Kapitel 8
EMPFÄNGLICHKEIT UND SEHNSUCHT
Die universale vitale Kraft
Wie kann man die „universale vitale Kraft“ anziehen?
Man kann das auf viele Weisen tun.
Vor allem muss man wissen, dass sie existiert und dass man in Kontakt zu ihr treten kann. Zweitens musst du versuchen, diesen Kontakt herzustellen, sie überall zirkulieren zu spüren, durch alles, in allen Personen und Umständen; zum Beispiel diese Erfahrung zu haben, wenn du dich auf dem Lande inmitten von Bäumen befindest, sie in der ganzen Natur fließen zu sehen, in Bäumen und Dingen und dann mit ihr vertraut werden, dich ihr nahe fühlen, und jedes Mal, wenn du mit ihr umgehen willst, rufe jenen Eindruck zurück und versuche, den Kontakt [mit ihr] aufzunehmen.
Manche Leute entdecken, dass sie mit bestimmten Bewegungen, bestimmten Gesten, bestimmten Aktivitäten enger in Kontakt geraten. Ich kannte Leute, die während des Spazierengehens gestikulierten… dies gab ihnen wahrhaft den Eindruck, sie stünden in Verbindung – gewisse Gesten, die sie machten, während sie gingen. Aber Kinder tun das spontan: wenn sie sich vollkommen ihren Spielen hingeben, wenn sie laufen, spielen, springen, rufen; wenn sie all ihre Energien auf diese Weise verausgaben, sie sich selbst ganz und gar geben, und in der Freude des Spielens und Bewegens und Laufens bringen sie sich in Berührung mit dieser universalen Kraft. Sie wissen es nicht, aber sie gebrauchen ihre vitale Kraft im Kontakt mit der universalen vitalen Kraft, und das ist der Grund, weshalb sie rennen können, ohne sich wirklich müde zu fühlen, außer nach einer sehr langen Zeit…
Ich kannte junge Leute, die immer in Städten gelebt hatten – in einer Stadt und in jenen kleinen Räumen, die es in großen Städten gibt, in die jeder eingepfercht ist. Jetzt waren sie gekommen, um ihre Ferien auf dem Lande zu verbringen, im Süden Frankreichs, und dort ist die Sonne sehr heiß.… Als sie draußen unterwegs waren, entwickelten sie in den ersten paar Tagen wirklich schlimme Kopfschmerzen und fühlten sich völlig unwohl wegen der Sonne. Aber plötzlich dachten sie: „Ja, wenn wir uns nun mit der Sonne anfreundeten, dann wird sie uns nicht mehr schaden!“ Und sie begannen, in einer Art innerer Bemühung Freundschaft mit der Sonne zu schließen und Vertrauen in sie zu gewinnen. Und wenn sie draußen in der Sonne waren, statt zu versuchen, sich in der Sonne kleinzumachen und sich zu sagen: „Oh, wie heiß sie ist, wie sie brennt!“ sagten sie: „Oh, wie voller Kraft und Freude und Liebe ist die Sonne!“ etc. Sie öffneten sich so (Geste), und nicht nur, dass sie nicht mehr litten, sondern sie fühlten sich hinterher so erstarkt, dass sie umhergingen und jedem, der sagte: „Es ist heiß“, erzählten: „Mache es so wie wir, du wirst sehen, wie gut das ist.“ Und sie konnten stundenlang in der vollen Sonne bleiben, ohne Kopfbedeckung und ohne irgend ein Unbehagen zu empfinden. Es ist dasselbe Prinzip.
Es ist dasselbe Prinzip. Sie schlossen sich an die universale vitale Kraft an, welche die Sonne ist und empfingen diese Kraft, und das nahm alles Unerquickliche von ihnen fort.
Wenn man auf dem Lande ist, wenn man unter den Bäumen wandert und sich der Natur so nahe fühlt, den Bäumen, dem Himmel, all den Blättern, all den Zweigen, all den Gräsern, wenn man eine große Freundschaft mit all diesen Dingen empfindet und die Luft einatmet, die so gut ist, so erfüllt vom Duft all der Pflanzen, dann öffnet man sich und indem man sich öffnet, tritt man mit den universalen Kräften in Verbindung. Und das ist mit allen Dingen so.
Empfänglichkeit für die universalen Kräfte
Liebe Mutter, haben universale vitale Kräfte irgend welche Grenzen?
