Tod und Wiedergeburt
Sri Aurobindo | Die Mutter
Selbst wenn es den Wissenschaften – Natur- oder Geheimwissenschaften – gelingen würde, die für ein unbegrenztes Überleben des Körpers notwendigen Voraussetzungen oder Mittel zu entdecken, würde die Seele dennoch, wenn der Körper es nicht schaffte, ein geeignetes Instrument für den Ausdruck des inneren Wachstums zu werden, einen Weg finden, den Körper zu verlassen und sich erneut inkarnieren. Die materiellen oder physischen Ursachen des Todes sind nicht die einzige oder wirkliche Ursache. Die wahrhaftige, innerste Ursache ist die spirituelle Notwendigkeit der Evolution eines neuen Wesens.
– Sri Aurobindo
Teil 1 TOD
Kapitel 1
Warum gibt es den Tod?
Worte der Mutter
„Der Tod ist die Frage, welche die Natur ständig dem Leben stellt und es daran erinnert, dass es sich selbst noch nicht gefunden hat. Gäbe es die Belagerung durch den Tod nicht, wäre das Geschöpf auf ewig in die Form eines unvollkommenen Lebens gebannt. Weil es vom Tode verfolgt wird, wird es sich der Vorstellung eines vollkommenen Lebens bewusst und beginnt, dessen Mittel und Möglichkeiten auszuloten.“ (Sri Aurobindo, Thoughts and Glimpses, SABCL, Vol. 16, p. 386)
Diese Frage hat sich jeder nur halbwegs bewusste Mensch mindestens einmal im Leben gestellt. In den Tiefen seines Wesens besteht ein so starkes Verlangen, das Leben zu erhalten, es zu verlängern und weiterzuentwickeln, dass in dem Moment, wo man zum ersten Mal mit dem Tod in Berührung kommt – das kann eher zufällig sein, ist aber zweifelsohne unausweichlich –, es eine Art Zurückschaudern im Inneren des Wesens gibt.
Bei sensiblen Menschen erzeugt es Entsetzen, bei anderen Entrüstung. Es besteht eine Tendenz, sich zu fragen: „Was ist das für eine fürchterliche Farce, in der wir mitspielen, ohne es zu wollen oder sie zu verstehen? Warum werden wir überhaupt geboren, wenn es doch nur um zu sterben ist? Warum all die Anstrengung, uns zu entwickeln, fortzuschreiten und unsere Fähigkeiten zu entfalten, wenn am traurigen Ende nur Niedergang und Zerfall warten?…“ Manche Menschen fühlen in sich Auflehnung, andere, weniger starke spüren Verzweiflung, und immer wieder läuft es auf die Feststellung hinaus: „Wenn es einen bewussten Willen hinter all dem gibt, dann scheint er einem abscheulichen Ungeheuer zu gehören.“
Aber hier sagt uns Sri Aurobindo, dass dies ein unverzichtbares Mittel war, um im Bewusstsein der Materie das Verlangen nach Vollkommenheit und die Notwendigkeit von Fortschritt zu erwecken. Ohne diese Katastrophe wären alle Wesen mit ihren Lebensumständen zufrieden gewesen – vielleicht… Das ist nicht sicher.
Aber gut, wir müssen die Dinge so hinnehmen, wie sie sind, und uns sagen, dass wir einen Ausweg aus all dem finden müssen.
Auf jeden Fall befindet sich alles in einem Zustand immerwährender, fortschreitender Entwicklung, das heißt die gesamte Schöpfung, das ganze Universum bewegen sich auf eine Vollkommenheit hin, die zurückzuweichen scheint, wenn man sich ihr annähert, denn was zu einem Zeitpunkt vollkommen erscheint, ist es nach einer gewissen Zeit nicht mehr. Die subtilsten Seinszustände im Bewusstsein folgen dieser sich stetig vollziehenden Aufwärtsentwicklung, und je höher man auf der Skala steigt, desto stärker ähnelt der Rhythmus des Voranschreitens dem Rhythmus der universalen Entwicklung und nähert sich dem Rhythmus der göttlichen Entwicklung an. Aber die materielle Welt ist naturgemäß starr und fest, die Transformation ist dort langsam, sehr langsam, und für das menschliche Zeitempfinden fast nicht mess- und nachvollziehbar. Deshalb besteht ein ständiges Ungleichgewicht zwischen der inneren und der äußeren Bewegung, und dieses fehlende Gleichgewicht, diese Unfähigkeit der äußeren Formen, der Bewegung des inneren Fortschritts zu folgen, führt die Notwendigkeit des Zerfalls und des Formenwandels herbei. Wenn man aber der Materie genügend Bewusstsein einflößen könnte, um den gleichen Rhythmus erreichen zu können, wenn die Materie formbar genug werden könnte, um dem inneren Voranschreiten folgen zu können, käme es zu keinem Zerfall des Gleichgewichtes, und der Tod wäre nicht länger notwendig.
