Kräften, den Druck der Götter und die Attacken der Titanen ruhig ertragen; wir sollen uns allem zuwenden, was auf den Wegen der unendlichen Seelenerfahrungen eventuell auf uns zu kommt, und es in das unbewegte Meer unseres Geistes sinken lassen. Dies ist die stoische Periode der Vorbereitung des Gleichmuts, ihre elementarste und doch heldenhafteste Zeit. Aber dieses standhafte Ertragen des Körpers, Herzens und Mentals muss durch ein ausdauerndes Gefühl spiritueller Unterwerfung unter einen göttlichen Willen gestärkt werden: dieser lebendige Lehm soll sich nicht nur in einer harten oder mutigen Ruhigstellung der Berührung der göttlichen Hand ergeben, die seine Vervollkommnung vorbereitet, sondern mit Wissen oder mit Resignation – sogar im Leiden. Ein weiser, frommer oder sogar weicher Stoizismus des Gott Liebenden ist möglich und ist besser als das bloß heidnische, auf sich selbst bauende Ertragen, das ein zu starkes Verhärten des Gefäßes Gottes hervorrufen kann, denn auf diese Weise wird die Stärke vorbereitet, die zu Weisheit und Liebe fähig ist. Ihre Ruhe ist eine tiefbewegte Stille, die leicht zu Seligkeit werden kann. Der Gewinn aus dieser Periode der Resignation und des Durchhaltevermögens ist die gleichmütige Stärke der Seele bei allen Schocks und Kontakten.

Die philosophische Periode in der Vorbereitungszeit

Als nächstes kommt eine Periode hoher Unparteilichkeit und Gleichgültigkeit, in der die Seele frei wird von Hochgefühl, Depression, den Fallstricken freudigen Eifers und den Schmerzen von Kummer und Leiden. Alle Dinge, Personen und Kräfte, alle Gedanken, Gefühle, Empfindungen und Handlungen – eigene nicht weniger als die anderer – werden von oben betrachtet, von einem Geist, der unbewegt und intakt bleibt und durch diese Dinge nicht gestört ist. Das ist in der Erarbeitung des Gleichmuts die philosophische Periode, eine weite und erhabene Bewegung. Aber Gleichgültigkeit darf sich nicht an ein inaktives Abwenden vom Handeln und Erleben gewöhnen; sie darf keine aus Überdruss, Abscheu und Widerwillen geborene Abneigung sein, kein Zurückschrecken aus enttäuschtem oder gesättigtem Begehren und keine durch verwirrten und unbefriedigten Egoismus, der seine leidenschaftlichen Ziele nicht erreichen kann, verursachte Verdrossenheit. Dieses Zurückprallen geschieht zwangsläufig in der unreifen Seele und kann auf gewisse Weise den Fortschritt durch ein Entmutigen der heftigen, wunschgesteuerten vitalen Natur unterstützen, aber es ist nicht die Perfektion, auf die wir hinarbeiten. Die Gleichgültigkeit der Unparteilichkeit, nach der wir streben müssen, ist eine ruhige Erhabenheit (udasina) der über den Berührungen der Dinge stehenden hohen Seele. Sie betrachtet und akzeptiert oder weist sie zurück, bleibt aber in der Ablehnung unbewegt und in der Akzeptanz weiterhin frei. Sie beginnt sich einem stillen Selbst nahe und mit ihm verwandt zu fühlen, eins mit dem selbst-existierenden Geist und getrennt vom Wirken der Natur, welches sie unterstützt und ermöglicht. Sie empfindet sich als Teil der unbewegten ruhigen Wirklichkeit, welche die Bewegung oder Aktion des Universums übersteigt. Der Gewinn dieser Zeit hoher Transzendenz ist der Seelenfrieden, der von den angenehmen Kräuselungen oder stürmischen Brandungswellen des Weltenlaufes unerschüttert bleibt.

Die höchste Phase der Freude vollkommener Selbsthingabe

Wenn wir durch diese zwei Stufen inneren Wandels hindurchgehen können, ohne in einer aufgehalten zu werden, erlangen wir einen größeren göttlichen Gleichmut, der spiritueller Inbrunst und ruhiger leidenschaftlicher Freude fähig ist, ein glückseliger, alles verstehender, alles besitzender Gleichmut der vervollkommneten Seele, eine intensive und gleichmäßige seelische Weite und Fülle, die alle Dinge umarmt. Dies ist die höchste Phase, und der Weg zu ihr geht durch die Freude einer totalen Selbsthingabe an das Göttliche und die universale Mutter. Denn Stärke ist dann von einer glücklichen Meisterschaft gekrönt, Friede vertieft sich zu Seligkeit, das Innehaben der göttlichen Ruhe ist erhoben worden und wird zur Grundlage für das Einssein mit der göttlichen Bewegung. Aber damit diese größere Perfektion eintreten kann, muss das unparteiische hohe Herabblicken auf den Fluss der Formen, Persönlichkeiten, Bewegungen und Kräfte umgestaltet werden und sich in ein neues Gefühl starker und ruhiger Ergebung und kraftvoller, intensiver Hingabe wandeln. Diese Ergebung wird nicht länger ein resigniertes Dulden sein, sondern eine frohe Zustimmung: denn es gibt kein Gefühl von Leid oder vom Tragen einer Bürde oder eines Kreuzes mehr. Sie wird aus strahlender Liebe, Wonne und Freude der Selbsthingabe bestehen. Und es wird nicht nur eine Hingabe an den göttlichen Willen sein, den wir erkennen, annehmen und befolgen, sondern an eine göttliche Weisheit in dem Willen, die wir wahrnehmen, und eine göttliche Liebe in ihr, welche wir spüren und mit Freude annehmen, – die Weisheit und Liebe eines höchsten Geistes und Selbst in uns und allen, mit denen wir eine glückliche und vollkommene Einheit erlangen können. Eine einsame Macht, Stille und Frieden sind das letzte Wort der philosophischen Gleichmütigkeit des Weisen; aber die Seele in ihrem integralen Erleben befreit sich aus diesem selbstgeschaffenen Zustand und betritt das Meer einer höchsten und alles umfassenden Wonne der anfangs- und endlosen Glückseligkeit des Ewigen. Dann sind wir letztendlich fähig, alle Kontakte mit einem seligen Gleichmut anzunehmen, weil wir in ihnen die Berührung der unvergänglichen Liebe und Freude spüren, das vollkommene Glück, welches sich immer im Herzen der Dinge verbirgt. Die Frucht dieser Kulmination in universeller und gleichmütiger Verzückung sind die sich öffnenden Tore der Seligkeit und die Freude der Seele, welche unendlich ist, die Freude, die alles Verstehen übersteigt.1

1 Man mag anmerken, dass Sri Aurobindo außerdem sagt: „Bevor diese Bemühung um das Auslöschen von Begehren und der Sieg des seelischen Gleichmuts vervollkommnet und fruchtbar werden können, muss die Wende in der spirituellen Bewegung, die zur Aufhebung des Ego-Gefühls führt, abgeschlossen sein.“ (ibid.) – Hrsg.

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