Katastrophen und Unfälle
Die Mutter
Der Kosmos ist kein Missgeschick in der Zeit;
Es liegt ein Sinn in jedem Spiel des Zufalls,
Es gibt eine Freiheit in jedem Antlitz des Schicksals.
Eine Weisheit kennt und führt die geheimnisvolle Welt;
Ein Wahrheitsblick formt ihre Wesen und Geschehnisse;
Ein Wort, selbstgeboren auf den Höhen der Schöpfung,
Stimme des Ewigen in den zeitlichen Sphären,
Prophet von allem, was das Absolute schaut,
Sät in die Gestalt die Bedeutung der Idee
Und aus jener Saat entsteht alles Wachstum der Zeit.
– Sri Aurobindo
TEIL 1
Kapitel 1
Ist die Natur blind und gewalttätig?
Die Natur ist eine bewusste Kraft, die weiß, was sie will, es auf ihre eigene Art tut, weiß, wohin sie geht und ihre Wege kennt: sie wählt sie selbst. Dem Menschen erscheint dies zusammenhanglos, denn sein eigenes Bewusstsein ist zu eng (er kann nicht gut genug das Ganze sehen. Wenn man nur die kleinen Details oder Fragmente der Dinge sieht, kann man überhaupt nichts verstehen). Doch die Natur hat einen Plan, sie hat einen bewussten Willen, sie ist eine ganz und gar bewusste Wesenheit – sie kann nicht ´Wesen` genannt werden, weil sie nicht dieselben Proportionen hat. Wenn wir von einem Wesen mit unserem menschlichen Bewusstsein sprechen, stellen wir uns sofort ein menschliches Wesen vor, vielleicht ein etwas oder viel größeres, aber ein immer noch auf die gleiche Art funktionierendes. Das ist der Grund, warum ich sie nicht ´Wesen` nenne, doch sie ist eine bewusste Wesenheit, ein bewusster Wille, der Dinge bewusst, absichtlich tut und beeindruckende Kräfte zu seiner Verfügung hat.
Es wird auch gesagt, dass die Kräfte der Natur blind und gewalttätig sind. Aber das ist in keiner Weise der Fall! Es ist der Mensch in seinem Verhältnis zur Natur, der so urteilt. Wartet ein bisschen, lasst uns dieses Beispiel nehmen. Wenn es ein Erdbeben gibt, werden viele Inseln verschlungen und Millionen Menschen getötet. Die Leute sagen: „Diese Natur ist monströs.“ Aus der Sicht des Menschen ist diese Natur monströs. Was hat sie getan? Sie hat eine Katastrophe angerichtet. Aber denkt einmal, wie ihr beim Springen oder Laufen oder irgendetwas anderem einen kräftigen Schlag abbekommt und grün und blau werdet. Für unsere Zellen ist es das Gleiche wie ein Erdbeben; du zerstörst eine enorme Anzahl von Zellen! Es ist eine Frage des Verhältnisses. Für uns, unser Bewusstsein, das so klein ist, erscheint dies so gewaltig, aber im Grunde ist es ganz einfach nur eine Verwirrung irgendwo auf der Erde (nicht einmal im Universum). Wir sprechen nur von der Erde. Was ist sie? Gar nichts, einfach ein kleines Spielzeug im Universum. Wenn wir von diesem Universum sprechen, dann ist das Verschwinden der Welten… – Es sind nur Verwirrungen. Das ist nichts.
Man muss, wenn man kann, sein Bewusstsein weiten.
Ich kannte jemanden, der sein Bewusstsein weiten wollte; er sagte, er habe einen Weg gefunden: man müsse nachts flach auf dem Rücken liegen, im Freien, die Sterne anschauen und versuchen, sich mit ihnen zu identifizieren, tief in eine immense Welt hinüber gehen und so jedes Gefühl für Proportion – die Ordnung der Erde mit ihren vielen kleinen Dingen – verlieren und weit wie der Himmel werden. – Du kannst nicht sagen: so weit wie die Erde, denn wir sehen nur ein kleines bisschen davon, aber weit wie der Himmel mit all seinen Sternen. Und so, weißt Du, fallen die kleinen Unreinheiten für den Moment ab, und man versteht die Dinge viel umfassender. Es ist eine gute Übung.
Beides sind gute Übungen. Versuche sie zu vergleichen, du wirst sehen: du gehst auf einer Straße, es gibt dort eine Ameisen–Armee, die von einem Nest zum anderen wandert (du schaust nicht nach unten, du unterhältst dich mit jemandem); ganz fahrlässig trittst du mit einem Fuß und dann mit dem anderen auf sie und zerquetschst Hunderte Ameisen ohne es überhaupt zu merken. Wenn du eine Ameise wärst, würdest du sagen: „Was für eine böse und abscheuliche Kraft!“ Du gehst einfach so. Du hast nicht aufgepasst. Aber nimm einmal an, es gibt Wesen, für die wir bloß winzig kleine Ameisen sind. Sie setzen einen Fuß auf uns und dann den anderen, und Millionen Menschen sind getötet worden. Sie sind sich dessen nicht einmal bewusst! Sie haben es nicht absichtlich getan. Sie sind einfach nur daher gegangen, das ist alles.
Kapitel 2
Ursachen von Katastrophen
Liebe Mutter, hier steht geschrieben: „Die Methode der Göttlichen Manifestation besteht in einem Wirken in Ruhe und Harmonie, nicht in einer katastrophalen Umwälzung.“
Ja. Und? Weißt du das nicht? Du solltest es wissen.
