Kapitel 2
Warum reden Menschen unnötig?
Warum befasst man sich immer mit unnötigem Gerede? Warum sprechen wir ohne wirklichen Sinn?
Warum sprechen Leute unnötig? Ja, das kommt wahrscheinlich daher, das der Mensch instinktiv sehr stolz darauf ist, Worte formulieren zu können. Er ist das erste Wesen auf der Erde, das sprechen kann, das artikulierte Laute hervorbringt. Deshalb ist es eine Art… es ist, als ob ein Kind ein neues Spielzeug hat, mit dem es sehr gerne spielt. Der Mensch ist das einzige Tier auf Erden, das artikulierte Laute zu seiner Verfügung hat. Deshalb spielt er mit ihnen, weißt du… Ich denke, das ist es….
Und dann gibt es all diese Dummheit… Weißt du, ich habe auch gesagt, dass manche Leute erst denken können, wenn sie sprechen… Wenn sie nicht sprechen, denken sie nicht einmal! Sie sind nicht fähig in Stille zu denken, deshalb gewöhnen sie sich an zu sprechen. Aber je entwickelter man ist, je intelligenter man ist, desto weniger hat man es nötig sich auszudrücken. Es ist immer auf einer niederen Stufe, auf der man das Reden braucht. Und wirklich, ein Mensch, der sehr bewusst ist, der mental und intellektuell sehr entwickelt ist, redet nur, wenn es notwendig ist. Er äußert keine nutzlosen Worte. Nach der sozialen Stufenleiter ist es so… Nimm Menschen ganz unten auf der Skala: sie reden am meisten, sie verbringen ihre Zeit mit Reden. Sie können nicht aufhören! Was immer mit ihnen geschieht, drücken sie sofort in Worten aus. Und je entwickelter man ist und sich auf einer höheren Stufe der Evolution befindet, desto weniger braucht man das Sprechen.
Das hat zwei Gründe: erstens, weil es eine neue Fähigkeit ist, die natürlicherweise und instinktiv den Reiz neuer Fähigkeiten besitzt; zweitens, weil es dir hilft, dir deines eigenen Denkens bewusst zu werden. Sonst denkt man nicht, ist man nicht fähig seine Gedanken zu formulieren, außer man drückt sie mit Worten aus, laut…. Außer bei jenen, die durch ihren Beruf Sprecher sind – das heißt, jenen, die normalerweise politische Reden, Vorträge oder Unterrichtsstunden halten, – außer bei diesen, die offensichtlich beides gleichzeitig sein können – intellektuell und gesprächig sein, ist es generell die Regel. Je gesprächiger Leute sind, desto weniger sind sie intellektuell entwickelt!
Was sollte man tun um das Reden zu vermeiden?
Denken! Du musst nur ein bisschen mehr reflektieren. Wenn du es dir zur Gewohnheit machen kannst, zu denken, bevor du sprichst, und nur das zu sagen, was dir absolut notwendig erscheint, – dann wirst du dir sehr schnell bewusst werden, dass nur sehr wenige Worte unverzichtbar sind, außer unter praktischem Gesichtspunkt bei der Arbeit, wenn man mit jemandem zusammen arbeitet und Worte verwenden muss: „Tue dies“, „Gib mir das“ oder „Auf diese Weise“ oder „So geht das“. Und sogar hier kann man es auf ein Minimum reduzieren.
Wie kommt es, dass es Leute gibt, die eine Sache denken und etwas anderes sagen?
Ja, das geschieht sehr oft. Sie denken das eine und wenn sie zu sprechen beginnen, sagen sie genau das Gegenteil. Wenn das Denken die Zunge kontrollierte, würden viele Dummheiten vermieden. Du verlierst die Kontrolle und äußerst auf einen Impuls hin jede Art von Unsinn; es ist wie bei einer Maschine, die aus Vergnügen am Reden zu sprechen anfängt. Das scheint absurd, aber so ist es die ganze Zeit; es gibt sehr wenige Menschen, die dem entkommen. Sie sagen alle möglichen Dinge und fragen sich dann: „Warum habe ich das alles gesagt?“ Sie wissen nicht einmal warum. Ich kenne einige, die immer das sagen, was der andere hören will. Die Person, mit der sie sprechen, sagt zu sich selbst: „Er wird mir dies oder das erzählen“ oder er fürchtet: „Hoffentlich erzählt er mir jenes nicht“, und der andere beginnt wie eine Puppe genau das zu erzählen, sehr ruhig, ohne zu wissen warum!
Liegt es an mangelndem Willen?
