Kapitel 1
Warum gibt es den Tod?
Worte der Mutter
„Der Tod ist die Frage, welche die Natur ständig dem Leben stellt und es daran erinnert, dass es sich selbst noch nicht gefunden hat. Gäbe es die Belagerung durch den Tod nicht, wäre das Geschöpf auf ewig in die Form eines unvollkommenen Lebens gebannt. Weil es vom Tode verfolgt wird, wird es sich der Vorstellung eines vollkommenen Lebens bewusst und beginnt, dessen Mittel und Möglichkeiten auszuloten.“ (Sri Aurobindo, Thoughts and Glimpses, SABCL, Vol. 16, p. 386)
Diese Frage hat sich jeder nur halbwegs bewusste Mensch mindestens einmal im Leben gestellt. In den Tiefen seines Wesens besteht ein so starkes Verlangen, das Leben zu erhalten, es zu verlängern und weiterzuentwickeln, dass in dem Moment, wo man zum ersten Mal mit dem Tod in Berührung kommt – das kann eher zufällig sein, ist aber zweifelsohne unausweichlich –, es eine Art Zurückschaudern im Inneren des Wesens gibt.
Bei sensiblen Menschen erzeugt es Entsetzen, bei anderen Entrüstung. Es besteht eine Tendenz, sich zu fragen: „Was ist das für eine fürchterliche Farce, in der wir mitspielen, ohne es zu wollen oder sie zu verstehen? Warum werden wir überhaupt geboren, wenn es doch nur um zu sterben ist? Warum all die Anstrengung, uns zu entwickeln, fortzuschreiten und unsere Fähigkeiten zu entfalten, wenn am traurigen Ende nur Niedergang und Zerfall warten?…“ Manche Menschen fühlen in sich Auflehnung, andere, weniger starke spüren Verzweiflung, und immer wieder läuft es auf die Feststellung hinaus: „Wenn es einen bewussten Willen hinter all dem gibt, dann scheint er einem abscheulichen Ungeheuer zu gehören.“
Aber hier sagt uns Sri Aurobindo, dass dies ein unverzichtbares Mittel war, um im Bewusstsein der Materie das Verlangen nach Vollkommenheit und die Notwendigkeit von Fortschritt zu erwecken. Ohne diese Katastrophe wären alle Wesen mit ihren Lebensumständen zufrieden gewesen – vielleicht… Das ist nicht sicher.
Aber gut, wir müssen die Dinge so hinnehmen, wie sie sind, und uns sagen, dass wir einen Ausweg aus all dem finden müssen.
Auf jeden Fall befindet sich alles in einem Zustand immerwährender, fortschreitender Entwicklung, das heißt die gesamte Schöpfung, das ganze Universum bewegen sich auf eine Vollkommenheit hin, die zurückzuweichen scheint, wenn man sich ihr annähert, denn was zu einem Zeitpunkt vollkommen erscheint, ist es nach einer gewissen Zeit nicht mehr. Die subtilsten Seinszustände im Bewusstsein folgen dieser sich stetig vollziehenden Aufwärtsentwicklung, und je höher man auf der Skala steigt, desto stärker ähnelt der Rhythmus des Voranschreitens dem Rhythmus der universalen Entwicklung und nähert sich dem Rhythmus der göttlichen Entwicklung an. Aber die materielle Welt ist naturgemäß starr und fest, die Transformation ist dort langsam, sehr langsam, und für das menschliche Zeitempfinden fast nicht mess- und nachvollziehbar. Deshalb besteht ein ständiges Ungleichgewicht zwischen der inneren und der äußeren Bewegung, und dieses fehlende Gleichgewicht, diese Unfähigkeit der äußeren Formen, der Bewegung des inneren Fortschritts zu folgen, führt die Notwendigkeit des Zerfalls und des Formenwandels herbei. Wenn man aber der Materie genügend Bewusstsein einflößen könnte, um den gleichen Rhythmus erreichen zu können, wenn die Materie formbar genug werden könnte, um dem inneren Voranschreiten folgen zu können, käme es zu keinem Zerfall des Gleichgewichtes, und der Tod wäre nicht länger notwendig.
Die Natur hat also, gemäß den Worten von Sri Aurobindo, ein recht radikales Mittel gefunden, um in dem materiellen Bewusstsein das notwendige Streben und die nötige Formbarkeit erwecken zu können.