Die Natur hat also, gemäß den Worten von Sri Aurobindo, ein recht radikales Mittel gefunden, um in dem materiellen Bewusstsein das notwendige Streben und die nötige Formbarkeit erwecken zu können.
Es ist offensichtlich, dass das dominanteste Merkmal der Materie die Trägheit ist. Gäbe es diese radikale Gewalt nicht, dann wäre das individuelle Bewusstsein vielleicht so träge, dass es, anstatt sich zu wandeln, lieber in immerwährender Unvollkommenheit leben würde. Das ist möglich. Aber auf jeden Fall sind die Dinge nun einmal so, und für uns, die wir ein bisschen mehr wissen, gibt es nur eine Sache, die getan werden muss: alles in unserer Macht Stehende tun, um dies zu verändern, indem wir die Kraft, das Bewusstsein, die neue Macht rufen, die in der Lage ist, materielle Stofflichkeit mit den Schwingungen zu durchdringen, die sie transformiert, sie flexibel, geschmeidig und fortschrittlich macht.
Natürlich ist das größte Hindernis dabei das Verhaftetsein an den Dingen, so wie sie sind. Aber selbst die Natur in ihrer Gesamtheit meint, dass diejenigen, die das tiefe Wissen haben, zu schnell gehen wollen. Die Natur mag ihre gewundenen Pfade, sie mag ihre aufeinanderfolgenden Versuche, Fehlschläge, frische Anfänge und neue Erfindungen. Sie mag die Phantasie des Pfades, das Unerwartete der Erfahrung. Fast könnte man sagen, dass es umso vergnüglicher für sie ist, je länger es dauert.
Aber irgendwann wird man auch der besten Spiele müde. Es kommt der Moment, wo man sie verändern muss, und man könnte von einem Spiel träumen, in dem es nicht mehr notwendig ist, zu zerstören, um sich entwickeln zu können. Wo nur das Streben nach Entwicklung ausreicht, um neue Mittel und Ausdrucksformen zu finden, wo der élan heiß genug lodert, um Trägheit, Antriebslosigkeit, mangelndes Verständnis, Erschöpfung und Gleichgültigkeit zu überwinden.
Warum fühlt dieser Körper, sobald etwas Fortschritt erzielt wurde, sofort das Bedürfnis sich hinzusetzen? Er ist müde. Er sagt: „Oh, du musst warten. Ich brauche Zeit, um mich auszuruhen.“ Genau das führt ihn zum Tod. Wenn er in sich das brennende Verlangen verspüren würde, immer besser, transparenter, schöner, leuchtender und ewig jung zu werden, könnte man diesem makabren Spaß der Natur entrinnen.
Für sie hat das keine Bedeutung. Sie fühlt das Ganze, sieht die Gesamtheit. Sie sorgt dafür, dass nichts verloren geht, dass nur Unmengen an zahllosen winzigen Elementen ohne jede Bedeutung neu verbunden werden, die alle zurück in den Topf geworfen und gut vermischt werden – und daraus entsteht dann etwas Neues. Aber ein solches Spiel ist nicht für jedermann vergnüglich. Und was, wenn man ein noch gewaltigeres Bewusstsein hätte als sie, noch mächtiger als sie? Warum sollte man dann nicht das Gleiche, aber auf bessere Weise tun?
Vor diesem Problem stehen wir jetzt. Warum sollte man dieses ungeheure Spiel nicht selbst, angesichts des Zuwachses, der neuen Hilfe durch die herabgekommene Kraft, die sich manifestiert und wirkt, in die Hand nehmen und es schöner, harmonischer und wahrhaftiger gestalten?