Nein, es ist eine mentale Deformation. Es geschieht nicht sehr willentlich. Wenn der Wille hineinkäme, würde es weniger absurd sein, vielleicht.
Nein, es sind mentale Bewegungen, die Formation des Mentals, die mentale Kraft, die sich die ganze Zeit bewegt, die kommt und geht wie ein Eichhörnchen im Käfig, das immer rundherum rennt und nicht weiß, warum.
Ist es dann ein universales Spiel?
Nein, nicht sehr universal; es existiert in der Menschheit, es ist sehr menschlich. Wie viele menschliche Wesen haben einen ganz eigenen Gedanken? Ich bin mir ziemlich sicher, dass es in der gewöhnlichen Menschheit mit ihrer gewöhnlichen mentalen Struktur keine gibt. Wie viele Menschen haben einen Gedanken als Ergebnis des Nachdenkens? Sehr wenige, und wenn sie ihn haben, werden sie als schrecklich hart oder bemerkenswert intelligent oder despotisch oder autoritär angesehen, – sie werden mit allen Arten von Komplimenten überhäuft! Und das, nur weil sie eine präzise Denkweise haben.
Kapitel 3
Kategorien gesprochener Worte und ihre Beherrschung
Außer in sehr wenigen Ausnahmen wird lockerem Reden absolute Stille entgegengesetzt. Aber es ist jedoch eine weitaus größere und fruchtbarere Disziplin, sein Sprechen zu kontrollieren, statt es völlig zu unterlassen.
Der Mensch ist das erste Tier auf Erden, das fähig ist artikulierte Laute hervorzubringen. Er ist tatsächlich sehr stolz auf diese Fähigkeit und setzt sie ohne Maß und Urteilsvermögen ein. Die Welt ist vom Geräusch seiner Worte taub geworden, und manchmal vermisst man fast die harmonische Stille des pflanzlichen Königreichs.
Im Übrigen ist es eine bekannte Tatsache, dass, je niedriger die mental-geistige Kraft, umso größer ist die Notwendigkeit Sprache zu gebrauchen. Daher gibt es einfache und ungebildete Leute, die ohne zu sprechen gar nicht denken können; und man kann sie mehr oder weniger laut Töne vor sich hin murmeln hören, weil das die einzige Weise ist, in der sie einem Gedankengang folgen können, der sonst in ihnen ohne das gesprochene Wort nicht formuliert werden würde.
Es gibt auch sehr viele Leute, sogar unter den Gebildeten, deren mentale Kraft schwach ist, die nicht wissen, was sie sagen wollen bis zu dem Moment, in dem sie es aussprechen. Dadurch wird ihr Sprechen endlos und ermüdend. Denn während sie sprechen, wird ihr Denken klarer und präziser, und so müssen sie dasselbe mehrmals wiederholen, um es immer genauer auszudrücken.
Manche müssen im Voraus vorbereiten, was sie sagen wollen, und sie stottern, wenn sie improvisieren müssen, weil sie nicht die Zeit gehabt haben, die Dinge, die sie sagen wollen, Schritt für Schritt auszuarbeiten.
Zu guter Letzt gibt es die geborenen Redner, welche Meister des gesprochenen Wortes sind; sie finden spontan alle Worte, die sie sagen müssen, die sie sagen wollen, und sie sagen sie auf schöne Art.
Doch nach dem Prinzip strenger mentaler Disziplin geht nichts davon über die Kategorie des müßigen Geredes hinaus. Denn mit müßigem Gerede meine ich jedes Wort, dass ohne absolute Notwendigkeit gesprochen wird. Man kann fragen, wie man das beurteilen kann… Hierfür muss man zuerst eine generelle Klassifizierung der verschiedenen Kategorien gesprochener Worte erstellen.
[1] Zuerst – auf der physischen Ebene – haben wir all die Worte, die zu materiellen Zwecken gesprochen werden. Sie sind bei Weitem die zahlreichsten und wahrscheinlich auch die nützlichsten im normalen Leben.
Ein ständiges Wortgeplätscher scheint der unvermeidliche Begleiter bei der täglichen Arbeit zu sein. Und trotzdem erkennt man, sobald man sich bemüht den Lärm auf ein Minimum zu reduzieren, dass viele Dinge in Stille besser und schneller getan werden und dies hilft, den inneren Frieden und die Konzentration aufrecht zu erhalten.
