Kapitel 12

Die Erweiterung des Bewusstseins

Worte der Mutter

Liebe Mutter, wie kann man das Bewusstsein weit machen?

Weit? Es gibt viele Wege, das zu tun.

Der einfachste Weg ist, dich mit etwas Weitem zu identifizieren. Wenn du zum Beispiel spürst, dass du in einem völlig engen und begrenzten Gedanken, Willen, Bewusstsein eingeschlossen bist, wenn du dich fühlst wie in einer Schale, dann beginnst du, an etwas sehr Weites zu denken, wie zum Beispiel an die Grenzenlosigkeit eines Ozeans; stelle dir diesen Ozean vor, seine Weite, in alle Richtungen, wie weit er ist, verglichen mit dir selbst. Er ist so weit, so weit, dass du das andere Ufer nicht sehen kannst. Du kannst nirgendwo sein Ende erreichen, weder hinter noch vor dir, weder rechts oder links …, er ist weit, weit, weit, weit …, daran denkst du, und dann fühlst du, dass du auf diesem Meer treibst und dass es keine Grenzen gibt… Das ist sehr leicht. Damit kannst du dein Bewusstsein ein wenig ausweiten.

Andere Menschen wiederum fangen damit an, den Himmel zu betrachten. Dann stellen sie sich all diese Räume zwischen den Sternen vor und … diese ganze Art von Unendlichkeit der Räume, in denen die Erde ein winziger Punkt ist, und auch du bist nur ein winziger Punkt, kleiner als eine Ameise auf der Erde. Und so schaust du den Himmel an und fühlst, dass du in diesen unendlichen Räumen zwischen den Planeten schwebst und dich immer mehr ausweitest, um immer weiter zu gehen. Manchen Menschen gelingt es auf diese Weise.

Es gibt auch einen Weg, bei dem man versucht, sich mit allen Dingen dieser Erde zu identifizieren. Wenn man zum Beispiel eine Sache klein und eng sieht und einen die Ansicht von anderen und der Standpunkt von anderen stört, muss man beginnen, sein Bewusstsein zu verschieben, versuchen, es in andere hineinzuversetzen, und versuchen, sich allmählich mit allen Denkweisen anderer zu identifizieren. Das ist etwas – wie soll ich sagen – gefährlicher. Denn sich mit dem Denken und dem Willen der anderen identifizieren heißt, sich mit einer Menge von Dummheiten (die Mutter lacht) und schlechtem Willen zu identifizieren, und das kann Ergebnisse mit sich bringen, die nicht sehr gut sind. Und doch gibt es Leute, denen das leichter fällt. Wenn sie zum Beispiel mit jemandem nicht klar kommen, versuchen sie, um ihr Bewusstsein zu erweitern, sich an die Stelle der anderen zu versetzen und die Sache nicht etwa von ihrem eigenen Standpunkt aus zu betrachten, sondern vom Standpunkt der anderen. Dadurch wird das Bewusstsein erweitert, doch nicht so stark wie durch die beiden ersten Methoden, die ich genannt habe, die ihrerseits ganz harmlos sind. Sie schaden einem in keiner Weise, sie tun einem sehr gut. Sie machen einen ganz friedvoll.

Es gibt viele intellektuelle Wege, das Bewusstsein zu erweitern. Aber auf jeden Fall, wenn dich etwas langweilt, wenn dir etwas Schmerz bereitet oder dir etwas sehr unangenehm ist, denke an die Ewigkeit der Zeit und die unendliche Weite des Raumes. Wenn du an alles denkst, was zuvor geschehen ist, und an alles, was noch kommen wird, und dass diese Sekunde in der Ewigkeit nur ein vorübergehender Atemzug und es absolut lächerlich ist, sich über etwas aufzuregen, was in der Ewigkeit der Zeit ist, dann hast du nicht einmal die Zeit, dir dessen bewusst zu werden. Es hat keinen Platz, keinerlei Wichtigkeit. Denn was ist in der Tat eine Sekunde in der Ewigkeit? Wenn es einem gelingt, das zu realisieren, zu visualisieren – wie soll ich es ausdrücken? –, sich die kleine Person vorzustellen, die man ist, auf der kleinen Erde, auf der man sich befindet, und dazu die winzige Sekunde des Bewusstseins, die einen im Moment verletzt oder die einem unangenehm ist, nur die, die selbst auch nur eine Sekunde deiner Existenz ist, und dass du selbst schon vieles zuvor warst und einmal noch viel mehr sein wirst, dann wird das, was dich jetzt stört, in zehn Jahren wahrscheinlich schon völlig vergessen sein. Oder du wirst, wenn du dich überhaupt daran erinnerst, sagen: „Wie konnte ich das nur irgendwie wichtig finden?“ … Wenn du das zuerst realisieren kannst und dann deine kleine Person, die eine Sekunde in der Ewigkeit darstellt – nicht einmal eine Sekunde, weißt du –, die nicht wahrnehmbar ist, die ein Fragment einer Sekunde in der Ewigkeit ist, vor der sich die ganze Welt entfaltet hat und sich weiter entfalten wird, unbegrenzt – nach vorne, nach hinten – nun, dann spürst du plötzlich die absolute Lächerlichkeit der Bedeutung, die du dem Ereignis zugesprochen hast, das dir zugestoßen ist… Du spürst wirklich … in welchem Maße es absurd ist, seinem Leben irgendeine Bedeutung beizumessen, sich selbst und was einem geschieht. Und wenn du dies in der richtigen Weise tust, ist jegliche Unannehmlichkeit innerhalb von drei Minuten weggefegt. Sogar ein sehr tiefer Schmerz kann weggefegt werden. Lediglich eine einfache Konzentration, um sich in die Unendlichkeit und Ewigkeit zu versetzen – und alles verschwindet. Man geht gereinigt daraus hervor. Man kann alle Bindungen loswerden und sogar – sage ich – den tiefsten Kummer, alles, auf diese Weise. Wenn man weiß, wie man es richtig macht. Es holt dich sofort aus deinem kleinen Ego heraus.

Worte der Mutter

Man muss, wenn man dazu in der Lage ist, sein Bewusstsein erweitern.

Ich kannte jemanden, der sein Bewusstsein erweitern wollte. Er sagte, er habe eine Methode gefunden, die darin bestünde, nachts flach auf dem Rücken zu liegen, draußen die Sterne zu betrachten, sich mit ihnen zu identifizieren und weit hinauszugehen in eine immens große Welt, um so jegliches Gefühl für die Dimensionen zu verlieren, für die Ordnung der Erde und all ihre kleinen Dinge, und weit wie der Himmel zu werden – man kann nicht sagen, weit wie das Universum, da wir nur ein kleines Stück davon sehen, doch so weit wie der Himmel mit all den Sternen. Und so fallen für diesen Moment die kleinen Unreinheiten ab, und man versteht die Dinge in einer sehr umfassenden Ausprägung. Das ist eine gute Übung.

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