Vonnöten ist nur ein Gehirn, das ausreichend machtvoll ist, um diese Kraft aufzunehmen und eine mögliche Vorgehensweise zu entwerfen. Es braucht bewusste Wesen, die mächtig genug sind, um die Natur zu überzeugen, dass es auch andere Methoden neben den ihren gibt. Das scheint reiner Irrsinn zu sein, aber alle neuen Dinge scheinen zuerst irrsinnig, bevor sie in die Realität umgesetzt werden.
Die Stunde ist gekommen, diesen Irrsinn Realität werden zu lassen. Und da wir alle hier sind aus Gründen, die vielleicht den meisten unbekannt sind, wobei es sich dennoch um sehr bewusste Gründe handelt, sollen wir uns daran machen, diesen Irrsinn zu erfüllen – zumindest wird es die Erfahrung wert sein!
Worte der Mutter
Der Tod als Tatsache gehört zu allem Leben auf der Erde, aber der Mensch versteht ihn anders, als es die Natur ursprünglich vorgesehen hatte. Im Menschen und in den dem Menschsein nächststehenden Tieren hat die Notwendigkeit des Todes eine besondere Form und Bedeutung in deren Bewusstsein angenommen, aber das unbewusste Wissen in der es unterstützenden, niederen Natur ist das Gefühl der Notwendigkeit von Erneuerung, Wandel und Transformation.
Es waren die Bedingungen der Materie auf der Erde, die den Tod unverzichtbar werden ließen. Der gesamte Sinn der Evolution der Materie ist immer das Wachsen gewesen, von zunächst vollkommener Bewusstlosigkeit hin zu immer stärkerer Bewusstheit. Und in diesem Wachstumsprozess wurde die Auflösung der Form im Lauf der Dinge eine unausweichliche Notwendigkeit. Eine feste Form war notwendig, um dem organisierten, individuellen Bewusstsein einen stabilen Halt zu geben. Aber es ist genau diese Festigkeit der Form, die den Tod zu etwas Unausweichlichem macht. Die Materie musste Form annehmen; die Individualisierung und die konkrete Verkörperung der Lebens- oder Bewusstseinskräfte wären ohne Materie unmöglich gewesen, und ohne diese Kräfte hätte es die Grundbedingungen für eine organisierte Existenz auf der materiellen Ebene nicht gegeben. Allerdings tendiert eine klare und konkrete Formierung dazu, sofort starr und hart zu werden und zu versteinern. Die individuelle Form besteht seither als eine zu stark bindende Gussform. Sie kann nicht den Bewegungen der Kräfte folgen. Sie kann sich nicht im Einklang mit dem fortschreitenden Wandel in der universellen Dynamik verändern. Sie kann nicht dauerhaft die Anforderungen der Natur erfüllen oder mit dieser Schritt halten. Sie kann nicht mit der Strömung fließen. Es kommt der Moment in dieser immer größer werdenden Ungleichheit, in diesem wachsenden Missklang zwischen der Form und der auf sie wirkenden Kraft, in dem die vollkommene Auflösung der Form unausweichlich wird. Eine neue Form muss geschaffen werden. Neuer Einklang und neue Gleichheit müssen wieder möglich werden. Dies ist die wahre Bedeutung des Todes und dessen Nutzen in der Natur. Wenn allerdings die Form schneller und biegsamer werden kann und die Körperzellen dazu gebracht werden können, sich mit dem sich wandelnden Bewusstsein zu verändern, wäre eine drastische Auflösung nicht mehr vonnöten. Der Tod wäre nicht mehr unausweichlich.
Worte der Mutter
Manchmal, wenn die Leute sterben, ist es ihnen klar, dass sie sterben. Warum sagen sie dann zu dem Geist nicht, er solle weggehen?
Ah! Nun, das liegt an den Leuten. Zweierlei ist notwendig. Einmal, dass im Wesen nichts, kein Wesensteil sterben will. Das kommt nicht oft vor. Man hat immer einen Miesmacher in sich, irgendwo: etwas Müdes, etwas Angewidertes, etwas, das genug hat, etwas Träges, etwas, das nicht kämpfen will und sagt: „Ach ja, Schluss damit, das kommt gerade recht!“ Das genügt, und man ist tot.
