Kapitel 1

Allgemeine Vorstellungen zur Wiedergeburt

Worte Sri Aurobindos

Du solltest einen weit verbreiteten Irrtum hinsichtlich der Reinkarnation vermeiden. Die allgemeine Vorstellung ist, dass Titus Balbus als John Smith wiedergeboren wird, als ein Mensch mit der gleichen Persönlichkeit, dem gleichen Charakter und den gleichen Fähigkeiten, die er in einem früheren Leben besaß, mit dem einzigen Unterschied, dass er Mantel und Hosen trägt statt einer Toga und dass er Cockney-Englisch spricht statt des volkstümlichen Lateins. Das ist nicht der Fall. Es hätte nicht den geringsten Sinn, die gleiche Persönlichkeit oder den gleichen Charakter Millionen Male vom Anbeginn der Zeit bis an ihr Ende zu wiederholen. Die Seele tritt um der Erfahrung willen in die Geburt ein, um des Wachstums und der Entwicklung willen, bis sie das Göttliche in die Materie bringen kann. Es ist das zentrale Wesen, das sich inkarniert, nicht die äußere Persönlichkeit – die Persönlichkeit ist lediglich eine Form, die sich das zentrale Wesen in diesem einen Leben für seine Erfahrungen schafft. In einer anderen Geburt wird es sich eine andere Persönlichkeit schaffen, andere Fähigkeiten, ein Leben, das anders verläuft. Angenommen, Virgil würde wiedergeboren, dann könnte er sich durchaus in einem oder zwei weiteren Leben wieder der Poesie zuwenden, doch würde er vermutlich nicht wieder ein Epos schreiben, sondern eher eine leichte, doch elegante und schöne Lyrik, derart, wie er sie in Rom schreiben wollte, aber nicht dazu kam. In einem weiteren Leben würde er vielleicht überhaupt kein Dichter sein, sondern ein Philosoph und Yogi, der die höchste Wahrheit zu erreichen und auszudrücken sucht, denn auch dies war ein unverwirklichter Zug seines Bewusstseins in jenem Leben. Und vielleicht ist er zuvor ein Krieger oder Herrscher gewesen und hatte Taten wie Aeneas oder Augustus vollbracht, die er später dann besungen hat. Und so weiter – auf die eine oder andere Weise entfaltet das zentrale Wesen einen neuen Charakter, eine neue Persönlichkeit, es wächst und entwickelt sich und geht durch alle Arten der Erderfahrung.

In dem Maße, wie das sich entfaltende Wesen weitergeformt und reicher und komplizierter wird, sammelt es gleichsam Persönlichkeiten an. Manchmal verbergen sie sich hinter den aktiven Elementen und bringen etwas Farbe in diese, einen charakteristischen Zug, hie und da eine Fähigkeit, oder aber sie befinden sich im Vordergrund, und es entsteht eine vielschichtige Persönlichkeit, ein vielseitiger Charakter oder ein vielseitiges, ja gleichsam universales Talent. Wenn aber eine frühere Persönlichkeit, eine frühere Fähigkeit voll in Erscheinung tritt, dann nicht deshalb, um das zu wiederholen, was bereits getan wurde, sondern um die gleiche Fähigkeit in neue Formen und Umrisse zu gießen und zu einer neuen Harmonie des Wesens zu verschmelzen, die nicht die Wiederholung dessen sein wird, was vorher war. Daher darfst du nicht erwarten, das zu sein, was der Krieger und Dichter waren. Einige der äußeren kennzeichnenden Eigenschaften mögen wiederkehren, jedoch in sehr veränderter Form und neuer Zusammenstellung. Die Energien werden in eine andere Richtung gelenkt, um das zu vollbringen, was vorher nicht vollbracht wurde.

Noch etwas anderes. Nicht die Persönlichkeit, sondern der Charakter ist bei der Wiedergeburt von vordringlicher Wichtigkeit – das seelische Wesen ist es, das hinter der Evolution der menschlichen Natur steht und sich mit ihr entfaltet. Die Seele, sobald sie sich vom Körper löst und das Mental und Vital auf dem Weg zu ihrem Ruheplatz zurücklässt, bewahrt den Kern der Erfahrungen – nicht die physischen Ereignisse, nicht die vitalen Regungen, nicht den mentalen Aufbau, nicht die Fähigkeiten oder Charaktere, sondern etwas Wesentliches, das sie aus ihnen bezieht, etwas, das man das göttliche Element nennen könnte, um dessentwillen das Übrige bestand. Und das ist die immerwährende Hinzufügung, durch die man dem Göttlichen entgegenwächst. Daher hat man auch meist keine Erinnerung an die äußeren Ereignisse und Umstände des vergangenen Lebens, die zwar in einer Art keimhafter Erinnerung vorhanden sind, gewöhnlich aber nicht in Erscheinung treten – für eine derartige Erinnerung hätte eine kraftvolle Entwicklung auf ein ununterbrochenes Fortbestehen des Mentals, Vitals und selbst des feinen Physischen stattfinden müssen. Das, was das göttliche Element im Großmut des Kriegers war, das, was sich in seiner Treue, in seinem Adel, seinem Edelmut zeigte, das, was das göttliche Element in der harmonischen Geistigkeit und weitherzigen Vitalität des Dichters war und das sich in ihnen ausdrückte, wird erhalten bleiben und in einer neuen Harmonie des Charakters einen neuen Ausdruck finden, oder aber es wird, wenn sich das Leben dem Göttlichen zuwendet, als eine Fähigkeit für die Verwirklichung oder die Arbeit, die für das Göttliche zu geschehen hat, in Erscheinung treten.

