Kapitel 2
Der Prozess der Wiedergeburt
Worte der Mutter
Nehmen wir einen göttlichen Funken, der durch Anziehung, Affinität und Auswahl einen Anfang von seelischem Bewusstsein um sich ansammelt (diese Arbeit ist schon in den Tieren gut zu erkennen – glaube nicht, du wärst ein außergewöhnliches Geschöpf, du allein hättest ein seelisches Wesen und die ganze übrige Schöpfung nicht! Das beginnt im Mineral, in der Pflanze ist es ein wenig weiter entwickelt, und bei den Tieren gibt es einen ersten Schimmer seelischer Gegenwart). Dann kommt eine Zeit, wo dies seelische Wesen genügend entwickelt ist, um ein unabhängiges Bewusstsein und einen persönlichen Willen zu besitzen. Nachdem es unzählige mehr oder weniger individualisierte Leben hinter sich hat, wird es sich seiner selbst bewusst, seiner Bewegungen und der Umwelt, die es für seine Entwicklung gewählt hat. Erreicht es einen gewissen Stand der Wahrnehmung, so bestimmt es – gewöhnlich in der letzten Minute des Lebens, das es gerade auf der Erde geführt hat – die Bedingungen, unter denen es sein nächstes Leben verbringen wird. Hier muss ich dir nun etwas ganz Wichtiges sagen: Das seelische Wesen kann sich nur im physischen Leben und auf der Erde bilden und Fortschritte machen. Sobald es einen Körper verlässt, geht es in eine Ruhe ein, die je nach seiner eigenen Wahl und dem Grad seiner Entwicklung mehr oder weniger lange dauert – eine Ruhe des Verarbeitens, des passiven Fortschritts sozusagen, eine Ruhe passiven Wachstums, das diesem seelischen Wesen erlauben wird, zu neuen Erfahrungen weiterzugehen und aktivere Fortschritte zu machen. Doch wenn es ein Dasein beendet hat (was gewöhnlich erst geschieht, wenn getan ist, was es tun wollte), hat es bereits die Umwelt und den ungefähren Ort auf der Erde, die Bedingungen und die Art des Lebens gewählt, in das es geboren werden will, sowie ein genaues Programm der Erfahrungen, durch die es gehen muss, um den gewünschten Fortschritt machen zu können.
Worte der Mutter
Wenn das seelische Wesen in die Welt kommt, wählt es die Form im Voraus, die es annehmen will?
Das ist eine interessante Frage. Es kommt darauf an. Wie ich vorhin sagte, gibt es seelische Wesen, die im Werden und im Fortschreiten begriffen sind. Diese können ganz am Anfang meist nicht viel entscheiden, wenn sie aber auf einer bestimmten Entwicklungs- und Bewusstseinsstufe angelangt sind (meistens, wenn sie sich noch in einem physischen Körper befinden und die Summe ihrer Erfahrungen ein bestimmtes Maß erreicht hat), dann entscheiden sie, welches der Bereich ihrer nächsten Erfahrung sein soll.
Ich kann dir Beispiele eher äußerlicher Art nennen. Ein seelisches Wesen hatte zum Beispiel das Bedürfnis, die Erfahrung von Autorität, von Macht zu machen, um zu wissen, welche Reaktionen es gibt und wie man alle diese Regungen zum Göttlichen hinwenden kann: zu lernen, was einen ein Leben der Macht lehren kann. Es verkörperte sich in einem König oder einer Königin, erfreute sich einer gewissen Macht, und während dieser Zeit machte es seine Erfahrungen und gelangte an die Grenze seines Erfahrungsbereiches. Nun weiß es, was es wissen wollte, und geht wieder weg. Es verlässt seinen nutzlos gewordenen Körper und bereitet sich auf die nächste Erfahrung vor. Zu diesem Zeitpunkt also, wenn das seelische Wesen noch in diesem Körper weilt und wahrgenommen hat, was es lernte, trifft es seine Entscheidung für das nächste Mal. Und gelegentlich sind das Bewegungen von Wirkung und Gegenwirkung: Da es einen ganzen Bereich untersucht hat, empfindet es das Bedürfnis, den entgegengesetzten Bereich zu untersuchen. Und sehr oft wählt es ein Leben, das gerade das Gegenteil des eben vergangenen ist. So sagt es, bevor es weggeht: „Nächstes Mal nehme ich in jenem Bereich Geburt an.“ Nimm zum Beispiel an, das seelische Wesen hätte einen solchen Stand der Entwicklung erreicht, dass es gern die Chance hätte, am physischen Körper arbeiten zu können, um ihn zu befähigen, bewusst mit dem Göttlichen in Verbindung zu treten, und um ihn zu transformieren. Es verlässt also diesen Körper, in dem es Macht, Autorität, Wirkungsmöglichkeit hatte, diesen Körper, den es für seine Entwicklung benutzte. Es sagt sich: „Das nächste Mal werde ich in einem neutralen Milieu Geburt annehmen, weder niedrig noch hoch, dort, wo es nicht nötig ist (wie soll man sagen?), ein sehr nach außen gewandtes Leben zu führen, wo man weder große Macht hat noch in großem Elend lebt.