Ich glaube nicht, dass Kräfte eine Grenze kennen, denn im Vergleich mit uns sind sie sicherlich unbeschränkt. Aber es ist unsere Aufnahmefähigkeit, die beschränkt ist. Wir können sie nicht über ein gewisses Maß hinaus absorbieren, und dann müssen wir ein Gleichgewicht zwischen Verbrauch und Fähigkeit zu empfangen bewahren. Wenn man plötzlich in einer Art Impuls – zum Beispiel in einem impulsiven Augenblick – mehr verausgabt, als man empfangen hat, braucht man einen kurzen Augenblick der Konzentration, Ruhe. Empfänglichkeit, um universale Kräfte in sich aufzunehmen. Du musst dich in eine bestimmte Verfassung versetzen, um sie zu erfahren; und dann halten sie für eine gewisse Zeit an. Sobald du sie verbraucht hast, musst du von neuem anfangen, sie zu beschaffen. In diesem Sinne gibt es keine Grenzen. Es sind nicht die Kräfte, die begrenzt sind, es ist die Empfänglichkeit.
Wie können wir unsere Empfänglichkeit wachsen lassen? Indem wir uns fortentwickeln.
Man muss erst sich zu öffnen imstande sein, und dann, in einer großen Ruhe, die empfangenen Kräfte zu assimilieren wissen und nicht, sie wieder hinauszuwerfen. Man muss sie assimilieren können.
Daher liegt der Fortschritt in einem normalen, doch progressivem Gleichgewicht, Perioden der Assimilation – Aufnahme, Assimilation – und Perioden des Verbrauchs; und dabei zu wissen, wie man beides in einem Gleichgewicht hält und sie in einem dir eigenen Rhythmus abwechseln lässt. Du darfst nicht über deine Möglichkeiten hinausgehen, du darfst nicht darunter bleiben, denn die universalen vitalen Kräfte sind nicht etwas, das du in einen Panzerschrank einschließen kannst. Sie müssen zirkulieren. Daher musst du wissen, wie man sie empfängt und gleichzeitig verausgabt und dabei die Aufnahmefähigkeit erweitert, um immer mehr von den Dingen zu haben, die gebraucht, verausgabt werden sollen.
Drei Quellen vitaler Kraft
Der überwiegenden Mehrheit der Menschen fließt die gesamte vitale Kraft von unten zu, von der Erde, der Nahrung, all den Empfindungen. Von der Nahrung … sie beziehen vitale Energie aus der Speise und sie … indem sie sehen, hören, berühren, fühlen, nehmen sie Verbindung zu den in der Materie enthaltenen Energien auf. Sie gewinnen sie auf diese Weise. Das ist ihre gewohnte Kost. Nun, manche Menschen besitzen ein sehr entwickeltes Vital, das sie einer Disziplin unterworfen haben – und sie haben einen Begriff von der Unermesslichkeit und sind im Kontakt mit der Welt und den Bewegungen der Weltkräfte. Und so können sie… sei es in einer Regung des Rufens … die universalen vitalen Kräfte, die in sie eintreten, empfangen und den Anteil Energie, den sie benötigen, neu zuführen.
Es gibt andere, sehr ungewöhnliche Menschen – oder vielleicht in sehr ungewöhnlichen Augenblicken ihres Lebens – die eine Sehnsucht nach dem höheren Bewusstsein, höherer Kraft, höherem Wissen empfinden und die, durch diesen Ruf, die Kräfte höherer Sphären auf sich ziehen. Und auch dies erneuert in ihnen ganz besondere Energien, von einem ganz besonderen Wert.
Man kommt jedoch nicht oft mit dieser Quelle in Berührung, es sei denn, man praktiziert Yoga, eine geregelte Disziplin; man empfängt [vielmehr] von der gleichen Ebene [wie die erstgenannten Menschen] oder von unten.
