Kapitel 5
Wichtigkeit des Gleichmuts
Die allererste Vorbedingung für spirituelle Vollkommenheit ist perfekter Gleichmut. Vollkommenheit in dem von uns im Yoga verwendeten Sinne bedeutet ein Herauswachsen aus einer niederen ungöttlichen in eine höhere göttliche Natur…
Ein vollkommener Gleichmut unseres Geistes und unserer Natur ist ein Mittel, durch das wir vom problembeladenen und unwissenden äußeren Bewusstsein in das innere himmlische Königreich gelangen und das ewige Königreich des Geistes, rajyam samrddham, der Weite, Freude und des Friedens besitzen können. Dieses Sich-Erheben zur göttlichen Natur ist die vollkommene Frucht und der ganze Anlass für die Disziplin des Gleichmuts, den das Ziel der Selbstvervollkommnung im Yoga von uns fordert.
Ein perfekter Gleichmut und Frieden der Seele ist für die Umwandlung unserer ganzen Wesenssubstanz aus ihrer jetzigen verstörten Mentalität in die Substanz des Selbst notwendig. Er ist ebenso unverzichtbar, wenn wir danach streben, unser gegenwärtiges verwirrtes und unwissendes Handeln durch das selbstbeherrschte und erhellte Wirken eines seine Natur kontrollierenden und mit dem universellen Sein eins seienden Geistes zu ersetzen. Ein göttliches oder sogar perfektes menschliches Handeln ist unmöglich, wenn wir keine geistige Gelassenheit und Gleichmut in den motivierenden Kräften unserer Natur haben. Das Göttliche ist allem gegenüber unparteiisch, ein unvoreingenommener Unterstützer seines Universums, der alles mit gleichen Augen ansieht und dem Gesetz des sich entwickelndes Wesens zustimmt, welches er aus den Tiefen seines Seins hervorgebracht hat. Er toleriert das, was toleriert werden muss, dämpft, was gedämpft werden soll, erhebt das, was erhoben werden muss, und erschafft, unterhält und zerstört mit einem vollkommenen und gleichen Verstehen der Gründe, Resultate und des Ausarbeitens der spirituellen und pragmatischen Bedeutung aller Phänomene. Gott erschafft nicht aus irgendeiner unruhigen Leidenschaft heraus oder zerstört in zorniger Wut, Abscheu oder Ablehnung. Das Göttliche behandelt als das allumfassende Selbst Große und Kleine, Gerechte und Ungerechte, Weise oder Törichte, tief vertraut und eins mit dem Wesen. Es leitet alle ihrer Natur und ihren Bedürfnissen entsprechend mit vollkommenem Verstehen, mit Macht und Verhältnismäßigkeit. Aber in all dem bewegt es Dinge gemäß seines großen Zieles in den Zyklen und erhebt die Seele in ihrer Evolution durch ihren scheinbaren Fort- und Rückschritt zu einer immer höheren Entwicklung, die der Sinn des kosmischen Antriebs ist. Dieses sich selbst vervollkommnende Individuum, welches mit dem Göttlichen eins werden und seine Natur zu einem Instrument der göttlichen Aufgabe machen will, muss sich aus den egoistischen und parteiischen Ansichten und Motiven der menschlichen Ignoranz heraus weiten und sich zu einem Ebenbild dieses höchsten Gleichmuts formen.
Diese gleichmütige Haltung im Handeln ist besonders für den Sadhak des integralen Yoga notwendig. Zuerst muss er sich die gelassene Einwilligung und das Verstehen erarbeiten, welche auf das Gesetz des göttlichen Wirkens eingehen, ohne zu versuchen, ihm einen parteiischen Willen und die heftige Forderung eigenen Strebens aufzudrängen. Eine weise Unpersönlichkeit, ein ruhiger Gleichmut, eine Universalität, die alles als Manifestation des Göttlichen und des einen Seins ansieht, ist nicht ärgerlich, verstört und ungeduldig wegen der Art und Weise, wie die Dinge sich entwickeln, oder auf der anderen Seite erregt, übereifrig und unbesonnen, sondern erkennt, dass dem Gesetz gehorcht und das Tempo der Zeit respektiert werden muss. Sie beobachtet und versteht mit Sympathie die Aktualität der Dinge und Wesen, sieht aber auch hinter der gegenwärtigen Erscheinung ihre inneren Bedeutungen und die zukünftige Entfaltung ihrer göttlichen Möglichkeiten. Dies ist das Erste, was von jenen verlangt wird, die als perfektes Instrument des Göttlichen arbeiten wollen. Doch diese unpersönliche Einwilligung ist nur die Basis. Der Mensch ist das Instrument einer Evolution, die zuerst die Maske eines Kampfes trägt, aber mehr und mehr in dessen wahrere und tiefere Bedeutung einer konstanten und weisen Regulierung hineinwächst und nach und nach die tiefste Wahrheit und Bedeutung einer universalen Harmonie annehmen muss, – welche jetzt der Anpassung und Bemühung nur unterschwellig zugrunde liegt. Die vervollkommnete Seele muss immer ein Instrument sein, das die Wege dieser Evolution beschleunigt. Hierfür muss eine göttliche Kraft, die mit dem Mandat des göttlichen Willens handelt, in der Natur vorhanden sein – in gleich welchem Ausmaß. Aber um vervollkommnet und dauerhaft, im Handeln gefestigt und wahrhaft göttlich zu sein, muss sie auf der Basis eines spirituellen Gleichmuts, einer ruhigen, unpersönlichen und unparteiischen Selbst-Identifikation mit allen Wesen und einem Verstehen aller Energien vorangehen. Das Göttliche handelt mit einer gewaltigen Macht in den Myriaden Wirkensweisen des Universums, aber ebenso mit dem unterstützenden Licht und der Kraft von unerschütterlicher Einheit, Freiheit und Frieden. Solcherart muss das göttliche Arbeiten der vervollkommneten Seele sein. Und Gleichmut ist der Zustand des Wesens, der diesen gewandelten Handlungsgeist ermöglicht.
Aber sogar eine menschliche Vollkommenheit kann nicht auf den Gleichmut als eines ihrer Hauptelemente und sogar ihrer wesentlichen Atmosphäre verzichten.