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  1. DIE MUTTER
  2. Der sonnenhelle Pfad

Der sonnenhelle Pfad Ausschnitte aus Gesprächen und Schriften der Mutter

Die Mutter

Inhaltsverzeichnis

  1. Zitat der Mutter
  2. 1. DER RUF
    1. Das große Abenteuer
    2. Das erhabenste aller Abenteuer
    3. Ein entscheidender Wendepunkt
  3. 2. DER WERT DER ERZIEHUNG
    1. Wir träumen von Wundern
    2. Die Kunst des Lebens
    3. Man braucht Erziehung
    4. Beherrsche deine Impulse
    5. Die Vernunft muss der Meister sein
    6. Die Vernunft entwickelt sich, indem man von ihr Gebrauch macht
    7. Erziehung: Vorbereitung des Bewusstseins
    8. Die Wünsche eines Kindes
    9. Wahres Bedürfnis und Begehren
    10. Gib die Begierde auf
    11. Erringe deine kleinen Siege
    12. Ändere dich selbst zuerst
  4. 3. MORAL, RELIGION, YOGA
    1. Spiritualität und Moral
    2. Hat uns die Moral nicht geholfen?
    3. Der Menschheit dienen
    4. Religion
    5. Yoga und Religion
    6. Sri Aurobindos Lehre und Religion
    7. Der Entschluss zum Yoga
    8. Ein Ruf für den Pfad
  5. 4. HINGABE, SELBSTDARBRINGUNG, DEMUT
    1. Zwei Pfade des Yoga
    2. Hingabe und Yoga
    3. Wahre Hingabe lässt dich weiter werden
    4. Die wichtigste Hingabe
    5. Yoga wird durch Darbringung wirksam
    6. Leere Kontemplation
    7. Asketische Methoden
    8. Äußere Disziplin
    9. Wahre Demut
    10. Einer, der sehr wenig weiß
    11. Öffne dich, sei bescheiden
  6. 5. AUFRICHTIGKEIT, SCHWÄCHE, WILLENSKRAFT
    1. Aufrichtigkeit
    2. Vollkommene Aufrichtigkeit
    3. Unglücklichsein und Unaufrichtigkeit
    4. Der psychische Spiegel
    5. Schlechte Regungen und Gedanken
    6. Bringe die falschen Regungen dar
    7. Die positiven und die negativen Seiten
    8. Wachsamkeit
    9. Verweigere dich den niederen Regungen
    10. Beginne von außen
    11. Innere Reinheit
    12. Selbstbeschuldigung
    13. Bewahre dich vor Verzweiflung
    14. Man entscheidet sich dazu, schwach zu sein
    15. In den Irrtum zurückfallen
    16. Den Willen stärken
    17. Wahrhaft wollen können
  7. 6. ANDERE MENSCHEN UND KRÄFTE
    1. Andere sind ein Spiegel
    2. Beleidigungen: Bleibe unbewegt
    3. Sei gut um des Gutseins willen
    4. Der einzige Ausweg
    5. Entziehe dich anderen Einflüssen
    6. Öffne dich nur dem Göttlichen
    7. Zurücktreten
    8. Angriffe von gegnerischen Kräften
    9. Angriff durch eine gegnerische Kraft
    10. Das Loch, das durch Prahlen entsteht
  8. 7. MUT, AUSDAUER, BEMÜHUNG
    1. Angst ist eine Unreinheit
    2. Angst: Ein Mangel an Vertrauen
    3. Die Angst überwinden
    4. Wahrer Mut
    5. Vergnügen und Schmerz
    6. Der Grund für Schicksalsschläge
    7. Viele Schläge sind notwendig
    8. Lasse dich niemals entmutigen
    9. Wenn man Ausdauer hat
    10. Zahle den Preis
    11. Bemühung schenkt Freude
  9. 8. EMPFÄNGLICHKEIT UND SEHNSUCHT
    1. Die universale vitale Kraft
    2. Empfänglichkeit für die universalen Kräfte
    3. Drei Quellen vitaler Kraft
    4. Aktivität und Passivität in der Sadhana
    5. Die Flamme und die Vase
    6. Sehnsucht und Empfänglichkeit
    7. Finde jenes Etwas
    8. Sehnsucht ist wie ein Pfeil
  10. 9. KONZENTRATION, MEDITATION, ARBEIT
    1. Die Aufmerksamkeit konzentrieren
    2. Konzentration
    3. Konzentriere dich im Zentrum der Sehnsucht
    4. Dynamische Meditation
    5. Meditation und Fortschritt
    6. Meditiere in allen Umständen
    7. Kontrolle des Körpers
    8. Der Körper braucht Betätigung
    9. „Erinnere und überantworte Dich“
  11. 10. DAS GÖTTLICHE WERK
    1. Die drei Siege
    2. Komme um des göttlichen Werkes willen
    3. Warum dieses göttliche Werk?
    4. Wahre Integrität
    5. Das göttliche Werk tun
  12. 11. FRIEDEN UND RUHE
    1. Die Illusion des Handelns
    2. Lerne, still zu sein
    3. „Friede, Friede, Friede“
    4. Setze dich ruhig nieder
    5. Mache dein Bewusstsein weit
    6. Öffne dich den höheren Regionen
  13. 12. DER SPIRIT UND DAS PSYCHISCHE WESEN
    1. Spirituelle Erfahrung
    2. Komme heraus aus Worten
    3. „Damit“ in Kontakt treten
    4. Geburt in den Spirit
    5. Eine Wende des Bewusstseins
    6. Der Kontakt mit unserem psychischen Wesen
    7. Das psychische Wesen
    8. Der Tempel in dir
    9. Der Wert des physischen Körpers
    10. Die Arbeit des psychischen Wesens
    11. Schwierigkeiten und das psychische Wesen
    12. Das Psychische und die Wahrheit
    13. Das Wissen des Psychischen
    14. Yoga mit dem Kopf machen
    15. Das Herz hat Schwingen
  14. 13. EGO UND SELBSTHINGABE
    1. Komme aus deinem Ego heraus
    2. Die harte Schale des Ego
    3. Zerschneide den Knoten des Ego
    4. Das Ego und „Ziehen“
    5. Versuche niemals, die Kraft herabzuziehen
    6. Gib, anstatt zu nehmen
    7. Gib alles
    8. Mache deinen Willen zum Geschenk
    9. Übergib deinen Willen
    10. Der göttliche Wille ist unverkennbar
    11. Den göttlichen Willen kennen
    12. Die rechte Haltung
  15. 14. GLAUBE UND GNADE
    1. Bewahre den Glauben
    2. Glaube durch Sehnsucht
    3. Ein kindliches Vertrauen
    4. Über seinen Glauben wachen
    5. Das Ausmaß der Gnade
    6. Das Verlangen nach der Gnade
    7. Die Gnade und der Sünder
    8. Identifiziere dich mit der Gnade
  16. 15. SEINE GEDANKEN KONTROLLIEREN
    1. Schlechte Gedanken
    2. Unerfreuliche Gedanken
    3. Konzentriere dich auf das, was du sein möchtest
    4. Vorstellungskraft
    5. Die Vorstellungskraft öffnet den Pfad
    6. Die Atmosphäre, die du erzeugst
    7. Erschaffe dir deine eigene Atmosphäre
  17. 16. MENTAL UND SINNE ENTWICKELN
    1. Tue viele verschiedene Dinge
    2. Erziehung und Freiheit
    3. Mentale Bildung
    4. Organisiere dein Leben
    5. Die eigene Weise zu denken
    6. Kristallisiere dein Denken
    7. Sich an Gelerntes erinnern
    8. Wissen ist in dir
    9. Lesen, das aufweckt
    10. Sri Aurobindos Schriften lesen
    11. Musik hören
    12. Der Sinn für Schönheit
    13. Ein Gefühl der Dankbarkeit
    14. Wahre Kunst
    15. Kunst und Yoga
    16. Lebendige Kunst
    17. Erzähle eine schöne Geschichte
  18. 17. WELTLICHE ANGELEGENHEITEN
    1. Der Materialismus der modernen Zeit
    2. Esau und Jakob
    3. Erfolg und Misserfolg
    4. Vollkommener Gleichmut
    5. Ein vollkommenes Geschenk
    6. Geld ist wertvoll, wenn es ausgegeben wird
    7. Geld gehört niemandem
    8. Produktion
    9. Habe Achtung vor den Dingen
    10. Das Problem der Nahrung
    11. Esse mit Maß
    12. Bringe deine Nahrung dem Göttlichen dar
    13. Rauchen, Trinken und Drogen
    14. Trinken und Drogen: Selbstkontrolle
    15. Tabak und Alkohol
    16. Sexualität und Yoga
    17. Der sexuelle Impuls
    18. Lieben können
    19. Wissen, was Liebe ist
    20. Die göttliche Liebe ist da
    21. Vor dem Einschlafen
    22. Kranksein unterbinden
    23. Der sterbende Mensch
    24. Religiöse Zeremonie
    25. Religiöse Übungen
    26. Spirituelles Leben Ost und West
  19. 18. WORTE, MEINUNGEN, URTEILE
    1. Dein Mantra
    2. Sprich nur die notwendigen Worte
    3. Lästern erniedrigt dich
    4. Dein Denken erweitern
    5. Sich in anderer Leute Angelegenheiten mischen
    6. Andere beurteilen
    7. Die Menschheit ist unfähig zu urteilen
  20. 19. TUGEND, REINHEIT, FREIHEIT
    1. Lache mit dem Herrn
    2. Das Bedürfnis, tugendhaft zu sein
    3. Vollständige Reinheit
    4. Das Recht, frei zu sein
    5. Freiheit: kein Befriedigen
    6. Freiheit und Askese
    7. Freiheit und Dienen
    8. Freiheit und Hingabe
  21. 20. BEMÜHUNG, GEDULD, FORTSCHRITT
    1. Gehe weiter
    2. Befreie dich von allen Fesseln
    3. Mentale Strukturen und Fortschritt
    4. Vorgefasste Vorstellungen
    5. Die Freude am Fortschritt
    6. Strebe ohne Ungeduld
    7. Lebe in der Ewigkeit
    8. Zeit: Freund oder Feind?
    9. Die Bemühung um Fortschritt
    10. Horizontaler und vertikaler Fortschritt
    11. Wahrer Fortschritt
    12. Du musst dich entscheiden
    13. Nichts ist getan, bis alles getan ist
    14. „Andere tun es nicht“
    15. Dein bester Freund
  22. 21. DAS GÖTTLICHE, DIE WELT UND DER MENSCH
    1. Verlasse dich allein auf das Göttliche
    2. Bitte das Göttliche
    3. Das Göttliche finden
    4. Das Göttliche kennenlernen
    5. Gott hat Sinn für Humor
    6. Der Atheist und der Gläubige
    7. Die materielle Welt
    8. Das Göttliche ist kein Fremder
    9. Gott und seine Schöpfung
    10. Gott und das Universum
    11. Der Herr veranstaltet ein Schauspiel
    12. Der Herr spielt mit all diesem
    13. Erlaube dem Herrn, alles zu tun
    14. Lass das All-Bewusstsein entscheiden
    15. Dein Wille geschehe
    16. Der Druck des Bewusstseins
  23. ANHANG
    1. Lebensskizze der Mutter
    2. Glossar
    3. Quellennachweis