Und es ist eine Tatsache: Wenn nichts, absolut nichts in uns dem Tod zustimmt, stirbt man nicht. Damit jemand stirbt, willigt er immer eine Sekunde, vielleicht nur eine hundertstel Sekunde lang ein. Gäbe es diese Sekunde der Einwilligung nicht, würde er nicht sterben.
Ich kannte Leute, die nach den physischen und vitalen Gesetzen wirklich hätten sterben müssen, und sie haben es abgelehnt. Sie sagten: „Nein, ich werde nicht sterben“, und sie lebten. Andere hätten überhaupt nicht zu sterben brauchen, aber sie sind so: „Oh, schön! Ja, umso besser, dann ist es vorbei.“ Und es ist vorbei. Ja, nur das, weiter nichts. Es braucht nicht einmal ein hartnäckiger Wunsch zu sein, man muss nur sagen: „Also, ja, mir reicht‘s!“, und es ist vorbei. Es ist also wirklich so. Wie du sagst, man kann den Tod am Sterbebett haben und zu ihm sagen: „Ich will nicht, geh weg!“, und er wird gehen müssen. Doch gibt man meistens nach, weil man kämpfen muss, weil man sehr mutig und ausdauernd sein muss und weil man einen großen Glauben in die Notwendigkeit des Lebens braucht, wie zum Beispiel jemand, der ganz stark fühlt, dass er noch etwas zu tun hat und dass das unbedingt nötig ist. Aber wer hat die Gewissheit, dass in ihm nicht irgendwo ein ganz kleiner Miesmacher sitzt, der eben nachgibt und sagt: „In Ordnung.“?… Daher die Notwendigkeit, dass man eine Einheit wird.
Kapitel 2
Was geschieht nach dem Tod?
Worte Sri Aurobindos
Jedes Mal, wenn die Seele in eine Geburt eintritt, wird ein Mental, Leben und Körper aus den Substanzen der universalen Natur geformt, die der vergangenen Evolution der Seele sowie ihrem Erfordernis für die Zukunft entsprechen.
Sobald der Körper sich auflöst, wandert das Vital zur vitalen Ebene, um dort eine Zeitlang zu bleiben, dann fällt die vitale Hülle ab. Schließlich zieht sich die Seele oder das seelische Wesen in die seelische Welt zurück, um dort zu ruhen, bis eine neue Geburt naht.
Das ist der allgemeine Verlauf für ein normal entwickeltes menschliches Wesen. Es gibt jedoch Abweichungen, die der individuellen Natur und ihrer Entwicklungsstufe entsprechen. So kann zum Beispiel das mentale Wesen, wenn das Mental stark entwickelt ist, bei der Seele bleiben und ebenso das Vital, vorausgesetzt sie sind um das wahre seelische Wesen geordnet und um dieses zentriert – sie teilen dann die Unsterblichkeit der Seele.
Die Seele sammelt die essentiellen Elemente ihrer Erfahrungen im Leben und macht sie zur Grundlage ihres Wachsens in der Evolution. Sobald sie in das Leben zurückkehrt, nimmt sie mit ihren mentalen, vitalen und physischen Hüllen so viel Karma auf, wie sie im neuen Leben zur weiteren Erfahrung braucht.
Es ist eigentlich der vitale Teil des Wesens, für den sraddha und Riten abgehalten werden, und dies geschieht, um dem Wesen zu helfen, sich von den vitalen Schwingungen zu befreien, die es noch an die Erde oder die vitalen Welten binden, so dass es rasch zu seiner Ruhe im seelischen Frieden gelangen kann.
Worte Sri Aurobindos
Nach dem Tode durchwandert man die vitale Welt und lebt dort eine gewisse Zeit. Nur der erste Teil dieses Durchgangs ist möglicherweise gefährlich oder schmerzhaft. Im übrigen Teil arbeitet man in einer bestimmten Umgebung die Reste vitaler Wünsche und Instinkte des Körpers aus. Sobald man ihrer überdrüssig und fähig ist weiterzugehen, wird die vitale Hülle abgestreift, und die Seele tritt nach einer bestimmten Zeit, die nötig ist, sich von einigen mentalen Überresten zu befreien, in einen Zustand der Ruhe in der seelischen Welt ein, wo sie bis zum nächsten Erdenleben bleibt.
