Kapitel 9

KONZENTRATION, MEDITATION, ARBEIT

Die Aufmerksamkeit konzentrieren

Was du immer im Leben tun willst, eine Sache ist absolut unentbehrlich und liegt allem zugrunde, die Fähigkeit, die Aufmerksamkeit zu konzentrieren. Wenn du in der Lage bist, die Strahlen der Aufmerksamkeit und des Bewusstseins auf einen Punkt zusammenzubündeln und diese Konzentration mit einem beharrlichen Willen aufrechterhalten kannst, ist nichts imstande, dem zu widerstehen – was immer es sein mag, von äußerster materiell-physischer Entwicklung bis zur höchsten spirituellen. Aber dieser Disziplin muss man in beständiger und, es darf gesagt werden, unerschütterlicher Weise folgen. Nicht, dass du immer auf dieselbe Sache konzentriert sein solltest – das ist es nicht, was ich meine, ich meine, lernen, sich zu konzentrieren.

Auf der physischen Ebene, fürs Lernen, für jede körperliche und mentale Entwicklung ist es absolut unerlässlich. Und die Bedeutung eines Individuums entspricht dem Vermögen seiner Aufmerksamkeit.

Aus spiritueller Sicht ist es sogar noch wichtiger. Es gibt kein spirituelles Hindernis, das der durchdringenden Macht der Konzentration widerstehen kann. Zum Beispiel die Entdeckung des psychischen Wesens, Einheit mit dem inneren Göttlichen, sich höheren Sphären öffnen – alles kann durch eine intensive und hartnäckige Konzentration erreicht werden – aber man muss sie erst erlernen.

Im menschlichen oder sogar übermenschlichen Feld gibt es nichts, zu dem die Macht der Konzentration nicht den Schlüssel liefert.

Mit dieser Fähigkeit kannst du der beste Athlet werden, der beste Lernende, ein künstlerischer, literarischer oder wissenschaftlicher Genius, der größte Heilige. Und jeder birgt in sich selbst einen winzig kleinen Keim davon – es ist jedem gegeben, aber die Menschen entwickeln es nicht.

Konzentration

Was ist Konzentration?

Es bedeutet, all die versprengten Fäden des Bewusstseins auf einen einzigen Punkt, eine einzige Idee zurückzuführen. Jene, die vollkommene Aufmerksamkeit erreichen, sind in allem, was sie unternehmen, erfolgreich. Sie werden immer einen raschen Fortschritt erzielen. Und diese Art von Konzentration kann man genauso entwickeln wie seine Muskeln. Man mag unterschiedlichen Systemen, unterschiedlichen Trainingsmethoden folgen. Heute wissen wir, dass zum Beispiel der bedauernswerteste Schwächling mit Disziplin so stark werden kann wie jeder andere. Man sollte keinen Willen haben, der wie eine Kerzenflamme flackernd erlischt.

Der Wille, die Konzentration müssen herangebildet werden. Es ist eine Frage der Methode, der regelmäßigen Übung. Wenn du willst, kannst du.

Aber der Gedanke: „Wozu soll das gut sein?“ darf nicht aufkommen und den Willen schwächen. Die Vorstellung, man sei mit einem bestimmten Charakter geboren und daran sei nichts zu ändern, ist Dummheit.

Konzentriere dich im Zentrum der Sehnsucht

Es ist immer besser zu versuchen, sich in einem Zentrum zu konzentrieren, dem Zentrum der Sehnsucht könnte man sagen, dem Ort, wo die Flamme der Sehnsucht brennt, alle Energien dort zu versammeln und, wenn möglich, ein aufmerksames Schweigen herzustellen, so als wolle man etwas äußerst Feinem lauschen, etwas, das vollständige Aufmerksamkeit, vollkommene Konzentration und allumfassendes Schweigen verlangt. Und dann sich überhaupt nicht regen. Nicht zu denken, sich nicht zu rühren und jene Bewegung des Sich-Öffnens vollziehen, um alles zu empfangen, das empfangen werden kann, während man aber sorgfältig darauf achtet, nicht versuchen zu verstehen, was gerade geschieht, denn wenn man verstehen oder sogar aktiv beobachten will, hält das eine Art zerebraler Tätigkeit aufrecht, die sich ungünstig auf die volle Aufnahmefähigkeit auswirkt – ruhig sein, so vollkommen wie möglich, in einer aufmerksamen Konzentration und dann still sein.

Wenn man das schafft, dann, wenn alles vorüber ist, wenn man aus der Meditation herauskommt, einige Zeit später – gewöhnlich nicht unmittelbar danach – steigt aus dem Inneren des Wesens etwas Neues in das Bewusstsein: ein neues Verständnis, eine neue Wertschätzung der Dinge, eine neue Lebenseinstellung – kurz, eine neue Art zu sein.