Wenn du nicht allein bist und mit anderen zusammen lebst, kultiviere die Gewohnheit, dich nicht ständig durch lautes Sprechen nach außen zu wenden. Und du wirst bemerken, dass sich ganz allmählich ein inneres Verstehen zwischen dir und anderen einstellt. Du wirst dann mit den anderen mit einem Minimum an Worten oder sogar ganz ohne Worte kommunizieren können. Diese äußere Stille ist für inneren Frieden sehr vorteilhaft, und mit gutem Willen und beharrlichem Bemühen wirst du eine harmonische Atmosphäre schaffen können, die dem Fortschritt sehr förderlich ist.
[2] Im gesellschaftlichen Leben gibt es zusätzlich zu den Worten, die materielles Leben und Tätigkeiten betreffen, solche, die Empfindungen, Gefühle und Emotionen ausdrücken. Hier erweist sich äußere Stille als wertvolle Hilfe. Denn wenn eine Welle von Empfindungen oder Gefühlen auf dich einstürmt, gibt dir diese gewohnheitsmäßige Stille Zeit nachzudenken und – wenn nötig – wieder zu dir zu kommen, bevor du diese Eindrücke in Worte kleidest. Wie viele Streitereien können auf diese Weise vermieden werden; wie oft wird man vor einer dieser psychologischen Katastrophen bewahrt, die nur zu häufig das Resultat unkontrollierten Sprechens sind.
Ohne in dieses Extrem zu verfallen, sollte man immer die Worte, die man spricht, überprüfen und niemals der Zunge erlauben, von einer Regung des Ärgers, der Wut oder Heftigkeit mitgerissen zu werden. Nicht nur der Streit hat schlechte Folgen, sondern auch die Tatsache, dass man der Zunge erlaubt schlechte Vibrationen in die Atmosphäre zu schleudern, denn nichts ist ansteckender als Tonschwingungen. Indem man diesen Regungen die Möglichkeit gibt, sich auszudrücken, erhält man sie in sich und anderen lebendig.
[3] Zu den unerwünschtesten Arten müßigen Geschwätzes gehört alles, was über andere gesagt wird.
Außer du bist für bestimmte Leute als Betreuer, Lehrer oder als Leiter einer Abteilung verantwortlich, geht dich das, was andere tun oder nicht tun, nichts an, und du musst es unterlassen über sie zu reden, deine Meinung über sie und das, was sie tun, zum Ausdruck zu bringen, und nicht wiederholen, was andere über sie denken und sagen mögen.
Es kann geschehen, dass die Art deiner Beschäftigung es dir zur Pflicht macht zu berichten, was in einer bestimmen Abteilung, einer Unternehmung oder Gemeinschaftsarbeit stattfindet. Aber dann sollte sich der Bericht nur auf die Arbeit beschränken und keine privaten Angelegenheiten berühren. Und als absolute Regel muss er objektiv sein. Du solltest keiner persönlichen Reaktion, Vorliebe, keinem Mögen oder Nichtmögen erlauben, sich einzuschleichen. Und vor allem bringe niemals deinen eigenen Groll in die Arbeit hinein, die dir zugewiesen wurde.
In jedem Fall und als generelle Regel gilt: je weniger man über andere spricht, auch nicht um sie zu loben, desto besser. Es ist schon so schwierig genau zu wissen, was sich in einem selbst abspielt, – wie kann man dann wissen, was in anderen geschieht? Deshalb musst du es absolut unterlassen, über irgendjemanden eines dieser endgültigen Urteile abzugeben, was nur töricht, wenn nicht gehässig sein kann.
Wenn ein Gedanke durch Sprechen zum Ausdruck gebracht wird, hat die Vibration des Klanges eine beträchtliche Macht, die allermateriellste Substanz mit dem Gedanken in Verbindung zu bringen und ihm so eine konkrete und wirksame Realität zu verleihen. Deshalb darf man nie schlecht über Menschen oder Dinge sprechen oder Dinge sagen, die dem Fortschritt der göttlichen Verwirklichung in der Welt entgegenstehen. Dies ist eine absolut allgemeine Regel. Und doch gibt es eine Ausnahme. Du solltest nichts kritisieren, außer du hast gleichzeitig die bewusste Kraft und den aktiven Willen, die Regungen oder Dinge, die du kritisierst, aufzulösen oder zu verwandeln. Denn diese bewusste Kraft und der aktive Wille können es der Materie möglich machen zu reagieren, die schlechte Schwingung abzuweisen und schließlich zu korrigieren, so dass es ihr unmöglich wird, sich weiterhin auf der physischen Ebene auszudrücken.