Worte der Mutter
Wir haben in uns viele Seinszustände, und jeder Seinszustand hat sein Eigenleben. Dies alles ist in einem einzigen Körper vereinigt, solange man einen Körper hat und durch diesen einen Körper handelt. Dadurch bekommt man dann den Eindruck, das sei eine einzige Person, ein einziges Wesen. Doch sind es viele, und vor allem gibt es Konzentrationen auf verschiedenen Ebenen: Ebenso wie man ein physisches Wesen hat, hat man ein vitales Wesen, hat man ein mentales Wesen, hat man ein seelisches Wesen, hat man viele andere und alle möglichen Zwischenstufen. Doch ist das etwas kompliziert, du kannst es nicht verstehen. Angenommen, du lebst ein Leben voller Begierden, Leidenschaften und Trieben: Dann überwiegt in dir das vitale Wesen. Lebst du aber mit einer spirituellen Bemühung, mit einem starken guten Willen, mit dem Wunsch, Gutes in einer selbstlosen Weise zu tun, und einem Willen zum Fortschritt, dann überwiegt in dir das seelische Wesen. Wenn du nun deinen Körper verlässt, zerstreuen sich alle diese Wesen. Erst wenn man ein sehr fortgeschrittener Yogi und fähig ist, sein Wesen um das göttliche Zentrum zu vereinigen, bleiben diese Wesen miteinander verbunden. War man zu dieser Einung nicht imstande, wird das alles im Augenblick des Todes auseinandergehen: Jedes Wesen kehrt in seinen Bereich zurück. Was zum Beispiel das vitale Wesen betrifft, so werden sich deine verschiedenen Wünsche trennen, und jeder eilt seiner Verwirklichung zu, ganz unabhängig, denn kein physisches Wesen hält sie mehr zusammen. Hast du aber dein Bewusstsein mit dem seelischen Bewusstsein vereint, dann bleibst du dir deines seelisches Wesens bewusst, wenn du stirbst, und das seelische Wesen kehrt in die seelische Welt zurück, die eine Welt der Glückseligkeit, der Freude, des Friedens, der Ruhe und eines wachsenden Wissens ist. Wenn du das dann einen Himmel nennen willst, ist es sehr gut. Denn es ist tatsächlich so: Je stärker du dich mit deinem seelischen Wesen identifizierst, umso bewusster wird es dir und umso enger bist du mit ihm verbunden. Es ist unsterblich, und es geht in seinen Bereich der Unsterblichkeit, um sich an einem Leben oder einer Ruhe vollkommenen Glücks zu erfreuen. Wenn du das als Paradies bezeichnen möchtest, so tue dies. Bist du gut, bist du dir des seelischen Wesens bewusst geworden und lebst du in ihm, nun, dann wirst du, wenn dein Körper stirbt, mit deinem seelischen Wesen in der seelischen Welt im Zustand der Glückseligkeit ausruhen.
Hast du aber im Vital gelebt mit all seinen Trieben, wird jeder Trieb versuchen, sich hier oder dort zu verwirklichen… Der Geizige zum Beispiel, der nur an sein Geld dachte. Wenn er stirbt, setzt sich der Teil seines Vitals, der am Geld interessiert war, dort fest und bleibt dort, um über das Geld zu wachen, damit es keiner nimmt. Die Leute sehen ihn nicht, dennoch ist er da und sehr unglücklich, wenn seinem geliebten Geld etwas zustößt. Eine Dame, mit der ich sehr gut bekannt war, besaß ein gewisses Vermögen und hatte Kinder. Es waren fünf Kinder, eines verschwenderischer als das andere. So sehr sie darauf geachtet hatte, sich ein Vermögen zu schaffen, so sehr schienen sie für dessen Vergeudung zu sorgen. Sie warfen damit um sich. Und als nun diese arme alte Dame starb, suchte sie mich auf und sagte: „Ach, jetzt verschwenden sie mein ganzes Geld!“ Und sie war ganz unglücklich. Ich tröstete sie etwas, hatte aber große Mühe, sie davon abzubringen, ihr Geld zu bewachen, dass es nicht verschwendet würde.