“ – einfach ganz neutral, weißt du, ein Leben so in der Mitte. Das wählt es. Es begibt sich wieder in seine seelische Welt zurück zur notwendigen Ruhe und um die gelebte Erfahrung zu assimilieren und die künftige Erfahrung vorzubereiten. Selbstverständlich erinnert es sich an seine Entscheidung, und bevor es wieder hinabsteigt, wenn die Assimilation beendet und die Zeit gekommen ist, wieder auf die Erde hinunterzugehen, kann es von diesem Bereich die materiellen Dinge nicht so wahrnehmen wie wir: Sie erscheinen ihm in anderer Form. Trotzdem sind aber diese Unterschiede vorhersehbar – die Unterschiede des Milieus, die Unterschiede der Tätigkeit in diesem Milieu sind klar erkennbar, gut wahrnehmbar. Ihm ist eine Gesamtschau oder globales Sehen möglich. Es kann wählen. Manchmal wählt es das Land: Will es eine bestimmte Art von Erziehung, Kultur und Einfluss, kann es sein Land im Voraus wählen. Manchmal auch nicht, manchmal wählt es nur sein Milieu und das Leben aus, das es führen will. Und dann, bevor es herabkommt, schaut es nach der Art der Schwingung aus, die es möchte, es erkennt sie ganz klar. Und es ist, als ob es die Stelle anvisierte, auf die es fallen wird. Aber es ist eine Annäherung, denn noch eine andere Voraussetzung ist notwendig: nicht nur seine Entscheidung, sondern eine Empfänglichkeit von unten und eine Aspiration. In dem gewählten Milieu muss jemand leben – meistens ist es die Mutter (manchmal beide Elternteile, aber am unentbehrlichsten ist die Mutter) –, jemand mit einer Aspiration oder Empfänglichkeit, genügend passiv und offen oder aber mit einer bewussten Aspiration nach etwas Höherem. Und dadurch wird für das seelische Wesen ein kleines Licht angezündet. In dieser formlosen Masse, wie sich ihm sein gewünschtes Geburtsmilieu darstellt, wenn da unter dem Einfluss seiner Willensprojektion ein kleines Licht aufleuchtet, weiß das seelische Wesen, dass es dort hingehen soll.
Das ist notwendig, es ist der Grund für die Unterschiede in den Monaten oder vielleicht auch den Tagen, nicht so sehr der Jahre. Nun, dadurch entsteht Ungewissheit, was dazu führt, dass es nicht im Voraus genau sagen kann: „An diesem Datum, an diesem Tag, in diesem Augenblick werde ich geboren.“ Es muss jemanden mit Aufnahmebereitschaft finden. Sobald es diesen findet, stürzt es sich hinunter. Doch was geschieht, ist fast so etwas wie ein Bild: Es gibt den Sachverhalt nicht genau wieder, hat aber sehr viel Ähnlichkeit. Das seelische Wesen stürzt sich in eine Unbewusstheit, denn die physische Welt, auch das menschliche Bewusstsein, welcher Art auch immer, ist im Vergleich zum seelischen Bewusstsein sehr unbewusst. Und es stürzt sich in eine Unbewusstheit. Es ist so, als falle es auf den Kopf. Das betäubt es. Und dann – abgesehen von einigen ganz ganz seltenen Ausnahmen – weiß es meistens lange Zeit nichts. Es weiß nicht mehr, wo es ist, was es tut, warum es da ist, nichts. Und es hat große Schwierigkeiten, sich auszudrücken, vor allem in einem kleinen Baby, das keinen Verstand hat. Es ist nur ein Embryo von Gehirn, das kaum geformt und ohne die nötigen Elemente ist, um sich kundzutun. Es ist also ganz selten, dass das Kind sofort zum Ausdruck bringt, dass es ein außergewöhnliches Wesen enthält… Das kommt vor. Es sind Dinge, von denen wir gehört haben. Es kommt vor, aber meistens dauert es eine gewisse Zeit. Nur langsam erwacht es aus seiner Benommenheit und wird sich darüber klar, dass es aus einem ganz bestimmten Grund und infolge einer Entscheidung da ist. Und meistens fällt das mit der intensiven mentalen Erziehung zusammen, die einem das seelische Bewusstsein vollkommen verschließt. Eine Menge Umstände, Ereignisse aller Art, Gemütsbewegungen, alles mögliche ist nötig, um die inneren Pforten zu öffnen, damit man wieder anfängt, sich daran zu erinnern, dass man eigentlich aus einer anderen Welt gekommen ist und aus einem ganz bestimmten Grund kam.