Aktivität und Passivität in der Sadhana
Eine aktive Bewegung ist eine solche, in welcher du deine Kraft hinauswirfst, das heißt wenn etwas aus dir austritt – in einer Bewegung, einem Gedanken, einem Gefühl – etwas, das aus dir heraus zu anderen oder in die Welt geht. Passivität bedeutet, dass du einfach so bleibst, offen, und empfängst, was von außen kommt. Es hängt überhaupt nicht davon ab, ob man sich bewegt oder still sitzt. Das ist es ganz und gar nicht. Aktiv zu sein heißt, das Bewusstsein oder die Kraft oder die Bewegung von innen nach außen zu werfen. Passiv zu sein, unbeweglich zu bleiben und aufzunehmen, was von außen kommt … „Aktivität in der Sehnsucht“ heißt, dass deine Sehnsucht aus dir hervortritt und zum Göttlichen emporsteigt – in der tapasya, der Disziplin, die du ausübst, und wenn die Kräfte, die deiner Sadhana zuwiderlaufen, erscheinen, weist du sie zurück. Das ist eine Bewegung der Aktivität.
Nun, wenn du wahre Inspiration, innere Führung, den Führer, gewinnen willst und wenn du die Kraft besitzen, die Kraft empfangen möchtest, die dich leitet und dich so handeln lässt, wie du solltest, dann regst du dich nicht länger, d.h. – ich meine keine physische Bewegung, sondern nichts darf mehr aus dir herauskommen, du verharrst, ganz im Gegenteil, als wärest du ganz still, aber offen und wartest darauf, dass die Kraft in dich eintritt, und dann öffnest du dich so weit wie möglich, um alles in dich aufzunehmen, was in dich einströmt. Und es ist genau diese Bewegung: anstelle nach außen dringender Schwingungen besteht eine Art stiller Ruhe, aber in vollkommener Öffnung, als würdest du auf diese Weise alle deine Poren der Kraft öffnen, die in dich herabsteigen und dein Handeln und dein Bewusstsein umwandeln muss.
Empfänglichkeit ist das Ergebnis einer geklärten Passivität.
Die Flamme und die Vase
Du kannst gleichzeitig in einem Zustand des Sehnens, des Wollens sein, der etwas herabruft – das ist genau der Wille, sich zu öffnen und zu empfangen und des Sehnens, das die Kraft herabruft, die du empfangen möchtest – und zur gleichen Zeit in jener Verfassung vollständiger innerer Stille, die volles Durchdringen erlaubt, denn es ist in dieser Reglosigkeit, dass man durchdrungen werden kann, dass man für die Kraft durchlässig wird. Nun, beides kann zur gleichen Zeit stattfinden, ohne dass das eine das andere beeinträchtigt, oder kann so dicht wechselweise aufeinander folgen, dass es kaum unterscheidbar ist. Aber man kann wie eine große Flamme sein, die sich sehnend erhebt, und zugleich so, als forme man eine Vase, eine weite Vase, die sich öffnet und alles von oben Kommende aufnimmt.
Und beides kann zusammen geschehen. Wenn man es schafft, beides gleichzeitig zu erleben, ist man fähig, es beständig zu erfahren, was immer man tun mag. Nur gibt es möglicherweise eine leichte, sehr geringfügige Verlagerung des Bewusstseins, fast nicht wahrnehmbar, in welcher man zunächst der Flamme und dann der Vase der Empfänglichkeit gewahr wird – dem, was danach trachtet, erfüllt zu werden und der Flamme, die emporstrebt, um herabzurufen, was die Vase füllen muss – eine sehr schwache, knappe Pendelbewegung, so dass es den Eindruck erweckt, beides stünde zur gleichen Zeit zur Verfügung.
Sehnsucht und Empfänglichkeit
Sehnsucht besitzt in jedem, ganz gleich, um wen es sich handelt, dieselbe Macht. Aber die Wirkung dieser Sehnsucht ist unterschiedlich. Denn Sehnsucht ist Sehnsucht: verfügst du darüber, dann hat sie in sich selbst Macht. Nur, sie ruft eine Antwort herab, und diese Antwort, das Ergebnis, welche ihre Folge ist, hängt von jedem einzelnen ab, von seiner Empfänglichkeit. Ich kenne viele Leute dieser Art, die sagen: „Oh! Aber ich empfinde die ganze Zeit Sehnsucht und dennoch bekomme ich nichts!“ Es ist unmöglich, dass sie nichts bekommen, da eine Antwort mit Sicherheit erfolgt. Aber es sind sie selbst, sie, die sie nichts annehmen. Die Antwort kommt, aber sie sind nicht aufnahmebereit, und deshalb erhalten sie nichts…
Wenn du eine Sehnsucht fühlst, eine sehr aktive Sehnsucht, dann wird diese Sehnsucht ihre Arbeit leisten. Sie wird die Antwort herabrufen, nach der du dich sehnst. Aber wenn du später anfängst, über etwas anderes nachzudenken oder nicht aufmerksam oder aufnahmebereit bist, wirst du nicht einmal bemerken, dass deinem Sehnen eine Antwort geschenkt wurde. Das geschieht sehr häufig. Deshalb erzählen dir die Leute: „Ich sehne mich und bekomme nichts, ich erhalte keine Antwort!“ Ja, du hast eine Antwort, aber du bist ihrer nicht gewahr, weil du fortfährst, in gewohnter Weise geschäftig zu bleiben, wie eine Mühle, die sich immer fort dreht.