Dies kann nur von jemandem ohne Risiko oder Gefahr getan werden, der sich in den gnostischen Bereichen bewegt und in seinen mentalen Fähigkeiten das Licht des Geistes und die Kraft der Wahrheit besitzt. Er, der göttliche Arbeiter, ist frei von allen Präferenzen und Anhaftungen. Er hat alle Grenzen seine Egos gesprengt und ist nun nur ein vollkommenes und unpersönliches Instrument des supramentalen Wirkens auf der Erde.
[4] Da gibt es auch all diese Worte, die verwendet werden, um Ideen, Meinungen, das Ergebnis des Nachdenkens oder Studierens auszudrücken. Hier befinden wir uns in einer intellektuellen Domäne und mögen denken, dass in diesem Bereich die Menschen vernünftiger, selbstbeherrschter sind, und dass das Praktizieren einer strengen Einfachheit weniger notwendig ist. So ist es aber gar nicht, denn sogar hier in diesen Wohnsitz der Ideen und des Wissens hat der Mensch die Heftigkeit seiner Überzeugungen, die Intoleranz seines Sektierertums und die Leidenschaft seiner Präferenzen hineingebracht. Deshalb muss man auch hier mentale Strenge üben und achtsam jeden Ideenaustausch vermeiden, der zu Kontroversen führt, die oft allzu bitter und fast immer unnötig sind. Ebenso muss jeder Schlagabtausch der Meinungen vermieden werden, der in heftigen Diskussionen und sogar in Streitereien endet, die immer das Ergebnis einer mentaler Enge sind, die leicht behoben werden kann, wenn man sich im mentalen Bereich hoch genug entwickelt.
Sektierertum wird unmöglich, wenn man weiß, dass jeder formulierte Gedanke nur ein Weg ist, etwas zu sagen, was sich jeglichem Ausdruck entzieht. Jede Idee enthält etwas von der Wahrheit oder einen Aspekt der Wahrheit. Aber keine Idee ist in sich selbst wahr.
Dieses Gefühl der Relativität der Dinge ist eine mächtige Hilfe bei dem Bemühen, seine Balance zu halten und im Sprechen eine heitere Mäßigung zu pflegen. Ich hörte einmal einen alten recht weisen Okkultisten sagen: „Nichts ist gänzlich schlecht; es gibt nur Dinge, die nicht an ihrem Platz sind. Stelle alles an seinen richtigen Platz und du wirst eine harmonische Welt haben.“
Und trotzdem steht der Wert einer Idee vom Gesichtspunkt des Handelns her im Verhältnis zu ihrer pragmatischen Kraft. Es stimmt, dass diese Kraft dem Individuum entsprechend, auf das sie einwirkt, stark variiert. Eine Idee, die auf jemanden wie eine treibende Kraft wirkt, mag bei einem anderem völlig ergebnislos bleiben. Aber die Kraft selbst ist ansteckend. Bestimmte Ideen können die Welt verändern. Sie sind es, die zum Ausdruck gebracht werden sollten; sie sind die entscheidenden Sterne im Firmament des Geistes, die die Erde zu ihrer höchsten Verwirklichung führen werden.
[5] Zuletzt haben wir all die Worte, die zum Zweck des Lehrens gesprochen werden. Diese Kategorie reicht vom Kindergarten bis zum Universitätslehrgang, nicht zu vergessen all die künstlerischen und literarischen Schöpfungen der Menschheit, welche unterhalten oder bilden wollen. In diesem Bereich hängt alles vom Wert des Geschaffenen ab, und das Thema ist zu unüberschaubar, um sich hier damit zu befassen. Es ist eine Tatsache, dass im Augenblick das Thema der Erziehung sehr im Trend liegt und lobenswerte Versuche gemacht werden, neue wissenschaftliche Entdeckungen in den Dienst der Erziehung zu stellen. Aber sogar in diesem Feld wird vom Sucher der Wahrheit verbale Selbstbeschränkung verlangt.