„Halte meine Worte nicht für eine Lehre. Stets sind sie eine wirkende Kraft. Sie wurden zu einem ganz bestimmten Zweck geäußert, und sie verlieren ihre eigentliche Macht, wenn sie von diesem Zweck getrennt sind.“ – Die Mutter

Kapitel 1

DER RUF

Das große Abenteuer

Wir sind in einer ganz besonderen Situation, einer höchst besonderen, einer bisher noch nie dagewesenen. Wir werden jetzt zu Zeugen der Geburt einer neuen Welt. Sie ist sehr jung, sehr schwach – nicht in ihrem Wesenskern, sondern in ihrer äußerlichen Manifestation – noch nicht erkannt, nicht einmal gefühlt, ja sogar von der Mehrheit verleugnet. Aber sie existiert. Sie ist hier und bemüht sich zu wachsen. Dabei ist sie sich ihres Erfolges vollkommen sicher. Aber der Weg dorthin ist ein vollständig neuer, einer, der niemals vorher beschritten wurde – dort ist noch niemand gegangen, niemand hat das getan! Es ist ein Anfang, ein universaler Anfang. Deshalb ist es ein völlig unerwartetes und unbestimmbares Abenteuer.

Es gibt Menschen, die das Abenteuer lieben. Diese sind es, die ich rufe, und ich sage ihnen dies: „Ich lade euch ein zu einem großen Abenteuer.“

Es geht nicht darum, spirituell zu wiederholen, was andere vor uns getan haben, denn unser Abenteuer beginnt jenseits davon. Es geht um eine neue Schöpfung, eine ganz und gar neue, mit all den unvorhersehbaren Geschehnissen, den Risiken und Wagnissen, die sie mit sich bringt – ein wirkliches Abenteuer, dessen Ziel der sichere Sieg ist, zu dem wir den Weg jedoch nicht kennen und der im Unerforschten Schritt für Schritt ausfindig gemacht werden muss. Etwas, das es im gegenwärtigen Universum noch niemals gegeben hat und das es niemals auf dieselbe Weise geben wird. Wenn dich das interessiert… nun, lass uns die Reise antreten. Was dir morgen widerfährt – ich weiß es nicht.

Wir müssen alles Vorherberechnete, alles Ersonnene, alles Konstruierte ablegen und dann… aufbrechen in das Unbekannte. Und – komme was wolle! So steht es.

Das erhabenste aller Abenteuer

Es gibt einen Zeitpunkt, in dem das Leben, so wie es ist, das menschliche Bewusstsein, so wie es ist, als etwas erscheinen, das zu ertragen absolut unmöglich ist. Es verursacht eine Art Abscheu und Widerwillen. Man sagt: „Nein, das ist es nicht, das ist es nicht. Das kann es nicht sein, das kann nicht so weitergehen.“ Nun, wenn man dahin gekommen ist, dann bleibt nur eins, alles von sich hineinzuwerfen – seine ganze Bemühung, seine ganze Kraft, sein ganzes Leben, sein ganzes Sein, in diese Chance, in diese, wenn du so willst, außergewöhnliche Gelegenheit, die sich darbietet, um auf die andere Seite überzuwechseln. Welch` eine Erleichterung, seinen Fuß auf einen neuen Pfad zu setzen, auf den, der dich ganz woanders hinführt! Das ist die Mühe wert, sich von viel Gepäck zu befreien und viele Dinge loszuwerden, um zu diesem Sprung fähig zu sein. So sehe ich das Problem.

Tatsächlich ist es das erhabenste aller Abenteuer, und trägt man die leiseste Spur eines wahren Abenteuergeistes in sich, dann lohnt es sich, alles für alles zu wagen.

Ein entscheidender Wendepunkt

Im Augenblick sind wir an einem entscheidenden Wendepunkt in der Geschichte der Erde, wieder einmal. Von jeder Seite werde ich gefragt: „Was wird geschehen?“ Überall ist Qual, Erwartung, Angst. „Was wird geschehen?…“ Es gibt nur eine Antwort: „Wenn der Mensch nur einwilligen könnte, spiritualisiert zu werden!“

Und vielleicht reichte es, wenn einige einzelne zu reinem Gold würden, denn das wäre genug, den Lauf der Dinge zu ändern.… Wir sind mit dieser Notwendigkeit in sehr dringender Weise konfrontiert.