Dynamische Meditation

Ich glaube, das Wichtigste zu wissen ist, warum man meditiert; das ist es, was der Meditation den Wert verleiht und ihr den ihr eigenen Stellenwert verschafft.

Du kannst meditieren, um dich der göttlichen Kraft zu öffnen, du kannst meditieren, um das gewöhnliche Bewusstsein zurückzuweisen, du kannst meditieren, um in die Tiefen deines Wesens einzudringen, du kannst meditieren, um zu lernen, dich vollständig zu überantworten; du kannst für alles mögliche meditieren. Du kannst meditieren, um in Frieden, Ruhe und Schweigen einzugehen – das ist es, was Leute im allgemeinen tun, aber ohne großen Erfolg. Aber du kannst auch meditieren, um die Kraft zur Umwandlung zu erhalten, die Punkte, die es umzuwandeln gilt, zu entdecken, den Pfad des Fortschritts aufzuspüren. Und dann kannst du auch aus sehr praktischen Gründen meditieren: wenn du eine Schwierigkeit klären, eine Lösung finden musst, wenn du Hilfe bei irgend einem Tun brauchst. Dafür kannst du auch meditieren.

Ich glaube, jeder hat seine eigene Weise der Meditation. Aber wenn jemand möchte, dass seine Meditation dynamisch sei, muss er eine Sehnsucht nach Fortschritt empfinden, und die Meditation muss im Sinne einer Unterstützung und Erfüllung dieser Fortschrittssehnsucht betrieben werden. Dann wird sie dynamisch.

Meditation und Fortschritt

Die Anzahl der in Meditation verbrachten Stunden ist kein Beweis spirituellen Fortschritts. Es ist ein Beweis deines Fortschritts, wenn du zum Meditieren keine Anstrengung mehr aufwenden musst. Dann ist es eher mühsam, damit aufzuhören: es wird schwierig, es zu beenden, schwierig, dich vom Denken an das Göttliche abzuwenden, schwierig, auf die Ebene des gewöhnlichen Bewusstseins herabzusteigen. Dann kannst du deines Fortschritts sicher dein, dann bist du wirklich vorangekommen, wenn die Konzentration im Göttlichen die Notwendigkeit deines Lebens ist, wenn du nicht ohne sie auskommst, wenn sie in natürlicher Weise von morgens bis abends andauert, womit immer du beschäftigt sein magst. Ob du dich zur Meditation niederlässt oder herumgehst und Dinge erledigst und arbeitest, das, was von dir verlangt wird, ist Bewusstsein. Das ist das eine Erfordernis: sich des Göttlichen fortwährend bewusst sein.

Aber ist es nicht eine unentbehrliche Disziplin, sich zur Meditation zu setzen, und vermittelt das nicht eine intensivere und konzentriertere Einheit mit dem Göttlichen?

Das mag sein. Aber eine Disziplin als solche ist es nicht, was wir suchen. Wonach wir streben ist, in allem, was wir tun, zu jeder Zeit, bei all unseren Handlungen und in jedem Augenblick auf das Göttliche konzentriert zu sein. Es gibt hier einige, denen gesagt wurde, sie sollen meditieren, andere wiederum, die überhaupt nicht dazu aufgefordert wurden. Doch darf man nicht annehmen, sie schritten nicht voran. Auch sie befolgen eine Disziplin, die jedoch von anderer Natur ist. Mit Hingabe und innerer Weihung zu arbeiten, zu handeln, ist gleichfalls eine spirituelle Disziplin. Das letztendliche Ziel ist, in beständiger Einheit mit dem Göttlichen zu sein, nicht nur bei der Meditation, sondern in allen Umständen und im gesamten tätigen Leben.

Meditiere in allen Umständen

Du kannst mit einer äußerst aktiven Tätigkeit beschäftigt sein, z.B. mit Basketballspielen, was viel Bewegung erfordert, und verlierst dennoch nicht die Haltung innerer Meditation und Konzentration auf das Göttliche. Und wenn du das erreichst, wirst du sehen, dass all dein Handeln seine Qualität verändert. Du wirst nicht nur Besseres leisten, sondern du wirst das mit einer völlig unerwarteten Kraft tun und gleichzeitig dein Bewusstsein so hoch und rein halten, dass nichts mehr dich zu berühren vermag. Und merke, das kann so weit gehen, dass du selbst bei einem Unfall keinen Schaden nimmst. Natürlich ist das ein Gipfelpunkt, aber einer, nach dem du streben kannst.