Und wenn du nun ausschließlich in deinem physischen Bewusstsein lebst (das ist schwer, denn du hast ja Gedanken und Gefühle, wenn du jedoch ausschließlich im Physischen lebst), verschwindest du, sobald das Physische verschwindet, es ist aus… Es gibt einen Geist der Form, der noch sieben Tage nach dem Tod weiterbesteht. Die Ärzte erklären einen für tot, aber der Geist deiner Form ist lebendig, und nicht nur lebendig, sondern in den meisten Fällen auch bewusst. Doch das dauert sieben bis acht Tage, danach löst auch er sich auf – ich meine nicht Yogis, ich spreche von gewöhnlichen Menschen. Yogis haben keine Gesetze, da ist es ganz anders. Für sie ist die Welt anders. Ich rede von Durchschnittsmenschen, die ein alltägliches Leben führen. Bei denen ist es so.
Worte der Mutter
Macht das innere Wesen nach dem Tod noch Fortschritte?
Das hängt ganz vom einzelnen Fall ab. Bei jedem ist es anders. Manche Leute – zum Beispiel Schriftsteller, Musiker, Künstler –, Leute, die auf intellektuellen Höhen lebten, haben das Gefühl, sie hätten noch etwas zu erledigen, ihr Unternehmen sei noch nicht beendet, ihr gestecktes Ziel sei noch nicht erreicht – die sind bereit, in der irdischen Atmosphäre zu bleiben, solange sie können, mit dem größtmöglichen Zusammenhalt, und sie versuchen, sich in anderen menschlichen Formen zu manifestieren und Fortschritte zu machen. Ich habe viele solcher Fälle erlebt. Ich erlebte den sehr interessanten Fall eines Musikers, der Pianist war (ein ganz ausgezeichneter). Seine Hände waren ein Wunder an Geschicklichkeit, Exaktheit, Präzision, Kraft, Schnelligkeit der Bewegung, also, es war ganz hervorragend. Dieser Mann starb relativ jung mit dem Gefühl, dass er in seinem musikalischen Ausdruck hätte noch weiterkommen können, wenn er am Leben geblieben wäre. Und seine Sehnsucht war so stark, dass seine feinstofflichen Hände in ihrer Bildung erhalten blieben, ohne sich aufzulösen, und jedes Mal, wenn er jemanden antraf, der etwas passiv und empfänglich und ein guter Musiker war, schlüpften seine Hände in die Hände des Spielenden – die Person, die in diesem Moment spielte, mochte ihre Sache gut machen, aber auf die normal übliche Art, und in diesem Augenblick wurde sie nicht nur eine Virtuosin, sondern eine wunderbare Künstlerin, solange sie spielte. Die Hände des anderen bedienten sich ihrer. Das ist ein mir gut bekanntes Phänomen. Das Gleiche erlebte ich bei einem Maler. Auch bei ihm waren es die Hände. Und das Gleiche bei gewissen Schriftstellern. Bei ihnen war es das Gehirn, das eine ziemlich genaue Form beibehielt und das Gehirn dessen durchdrang, der empfänglich genug war, und ihn plötzlich außerordentliche Sachen schreiben ließ, unendlich viel schöner als alles, was er vorher geschrieben hatte. Ich habe erlebt, wie es jemanden ergriff. Ich erlebte es bei einem Komponisten – nicht bei jemandem, der spielte, sondern der komponierte, wie Beethoven, wie Bach, César Franck (César Franck spielte auch). Musik zu komponieren ist eine äußerst starke zerebrale Tätigkeit. Nun, auch hier nahm das Gehirn eines großen Musikers mit demjenigen Verbindung auf, der gerade dabei war, eine Oper zu schreiben. Er ließ ihn wunderbare Sachen komponieren und ordnete auf dem Papier alle Stimmen und Partien an. Er arbeitete gerade an einer Oper – das ist äußerst kompliziert für die Ausführenden, denn sie müssen in der Musik die Gedankenwelt des Komponisten anklingen lassen. Dieser mir bekannte Mann hatte, als er diese Formation empfing, ein weißes Papier vor sich liegen und machte sich dann ans Schreiben. Und so sah ich ihn Notenzeilen schreiben, dann einige Zahlzeichen, eine große, große Seite voll, und als er unten ankam, war die Orchestrierung der Ouvertüre, zum Beispiel eines bestimmten Aktes, fertig (Orchestrierung bedeutet die Verteilung der Stimmen einer musikalischen Komposition auf die einzelnen Instrumente). Und er führte das lediglich auf dem Papier aus, einfach durch diese wunderbare mentale Macht.