Dieser Mut, dieser Heroismus, den das Göttliche von uns verlangt, warum sollten wir ihn uns nicht nutzbar machen, um die eigenen Schwierigkeiten zu bekämpfen, die eigenen Unvollkommenheiten, die eigenen Unklarheiten? Warum nicht heldenhaft das Feuer innerer Läuterung auf sich nehmen, so dass es nicht notwendig wird, noch einmal durch eine dieser furchtbaren, gigantischen Zerstörungen hindurchzugehen, die eine gesamte Zivilisation in die Finsternis stürzt?

Das ist das Problem, das sich uns stellt. Jeder muss es auf seine eigene Weise lösen.

Kapitel 2

DER WERT DER ERZIEHUNG

Wir träumen von Wundern

Man träumt von Wundern, wenn man jung ist, man möchte, dass alle Schlechtigkeit verschwindet, dass alles immer leuchtend, schön und glücklich ist, man liebt Geschichten mit gutem Ausgang. Das ist es, worauf man vertrauen sollte. Wenn der Körper seine Nöte, seine Beschränkungen fühlt, dann muss man seinen Traum darauf errichten – auf eine Kraft, der keine Grenzen gesetzt sind, eine Schönheit, der keine Hässlichkeit anhaftet und wunderbare Fähigkeiten: Man träumt, man wäre imstande, sich in die Lüfte zu erheben, zu sein, wo immer es notwendig ist, man träumt, Dinge zurechtzurücken, wenn sie schiefgehen, davon, Krankheiten zu heilen. In der Tat, man hat alle möglichen Träume, wenn man sehr jung ist.… Gewöhnlich verbringen Lehrer oder Eltern ihre Zeit damit, kaltes Wasser darüber zu schütten, indem sie dir erzählen: „Oh, das ist ein Traum, das ist nicht die Wirklichkeit.“ Sie sollten das genaue Gegenteil tun! Man sollte Kinder lehren: „Ja, das ist es, was du versuchen musst zu verwirklichen, und es ist nicht nur möglich, sondern eine Gewissheit, wenn du mit dem Teil in dir in Kontakt kommst, der fähig ist, dieses zu tun. Das ist es, was dein Leben führen und woran du es ausrichten solltest, wodurch du dich auf die wahre Realität hin entwickelst, die die gewöhnliche Welt Illusion nennt.“

So sollte es sein, anstatt Kinder zur Mittelmäßigkeit mit jenem stumpfen gewöhnlichen Menschenverstand zu erziehen, der zu einer unausrottbaren Gewohnheit wird und, sobald irgend etwas gut läuft, im Menschen unmittelbar die Vorstellung hervorbringt: „Oh, das hat keine Dauer!“, wenn jemand freundlich ist, den Eindruck: „Oh, es wird sich ändern!“, wenn man eine Fähigkeit zu etwas hat: „Oh, morgen werde ich es bestimmt nicht so gut machen.“ Das ist wie eine Säure, eine zerstörerische Säure im Wesen, die Hoffnung, Gewissheit und Vertrauen in zukünftige Entwicklungsmöglichkeiten zerfrisst.

Wenn ein Kind von Begeisterung erfüllt ist, schütte niemals kaltes Wasser darauf, sage ihm niemals: „Du weißt, so ist das Leben nicht!“ Du solltest es immer ermutigen, ihm sagen: „Ja, im Augenblick sind die Dinge nicht immer so, sie erscheinen hässlich, aber dahinter ist eine Schönheit, die versucht, sich zu verwirklichen. Das ist es, was du lieben und zu dir hinziehen solltest, was du zum Gegenstand deiner Träume und Sehnsüchte machen solltest.“

Die Kunst des Lebens

Gewöhnlich lehrt man dich sehr wenige Dinge – man lehrt dich nicht einmal zu schlafen. Leute glauben, sie müssten sich nur in ihr Bett legen und dann schliefen sie. Aber das ist nicht wahr! Man muss lernen zu schlafen, wie man lernen muss, zu essen oder überhaupt irgend etwas zu tun. Und wenn man nicht lernt, nun, dann macht man es schlecht! Oder man braucht Jahre und Jahre, um es zu begreifen, und während all dieser Jahre, in denen man die Dinge schlecht erledigt, geschieht alles mögliche Unangenehme. Und erst, nachdem man viel gelitten, viele Fehler gemacht und viele Dummheiten begangen hat, erst dann beginnt man zu wissen, wie man etwas zu tun hat. Aber wenn sich, als du ganz klein warst, deine Eltern oder die, die sich um dich kümmerten, die Mühe gemacht hätten, dich zu lehren, das, was du tust, richtig zu tun, wie es getan werden sollte, auf die rechte Weise, dann würde dir das helfen, alles zu vermeiden – all diese Fehler, die du im Laufe der Jahre begehst. Und nicht nur, dass du Fehler machst – es sagt dir auch niemand, dass es welche sind! Und deshalb bist du überrascht, dass du krank wirst, müde bist, nicht weißt, wie du tun sollst, was du tun möchtest und was dir niemand gezeigt hat. Einige Kinder unter richtet man in nichts, und deshalb brauchen sie Jahre und Jahre und Jahre, nur um die einfachsten Sachen zu lernen, sogar die absolut elementarste Sache: sauber zu sein…

Auf die rechte Weise zu leben, ist eine sehr schwierige Kunst, und wenn man damit nicht ganz jung anfängt und sich bemüht, dann versteht man es nie sehr gut. Nur die Kunst, den Körper bei guter Gesundheit, sein Mental ruhig und einen guten Willen im Herzen zu bewahren – Dinge, die unentbehrlich sind, um in anständiger Weise zu leben – ich sage nicht in sorgloser, ich sage nicht in bemerkenswerter Weise, ich sage nur in anständiger Weise. Nun, ich glaube nicht, dass es viele gibt, die sich darum bemühen, ihren Kindern das beizubringen.

Man braucht Erziehung

Du glaubst, man schickt dich zur Schule und lässt dich Übungen machen, nur zu dem Vergnügen, dich zu ärgern? Oh, nein! Es geschieht deshalb, weil ein Rahmen, in dem du lernen kannst, dich zu formen, unentbehrlich für dich ist. Wenn du das Werk der Individualisation, der totalen Gestaltung, selbständig, ganz allein in einer Ecke vollbrächtest, dann würde nichts von dir gefordert. Aber das tust du nicht, das würdest du nicht tun, es gibt kein einziges Kind, das es täte. Es wüsste nicht einmal, wie es das anfangen, wo es beginnen sollte. Wenn man ein Kind nicht lehrte zu leben, könnte es das nicht, es könnte nichts, gar nichts.… Wenn jeder durch alle Erfahrungen, die zur Entwicklung einer Individualität notwendig sind, hindurchgehen müsste, wäre er tot, lange bevor er zu leben angefangen hätte! Es ist ein Vorteil, wenn jene, die über die aus Jahrhunderten angesammelten Erfahrungen verfügen, dir sagen: „Nun, wenn du schnell vorankommen und in einigen wenigen Jahren das in Jahrhunderten erworbene Wissen kennenlernen willst, dann tue dies hier!“ Lies, lerne, studiere und dann wird man dich im physischen Bereich lehren, dieses auf diese, jenes auf jene und dieses wieder auf diese Weise zu tun (Gesten). Sobald du über ein wenig Wissen verfügst, kannst du deine eigene Methode erarbeiten, falls du die Begabung dazu hast. Aber zuerst musst du auf deinen eigenen Füßen stehen und laufen können. Es ist sehr schwer, das ganz alleine zu lernen. Das ist für jeden gleich. Man muss sich selbst formen. Deshalb braucht man Erziehung.