Verfalle nicht in den sehr üblichen Fehler zu glauben, du müsstest in einer absolut stillen Ecke sitzen, wo niemand vorüberkommt, wo du in einer klassischen Position und vollständig unbewegt verharrst, um zu meditieren imstande zu sein – es ist nicht wahr. Was erforderlich ist, ist in allen Umständen meditieren zu können, und ich bezeichne als „meditieren“ nicht, deinen Kopf zu entleeren, sondern dich in einer Kontemplation des Göttlichen zu konzentrieren. Und wenn du diese Kontemplation in dir bewahrst, wird alles, was du tust, seine Qualität verändern – nicht seine äußere Erscheinung, denn die wird offensichtlich dieselbe bleiben, sondern seine Qualität. Und das Leben wird seine Qualität verändern, und du, du wirst dich ein wenig anders fühlen als vorher, mit einem Frieden, einer Gewissheit, einer inneren Ruhe, einer gleichbleibenden Kraft, etwas, das nie von dir ablässt.

Kontrolle des Körpers

Diejenigen, die körperliche Aktivitäten geringschätzen, sind Menschen, die nicht imstande sein werden, auch nur einen einzigen Schritt auf dem wahren Pfad des integralen Yoga voranzuschreiten, es sei denn, sie entledigten sich zuerst ihrer Verachtung. Kontrolle des Körpers in all ihren Formen ist eine unentbehrliche Grundlage. Ein Körper, der dich beherrscht, ist ein Feind, eine Störung, die du nicht hinnehmen kannst. Es ist der im Geiste erleuchtete Wille, der den Körper führen, nicht der Körper, der dem Geist seinen Willen aufzwingen sollte. Wenn man weiß, eine Sache ist schlecht, sollte man fähig sein, sie zu unterlassen. Wenn man etwas verwirklichen möchte, muss man es tun können und nicht bei jedem Schritt durch die Unfähigkeit des Körpers, seinen schlechten Willen oder Mangel an Zusammenarbeit gestoppt werden. Und hierfür muss man eine körperliche Disziplin aufnehmen und Herr im eigenen Hause werden.

Es ist gut und schön, in Meditation zu flüchten und von der Höhe seiner sogenannten Erhabenheit auf materielle Dinge herabzublicken, aber einer, der nicht Herr im eigenen Hause ist, ist ein Sklave.

Der Körper braucht Betätigung

Der Körper braucht Betätigung: wenn du ihn untätig hältst, wird er anfangen, sich aufzulehnen, indem er krank wird, usw. Er braucht eine Tätigkeit, die braucht er tatsächlich, wie Blumenpflanzen, ein Haus bauen, etwas Physisches. Du musst es fühlen. Manche Leute machen Übungen, manche fahren Fahrrad, es gibt unzählige Aktivitäten, aber in eurer kleinen Gruppe müsst ihr euch alle einigen, so dass jeder das finden kann, was seinem Temperament entspricht, seiner Natur und seinem Bedürfnis. Aber nicht mit Vorstellungen! Vorstellungen sind nicht sehr gut, sie schaffen Vorurteile, z.B.: „Dies ist eine gute Arbeit, jene ist meiner nicht wert“ und all diese Art von Unsinn. Es gibt keine schlechte Arbeit – es gibt nur schlechte Arbeiter. Alle Arbeit ist gut, wenn du sie auf die rechte Weise zu erbringen vermagst. Alles! Und es ist eine Art Kommunion. Wenn du das Glück hast, dir eines inneren Lichtes bewusst zu sein, wirst du sehen, dass es so ist, als riefest du durch deine körperliche Arbeit das Göttliche in die Dinge herab. Dann wird die Verbindung sehr konkret, es gibt eine ganze Welt zu entdecken, es ist wunderbar.

„Erinnere und überantworte Dich“

Wenn wir auf mentale oder intellektuelle Tätigkeiten konzentriert sind, warum vergessen wir dann manchmal oder verlieren den Kontakt mit dem Göttlichen?

Das geschieht, weil dein Bewusstsein noch gespalten ist. Das Göttliche ist in deinem Geist noch nicht fest begründet. Du bist dem Göttlichen Leben noch nicht gänzlich geweiht. Sonst könntest du dich in beliebigem Umfang auf solche Dinge konzentrieren und immer noch das Empfinden haben, vom Göttlichen unterstützt und getragen zu werden.

Bei allen Bestrebungen, intellektuellen oder praktischen, sollte dein einziges Motto sein: „Erinnere und überantworte dich“. Lass, was immer du tust, ein Geschenk an das Göttliche sein. Und das wird auch eine hervorragende Disziplin für dich sein. Es wird dich davon abhalten, viele dumme und unnütze Dinge zu tun.