Sonst, wenn sich alles normal abspielen würde, könnte es sehr schnell eine Verbindung herstellen, sehr schnell. Wenn es das Glück hätte, jemand mit ein klein wenig Wissen um sich zu haben, und wenn es, statt in eine Welt der Unwissenheit zu fallen, auf ein klein wenig Wissen stoßen würde, wäre die Verbindung sehr schnell hergestellt.
Aber der seelische Wille und die seelische Entwicklung entziehen sich vollständig allen allgemein üblichen Begriffen von Gerechtigkeit, von Belohnung und Strafe, wie die Menschen sie verstehen. Gewisse Religionen, gewisse Philosophien erzählen einem alle möglichen Geschichten, die ganz einfach die menschlichen Gerechtigkeitsbegriffe auf die unsichtbare Welt anwenden. Das ist dummes Zeug. Denn so ist es überhaupt nicht. Der Begriff von Belohnung und Strafe, so wie der Mensch ihn versteht, ist eine Absurdität. Das lässt sich überhaupt nicht auf die inneren Wirklichkeiten anwenden. Und tritt man dann erst einmal in die wahre spirituelle Welt ein, wird das wahrhaftig zur Torheit. Denn es ist nicht so.
Viele Leute suchen mich auf: „Was habe ich denn in einem früheren Leben getan, dass ich jetzt in so schwierigen Verhältnissen lebe, dass mir so viel Unglück zustößt?“ Und meistens bleibt mir nichts übrig, als ihnen zu sagen: „Sehen Sie denn nicht, dass das ein Segen ist, der auf Ihnen liegt, eine Gnade! Und dass Sie vielleicht in einem früheren Leben gewünscht haben, dass es so ist, damit Sie einen größeren Fortschritt machen können…“ Es sind ganz geläufige Gedanken: „Ach, ich bin krank. Ach, mein Körper ist in schlechtem Zustand, was habe ich getan? Welches Verbrechen habe ich in einem anderen Leben begangen, dass ich in diesem…“ Das sind Kindereien.
Worte der Mutter
Kann ein seelisches Wesen in zwei Körpern wiedergeboren werden?
Das ist nicht ganz so einfach… Das seelische Wesen ist das Ergebnis der Evolution, das heißt des göttlichen Bewusstseins, das sich in der Materie ausbreitete und nach und nach die Materie anhob und sie wachsen ließ, damit sie zum Göttlichen zurückkehren konnte. Das seelische Wesen wurde durch dieses göttliche Zentrum allmählich geformt, durch alle Geburten hindurch. Es kommt der Augenblick, wo es eine gewisse Vollendung erreicht, die Vollendung seines Wachstums und seiner Formung. Und da es nach Verwirklichung, nach einer größeren Vollkommenheit strebt, um das Göttliche besser zu manifestieren, zieht es sehr häufig ein Wesen der Involution an, nämlich eine der Wesenheiten, die zum Obermental gehören, wie Sri Aurobindo es nannte, und diese Wesenheit verkörpert sich dann in diesem seelischen Wesen. Das kann eine dieser Wesenheiten sein, die die Menschen im allgemeinen Götter nennen, Gottheiten irgendwelcher Art. Und wenn diese Verschmelzung stattfindet, wird das seelische Wesen natürlich erhoben und hat an der Natur dieses Wesens teil, das sich in ihm verkörpert. Und nun hat es die Macht, Emanationen auszusenden. Diese Wesen haben die Fähigkeit der Emanation, das heißt, sie lassen einen Teil ihrer selbst aus sich hervorströmen, der dann unabhängig wird und sich in anderen Wesen einkörpert. So können nicht nur zwei, sondern drei, vier, fünf Emanationen entstehen. Es kommt auf den einzelnen Fall an, es kann so ablaufen. Mit anderen Worten, sie können denselben Ursprung haben, einen psychisch-göttlichen, so könnten wir sagen. Und wenn zahlreiche Emanationen erfolgen, fühlen die verschiedenen Personen meistens mit vollem Recht, dass sie das sind, weil sie selbst etwas von dieser Göttlichkeit in sich tragen – es ist gleichsam ein Teil ihrer selbst, der aus ihnen hervorströmte und in einem anderen Wesen selbständig wurde. Das ist keine Selbst-Verdopplung, es ist eine Art Projektion aus sich heraus. (Sich an das Kind wendend, das die Frage gestellt hatte:) Bei einer Verdopplung hat man die Vorstellung, dass die Hälften etwas von ihrer Fähigkeit verloren haben: Wenn du deinen Körper in zwei Teile schneidest, bleibt dir nur die Hälfte. Wenn du aber die Fähigkeit hast, etwas aus dir hervortreten zu lassen, bleibst du ganz, so wie du bist, und gleichzeitig ist da eine andere Tara, die in einer anderen Person ist…