Beherrsche deine Impulse

Die Arbeit deiner Erzieher ist es, dich von jungen Jahren an zu lehren, deine Impulse zu beherrschen und nur jenen zu gehorchen, die sich im Einklang mit den Gesetzen, nach denen du lebst, befinden oder mit dem Ideal, dem du folgen möchtest oder mit den Gebräuchen deiner Umgebung. Der Wert dieser mentalen Konstruktion, welche deine inneren Regungen lenken wird, hängt zu einem großen Teil von dem Umfeld, in dem du lebst, und dem Charakter der Eltern oder der Leute ab, die dich erziehen. Aber ob es gut ist oder schlecht, mittelmäßig oder vortrefflich, es ist immer das Ergebnis einer mentalen Kontrolle über die inneren Impulse. Wenn deine Eltern dir sagen: „Das solltest du nicht tun“, oder: „Das musst du tun“, dann ist das der Anfang der Erziehung zur mentalen Kontrolle über die inneren Regungen.

Die Vernunft muss der Meister sein

Es ist eine gute Sache, dass wir in einem frühen Alter zu lernen beginnen, dass der Verstand der Herr des Hauses sein muss, wenn wir ein taugliches Leben führen und unserem Körper das Höchstmaß dessen abringen wollen, das er fähig ist zu geben. Und das ist keine Frage von Yoga oder höherer Realisation, sondern etwas, das überall gelehrt werden sollte, in jeder Schule, jeder Familie, jedem Zuhause: Der Mensch wurde erschaffen, ein mentales Wesen zu sein, und nur um ein Mensch zu sein – wir sprechen von nichts anderem, nur davon, ein Mensch zu sein – muss das Leben von der Vernunft, nicht aber von vitalen Regungen beherrscht sein. Darin sollte man alle Kinder von früher Kindheit an unterweisen.… Das erste, das man jedem Menschen, sobald er zu denken imstande ist, beibringen sollte, ist, dass er der Vernunft, die ein Über-Instinkt der menschlichen Gattung ist, gehorchen sollte. Die Vernunft ist der Meister der menschlichen Natur. Wir müssen der Vernunft folgen und uns völlig weigern, der Sklave von Instinkten zu sein. Und hier spreche ich zu euch nicht von Yoga oder vom spirituellen Leben, ganz und gar nicht, damit hat es nichts zu tun. Es ist die fundamentale Weisheit menschlichen Lebens, bloßen menschlichen Lebens. Jeder Mensch, der auf irgend etwas anderes hört als auf die Vernunft, ist eine Art Bestie, niederer als ein Tier. Das ist alles. Und das sollte überall gelehrt werden. Das ist die grundlegende Erziehung, die allen Kindern zukommen sollte.

Die Herrschaft der Vernunft darf erst mit dem Erscheinen des psychischen Gesetzes, das den göttlichen Willen offenbart, ein Ende finden.

Die Vernunft entwickelt sich, indem man von ihr Gebrauch macht

Wie kann man die Vernunft entwickeln?

Oh! Indem man von ihr Gebrauch macht. Die Vernunft entwickelt sich wie die Muskeln, wie der Wille. Alle diese Dinge wachsen durch deren vernünftigen Gebrauch. Vernunft! Jeder besitzt Vernunft, nur wendet man sie nicht an. Einige Leute fürchten sich sehr vor der Vernunft, weil sie zu ihren Impulsen im Widerspruch steht. Deshalb ziehen sie vor, ihr nicht zu folgen. Natürlich, wenn man es sich zur Gewohnheit gemacht hat, der Vernunft nicht zu gehorchen, anstatt sie zu entfalten, dann verliert sie mehr und mehr an Leuchtkraft.

Die Vernunft zu fördern – das musst du aufrichtig wollen. Wenn du dir auf der einen Seite sagst: „Ich möchte meine Vernunft stärker werden lassen“, und auf der anderen Seite dem nicht nachkommst, was sie dir gebietet, dann wirst du es niemals zu etwas bringen, denn natürlich, wenn sie dir befiehlt: „Tu` das nicht!“ oder: „Tu das!“, und du tust das Gegenteil, dann wird sie es sich abgewöhnen, überhaupt irgend etwas zu sagen.

Erziehung: Vorbereitung des Bewusstseins

Gewöhnlich gehören alle Erziehung, alle Bildung, alle Verfeinerung der Sinne und des Wesens zu den besten Wegen für die Überwindung von Instinkten, Begierden und Leidenschaften. Diese Dinge auszumerzen, befreit nicht von ihnen. Sie zu kultivieren, zu intellektualisieren, zu veredeln, das ist der sicherste Weg. Fortschritt und Wachstum die größtmögliche Entfaltung zu gewähren, einen gewissen Sinn für Genauigkeit und Harmonie zu erwerben, das ist ein Teil der geistigen Bildung des Wesens, der Erziehung des Wesens…

Erziehung ist sicherlich ein besonders geeignetes Mittel zur Vorbereitung des Bewusstseins auf einen höheren Entwicklungsstand. Es gibt Menschen von sehr grober und einfacher Art, deren Sehnsucht und Streben groß sein und die eine gewisse spirituelle Entwicklungshöhe erreichen können, aber die Grundlage wird immer von minderwertiger Beschaffenheit bleiben, und sobald sie in ihr gewöhnliches Bewusstsein zurückkehren, werden sie dort Hindernisse finden, denn der Stoff ist zu dünn, es gibt in ihrem vitalen und physischen Bewusstsein nicht genügend Elemente, die sie dazu befähigen, der Herabkunft einer höheren Macht standzuhalten.

Die Wünsche eines Kindes

Liebe Mutter, wie können wir einem Kind dabei helfen, die Gewohnheit des ständigen Forderns abzulegen?

Es gibt viele Möglichkeiten. Aber zuallererst musst du wissen, ob du es nur davon abhältst, frei auszusprechen, was es denkt und fühlt. Denn das ist es, was Leute normalerweise tun. Sie schimpfen, manchmal bestrafen sie es sogar; und auf diese Weise entwickelt das Kind die Gewohnheit, seine Wünsche zu verbergen. Aber es ist ihrer nicht enthoben. Und weißt du, wenn man ihm immer sagt: „Nein, das bekommst du nicht“, dann wird sich nur diese innere Einstellung in ihm festsetzen: „Ah, wenn man klein ist, geben einem die Leute nichts. Ich muss warten, bis ich groß bin. Wenn ich groß bin, werde ich alles haben, was ich will.“ So ist das. Aber das befreit es nicht. Es ist sehr schwierig, ein Kind aufzuziehen. Ein Weg besteht darin, ihm alles zu geben, was es will; und natürlich, in der nächsten Minute will es etwas anderes, denn das ist das Gesetz, das Gesetz des Begehrens: nie zufrieden zu sein. Und deshalb, falls es intelligent ist, kann man dem Kind sagen: „Aber sieh mal, du wolltest dies so gern haben, und jetzt interessierst du dich nicht mehr dafür. Du möchtest etwas anderes.“ Jedoch, wenn es sehr klug ist, würde es antworten: „Nun, die beste Art, mich zu kurieren ist, mir zu geben, wonach ich verlange.“

Einige Leute halten ihr ganzes Leben an dieser Vorstellung fest. Wenn man ihnen sagt, sie sollten ihre Wünsche überwinden, antworten sie: „Die einfachste Art ist es, sie zu befriedigen.“ Diese Art Logik scheint unangreifbar. Tatsache ist, dass nicht der Gegenstand des Wünschens ausgetauscht, sondern der Wunschtrieb und die Wunschregung als solche verändert werden müssen. Hierfür ist eine ganze Menge Wissen erforderlich, und das ist für ein sehr kleines Kind sehr schwierig…