Es ist offensichtlich, dass das dominanteste Merkmal der Materie die Trägheit ist. Gäbe es diese radikale Gewalt nicht, dann wäre das individuelle Bewusstsein vielleicht so träge, dass es, anstatt sich zu wandeln, lieber in immerwährender Unvollkommenheit leben würde. Das ist möglich. Aber auf jeden Fall sind die Dinge nun einmal so, und für uns, die wir ein bisschen mehr wissen, gibt es nur eine Sache, die getan werden muss: alles in unserer Macht Stehende tun, um dies zu verändern, indem wir die Kraft, das Bewusstsein, die neue Macht rufen, die in der Lage ist, materielle Stofflichkeit mit den Schwingungen zu durchdringen, die sie transformiert, sie flexibel, geschmeidig und fortschrittlich macht.
Natürlich ist das größte Hindernis dabei das Verhaftetsein an den Dingen, so wie sie sind. Aber selbst die Natur in ihrer Gesamtheit meint, dass diejenigen, die das tiefe Wissen haben, zu schnell gehen wollen. Die Natur mag ihre gewundenen Pfade, sie mag ihre aufeinanderfolgenden Versuche, Fehlschläge, frische Anfänge und neue Erfindungen. Sie mag die Phantasie des Pfades, das Unerwartete der Erfahrung. Fast könnte man sagen, dass es umso vergnüglicher für sie ist, je länger es dauert.
Aber irgendwann wird man auch der besten Spiele müde. Es kommt der Moment, wo man sie verändern muss, und man könnte von einem Spiel träumen, in dem es nicht mehr notwendig ist, zu zerstören, um sich entwickeln zu können. Wo nur das Streben nach Entwicklung ausreicht, um neue Mittel und Ausdrucksformen zu finden, wo der élan heiß genug lodert, um Trägheit, Antriebslosigkeit, mangelndes Verständnis, Erschöpfung und Gleichgültigkeit zu überwinden.
Warum fühlt dieser Körper, sobald etwas Fortschritt erzielt wurde, sofort das Bedürfnis sich hinzusetzen? Er ist müde. Er sagt: „Oh, du musst warten. Ich brauche Zeit, um mich auszuruhen.“ Genau das führt ihn zum Tod. Wenn er in sich das brennende Verlangen verspüren würde, immer besser, transparenter, schöner, leuchtender und ewig jung zu werden, könnte man diesem makabren Spaß der Natur entrinnen.
Für sie hat das keine Bedeutung. Sie fühlt das Ganze, sieht die Gesamtheit. Sie sorgt dafür, dass nichts verloren geht, dass nur Unmengen an zahllosen winzigen Elementen ohne jede Bedeutung neu verbunden werden, die alle zurück in den Topf geworfen und gut vermischt werden – und daraus entsteht dann etwas Neues. Aber ein solches Spiel ist nicht für jedermann vergnüglich. Und was, wenn man ein noch gewaltigeres Bewusstsein hätte als sie, noch mächtiger als sie? Warum sollte man dann nicht das Gleiche, aber auf bessere Weise tun?
Vor diesem Problem stehen wir jetzt. Warum sollte man dieses ungeheure Spiel nicht selbst, angesichts des Zuwachses, der neuen Hilfe durch die herabgekommene Kraft, die sich manifestiert und wirkt, in die Hand nehmen und es schöner, harmonischer und wahrhaftiger gestalten?
Vonnöten ist nur ein Gehirn, das ausreichend machtvoll ist, um diese Kraft aufzunehmen und eine mögliche Vorgehensweise zu entwerfen. Es braucht bewusste Wesen, die mächtig genug sind, um die Natur zu überzeugen, dass es auch andere Methoden neben den ihren gibt. Das scheint reiner Irrsinn zu sein, aber alle neuen Dinge scheinen zuerst irrsinnig, bevor sie in die Realität umgesetzt werden.
Die Stunde ist gekommen, diesen Irrsinn Realität werden zu lassen. Und da wir alle hier sind aus Gründen, die vielleicht den meisten unbekannt sind, wobei es sich dennoch um sehr bewusste Gründe handelt, sollen wir uns daran machen, diesen Irrsinn zu erfüllen – zumindest wird es die Erfahrung wert sein!
Worte der Mutter
Der Tod als Tatsache gehört zu allem Leben auf der Erde, aber der Mensch versteht ihn anders, als es die Natur ursprünglich vorgesehen hatte. Im Menschen und in den dem Menschsein nächststehenden Tieren hat die Notwendigkeit des Todes eine besondere Form und Bedeutung in deren Bewusstsein angenommen, aber das unbewusste Wissen in der es unterstützenden, niederen Natur ist das Gefühl der Notwendigkeit von Erneuerung, Wandel und Transformation.
