Kapitel 8
Sich dem Göttlichen hingeben
Das einzige, was zählen darf, ist das Göttliche, Sein Wille, Seine Manifestation, Sein Ausdruck. Dafür ist man hier, man ist das und nichts anderes. Und solange ein Gefühl von Selbst, von Ego, von Person hineinkommt, – nun – zeigt sich, dass man noch nicht der ist, der man sein sollte. Das ist alles. Ich sage nicht, dass dies über Nacht erreicht werden kann, aber es ist tatsächlich die Wahrheit.
Es ist so, weil es sogar auf diesem, dem spirituellen Gebiet, viel zu viele Leute gibt (ich könnte sogar sagen, die Mehrheit derer, die sich dem spirituellen Leben zuwenden und Yoga machen), viel zu viele von denen, die es aus persönlichen Gründen, aller Arten von persönlichen Gründen tun: einige, weil das Leben sie anekelt, andere, weil sie unglücklich sind, noch andere, weil sie mehr wissen wollen, andere, weil sie spirituell groß werden wollen, andere, weil sie Dinge lernen wollen, die sie vielleicht anderen beibringen können. Es gibt tatsächlich tausend persönliche Gründe Yoga zu praktizieren. Aber sich einfach dem Göttlichen in aller Reinheit und Beständigkeit hinzugeben, damit das Göttliche dich annimmt und aus dir etwas nach Seinem Willen macht, – nun, da gibt es nicht viele, die das tun, und doch ist es die Wahrheit, und man gelangt damit direkt zum Ziel und riskiert niemals Fehler zu machen. Aber alle anderen Motive sind immer vermischt, egobehaftet, und sie können dich natürlich hierhin und dorthin und auch sehr weit vom Ziel weg führen.
Aber dieses Empfinden, dass du nur einen einzigen Grund zum Leben hast, ein einziges Ziel, ein einziges Motiv, die perfekte, ganze, vollständige Hingabe an das Göttliche, bis zu dem Punkt, dich nicht länger von Ihm unterscheiden zu können, ganz das Göttliche bist, vollständig, gänzlich ohne eine persönliche intervenierende Reaktion, – dies ist das einzige Gefühl, welches es dir möglich macht, im Leben und in der Arbeit vorwärts zu kommen. Hier bist du ganz beschützt vor allem und beschützt vor dir selbst, der größten aller Gefahren für dich. – Es gibt keine größere Gefahr als das Selbst (ich nehme „Selbst“ in dem Sinne eines egoistischen Selbstes).
Obwohl grundsätzlich mein ganzes Wesen Dir geweiht ist, O Erhabener Meister, der Du das Leben, das Licht und die Liebe in allen Dingen bist, fällt es mir dennoch schwer, diese Weihung in allen Einzelheiten zu vollziehen.…
Wie oft noch handle ich täglich, ohne dass mein Tun Dir geweiht ist; ich bemerke es sogleich an einem unerklärlichen Unbehagen, das sich in meinem Körperempfinden durch eine Beklemmung des Herzens äußert. Ich betrachte dann meine Handlung sachlich, die mir lächerlich, kindisch und sträflich erscheint. Ich beklage sie. Einen Augenblick lang bin ich traurig, bis ich, mich versenkend, in Dir mich verlierend in kindlichem Vertrauen, von Dir die Eingebung und die notwendige Kraft erwarte, um meinen Irrtum wiedergutzumachen in mir und um mich herum, was eines ist…
Immer in Dir zu sein ist das einzig Wichtige, immer und immer mehr in Dir, außerhalb aller Täuschungen und lügenhaften Empfindungen, und zwar nicht, indem man sich von den Tätigkeiten zurückzieht, sie zurückweist, sie verwirft – nutzloser und unseliger Kampf –, sondern indem man allein nur Dich lebt, ganz gleich bei welchem Tun, immer, immer, dann löst sich die Täuschung auf, die falsche Empfindung vergeht, die Folgeverstrickung fällt dahin, und alles verwandelt sich in eine Verherrlichung Deiner Ewigen Gegenwart.
So sei es!
…sehr wenige Menschen, sehr wenige, eine winzige Zahl von Menschen gehen mit einem wirklich religiösen Gefühl in die Kirchen oder in die Tempel, das heißt nicht etwa, um von Gott etwas zu erbitten, zu erbetteln, sondern um sich darzubringen, um zu danken, um ihre Aspiration auszudrücken, um sich zu geben.
Kapitel 9
Herr, lass mich ganz und gar Dir gehören
Denke nur an das Göttliche.
Lebe nur für das Göttliche.
Strebe nur nach dem Göttlichen.
Arbeite nur für das Göttliche.