Tatsächlich sollte man damit anfangen, die Bestrebungen auf solche Dinge zu lenken, die zu besitzen vom Standpunkt der Wahrheit aus besser ist und die schwieriger zu beschaffen sind. Wenn man die Triebkraft des Wünschens hinwenden könnte auf… z.B. wenn man einem Kind, das voller Wünsche steckt, zu einem Wunsch höherer Art verhelfen könnte – statt eines Wunsches rein materieller Natur, verstehst du, einer ganz flüchtigen Befriedigung – wenn man in ihm den Wunsch nach Wissen, den Wunsch zu lernen, den Wunsch, ein ungewöhnlicher Mensch zu werden, erwecken könnte – beginne damit, auf diese Weise. Da diese Dinge schwer zu tun sind, wird das Kind seinen Willen allmählich dafür ausbilden. Oder vermittele ihm, aus materieller Sicht, den Wunsch, etwas Schwieriges zu tun, z.B. ein kompliziert herzustellendes Spielzeug zu bauen – oder gib ihm ein Geduldsspiel, das großer Beharrlichkeit bedarf.

Wenn man sie – und das verlangt viel Urteilsvermögen, viel Geduld, aber es ist möglich – wenn man sie auf etwas dieser Art ausrichten kann, wie in sehr schwierigen Spielen erfolgreich zu sein oder etwas auszuarbeiten, das viel Sorgfalt und Aufmerksamkeit erfordert und sie in diese Richtung zu schieben vermag, so dass sich in ihnen ein ausdauernder Wille übt, dann kann dies Ergebnisse haben: lenke ihr Augenmerk von bestimmten Dingen ab und auf andere hin. Das bedarf ständiger Mühe, und das scheint ein Weg zu sein, der, ich kann nicht sagen, der leichteste, denn er ist sicherlich nicht leicht, aber der wirkungsvollste ist.

Wahres Bedürfnis und Begehren

Es ist sehr schwierig, den Grenzbereich zwischen wahrem Bedürfnis und Begehren zu finden.… Und da stehen wir tatsächlich einem Problem gegenüber, das uns eine außergewöhnliche Aufrichtigkeit abnötigt, denn das Vital tritt im Leben zuallererst durch das Begehren hervor – und dennoch, es gibt Lebensnotwendigkeiten. Aber wie können wir wissen, ob etwas wirklich notwendig und nicht ein Begehren ist? .… Dafür musst du dich selbst sehr, sehr genau beobachten, und wenn es etwas gibt, das in dir so etwas wie ein kleines, intensives Vibrieren hervorruft, dann darfst du sicher sein, dass da ein Begehren begraben liegt. Du sagst z.B.: „Diese Nahrung ist notwendig für mich“, du glaubst, stellst dir vor, denkst, du brauchst dieses oder jenes, und du findest die notwendigen Mittel, dir diese Sache zu beschaffen. Um zu erkennen, ob es ein Bedürfnis oder ein Begehren ist, musst du dich selbst sehr genau anschauen und dich fragen: „Was wird geschehen, wenn ich es nicht bekomme?“ Wenn dann die unmittelbare Antwort ist: „Oh, das wird sehr schlimm sein“, dann kannst du sicher sein, dass es sich um ein Begehren handelt. So ist das mit allem. Bei jedem Problem ziehe dich zurück, betrachte dich und frage: „Lass sehen, werde ich diese Sache erhalten?“ Wenn in diesem Augenblick etwas freudig in dir auffährt, kannst du sicher sein, da besteht ein Begehren. Wenn dir andererseits etwas sagt: „Oh, das werde ich nicht bekommen“, und du dich sehr niedergeschlagen fühlst, dann ist es wiederum ein Begehren.

Gib die Begierde auf

Buddha hat gesagt, im Überwinden eines Begehrens liege eine größere Freude als in seiner Befriedigung. Es ist eine Erfahrung, die jeder machen kann, und es ist eine, die wahrhaftig sehr interessant ist, sehr interessant…

Es entsteht eine Art innerer Kommunion mit dem psychischen Wesen, wenn man bereitwillig ein Begehren aufgibt, und deshalb empfindet man sehr viel tiefere Freude, als wenn man es befriedigt hätte. Übrigens, meistens, fast ohne Ausnahme, bleibt irgendwo eine Art bitterer Geschmack zurück, wenn einer Begierde nachgegeben wird.

Es gibt nicht ein einziges erfülltes Verlangen, das nicht eine Art Bitterkeit hinterlässt. Es ist die Bitterkeit, die deinen Mund füllt, wenn du etwas zu Süßes gegessen hast. So ist das. Du musst dich aufrichtig bemühen. Natürlich darfst du nicht vortäuschen, ein Begehren aufzugeben und es dann in einem Winkel aufbewahren, denn dann wird man sehr unglücklich. Du musst es aufrichtig tun.

Erringe deine kleinen Siege

Wenn du durch eine Anstrengung des inneren Bewusstseins und Wissens wahrhaftig ein Begehren in dir bezwingen kannst, das heißt, es auflöst und aufgibst, wenn du durch inneren guten Willen, durch Bewusstsein, Licht und Wissen imstande bist, es verschwinden zu lassen, wirst du, zuallererst in dir persönlich, hundertmal glücklicher sein, als hättest du ihm nachgegeben, und dann wird das wunderbare Wirkung zeigen. Es wird einen Widerhall in der Welt finden, von dem du keine Vorstellung hast. Es wird sich fortpflanzen. Denn die Schwingungen, die du hervorgerufen hast, werden sich ausbreiten. Diese Dinge wachsen zu größerem Umfang als der auslösende Schneeball. Der Sieg, den du in deiner Natur erringst, wie klein er auch sein mag, kann in der ganzen Welt errungen werden…

Wenn du wirklich etwas Gutes tun willst, dann gibt es nichts Besseres, als dir in aller Aufrichtigkeit deine kleinen Siege zu erkämpfen, einen nach dem anderen, und auf diese Weise wirst du für die Welt das dir Bestmögliche tun.

Ändere dich selbst zuerst

Du kannst an anderen nichts tun, es sei denn, du kannst es an dir selbst tun. Du kannst niemals irgend jemandem einen Rat erteilen, es sei denn, du wärest fähig, ihn dir zuerst selber zu geben und ihn dann zu befolgen. Und wenn du irgendwo eine Schwierigkeit siehst, dann ist die beste Methode, das zu verändern, es zuerst in dir selbst zu korrigieren. Wenn du bei jemandem eine Schwäche siehst, darfst, du sicher sein, sie ist in dir, und du fängst an, sie bei dir selbst zu ändern. Und wenn das geschehen ist, wirst du stark genug sein, dasselbe auch bei anderen zu bewirken. Und das ist eine wunderbare Sache. Menschen begreifen nicht, welche unendliche Gnade es ist, dass dieses Universum so eingerichtet ist, dass eine Ansammlung von Substanz, angefangen vom äußerst Physischen bis zum höchsten Spirituellen, sich insgesamt in einem sogenannten kleinen Individuum konzentriert, aber einem zentralen Willen zur Verfügung steht. Und das gehört dir, es ist dein Arbeitsfeld, niemand kann es dir nehmen, es ist dein Besitz. Und in dem Umfang, in dem du in ihm arbeiten kannst, wirst du eine Wirkung auf die Welt ausüben. Aber nur in dem Umfang. Übrigens, man muss mehr an sich selbst arbeiten als an anderen.