Worte der Mutter

Dann gibt es Leute, die einiges gelernt haben, die mehr oder weniger Okkultisten sind oder die auf eine kindische Weise an die Wiedergeburt glauben – dass nämlich einfach eine kleine Person ein physisches Kleid angelegt hat, einen Körper, und fällt das Kleid ab, dann wird ein anderes genommen und wieder ein anderes … wie eine Puppe, die man umzieht. Für sie ist es so: Man wechselt den Körper, wie man ein Stoffkleid wechselt. Es gibt sogar welche, die allen Ernstes Bücher geschrieben haben, um uns alle ihre Leben, vom Affen an, zu erzählen! Das ist absolute Kinderei! Denn in 999 Fällen von tausend ist es lediglich die winzige seelische Formation im Zentrum des Wesens, die den Tod überdauert. Alles Übrige löst sich auf, zerfällt hier und dort in kleine Stücke, die Individualität besteht nicht weiter. Wie viele Male kommt es denn in einem Leben vor, dass das seelische Wesen bewusst an dem teilhat, was das physische Wesen tut? … Ich spreche nicht von jenen, die Yoga praktizieren und etwas diszipliniert sind, ich spreche von Durchschnittsmenschen, die ein seelisches Vermögen haben, deren seelisches Wesen also bereits genügend geformt ist, um ins Leben eingreifen und es leiten zu können – manche verbringen Jahre und Jahre ohne ein seelisches Eingreifen. Und dann kommen sie und erzählen einem, in welchem Land sie (in früheren Leben) geboren wurden, wie ihre Eltern waren und das Haus, wo sie wohnten, das Kirchturmdach und das Wäldchen daneben sowie sämtliche kleinen Ereignisse ihres Daseins! Das ist Blödsinn, weil solche Dinge alle ausgelöscht sind und gar nicht mehr existieren. Eine Erinnerung dagegen, wie man sie haben kann, geht auf einen bestimmten Augenblick zurück, auf besondere Umstände – es handelt sich da gewissermaßen um lebenswichtige Momente –, wo plötzlich auf einen inneren Ruf hin oder durch eine unbedingte Notwendigkeit das Seelische teilnimmt, wo es auf einmal eingreift: Und das gräbt sich dann in das seelische Gedächtnis ein. Hast du das seelische Gedächtnis, so hast du die Erinnerung an eine Gesamtheit von Umständen eines Augenblicks im Leben, besonders vom inneren Gefühl, vom Bewusstsein jenes bestimmten Augenblicks. So geht das dann ins Bewusstsein über, vielleicht zusammen mit einigen Beziehungen, mit all dem, was dich damals umgab, möglicherweise mit einem gesprochenen Wort, einem gehörten Satz. Am wichtigsten jedoch ist der Seelenzustand, in dem man sich befand: Dieser bleibt ganz klar eingeprägt. Das sind die Anhaltspunkte des seelischen Lebens, die Dinge, die einen tiefen Eindruck hinterlassen haben und an dessen Gestaltung beteiligt waren. Und wenn du dann dein Seelisches beständig, bleibend und klar wiederfindest, erinnerst du dich an Dinge von dieser Art. Es kann davon eine Anzahl geben, doch sind sie wie Blitze in einem Dasein, und man kann nicht sagen: „Ich war diese oder jene Persönlichkeit, ich hieß so und so, ich tat dies und das und so weiter.“ Oder es bedeutet, dass in einem solchen Augenblick (was selten der Fall ist) genügend Umstände herrschten, um Ort und Zeitpunkt in einem bestimmten Land und einer Epoche erkennen zu lassen. Das kann vorkommen.

Natürlich nimmt das Seelische immer mehr teil, und die Gesamtheit der Erinnerungen nimmt zu. Dann erst kann man ein Dasein nachbilden, wenn auch nicht in allen Einzelheiten. Man kann sagen, dass man zu bestimmten Zeitpunkten „so war“, oder „es war so“. Zeitpunkte, ja, entscheidende Augenblicke des Daseins… Dazu ist ein Wesen nötig, das sich gänzlich mit der Seele identifiziert, das sein ganzes Dasein um sie herum angeordnet, das sein ganzes Sein geeint hat – alle Teile, alle Elemente, alle Neigungen des Wesens um das seelische Zentrum herum –, das also aus sich ein einheitliches und einzig dem Göttlichen zugewendetes Wesen gemacht hat: Wenn dann der Körper abfällt, bleibt das bestehen. Es ist ein bewusstes, völlig geformtes Wesen, das sich in einem anderen Leben genau erinnern kann, was ihm geschehen ist. Es kann sogar bewusst von einem Leben in ein anderes übergehen, ohne etwas von seinem Bewusstsein zu verlieren. Wie viele Menschen gibt es auf der Erde, die diesen Zustand erreicht haben?… Wohl nicht viele. Und für gewöhnlich haben sie nicht die geringste Lust, ihre Abenteuer zu erzählen.

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