Finde jenes Etwas
Wir können – einfach durch ein aufrichtiges Streben – eine versiegelte Tür in uns öffnen und finden … jenes Etwas, das den Sinn des Lebens vollständig ändern, all unsere Fragen beantworten, all unsere Probleme lösen wird und uns zu der Vollkommenheit führt, nach der wir uns unwissentlich sehnen und zu der Realität, die allein uns zufriedenstellen und uns immerwährende Freude, Kraft, immerwährendes Gleichgewicht und Leben zu schenken vermag. All dies habt ihr schon manches Mal gehört. Ihr habt es gehört – oh! Es gibt sogar einige hier, die so daran gewöhnt sind, dass es ihnen das gleiche zu sein scheint, wie ein Glas Wasser zu trinken oder ein Fenster zu öffnen, um das Sonnenlicht hereinzulassen…
Wir haben uns ein wenig bemüht, aber jetzt werden wir es ernsthaft tun!
Der Ausgangspunkt: es zu wollen, es wahrhaft zu wollen, es zu brauchen. Der nächste Schritt: vor allem anderen daran zu denken. Es kommt sehr schnell ein Tag, an dem man unfähig ist, an etwas anderes zu denken. Das ist das einzige, was zählt. Und dann…
Man fasst seine Sehnsucht in Worte, lässt das wahre Gebet aus seinem Herzen aufspringen, das Gebet, das die Aufrichtigkeit des Bedürfnisses ausdrückt. Und dann … nun, man wird sehen, was geschieht.
Es wird etwas geschehen. Es wird mit Sicherheit etwas geschehen. Für jeden wird es unterschiedliche Gestalt annehmen.
Sehnsucht ist wie ein Pfeil
Sehnsucht ist wie ein Pfeil, so etwas (Geste). Ihr sehnt euch also, möchtet sehr ernsthaft verstehen, wissen, in die Wahrheit eintreten, ja? Und mit dieser Sehnsucht macht ihr dann dies (Geste). Sie steigt empor, empor, empor, geradewegs empor, sehr kraftvoll und dann stößt sie gegen eine Art von … wie soll man es ausdrücken?… Deckel, der sich dort befindet, hart wie Eisen und äußerst dick und sie dringt nicht durch. Und dann sagst du: „Na bitte, was nützt das Sehnen? Es bringt überhaupt nichts. Ich treffe auf etwas Hartes und komme nicht durch!“ Aber du weißt von dem Tropfen Wasser, der auf den Felsen fällt, und das endet damit, dass eine Spalte entsteht: sie durchtrennt den Felsen von oben bis unten. Deine Sehnsucht ist ein Wassertropfen, der, statt zu fallen, emporsteigt. Auf diese Weise, kraft dieses Emporsteigens, klopft, klopft, klopft sie, und eines Tages schafft sie ein Loch, kraft des Emporsteigens. Und wenn sie ein Loch geschlagen hat, schießt sie aus diesem Deckel heraus und tritt in die Unermesslichkeit des Lichtes ein, und du sagst: „Ah, jetzt verstehe ich!“
So ist das.
Man muss daher sehr beharrlich, sehr hartnäckig sein und eine Sehnsucht besitzen, welche sich geradewegs nach oben erhebt, das bedeutet, eine, die sich nicht mal hier, mal dort herumtreibt und nach allen möglichen Dingen trachtet.
Nur das: verstehen, verstehen, verstehen, lernen zu wissen, zu sein.
Wenn man den allerhöchsten Gipfel erreicht, gibt es nichts mehr zu verstehen, nichts mehr zu lernen, man ist, und erst dann, wenn man ist, versteht und weiß man.