Kapitel 5
Das Wachstum des Bewusstseins
Worte der Mutter
Der Weg zu einem vollkommenen Bewusstsein besteht darin, dein jetziges Bewusstsein wachsen zu lassen, indem du es aus seinen Gleisen und Grenzen heraushebst, es erziehst oder dem Göttlichen Licht öffnest, damit das Göttliche Licht in ihm voll und frei wirken kann. Doch das Licht kann sein Werk erst dann ganz und unbehindert tun, wenn du dich aller Begierde und aller Angst entledigt hast und im Mental ohne Vorurteile, im Vital ohne Vorliebe, im Physischen ohne Furcht und Anziehung bist, die dich trüben und festhalten können.
Kapitel 6
Das Finden des wahren Bewusstseins
Worte der Mutter
Es braucht eine Aspiration, die im Wesen brennt, ein dauerndes Feuer, und jedes Mal, wenn du ein Begehren, eine Vorliebe, eine Anziehung verspürst, muss man sie in dieses Feuer werfen. Tust du das beharrlich, siehst du in deinem gewöhnlichen Bewusstsein einen Schimmer wahren Bewusstseins erwachen. Zunächst wird es undeutlich sein, weit hinter all dem Geräusch der Begierden, Vorlieben, Anziehungen und Neigungen. Doch muss man durch das alles hindurch und dies wahre Bewusstsein finden, das so ruhig, so gelassen, ja fast verschwiegen ist.
Jene, die mit dem wahren Bewusstsein in Fühlung stehen, sehen alle Möglichkeiten zugleich und vermögen notfalls auch die ungünstigste zu wählen. Doch um dahin zu gelangen, muss man einen langen Weg durchlaufen.
Soll man die Vorlieben neutralisieren oder sie vergessen?
Man soll gar keine haben!
Wenn das Mental still wird, wenn es aufhört zu urteilen und sich mit seinem vermeintlichen Wissen nach vorn zu drängen, beginnt man, das Problem des Lebens lösen zu können. Man muss sich des Urteilens enthalten, denn das Mental ist nur ein Werkzeug zum Handeln, kein Werkzeug wahren Wissens – wahres Wissen kommt von woanders her.
Würde man das Urteilen lassen, so käme man zu immer genauerem Wissen der Wahrheit, und neun Zehntel allen Elends der Welt würden verschwinden.
Die große Unordnung in der Welt würde größtenteils aufgehoben, wenn der mentale Geist zugeben könnte, dass er nichts weiß.
Kapitel 7
Das Huhn und das Ei
Worte der Mutter
Wir wollen eine ganzheitliche Umwandlung: die Umwandlung des Körpers und all seiner Tätigkeiten.
Wenn früher von Transformation gesprochen wurde, meinte man ausschließlich die Umwandlung des inneren Bewusstseins. Man suchte in sich das tiefe Bewusstsein zu entdecken und verwarf den Körper und seine Tätigkeiten als etwas Lästiges und Unnützes, um sich nur der inneren Bewegung zu widmen. Sri Aurobindo hat das für ungenügend erklärt. Die Wahrheit erfordert, dass auch die materielle Welt an dieser Umwandlung teilhabe und die tiefe Wahrheit ausdrücke. Aber als das den Leuten gesagt wurde, dachten viele, es sei möglich, den Körper und seine Tätigkeiten umzuwandeln, ohne sich im Geringsten um das zu kümmern, was im Inneren geschieht – selbstverständlich ist das nicht ganz richtig. Bevor die Arbeit physischer Umwandlung in Angriff genommen werden kann, die von allen Dingen das Schwierigste ist, muss das innere Bewusstsein fest in der Wahrheit begründet sein, so dass diese Transformation ein letzter – vorläufig „letzter“ – Ausdruck der Wahrheit sei.