Einige Leute stellen sich immer vor, dass Katastrophen das Ergebnis des göttlichen Willens sind. Es gibt andere, – sobald sie eine Kraft empfangen, sind sie schrecklich aufgeregt und sagen: „Ach, wenn das Göttliche handelt, bringt Es uns völlig durcheinander.“ Das ist absolut falsch. Es ist nicht das Göttliche, das dich verunsichert, es ist deine eigene Unvollkommenheit oder es kann einfach eine Attacke der Kräfte sein, über die er spricht – der negativen Kräfte. Aber wenn es keine Unzulänglichkeit in dir gibt, kannst du nicht verunsichert sein. Auf jeden Fall ist es nicht das Göttliche, das dich aus dem Gleichgewicht bringt. Es ist so wie im Folgenden, wo gesagt wird: Nicht die Mutter ist es, die dich prüft, es sind die äußeren Umstände. So gesehen ist es nicht sehr angenehm? (Mutter lacht) Dir scheint es Leid zu tun, dass es nicht das Göttliche ist, welches die Aufregungen verursacht.
Der Aufruhr wird immer von einem Widerstand hervorgerufen. Wenn es keinen Widerstand gäbe, würde es keine Störungen geben. Deshalb kann es ein Widerstand sein, der die Ursache von Katastrophen, Erdbeben, Wirbelstürmen, Flutwellen, Vulkanausbrüchen und dem Untergang von Kontinenten et cetera ist.
Der Widerstand der Trägheit, die es in jedem Bewusstsein und in der Materie gibt, bedeutet, dass dieses [Göttliche] Wirken, statt direkt und vollkommen harmonisch zu sein, voller Zusammenstöße ist, verworren, widersprüchlich und konfliktreich wird. Statt dass sich alles sozusagen „normal“ löst, sanft – wie es sein sollte, – lehnt sich die ganze widerstrebende, opponierende Trägheit auf und macht es zu einer verwickelten Bewegung, in der die Dinge kollidieren und es Unordnung und Zerstörung gibt, die nur aus dem Widerstand resultierten, aber nicht unvermeidlich waren, die es sonst nicht hätte gegeben hätte – die es wahrhaftig nicht hätte geben müssen. – Denn dieser Wille, diese Macht ist eine Macht perfekter Harmonie, in der alles an seinem Platz ist, und die die Dinge wunderbar organisiert. Sie kommt wie eine absolut leuchtende und perfekte Organisation, die man sehen kann, wenn man die Schau hat; aber wenn sie herabkommt und Druck auf die Materie ausübt, fängt alles an zu brodeln und sich zu widersetzen. Deshalb ist es eine andere menschliche Torheit, zu versuchen, das Chaos, die Verwirrungen und Zerstörungen dem göttlichen Wirken, der göttlichen Kraft anzudichten. Es ist die Trägheit – nicht zu erwähnen der böse Wille – welche die Katastrophe verursacht. Es ist nicht, dass die Katastrophe beabsichtigt war, nicht einmal vorhergesehen war, sie wird vom Widerstand verursacht.
Und dann gibt es … das Wirken der Gnade, die kommt, um die Folgen, wo immer möglich, das heißt, wo immer sie angenommen wird, zu mildern. Und dies erklärt, warum Aspiration, Glaube, vollkommenes Vertrauen seitens des irdischen menschlichen Elementes eine harmonisierende Kraft haben, weil sie der Gnade erlauben herabzukommen und die Folgen dieses blinden Widerstandes richtigzustellen.
Jemand hat gesagt, dass Unglücke und Katastrophen in der Natur, Erdbeben, Überschwemmungen und die Überflutung von Kontinenten die Folgen einer unharmonischen und sündigen Menschheit sind, und dass mit dem Fortschritt und der Entwicklung der menschlichen Spezies in der physischen Natur ein entsprechender Wandel eintreten wird. In wie weit stimmt das?
Vielleicht besteht die Wahrheit darin, dass es ein und dieselbe Bewusstseinsbewegung ist, die sich in einer von Schicksalsschlägen, Katastrophen und einer unharmonischen Menschheit geplagten Natur ausdrückt. Die zwei Dinge sind nicht Ursache und Wirkung, sondern stehen auf derselben Ebene. Über ihnen gibt es ein Bewusstsein, das versucht sich zu manifestieren und auf Erden zu verkörpern, und in seiner Herabkunft in die Materie trifft es überall auf den gleichen Widerstand – im Menschen und in der physischen Natur. Jede Unordnung und Disharmonie, die wir auf der Erde sehen, ist die Folge dieser Abwehrhaltung. Schicksalsschläge und Katastrophen, Konflikte und Gewalt, Unklarheit und Unwissenheit – alle Missstände kommen aus der gleichen Quelle. Weder der Mensch ist die Ursache der äußeren Natur, noch ist die Natur die Ursache des Menschen, sondern beide sind von derselben einen Sache abhängig, die hinter ihnen und größer als sie ist. Und beide sind Teil einer ständigen und voranschreitenden Bewegung der materiellen Welt, um jene zum Ausdruck zu bringen.
Du erinnerst dich an den großen Zyklon, bei dem es einen furchtbaren Lärm und am ganzen Ort Sturzregen gab. Ich wollte in Sri Aurobindos Zimmer gehen und ihm helfen, die Fenster zu schließen. Ich öffnete gerade die Tür und fand ihn ruhig an seinem Schreibtisch sitzen und schreiben. Da war so ein unerschütterlicher Frieden im Raum, dass sich keiner hätte träumen lassen, das draußen ein Sturm wütete. Alle Fenster waren weit geöffnet, nicht ein Regentropfen kam herein.