Diene nur dem Göttlichen.
Sei einzig mit dem Göttlichen verbunden.
Wolle nur das Göttliche.
Suche einzig nach dem Göttlichen.
Verehre nur das Göttliche.
Das Göttliche allein ist wahr – alles andere ist Falschheit. Und doch ist das Göttliche überall – im Sünder ebenso wie im Heiligen.
Das Göttliche allein ist wirklich – alles andere ist eine Illusion. Und doch ist das Göttliche überall, im unwissenden Menschen ebenso wie im Weisen.
Das Göttliche allein ist Liebe – alles andere ist selbstsüchtige Sentimentalität. Doch die Liebe des Göttlichen ist überall und in allem.
Niemand kennt die genaue Wahrheit der Dinge hier. Und jeder spricht, als ob er es wüsste, aber in Wirklichkeit weiß es niemand.
Würde die Wahrheit eines Tages allen offenbart, wären die meisten Menschen hier, wie überall, erschrocken über das Ausmaß ihrer Unwissenheit und ihrer falschen Interpretationen.
Deshalb rate ich allen, in Ruhe zu bleiben und sich jeglicher Beurteilung zu enthalten – das ist das Sicherste.
Der wahre Zustand ist, so sehr in einer allumfassenden Liebe zum Göttlichen versunken zu sein, dass es überhaupt keine Rolle spielt, etwas zu tun oder nicht zu tun, jemanden zu sehen oder nicht zu sehen; wenn dieser Zustand verwirklicht ist, dann kennt man bei jeder Gelegenheit den Willen des Göttlichen und kann ihn leicht befolgen.
Mein Herr, lass mich jeden Tag und unter allen Umständen mit der ganzen Aufrichtigkeit meines Herzens wiederholen: „Dein Wille geschehe und nicht der meine.“
O Du, den ich nicht verstehen kann, in der Stille der reinsten Hingabe bete ich Dich an.
Kapitel 10
Vier Ratschläge für den Alltag
Wenn du am Morgen aufwachst, musst du für einige Augenblicke still sein und den kommenden Tag dem Göttlichen weihen, indem du betest, dich immer und unter allen Umständen an das Göttliche zu erinnern.
Bevor du am Abend schlafen gehst, musst du dich ein paar Minuten lang konzentrieren, den vergangenen Tag betrachten, dich daran erinnern, wann und wo du das Göttliche vergessen hast, und beten, dass solche Vergesslichkeiten nicht mehr vorkommen mögen.
Das kleinste Detail des Lebens und des Handelns, jede Regung des Denkens, sogar des Empfindens, des Gefühls, die gewöhnlich kaum von Bedeutung sind, wird anders, sobald man sie betrachtet und sich fragt: „War das als eine Darbringung an das Göttliche gedacht, habe ich das als eine Darbringung an das Göttliche empfunden…?“ Erinnerst du dich in jedem Augenblick deines Lebens daran, wird die Einstellung eine völlig andere als früher… [und] das Leben wird reich und leuchtend.
Denke daran, dass die Mutter immer bei dir ist.
Wende dich wie folgt an Sie und Sie wird dich aus allen Schwierigkeiten herausführen:
„O Mutter, Du bist das Licht meiner Intelligenz, die Reinheit meiner Seele, die ruhige Kraft meines Lebens, die Ausdauer meines Körpers. Einzig auf Dich verlasse ich mich und will ganz Dir gehören. Hilf mir, alle Hindernisse auf dem Weg zu überwinden.“
Wir sollten in einem ständigen Zustand der Aspiration sein, doch wenn wir nicht streben können, sollten wir mit der Einfachheit eines Kindes beten.
Herr, ich möchte Dein sein und Deiner würdig; mach mich zu Deinem idealen Kind.
Kapitel 11
Eine Sternschnuppe und die Verwirklichung
Liebe Mutter, man sagt, wenn man eine Sternschnuppe sieht und in dem Augenblick nach etwas sehnsuchtsvoll strebt, erfülle sich diese Aspiration im Laufe des Jahres. Ist das wahr?
Weißt du, was das bedeutet? – Diese Aspiration muss sich während der Zeit ausdrücken, in der die Sternschnuppe sichtbar ist, und das ist nicht lange, nicht wahr? Nun, wenn eine Aspiration fähig ist, sich in der Zeit auszudrücken, in der die Sternschnuppe sichtbar ist, bedeutet das, dass sie die ganze Zeit gegenwärtig ist, vorn im Bewusstsein – das trifft nicht auf gewöhnliche Dinge zu, es hat nichts damit zu tun, es handelt sich um eine spirituelle Aspiration. Tatsache ist aber, wenn du fähig bist, deine spirituelle Aspiration gerade in dem Augenblick auszusprechen, dann ist sie ganz vorn in deinem Bewusstsein, beherrscht sie dein Bewusstsein. Und was dein Bewusstsein beherrscht, kann sich zwangsläufig sehr rasch verwirklichen.