Der Ausgangspunkt dieser Transformation ist die Empfänglichkeit. Davon haben wir schon gesprochen. Sie ist die unerlässliche Voraussetzung für die Transformation. Dann kommt der Bewusstseinswandel. Diese Veränderung des Bewusstseins und seine Vorbereitung sind oft mit der Formung des Kükens im Ei verglichen worden: Bis zur letzten Sekunde bleibt das Ei dasselbe, ohne Veränderung, und erst wenn das Küken vollständig geformt ist, ganz lebendig, macht es sich mit seinem kleinen Schnabel ein Loch in die Schale und kommt heraus. Etwas Ähnliches passiert im Augenblick der Bewusstseinswende. Eine lange Zeit hast du den Eindruck, dass nichts geschieht, dass dein Bewusstsein das gleiche ist wie immer, und wenn eine intensive Aspiration in dir besteht, fühlst du sogar einen Widerstand, als würdest du gegen eine Wand hämmern, die nicht nachgibt. Doch wenn du innerlich bereit bist, eine letzte Bemühung – das Picken an der Schale des Wesens –, und alles öffnet sich, und du bist in ein anderes Bewusstsein projiziert.
Ich sagte, dass es eine Umwälzung des grundlegenden Gleichgewichts ist, das heißt eine totale Wende des Bewusstseins, vergleichbar mit dem, was dem Licht geschieht, wenn es durch ein Prisma fällt. Oder es ist, als würdest du einen Ball von innen nach außen wenden, was nicht möglich ist, außer in der vierten Dimension. Man tritt aus dem gewöhnlichen dreidimensionalen Bewusstsein heraus, um in das höhere vierdimensionale Bewusstsein einzutreten und in eine unendliche Anzahl von Dimensionen. Das ist der unerlässliche Ausgangspunkt. Wenn dein Bewusstsein seine Dimension nicht verändert, wird es genau das bleiben, was es ist mit seiner oberflächlichen Schau der Dinge, und alle Tiefen werden dir entgehen.
Kapitel 8
Bewusstsein und Technik
Worte der Mutter
Findest du dich zum Beispiel neben jemandem, der sich langsam, ernsthaft, beharrlich und geduldig trainiert hat und den auf einmal eine starke Aspiration erfüllt, wird dich dieser trotz deiner eigenen Aspiration besiegen, außer wenn deine Aspiration der deines Gegners weit überlegen ist. Stehst du jemandem gegenüber, der nur die Technik des Spiels beherrscht und den keinerlei bewusste Aspiration erfüllt, während du dich ganz im Zustand des Bewusstseins befindest, wirst du ihn natürlich schlagen, weil die Beschaffenheit des Bewusstseins jener der Technik überlegen ist. Doch kann das eine das andere nicht ersetzen. Das Höhere ist wichtiger, gewiss, aber es braucht auch Nerven, die schnell reagieren, spontane Bewegungen. Man muss die Geheimnisse des Spiels kennen, um vollkommen zu spielen. Beides ist nötig. Das Höhere ist das Bewusstsein, das dich die richtige Bewegung gerade im richtigen Augenblick tun lässt, aber das ist nicht das Einzige. Wer die Vollkommenheit sucht, darf nicht das eine unter dem Vorwand vernachlässigen, dass er das andere hat.
Kapitel 9
Über dem Leid stehen
Worte der Mutter
Man kann von Leiden befallen sein und sie dennoch nicht spüren, so leben, als gäbe es sie nicht. Das heißt, ein Unglück, ein „Kreuz“, trifft lediglich das äußere Bewusstsein, das Physische, das Mentale, das Vitale und das Seelische – in Wahrheit steht das Seelische über allem Leiden. Nehmen wir als ein einfaches Beispiel eine Krankheit. Eine körperliche Störung verursacht Schmerz, gelegentlich sogar viel, aber manche Leute sind in einem solchen Zustand, dass ihre physischen Schmerzen für sie gar nicht existieren, überhaupt nicht real sind. Dasselbe gilt für Trennungen: Liebt man jemanden und weilt fern von ihm, leidet man – das ist eines der verbreitetsten Leiden; die Verbundenheit wird zerrissen. Nun, in einem bestimmten Bewusstseinszustand kann die wirkliche Verbindung zwischen zwei Wesen nicht reißen, denn sie gehört nicht in den Bereich, wo die Dinge reißen. Folglich steht man über dem, was geschehen kann.