Kapitel 3

MORAL, RELIGION, YOGA

Spiritualität und Moral

Es besteht ein großer Unterschied zwischen Spiritualität und Moral, zwei Dingen, die ständig miteinander verwechselt werden. Das spirituelle Leben, das Leben im Sinne des Yoga, hat zu seinem Ziel, in das göttliche Bewusstsein hineinzuwachsen und als sein Ergebnis, das zu läutern, verstärken und erstrahlen zu lassen und zu vervollkommnen, was in dir ist. Es macht dich zu einer Kraft, die das Göttliche offenbart. Es hebt die Natur jeder Persönlichkeit zu ihrer vollen Bedeutung empor und verhilft ihr zu ihrem höchsten Ausdruck; denn dies ist Teil des göttlichen Plans. Moral folgt einem mentalen Verfahren und errichtet mit einigen wenigen Vorstellungen davon, was gut ist oder nicht, ein Idealmodell, in welches sich alle hineinzwingen müssen. Diese Idealvorstellung unterscheidet sich zu unterschiedlichen Zeiten und an unterschiedlichen Orten in ihren Einzelheiten und in ihrer Gesamtheit. Und dennoch erklärt sie sich selbst zum einzigartigen Vorbild, einem kategorischen Absoluten. Sie erkennt außerhalb ihrer selbst nichts an; sie lässt nicht einmal eine Abweichung innerhalb ihrer selbst gelten. Alle sollen ihrem alleinigen Idealbild entsprechend geformt werden, alle sollen einheitlich und untadelig dieselben sein. Wegen ihrer starren, wirklichkeitsfremden Natur ist die Moral in Prinzip und Wirkensweise das Gegenteil von Spiritualität. Im spirituellen Leben enthüllt sich die eine Wesenheit in allem, aber auch ihre unbegrenzte Mannigfaltigkeit. Sie arbeitet für die Vielfalt im Einssein und für Vollkommenheit in dieser Vielfalt. Moral errichtet einen künstlichen Maßstab, der zur Verschiedenartigkeit des Lebens und der Freiheit des Geistes im Widerspruch steht. Sie erschafft etwas Mentales, Festgesetztes, Beschränktes und verlangt von allen, sich dem anzupassen. Alle müssen sich abmühen, dieselben Eigenschaften und denselben vorbildlichen Charakter zu erwerben. Moral ist nicht göttlich oder vom Göttlichen. Sie ist vom Menschen und menschlich. Ihre Grundlage ist die unveränderliche Spaltung in Gut und Böse. Aber das ist eine willkürliche Setzung. Sie nimmt relative Dinge und versucht, sie als absolute einzuführen; denn dieses Gute und jenes Böse unterscheiden sich in unterschiedlichen Klimagebieten und Zeiten, Epochen und Ländern. Die Moralauffassung geht so weit zu behaupten, es gäbe gute und schlechte Begierden und verlangt von dir, die eine anzunehmen und die andere zurückzuweisen. Aber das spirituelle Leben fordert von dir, überhaupt alles Begehren zurückzuweisen. Gemäß seines Gesetzes musst du alle Bestrebungen, die dich vom Göttlichen entfernen, verwerfen. Du musst sie abwehren, nicht weil sie in sich selbst schlecht wären – denn sie mögen für einen anderen Menschen in einer anderen Umgebung gut sein – sondern weil sie zu jenen Antrieben und Kräften gehören, die, unerleuchtet und unwissend, dir auf deinem Weg zum Göttlichen im Wege stehen. Alles Begehren, ob gut oder schlecht, fällt in diese Darstellung: denn das Begehren selbst entspringt einem unerleuchteten, vitalen Wesen und seiner Unwissenheit. Andererseits musst du alle Regungen annehmen, die dich in Kontakt mit dem Göttlichen bringen. Aber du stimmst ihnen zu, nicht weil sie in sich selbst gut wären, sondern weil sie dich zum Göttlichen leiten. Akzeptiere also alles, was dich zum Göttlichen führt. Weise alles zurück, was dich von ihm fortbringt, aber sage nicht, dies ist gut oder jenes ist schlecht oder versuche nicht, anderen deine Auffassung aufzunötigen; denn das, was du als schlecht bezeichnest, mag für deinen Nachbarn, der nicht versucht, das göttliche Leben zu verwirklichen, genau das Richtige sein.

Hat uns die Moral nicht geholfen?

Liebe Mutter, hat uns die Moral nicht geholfen, unser Bewusstsein zu erweitern?

Das hängt von den Leuten ab. Es gibt Leute, denen sie dienlich und andere, für die sie das überhaupt nicht war. Moral ist etwas ganz und gar Künstliches und Willkürliches und in den meisten Fällen, selbst bei den Besten, hemmt sie echte spirituelle Bemühung durch eine Art moralischer Zufriedenheit, man sei auf dem rechten Weg und ein wahrer Gentleman, man erfülle seine Pflicht und komme allen moralischen Erfordernissen des Lebens nach. Dann ist man so selbstzufrieden, dass man sich nicht mehr von der Stelle rührt oder irgendeinen Fortschritt macht.

Es ist für einen tugendhaften Mann sehr schwierig, den Pfad Gottes zu betreten. Das ist schon oft gesagt worden, aber es ist vollkommen richtig, denn er ist in höchstem Maße selbstzufrieden, er glaubt, er hat verwirklicht, was er verwirklicht haben sollte. Ihm fehlt entweder die Sehnsucht oder sogar jene einfache Demut, die uns nach Fortschritt verlangen lässt. Weißt du, einer, den wir hier als einen Weisen betrachten, hat es sich gewöhnlich in seiner Tugendhaftigkeit sehr bequem eingerichtet und denkt niemals daran, da herauszukommen. Das entfernt dich meilenweit von göttlicher Realisation.

Bis man das innere Licht gefunden hat, hilft es aber wirklich, für sich selbst eine bestimmte Anzahl Regeln aufzustellen, die natürlich nicht zu starr und unveränderlich sein sollten, jedoch genau genug, uns davor zu bewahren, vollständig vom rechten Pfad abzuweichen oder nicht wiedergutzumachende Fehler zu begehen – Fehler, unter deren Folgen wir unser ganzes Leben leiden.

Dazu ist es gut, in sich selbst einige Prinzipien zu errichten, die jedoch jeweils im Einklang mit der eigenen Natur stehen sollten. Wenn man sich eine soziale, kollektive Regel zu eigen macht, wird man sofort zu einem Sklaven dieser Vorschrift, und das hindert uns fast vollständig daran, irgendeine Anstrengung zu unserer Umwandlung zu machen.

Der Menschheit dienen

Warum möchtest du der Menschheit dienen, welche Vorstellung steckt dahinter? Es ist Ehrgeiz, damit du ein großartiger Mensch unter den Menschen wirst. Das ist schwer zu begreifen?… Das kann ich verstehen!

Das Göttliche ist überall. Deshalb, wenn man der Menschheit dient, dient man dem Göttlichen, ist das nicht so?

Das ist phantastisch! In dieser Angelegenheit ist es das Einleuchtendste zu sagen: „Das Göttliche ist in mir. Wenn ich mir selbst diene, diene ich ebenso dem Göttlichen!“ (Gelächter) Tatsächlich ist das Göttliche überall. Das Göttliche wird sein Werk sehr gut ohne dich tun. Ich sehe ganz gut, dass du mich nicht verstehst. Aber wirklich, wenn du begreifst, dass das Göttliche da ist, in allen Dingen, worin mischst du dich ein, indem du der Menschheit dienst? Um das zu tun, musst du besser wissen als das Göttliche, was für sie getan werden muss. Weißt du besser als das Göttliche, wie man ihr dient?

Das Göttliche ist überall. Ja. Dinge scheinen nicht göttlich zu sein.… Was mich betrifft, so sehe ich nur eine Lösung: Wenn du der Menschheit helfen möchtest, gibt es nur eines zu tun, d.h. nimm dich so vollständig wie möglich und bringe dich dem Göttlichen dar. Das ist die Lösung. Denn auf diese Weise wird wenigstens die physische Realität, die du verkörperst, fähig, dem Göttlichen ein wenig ähnlicher zu werden.