Ich hatte Gelegenheit, dieses Experiment zu machen. Genau das. In dem Augenblick, als die Sternschnuppe vorbeizog, in demselben Augenblick sprang es aus dem Bewusstsein hervor: „Die göttliche Einung verwirklichen, für meinen Körper.“ Genau in diesem Augenblick.
Und bevor das Jahr zu Ende ging, war es geschehen.
Doch es geschah nicht wegen der Sternschnuppe. Es geschah deshalb, weil das mein ganzes Bewusstsein beherrschte und ich nur daran dachte: Ich wollte nur dies, ich dachte nur daran, ich handelte nur deswegen. Und dann war das, wozu man im Allgemeinen ein ganzes Leben braucht – es heißt, das Minimum seien 35 Jahre! –, ehe noch zwölf Monate vergangen waren vollbracht.
Aber nur, weil ich an nichts anderes dachte.
Und weil ich nur daran dachte, konnte ich – gerade als die vorüberziehende Sternschnuppe aufleuchtete – nicht nur irgendeinen Eindruck formulieren, sondern in deutlichen Worten ausdrücken: „Die Einung mit dem Göttlichen verwirklichen“, dem inneren Göttlichen, dem Thema, von dem wir sprechen, genau das, wovon wir gerade sprechen.
Daher ist nicht die Sternschnuppe das Wichtige, sondern die Aspiration. Die Sternschnuppe ist nur so etwas wie ein äußeres Zeichen, nichts anderes. Aber es ist nicht notwendig, dass da eine Sternschnuppe ist, damit man schnell verwirklichen kann! Notwendig ist, dass der Wille des ganzen Wesens auf einen Punkt konzentriert ist.
Wie kann man sich in jedem Augenblick daran erinnern, dass man alles, was man tut, für Dich tut? Wie soll man vor allem dann vorgehen, wenn man eine vollständige Darbringung leisten will, ohne zu vergessen, dass sie für das Göttliche ist?
Um das zu erreichen, muss man einen hartnäckigen Willen und eine große Geduld aufbringen. Aber wenn man den Entschluss gefasst hat, es zu tun, wird die göttliche Hilfe da sein, um zu unterstützen und zu helfen. Diese Hilfe spürt man innerlich im Herzen.
Segen.
Was sollten wir tun, um immer in Kontakt mit dem Göttlichen zu bleiben, so dass keine Person und kein Ereignis uns von diesem Kontakt abbringen kann?
Aspiration. Aufrichtigkeit.
Ist die ständige Rückbesinnung auf das Göttliche der Beginn der Einswerdung?
Der Beginn der Einswerdung kommt noch vor dem ständigen Erinnern. Wenn man sich beständig erinnert, spürt man oft eine Präsenz, die sich beim Erinnern aufdrängt.
Kapitel 12
Gedankenkontrolle
Eines ist unabdingbar, will man ein Ergebnis haben: Der mentale Geist muss still sein. Dann besteht Aussicht, dass sich das Bewusstsein konzentriert.
Zunächst muss man durch Erfahrung den Unterschied zwischen Mental und Bewusstsein erkennen, zwei ganz unterschiedliche Dinge.
Mutter, wie kann man den mentalen Geist daran hindern, sich einzumischen?
Ah! Zuerst muss man es wollen, und dann muss man wie zu Menschen, die viel Lärm machen, sagen: „Sei still, sei still, sei still!“; das muss man tun, wenn der mentale Geist mit all seinen Vorschlägen und all seinen Regungen auftaucht. Du musst ihn zur Ruhe bringen, ihn befrieden, ihn zum Schweigen bringen. Das Wichtigste ist, nicht auf ihn zu hören. Meistens, sobald all diese Gedanken kommen, schaut man hin, versucht zu verstehen, hört man zu; dann glaubt dieser Schwachsinnige natürlich, dass man sehr interessiert ist: er steigert seine Aktivität. Du darfst nicht zuhören, darfst nicht aufmerksam sein. Wenn er zu viel Lärm macht, musst du ihm das sagen: „Sei still! Nun sei still, sei still!“, ohne selbst viel Lärm zu machen, verstehst du? Du darfst nicht jene Menschen nachahmen, die anfangen zu schreien: „Seid still!“, und selbst so viel Lärm machen, dass sie noch lauter sind als all die anderen!
