Kapitel 3
Wiedergeburt – Einige Erklärungen
Worte Sri Aurobindos
Du darfst nicht vergessen, dass die Vorstellung einer Wiedergeburt und bestimmter Umstände des neuen Lebens als Belohnung oder Bestrafung von punya [Tugend] oder papa [Sünde] eine unreife, menschliche Vorstellung von „Gerechtigkeit“ ist, ziemlich unphilosophisch, unspirituell und das wahre Ziel des Lebens entstellend. Das Leben auf Erden ist eine Evolution, und die Seele wächst durch Erfahrung, durch ein Ausarbeiten von diesem oder jenem in der menschlichen Natur. Wenn Leiden sich einstellen, dann hat man sie zum Zwecke dieses Ausarbeitens zu erdulden und nicht als ein Urteil, das von Gott oder dem Kosmischen Gesetz verhängt ist über unser Fehlen und Irren, die unvermeidbar sind in der Unwissenheit.
Worte Sri Aurobindos
Die üblichen Theorien sind zu mechanisch, ebenso wie die Vorstellung von punya und papa mit ihren jeweiligen Ergebnissen im nächsten Leben. Die Energien eines vergangenen Lebens zeitigen zwar mit Sicherheit Folgen, doch nicht auf der Grundlage dieses ziemlich kindischen Prinzips. Eines guten Menschen Leiden wären der orthodoxen Theorie zufolge der Beweis, dass er ein großer Schurke in einem vergangenen Leben war, und eines schlechten Menschen Gedeihen wäre der Beweis, dass er ziemlich engelhaft bei seinem letzten Erdenbesuch gewesen sein muss und eine große Saat von Tugenden und verdienstvollen Taten säte, um diese Rekordernte von Glück zu erzielen. Zu symmetrisch, um wahr zu sein! Das Ziel des Geborenwerdens ist Wachstum durch Erfahrung, und die Rückwirkungen vergangener Taten finden deshalb statt, damit das Wesen lerne und wachse, und sind nicht als Lutschbonbons für die braven oder als eine Tracht Prügel für die bösen Kinder der Klasse in der Vergangenheit gedacht. Die tatsächliche Billigung für Gut und Böse ist nicht Glück für den einen und Unglück für den anderen, sondern dass uns das Gute einer höheren Natur entgegenführt, die letztlich über das Leiden erhaben ist, und das Schlechte uns zur niederen Natur hinabzieht, die sich immer im Kreis des Leidens und Bösen bewegt.
Worte Sri Aurobindos
Du sagst, menschliche Beziehungen in einem Leben bestünden im darauffolgenden Leben fort und die Aussichten hierfür hingen von der Intensität der Bindung ab. Das mag stimmen, es ist jedoch kein Gesetz – in der Regel wird die gleiche Beziehung nicht ständig wiederholt. Oft treffen sich die gleichen Menschen in verschiedenen Leben immer wieder auf Erden, ihr Verhältnis zueinander ist jedoch ein anderes. Dem Zweck der Wiedergeburt wäre nicht gedient, wenn sich die gleiche Persönlichkeit mit den gleichen Beziehungen und Erfahrungen unaufhörlich wiederholen würde.
Worte Sri Aurobindos
Meist bewahrt die Seele dieselbe Linie des Geschlechtes. Eine Veränderung des Geschlechtes geht in der Regel von den nichtzentralen Teilen der Persönlichkeit aus.
Worte Sri Aurobindos
Es kann scheinbar rückläufige Bewegungen geben [in der Evolution der Seele], doch sind dies nur Zick-Zack-Bewegungen, kein wirkliches Zurückfallen. Es ist eine Rückkehr zu etwas, das noch nicht verarbeitet ist, damit man dann umso leichter vorwärtsschreiten kann.
Nicht die Seele ist es, die zum Tierzustand zurückkehrt, es ist vielmehr ein Teil der vitalen Persönlichkeit, der sich ablösen und in eine Tiergeburt eintreten kann, um dort seine Tierneigungen auszuarbeiten.
An dem allgemeinen Glauben, dass ein habgieriger Mensch zu einer Schlange wird, ist nichts Wahres. Das ist volkstümlich romantischer Aberglaube.
Worte Sri Aurobindos
Doch die Seele – das seelische Wesen –, wenn sie einmal das menschliche Bewusstsein erreicht hat, kann sich ebensowenig in ein niedrigeres Tierbewusstsein zurückwenden, wie sie in einen Baum oder ein kurzlebiges Insekt zurückkehren kann. Es ist jedoch richtig, dass ein Teil der vitalen Energie oder des geformten instrumentalen Bewusstseins der menschlichen Natur dies kann und auch sehr häufig tut, wenn es von etwas im Erdenleben stark angezogen wird.