Man sagt uns, das Göttliche ist in allen Dingen. Warum ändern sie sich nicht? Weil das Göttliche keine Erwiderung erfährt, es spricht nicht alles auf das Göttliche an. Man muss die Tiefen des Bewusstseins erforschen, um das zu erkennen. Was willst du tun, um der Menschheit zu dienen? Den Armen zu essen geben? – Du kannst Millionen von ihnen ernähren. Das wird keine Lösung sein, dieses Problem wird dasselbe bleiben. Den Menschen neue und bessere Lebensbedingungen schaffen? – Das Göttliche ist in ihnen, wie kommt es, dass die Dinge sich nicht wandeln? Das Göttliche wird den Zustand der Welt besser kennen als du. Was bist du? Du stellst nur ein klein wenig Bewusstsein und ein klein wenig Materie dar, das ist es, was du „ich selbst“ nennst. Wenn du der Menschheit helfen möchtest, der Welt oder dem Universum, dann ist das einzige, was du tun kannst, dieses kleine Etwas vollständig dem Göttlichen hinzugeben. Warum ist die Welt nicht göttlich?… Es ist offensichtlich, dass die Welt nicht in Ordnung ist. Deshalb ist die einzige Lösung des Problems die, abzugeben, was dir gehört. Gib es vollständig, ganz und gar dem Göttlichen; nicht nur deinetwillen, sondern auch für die Menschheit, für das Universum. Es gibt keine bessere Lösung. Wie willst du der Menschheit nützen? Du weißt nicht einmal, was sie braucht. Vielleicht weißt du noch weniger, welcher Macht du dienst. Wie kannst du irgend etwas ändern, ohne dich selbst wirklich geändert zu haben?

In jedem Fall bist du dazu nicht mächtig genug. Wie kannst du erwarten, einem anderen Beistand leisten zu können, wenn du nicht über ein höheres Bewusstsein verfügst als er? Es ist eine solch kindische Idee! Nur Kinder sagen: „Ich werde ein Wohnheim aufmachen, einen Kinderhort bauen, Armen Suppe austeilen, dieses Wissen verkünden, jene Religion verbreiten…“. Das geschieht nur, weil du dich selbst für besser hältst als andere, glaubst, du weißt besser, was sie sein oder tun sollten. Das ist es, was Der-Menschheit-dienen bedeutet. Du möchtest das alles fortsetzen? Es hat die Dinge nicht viel verändert. Der Menschheit helfen heißt nicht, ein Krankenhaus oder eine Schule zu eröffnen…

Du kannst Millionen Krankenhäuser einrichten, das wird die Leute nicht davor bewahren, krank zu werden. Im Gegenteil, dazu werden sie dann jede Gelegenheit und jede Ermunterung haben. Wir sind durchdrungen von Vorstellungen dieser Art. Das beruhigt unser Gewissen: „Ich bin auf diese Welt gekommen, ich muss anderen helfen.“ Man sagt zu sich selbst: „Wie selbstlos ich bin! Ich werde der Menschheit helfen.“ Aber das ist nichts als Egoismus.

Tatsächlich ist das erste menschliche Wesen, das dich angeht, du selbst. Du möchtest das Leiden vermindern, aber wenn du nicht die Eigenschaft zu leiden in ein von Gewissheit getragenes Glücklichsein verwandeln kannst, wird sich die Welt nicht ändern. Sie wird immer dieselbe bleiben, wir drehen uns im Kreis – eine Zivilisation folgt der anderen, eine Katastrophe der anderen. Aber die Sache wird nicht anders, denn es fehlt etwas, etwas ist nicht da, das ist das Bewusstsein. Das ist alles.

Religion

Religion gehört der höheren Ebene des menschlichen Mentals an. Es ist die Bestrebung des höheren menschlichen Mentals, sich so weit, wie es in seiner Macht liegt, auf etwas jenseits seiner selbst zuzubewegen, etwas, das die Menschheit Gott oder Spirit oder Wahrheit oder Glaube oder Wissen oder das Unendliche nennt, eine Art Absolutes, welches das menschliche Mental nicht erfassen kann und dennoch zu erfassen sucht. Religion mag in ihrem allerletzten Ursprung göttlich sein; in ihrer gegenwärtigen Natur ist sie nicht göttlich, sondern menschlich. Wir sollten wahrlich eher von Religionen sprechen als von Religion; denn es gibt viele von Menschen erschaffene Religionen…

Der erste Hauptglaubenssatz dieser bestehenden herkömmlichen Religionen lautet: „Mein ist die höchste, die einzige Wahrheit, alle anderen befinden sich in Unwahrheit oder sind minderwertig.“ Denn ohne dieses grundlegende Dogma könnten etablierte Religionsbekenntnisse nicht existieren. Wenn du nicht daran glaubst und nicht erklärst, dass du allein im Besitze der höchsten Wahrheit bist, wirst du nicht imstande sein, Leute zu beeindrucken und dazu zu veranlassen, dir zuzuströmen.

Diese Einstellung ist für die Religiosität natürlich. Eben dies lässt aber die Religion einem spirituellen Leben im Wege stehen. Die Glaubens- und Lehrsätze einer Religion sind mental erzeugte Dinge, und wenn du an ihnen klebst und dich in einen für dich aufgestellten Lebenskodex einschließt, dann kennst du nicht und kannst auch nicht die Wahrheit des Spirits kennen, der über alle Regelsysteme und Dogmen hinausreicht, weit und gewaltig und frei. Wenn du bei einer religiösen Überzeugung halt machst und dich dort bindest, indem du sie für die einzige Wahrheit der Welt hältst, dann bereitest du dem Fortkommen und dem Weitwerden deiner Seele ein Ende. Wenn du jedoch die Religion aus einem anderen Gesichtswinkel betrachtest, braucht sie nicht immer und für alle Menschen ein Hindernis zu sein. Wenn du sie als eine der höheren Aktivitäten der Menschheit erachtest und du in ihr das Streben des Menschen erkennen kannst, ohne die Unvollkommenheiten alles Menschenerschaffenen zu übersehen, dann vermag sie wohl eine Art Hilfe für dich auf dem Weg zu einem spirituellen Leben zu sein. Indem du dich in ernsthafter und aufrichtiger Haltung mit ihr befasst, kannst du versuchen herauszufinden, welche Wahrheit sie enthält, welche Sehnsucht in ihr verborgen liegt, welche göttliche Inspiration hier durch den menschlichen Geist und eine menschliches System Umformung und Verformung erfahren hat. Mit geeigneter mentaler Einstellung kannst du die Religion selbst so, wie sie ist, dahin bringen, etwas Licht auf deinen Weg zu werfen und dir etwas Unterstützung bei deiner spirituellen Bemühung zu gewähren.

Yoga und Religion

Liebe Mutter, was ist der Unterschied zwischen Yoga und Religion?

Ah! Mein Kind… das ist, als fragtest du mich nach dem Unterschied zwischen Hund und Katze!

(Langes Schweigen)

Stell` dir jemanden vor, der irgendwie von etwas wie dem Göttlichen gehört oder ein eigenes Gefühl hat, dass etwas dieser Art existiert und der fängt an, sich auf alle mögliche Weise zu bemühen: Bemühungen des Willens, der Disziplin, der Konzentration, alles mögliche, um das Göttliche zu finden, um zu entdecken, was Er ist, mit Ihm vertraut zu werden und sich mit Ihm zu vereinen. Dann macht dieser Mensch Yoga.