Worte der Mutter
Was die Seele tut, wo sie hingeht? Es kommt ganz darauf an, was sie vor dem Verlassen des Körpers beschlossen hat. Und diese Fähigkeit, um sich herum das Wesen beizubehalten, das im physischen Leben voll organisiert und geeint wurde, wird es ihr tatsächlich erlauben zu wählen, was sie tun will – dies stellt auch einen ganz anderen Bereich von Möglichkeiten dar, nach dem bewussten Übergang von einem Körper in einen anderen, auf dem direkten Weg (Es gibt Fälle, wo eines dieser voll bewussten und voll entwickelten Wesen langsam ein anderes Wesen vorbereitet hat, das fähig ist, es zu empfangen und es zu assimilieren, und um seine materielle Arbeit beim Verlassen eines Körpers nicht aufgeben zu müssen, gesellt es sich gleich zu einem anderen seelischen Wesen, verschmilzt mit ihm, schließt sich ihm in einem anderen physischen Körper an. Das ist der Extremfall, äußerst selten, doch gehört er durchaus auch zum traditionellen okkulten Wissen), bis zu dem Fall, am anderen Ende, wo die Seele nach Beendigung ihrer körperlichen Erfahrung den Wunsch hat, sie in Ruhe zu assimilieren und sich auf eine andere spätere, manchmal sehr viel spätere physische Existenz vorzubereiten. Und dann geschieht unter vielen anderen Möglichkeiten folgendes: Sie lässt in jedem Bereich – im Bereich des Feinstofflichen, im vitalen Bereich, im mentalen Bereich – die entsprechenden Wesen zurück. Sie lässt sie zurück mit einer Art Band zwischen ihnen, aber jedes Wesen behält eine unabhängige Existenz, und sie selbst taucht in den Bezirk, die Realität, die eigentliche Welt des Seelischen ein und kommt in eine beseligende Ruhe der Assimilation, bis sie (lachend), wie es auf diesem Blatt beschrieben ist, all ihre guten Werke assimiliert, all ihre guten Werke verdaut hat und bereit ist, wieder eine neue Erfahrung zu beginnen. Und dann, wenn sie ihre Arbeit gut gemacht hat und wenn ihre Wesensteile oder die Hülle ihres Wesens, die sie in den verschiedenen Bereichen zurückließ, sich dabei richtig verhalten haben, wird sie, wenn sie wieder herabkommt, all diese Teile, die mit ihr in einem vergangenen Leben zusammenlebten, neu anlegen, und mit diesem Reichtum an Wissen und Erfahrung wird sie den Eintritt in einen neuen Körper vorbereiten… Das wird vielleicht nach Hunderten oder Tausenden von Jahren sein, weil in diesen Bereichen alles, was gestaltet ist, nicht mehr zwangsläufig der Verwesung unterworfen ist, die wir hier „Tod“ nennen. Sobald ein vitales Wesen voll harmonisiert ist, wird es unsterblich. Was es auseinanderbricht und auflöst, sind all die inneren Unordnungen und all die Tendenzen der Zerstörung und der Verwesung. Doch wenn es voll harmonisiert und geordnet und sozusagen vergöttlicht ist, wird es unsterblich. Beim Mental ist es dasselbe. Und selbst im Feinstofflichen lösen sich die Wesen, die sich voll entwickelt haben und mit spirituellen Kräften durchtränkt wurden, nach dem Tod nicht notwendigerweise auf. Sie können weiterwirken oder eine heilsame Ruhe in bestimmten Elementen der Natur wie dem Wasser einlegen – meistens in etwas Flüssigem, im Wasser oder im Saft der Bäume –, oder es kann auch, wie es hier beschrieben ist (lachend), in den Wolken sein. Sie können aber auch tätig bleiben und weiterhin auf die materiellsten Elemente der physischen Natur einwirken.