Es waren die Bedingungen der Materie auf der Erde, die den Tod unverzichtbar werden ließen. Der gesamte Sinn der Evolution der Materie ist immer das Wachsen gewesen, von zunächst vollkommener Bewusstlosigkeit hin zu immer stärkerer Bewusstheit. Und in diesem Wachstumsprozess wurde die Auflösung der Form im Lauf der Dinge eine unausweichliche Notwendigkeit. Eine feste Form war notwendig, um dem organisierten, individuellen Bewusstsein einen stabilen Halt zu geben. Aber es ist genau diese Festigkeit der Form, die den Tod zu etwas Unausweichlichem macht. Die Materie musste Form annehmen; die Individualisierung und die konkrete Verkörperung der Lebens- oder Bewusstseinskräfte wären ohne Materie unmöglich gewesen, und ohne diese Kräfte hätte es die Grundbedingungen für eine organisierte Existenz auf der materiellen Ebene nicht gegeben. Allerdings tendiert eine klare und konkrete Formierung dazu, sofort starr und hart zu werden und zu versteinern. Die individuelle Form besteht seither als eine zu stark bindende Gussform. Sie kann nicht den Bewegungen der Kräfte folgen. Sie kann sich nicht im Einklang mit dem fortschreitenden Wandel in der universellen Dynamik verändern. Sie kann nicht dauerhaft die Anforderungen der Natur erfüllen oder mit dieser Schritt halten. Sie kann nicht mit der Strömung fließen. Es kommt der Moment in dieser immer größer werdenden Ungleichheit, in diesem wachsenden Missklang zwischen der Form und der auf sie wirkenden Kraft, in dem die vollkommene Auflösung der Form unausweichlich wird. Eine neue Form muss geschaffen werden. Neuer Einklang und neue Gleichheit müssen wieder möglich werden. Dies ist die wahre Bedeutung des Todes und dessen Nutzen in der Natur. Wenn allerdings die Form schneller und biegsamer werden kann und die Körperzellen dazu gebracht werden können, sich mit dem sich wandelnden Bewusstsein zu verändern, wäre eine drastische Auflösung nicht mehr vonnöten. Der Tod wäre nicht mehr unausweichlich.
Worte der Mutter
Manchmal, wenn die Leute sterben, ist es ihnen klar, dass sie sterben. Warum sagen sie dann zu dem Geist nicht, er solle weggehen?
Ah! Nun, das liegt an den Leuten. Zweierlei ist notwendig. Einmal, dass im Wesen nichts, kein Wesensteil sterben will. Das kommt nicht oft vor. Man hat immer einen Miesmacher in sich, irgendwo: etwas Müdes, etwas Angewidertes, etwas, das genug hat, etwas Träges, etwas, das nicht kämpfen will und sagt: „Ach ja, Schluss damit, das kommt gerade recht!“ Das genügt, und man ist tot.
Und es ist eine Tatsache: Wenn nichts, absolut nichts in uns dem Tod zustimmt, stirbt man nicht. Damit jemand stirbt, willigt er immer eine Sekunde, vielleicht nur eine hundertstel Sekunde lang ein. Gäbe es diese Sekunde der Einwilligung nicht, würde er nicht sterben.
Ich kannte Leute, die nach den physischen und vitalen Gesetzen wirklich hätten sterben müssen, und sie haben es abgelehnt. Sie sagten: „Nein, ich werde nicht sterben“, und sie lebten. Andere hätten überhaupt nicht zu sterben brauchen, aber sie sind so: „Oh, schön! Ja, umso besser, dann ist es vorbei.“ Und es ist vorbei. Ja, nur das, weiter nichts. Es braucht nicht einmal ein hartnäckiger Wunsch zu sein, man muss nur sagen: „Also, ja, mir reicht‘s!“, und es ist vorbei. Es ist also wirklich so. Wie du sagst, man kann den Tod am Sterbebett haben und zu ihm sagen: „Ich will nicht, geh weg!“, und er wird gehen müssen. Doch gibt man meistens nach, weil man kämpfen muss, weil man sehr mutig und ausdauernd sein muss und weil man einen großen Glauben in die Notwendigkeit des Lebens braucht, wie zum Beispiel jemand, der ganz stark fühlt, dass er noch etwas zu tun hat und dass das unbedingt nötig ist. Aber wer hat die Gewissheit, dass in ihm nicht irgendwo ein ganz kleiner Miesmacher sitzt, der eben nachgibt und sagt: „In Ordnung.“?… Daher die Notwendigkeit, dass man eine Einheit wird.