Kapitel 5
Vorwarnung vor Unfällen
(Schilderung von fünf Ereignissen)
Wenn man in einer Vision Ereignisse sieht, die im Feinstofflichen schon vorbereitet sind, ist es dann zu spät, Dinge zu ändern? Kann man immer noch handeln?
Ich weiß von einem sehr interessanten Beispiel. Vor langer Zeit, – ihr müsst sehr jung gewesen sein, – gab es in der Zeitung Le Matin jeden Tag einen kleinen Cartoon mit einem wie ein Page gekleideten Jungen, der auf etwas deutete, – ein kleiner Cartoon, der immer das Datum oder etwas anderes anzeigte. Der Herr in dieser Geschichte war auf Reisen und wohnte in einem großen Hotel, ich weiß nicht mehr in welcher Stadt. Eines nachts oder am frühen Morgen, sehr früh, hatte er einen Traum. Er sah diesen Pagen auf seinen Bestattungswagen deuten, – ihr wisst, dass die Menschen in Europa darin zum Friedhof gefahren werden, – und ihn einladen darin einzusteigen! Dies sah er, und als er morgens fertig war, verließ er sein Zimmer im obersten Stock, und dort auf dem Treppenabsatz zeigte der gleiche, genauso gekleidete Junge auf den Lift, mit dem er herunterfahren könne. Das schockierte ihn. Er lehnte es ab und sagte: „Nein, vielen Dank.“ Der Aufzug stürzte ab und wurde zerschmettert, wobei die Menschen darin getötet wurden.
Er erzählte mir, dass er danach an Träume glaubte.
Es war eine Vision. Er sah den Jungen, aber statt des Liftes zeigte ihm der Junge seinen Leichenwagen. Als er nun dieselbe Geste, den gleichen Jungen sah, – wie im Cartoon, wisst ihr, – sagte er: „Nein Danke, ich werde zu Fuß nach unten gehen“. Und die Maschine, einer jener hydraulischen Lifte, stürzte direkt von oben ab und wurde zu Brei zermalmt.
Meine Erklärung dafür ist, dass ein Wesen ihn vorgewarnt hatte. Das Bild des Pagenjungen scheint darauf hinzuweisen, dass eine Intelligenz, ein Bewusstsein interveniert hatte; es scheint nicht sein eigenes Unterbewusstsein gewesen zu sein. Oder vielleicht war sich sein Unterbewusstsein dessen bewusst und hatte im Feinstofflichen gesehen, dass dies geschehen würde. Aber warum vermittelte es ihm ein solches Bild? Ich weiß es nicht. Vielleicht wusste etwas im Unterbewusstsein davon, weil es schon dort war. Es befand sich schon im Feinstofflichen. Der Unfall hatte schon existiert, bevor er geschah. Das Gesetz des Unfalls.
Offensichtlich gibt es immer, in jedem Fall, eine Differenz, manchmal einige Stunden, – aber das ist das Maximum, – manchmal einige Sekunden. Und sehr oft sagen dir die Dinge, dass sie da sind, und sie brauchen manchmal einige Minuten, manchmal einige Sekunden um in Kontakt mit deinem Bewusstsein zu kommen. Ständig weiß ich, was passieren wird, und bei Dingen, die überhaupt nicht von Interesse sind. – Es hat keinen Vorteil, es vorher zu wissen, es ändert nichts; aber es existiert, es ist um dich herum. Wenn dein Bewusstsein weit genug ist, weißt du das alles, zum Beispiel, dass eine Person dir gerade ein Paket bringen will, solche Dinge. Und so ist es jeden Tag. Oder dass eine bestimmte Person gleich kommen wird. Der Grund ist, dass das Bewusstsein geweitet ist, deshalb hat es Kontakt mit Dingen.
Aber in diesem Fall können wir nicht sagen, dass es eine Vorahnung ist, weil es schon geschieht. Nur der Kontakt mit unseren Sinnen braucht einige Sekunden für die Realisation, weil es eine Tür oder Mauer oder irgendetwas gibt, das uns daran hindert zu sehen.
Aber einige Male hatte ich Erfahrungen wie diese. Zum Beispiel: als ich einmal in den Bergen wanderte, ging ich auf einem Pfad, auf dem nur Platz für eine Person war, – auf einer Seite der Abgrund, auf der anderen der nackte Fels. Hinter mir gingen drei Kinder und eine vierte Person, die die Nachhut brachte. Ich ging voran. Der Pfad führte am Rand des Felsens entlang. Wir konnten nicht sehen, wohin wir gingen – und außerdem war es sehr gefährlich. Wenn jemand ausgerutscht wäre, wäre er über die Kante gestürzt. Ich ging voraus, als ich plötzlich sah – mit anderen Augen als diesen, – obschon ich meine Schritte umsichtig beobachtete. Ich sah eine Schlange, dort, auf dem Felsen, die auf der anderen Seite wartete. Ich machte einen Schritt, vorsichtig, und tatsächlich befand sich auf der anderen Seit eine Schlange. Das ersparte mir den Schock der Überraschung, denn ich hatte sie „gesehen“ und mich vorsichtig vorwärts bewegt. Weil es keinen Überraschungsschock gab, konnte ich den Kindern ohne sie zu erschrecken sagen: „Halt, bleibt ruhig, bewegt euch nicht.“ Bei einem Schock hätte etwas passieren können. Die Schlange hatte ein Geräusch gehört, sie war schon zusammengerollt und lag vor ihrem Loch mit hin und her schwingenden Kopf in Verteidigungsstellung. Es war eine Viper. Dies geschah in Frankreich. Nichts passierte, doch wenn es irgendeine Verwirrung oder Aufregung gegeben hätte, hätte alles Mögliche geschehen können.