Wie kann man Diskussionen im Kopf stoppen?
Die erste Bedingung ist, so wenig wie möglich zu reden.
Die zweite ist, nur an das zu denken, was man gerade tut, und nicht an das, was man noch tun muss oder was man früher getan hat.
Bedauere niemals, was vergangen ist, und stelle dir nicht vor, was sein wird.
Vermeide den Pessimismus in deinen Gedanken so weit wie möglich und werde freiwillig zum Optimisten.
Ich schlage vor, dass jeder von euch dies versuchen sollte, – oh! nicht lange, nur für eine Stunde jeden Tag. – Außer den absolut nicht zu vermeidenden Worten nichts sprechen. Nicht ein Wort mehr und nicht eines weniger.
Nehmt eine Stunde in eurem Leben, eine, die für euch am günstigsten ist, und beobachtet euch genau, – sprecht nur die ganz unentbehrlichen Worte.
Zu Beginn wird die erste Schwierigkeit darin bestehen zu wissen, was unbedingt notwendig ist und was nicht. Das ist schon ein Studium für sich, und jeden Tag wird es euch besser gelingen.
Als Nächstes werdet ihr sehen, dass es nicht schwer ist, absolut still zu sein, so lange niemand etwas sagt; sobald ihr aber zu sprechen beginnt, sagt ihr immer oder fast immer zwei oder drei, zehn oder zwanzig nutzlose Worte, die zu sprechen überhaupt nicht notwendig waren.
…um etwas zu erreichen, was keine vollständige Kontrolle ist, aber schon irgendwie ein Stadium darstellt: die Fähigkeit zu haben, dies in eurem Kopf zu tun (Mutter streicht mit ihrer Hand über ihre Braue), alle Regungen aufzulösen, alle Schwingungen zu stoppen. Und die mentale Oberfläche wird ruhig. Alles hört auf, wie wenn ihr ein Buch an einer leeren Seite öffnet, – aber fast greifbar, versteht ihr… leer!
Versucht es ein bisschen, wenn ihr zuhause seid. Ihr werdet sehen, dass es sehr interessant ist.
Und so, – man folgt dieser Stelle in seinem Kopf, wo der kleine Punkt herumtanzt. Ich habe gesehen, wie Sri Aurobindo dieses in jemandes Kopf tat, der sich immer darüber beklagte, dass er von Gedanken gestört wird. Es war, als ob seine Hand sich ausstreckte und den kleinen schwarzen tanzenden Punkt festhielt und dann dies tat (Geste mit den Fingerspitzen), wie wenn man ein Insekt aufnimmt. Und dann warf er ihn weit weg. Und das war alles. Alles still, ruhig, leuchtend… So war alles klar sichtbar, wisst ihr, er nahm ihn heraus ohne etwas zu sagen, – und es war vorbei.
Was sollte man tun, um die mentale Einmischung zu beenden?
Der mentale Geist muss lernen ruhig zu sein, – ruhig zu bleiben, aufmerksam, ohne Lärm zu machen. Wenn ihr versucht, den mentalen Geist direkt zu beruhigen, ist es sehr schwer, fast unmöglich; denn der allerphysischste Teil des Mentals stellt seine Aktivität nie ein, – er läuft weiter und weiter wie ein Non- Stop-Aufnahmegerät. Er wiederholt alles, was er aufnimmt und macht endlos weiter und weiter damit, außer es gibt einen Abschaltknopf. Andererseits, wenn ihr versucht euer Bewusstsein auf eine höhere Ebene zu erheben, über den normalen mentalen Geist, beruhigt dieses Licht den Geist. Er ist nicht länger unruhig, und die so erreichte Stille kann dauerhaft werden. Wenn ihr einmal in diesen Bereich eingetreten seid, kann es sehr gut sein, dass ihr nie mehr aus ihm herauskommt, – der äußere mentale Geist bleibt ruhig.
Die einzige wahre Lösung ist das Streben nach dem höheren Licht.
Die Ruhe des mentalen Geistes, die man durch Meditation erlangt, ist in der Tat von kurzer Dauer, denn sobald man aus der Meditation herauskommt, kommt man gleichzeitig aus der Ruhe des Mentals heraus. Die wahre, dauerhafte Ruhe im Vitalen und Physischen wie auch im Mentalen kommt von einer vollständigen Weihung an das Göttliche; denn wenn du nichts mehr dein eigen nennen kannst, nicht einmal dich selbst, wenn alles, einschließlich deines Körpers, deiner Empfindungen, Gefühle und Gedanken, dem Göttlichen gehört, übernimmt das Göttliche die gesamte Verantwortung für alles, und du brauchst dich um nichts mehr zu kümmern.