Nun, wenn dieser Mensch alle Verfahren, derer er sich bedient hat, aufgeschrieben hat und ein starres System konstruiert und alles, was er erkannt hat, zu absoluten Gesetzen erklärt – z.B. sagt er: Das Göttliche ist so und so, um das Göttliche zu finden, musst du jenes tun, führe diese besondere Geste aus, übernimm diese innere Haltung, vollziehe diese Zeremonie und du musst gelten lassen, dass dieses die Wahrheit ist, du musst sagen: „Ich erkenne an, dass dies die Wahrheit ist und ich werde mich voll und ganz daran halten; und deine Methode ist die einzig richtige, die einzig bestehende“ – wenn all das niedergeschrieben, gestaltet und nach festen Gesetzen und Zeremonien geordnet ist, dann wird es eine Religion.

Sri Aurobindos Lehre und Religion

Viele Leute sagen, die Lehre Sri Aurobindos sei eine neue Religion. Würdest du sagen, sie ist eine neue Religion?

Leute, die das sagen, sind Dummköpfe, die nicht einmal wissen, worüber sie reden. Man braucht nur all das zu lesen, was Sri Aurobindo geschrieben hat, um zu begreifen, dass es unmöglich ist, auf seinem Werk eine Religion zu begründen, denn er selbst stellt jedes Problem, jede Frage in all deren Aspekten dar, indem er die in jedweder Sicht der Dinge verborgene Wahrheit aufzeigt; und er erklärt, man muss, um die Wahrheit zu erfahren, eine Synthese verwirklichen, die jeglichen mentalen Begriff überschreitet und in einer Transzendenz jenseits des Denkens aufgeht…

Ich wiederhole, wenn wir von Sri Aurobindo sprechen, dann kann keine Rede von Lehre, noch nicht einmal von Offenbarung sein, sondern von einer Tat des Höchsten; darauf kann keine Religion gegründet werden.

Aber die Menschen sind so dumm, dass sie imstande sind, alles mögliche in eine Religion zu verwandeln, so groß ist ihr Bedürfnis nach einem festen Rahmen für ihr enges Denken und ihr beschränktes Handeln. Sie fühlen sich so lange nicht sicher, bis sie geltend machen können, dies ist wahr und jenes nicht; aber ein solcher Anspruch wird für jemanden, der gelesen und verstanden hat, was von Sri Aurobindo geschrieben wurde, unmöglich. Religion und Yoga gehören nicht der gleichen Seinsebene an, und ein spirituelles Leben kann nur in aller Reinheit bestehen, wenn es von allen mentalen Dogmen frei ist.

Der Entschluss zum Yoga

Siehst du, man mag einen sehr guten Willen haben, ein Leben, das auf göttliche Realisation ausgerichtet ist, jedenfalls eine mehr oder weniger oberflächliche Hingabe an ein göttliches Werk, und dennoch keinen Yoga praktizieren.

Für Sri Aurobindos Yoga muss man sich selbst integral umwandeln wollen, es bedeutet, ein einziges Ziel im Leben zu verfolgen, in der Art, dass es nichts anderes mehr gibt, das alleine existiert. Und so fühlt man klar in sich selbst, ob man es will oder nicht. Wenn dies jedoch nicht der Fall ist, kann man immer noch ein Leben guten Willens führen, ein Leben des Dienens, des Verstehens. Man kann sich um das Werk mühen, damit es leichter vollbracht wird – alles das – man kann vieles tun. Doch zwischen diesem und dem Yoga besteht ein großer Unterschied.

Den Yoga auszuüben muss man bewusst wollen, du musst zunächst wissen, was das ist. Du musst wissen, was das ist, du musst dich dazu entscheiden. Sobald das hingegen geschehen ist, darfst du nicht länger zaudern. Das ist der Grund, weshalb du in voller Kenntnis der Sache eine Entscheidung fällen musst. Du musst wissen, wofür du dich entschließt, wenn du sagst: „Ich möchte Yoga machen.“ Und deshalb, von diesem Standpunkt aus, habe ich euch, glaube ich, niemals bedrängt…

Doch von dem Tag an, an dem du eine Wahl triffst – wenn du das in aller Aufrichtigkeit getan hast und in dir eine radikale Entschlossenheit fühlst – ändert sich die Lage. Da ist das Licht und der Pfad, denen man folgen muss, ganz geradlinig, und du darfst nicht davon abweichen. Weißt du, es wird niemand zum Narren gehalten. Yoga ist kein Spaß. Du musst wissen, was du tust, wenn du dich dazu entschließt. Wenn das jedoch geschehen ist, dann musst du daran festhalten. Du hast kein Recht mehr zu schwanken. Du musst geradeaus gehen! Da!…

Diesen Yoga der Umwandlung, der obendrein der mühsamste ist, diesen Yoga kann man nur machen, wenn man fühlt, dass man für ihn hierhergekommen ist (ich meine, hier auf die Erde) und dass man nichts anderes tun kann als das und dass das der einzige Grund für die eigene Existenz ist – selbst wenn man sich hart plagen, leiden und kämpfen muss, hat das keine Bedeutung – „Das ist es, was ich will, sonst nichts!“ – dann ist es anders. Sonst werde ich sagen: „Sei glücklich und sei gut, und das ist alles, was von dir verlangt wird. Sei gut im Sinne von verstehend sein und wissend. dass die Bedingungen, in denen du lebst, außergewöhnliche sind und versuche, ein bedeutenderes, trefflicheres und wahrhaftigeres Leben zu führen als der gewöhnliche Mensch, damit sich ein wenig von diesem Bewusstsein, diesem Licht und seiner Güte in der Welt auszudrücken vermag. Das wäre sehr gut.“ So ist es!

Sobald du hingegen deinen Fuß auf den Yogapfad gesetzt hast, musst du über eine stählerne Entschlossenheit verfügen und direkt auf das Ziel zu marschieren, was immer auch der Preis sein mag.

Ein Ruf für den Pfad

Wozu willst du den Yoga? Um Macht zu gewinnen? Um Frieden und Ruhe zu erlangen? Um der Menschheit zu dienen?

Keiner dieser Beweggründe beweist ausreichend, dass du für den Pfad bestimmt bist.

Die Frage, die du beantworten musst, ist diese: Willst du den Yoga um des Göttlichen willen? Ist das Göttliche die höchste Wirklichkeit in deinem Leben, und zwar so sehr, dass es für dich einfach unmöglich ist, ohne es auszukommen? Fühlst du, dass das Göttliche deine alleinige raison d`etre ist und dass ohne es deine Existenz keinen Sinn hat? Nur wenn das so ist, kann behauptet werden, du hättest einen Ruf für den Pfad.

Das ist die erste Notwendigkeit – Sehnsucht nach dem Göttlichen.

Das nächste, was du tun musst, ist sie zu pflegen, sie immer wach, bewusst und lebendig zu halten. Und dafür ist Konzentration erforderlich – Konzentration auf das Göttliche, ausgerichtet auf eine vollständige und bedingungslose Weihe an seinen Willen und seinen Plan.

Konzentriere dich in deinem Herzen. Gehe dort hinein; begib dich in sein Inneres, tief und weit, so weit wie du kannst. Sammle all die weit versprengten Fäden deines Bewusstseins, wickele sie auf, wage den Sprung und senke dich hinein.

Es brennt ein Feuer dort in dem tiefen Frieden deines Herzens. Es ist die Gottheit in dir – dein wahres Wesen. Höre auf ihre Stimme, folge ihren Geboten.

  1. 4. HINGABE, SELBSTDARBRINGUNG, DEMUT
  2. 5. AUFRICHTIGKEIT, SCHWÄCHE, WILLENSKRAFT
  3. 6. ANDERE MENSCHEN UND KRÄFTE
  4. 7. MUT, AUSDAUER, BEMÜHUNG

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