So etwas ist mir sehr, sehr oft passiert, – mit Schlangen viermal. Einmal, als es völlig dunkel war, hier, nahe des Fischerdorfes Ariankuppam. Dort gab es einen Fluss, – es passierte genau an dem Ort, an dem er ins Meer mündet. Es war dunkel, – die Nacht war sehr schnell hereingebrochen. Wir gingen an der Straße entlang, und gerade, als ich meinen Fuß aufsetzen wollte – ich hatte ihn schon angehoben und wollte ihn aufsetzen, – hörte ich in meinem Ohr deutlich eine Stimme: „Sei vorsichtig!“ Doch niemand hatte gesprochen. Deshalb schaute ich hin und sah, gerade als mein Fuß den Boden berühren sollte, eine enorme schwarze Kobra, auf die ich unversehens getreten wäre. Die mögen so etwas nicht gerne. Sie schlängelte sich weg, über das Wasser – welch eine Schönheit, mein Kind! Ihre Haube ausgebreitet, glitt sie mit erhobenem Kopf wie ein König über das Wasser. Natürlich wäre ich für meine Unverschämtheit bestraft worden.
Ich hatte aberhunderte Erlebnisse wie dieses; im allerletzten Augenblick, nicht eine Sekunde zu früh, wurde ich informiert. Und in immer verschiedenen Situationen. Einmal, in Paris, überquerte ich den Boulevard Saint Michel. Es geschah während der letzten Wochen; ich hatte mich entschieden, in einer bestimmten Zahl von Monaten Einheit mit der seelischen Gegenwart, dem inneren Göttlichen erlangen zu wollen. Ich hatte keinen anderen Gedanken, kein anderes Anliegen mehr. Ich lebte neben den Luxembourg–Gärten und ging jeden Abend dort spazieren – aber immer innerlich tief versunken. Dort gibt es eine Art Kreuzung, – es ist kein Ort, den man überqueren sollte, wenn man so versunken ist. Ich war nicht sehr aufmerksam. Und in diesem Zustand bekam ich im Gehen plötzlich einen Schock, als ob ich geschlagen worden wäre, als ob etwas mich getroffen hätte, und instinktiv sprang ich zurück. Im gleichen Augenblick fuhr eine Straßenbahn vorbei. – Es war die Bahn, die ich – nicht weiter als eine Armlänge entfernt – gespürt hatte. Ich hatte die Aura, die Aura des Schutzes berührt, – sie war zu der Zeit sehr stark. Ich war intensiv mit dem Okkultismus beschäftigt und wusste, wie ich sie aufrechterhalten konnte. – Die Aura des Schutzes war getroffen worden, und dies hatte mich buchstäblich nach hinten geworfen, als ob ich einen körperlichen Schlag bekommen hätte. Und welche Beschimpfungen vom Fahrer! Ich war gerade rechtzeitig zurückgesprungen, und die Bahn fuhr vorbei.
Ich könnte Dutzende solcher Geschichten erzählen, wenn ich mich an sie erinnern könnte.
Der Schutz kann aus vielen verschiedenen Quellen kommen. Sehr oft war es jemand, der mich informierte: eine kleine Entität1 oder eine Art Wesen: manchmal war es die Aura, die mich schützte. Und das galt für alle Arten von Dingen. Das heißt, dass das Leben selten nur auf den physischen Körper begrenzt ist, – dies ist willkommen, dies ist gut. Es ist notwendig, es vergrößert deine Fähigkeiten. Das ist es, was die Person, die mich Okkultismus lehrte, mir sofort gesagt hat: „Du bringst dich um Sinne, die sogar im normalen Alltagsleben äußerst nützlich sind“. Und das stimmt, das ist wirklich wahr. Wir können unendlich viel mehr Dinge wissen, als wir es sonst tun, einfach durch den Gebrauch unserer eigenen Sinne. Und nicht nur vom mentalen Standpunkt aus gesehen, sondern sogar auch vom vitalen und physischen.2
1 Die Mutter hat in ihrem Gespräch vom 2.4.1951 ein Beispiel erzählt: „ Es gibt kleine Wesen wie Feen, die sehr süß, sehr zuvorkommend sind, aber sie sind nicht immer da, sie kommen von Zeit zu Zeit, wann es ihnen gefällt. Ich erinnere mich an die Zeit, als ich für Sri Aurobindo kochte. Ich tat gleichzeitig auch viele andere Dinge. So geschah es oft, dass ich die Milch auf dem Feuer stehen ließ und wegging um etwas anderes zu tun oder jemanden mit ihm zu sehen, mit jemandem zu sprechen. Und ich war mir wirklich der Zeit nicht immer bewusst, ich vergaß die Milch auf dem Feuer. Und wann immer ich die Milch auf dem Herd vergaß, spürte ich plötzlich (in jenen Tagen trug ich immer einen Sari) eine kleine Hand, die eine Falte meines Saris fasste und daran zog, so ungefähr. Dann lief ich schnell los und sah, dass die Milch gerade überschäumen wollte. Das geschah nicht nur einmal, sondern mehrmals, und ich spürte eine kleine Kinderhand nach meinem Sari greifen und daran ziehen.“
2 „Aber wie ist die Methode?“ fragte ein Sadhak. Leser mit Interesse an Mutters Antwort können in den „Collected Works of the Mother“, Vol. 10, pp. 133–35 nachschlagen. – Hrsg.