Generell wird anerkannt, dass in der Erziehung eine Art leichtere, weniger ernste, unterhaltendere Vorgehensweise notwendig ist, um die Anstrengung zu mindern und den Kindern und sogar auch den Erwachsenen etwas Entspannung zu geben. Von einem bestimmten Gesichtspunkt aus ist das richtig, aber unglücklicherweise hat dieses Zugeständnis als Entschuldigung gedient, um eine ganze Kategorie von Dingen zu rechtfertigen, die nichts sind als das Ausblühen von allem, was vulgär, roh und niedrig in der menschlichen Natur ist. Ihre unfeinsten Instinkte, ihr schlechtester Geschmack finden in diesem Entgegenkommen eine gute Entschuldigung dafür, sich als unvermeidliche Notwendigkeit zu präsentieren. Aber sie sind nichts desgleichen; man kann sich entspannen, ohne zügellos zu sein, sich ausruhen, ohne gewöhnlich zu sein und sich vergnügen, ohne den gröberen Elementen in der Natur zu erlauben an die Oberfläche zu kommen. Aber von einem strengen Gesichtspunkt aus gesehen, ändern diese Bedürfnisse selbst ihre Natur. Entspannung verwandelt sich in innere Stille, Erholung in Kontemplation und Vergnügen in Wonne.
Dieses normalerweise anerkannte Bedürfnis nach Unterhaltung, Nachlassen des Bemühens und mehr oder weniger langes und völliges Vergessen des Lebensziels und Daseinszwecks sollten nicht als etwas gänzlich Natürliches und Unvermeidliches angesehen werden, sondern als Schwäche, der man aus fehlender Intensität des Strebens, instabilen Willens, Unwissenheit, Unbewusstheit und Faulheit nachgibt. Rechtfertige diese Regungen nicht, und du wirst bald sehen, dass sie unnötig sind; es kommt sogar eine Zeit, in der du sie als abstoßend und nicht akzeptabel empfindest. Dann wird der größere Teil menschlichen Wirkens, der vordergründig unterhaltend, aber in Wirklichkeit erniedrigend ist, seine Unterstützung verlieren und nicht mehr ermutigt werden.
[6] Man sollte aber nicht denken, dass der Wert ausgesprochener Worte von der Art des Gesprächsthemas abhängt. Man kann über spirituelle Dinge genauso müßig sprechen wie über alles andere, und diese Art müßigen Redens mag sehr wohl eine der gefährlichsten sein. Zum Beispiel möchte der Neuling immer sehr gerne das Wenige, das er gelernt hat, mit anderen teilen. Aber wenn er sich weiterentwickelt, bemerkt er immer mehr, dass er nicht sehr viel weiß, und dass er, bevor er andere informieren will, sich des Wertes seiner Erkenntnisse sehr sicher sein muss. Eines Tages wird er dann weise und sieht, dass es viele Stunden stiller Konzentration braucht, um einige Minuten sinnvoll zu sprechen. Außerdem sollte bei dem Gebrauch der Sprache, wenn es sich um inneres Leben und spirituelles Bemühen handelt, ein noch strengerer Maßstab angelegt und nichts gesagt werden, was nicht absolut erforderlich ist.
Es ist eine gut bekannte Tatsache, dass man niemals über eigene spirituelle Erfahrungen sprechen soll, wenn man nicht in einem Moment die in der Erfahrung gesammelte Kraft, die ja die eigene Entwicklung beschleunigen soll, verschwinden sehen will. Die einzige Ausnahme, die man von dieser Regel machen kann, betrifft den eigenen Guru, wenn man eine Erklärung oder Belehrung über den Inhalt und die Bedeutung der Erfahrung von ihm bekommen möchte. Tatsächlich kann man über diese Dinge nur mit dem eigenen Guru gefahrlos sprechen, denn nur er kann mit seinem Wissen die Elemente der Erfahrung wie Schritte zu neuen Aufstiegen für dein eigenes Wohl nutzen.
Es stimmt, dass der Guru bei den Dingen, die ihn persönlich betreffen, der gleichen Schweigeregel unterworfen ist. In der Natur ist alles in Bewegung; deshalb muss alles, was sich nicht bewegt, zurückfallen. Der Guru muss sich sogar wie seine Schüler weiterentwickeln, obschon dies nicht auf der gleichen Ebene geschehen mag. Und auch für ihn ist das Sprechen über seine Erfahrungen nicht von Vorteil: der größere Teil der in seiner Erfahrung enthaltenen dynamischen Fortschrittskraft verdampft, wenn er in Worte gekleidet ist. Andererseits hilft er durch das Erklären seiner Erfahrungen dem Verständnis und deshalb dem Fortschritt seiner Schüler enorm. Es bleibt seiner Weisheit überlassen, in welchem Maß er das eine dem anderen opfern kann. Es versteht sich von selbst, dass seiner Erzählung kein Prahlen und Aufschneiden beigemischt werden darf, denn die geringste Eitelkeit würde ihn nicht länger zu einem Guru, sondern zu einem Blender machen.
Was den Schüler betrifft, würde ich ihm sagen: „Vertraue in jedem Fall deinem Guru, wer immer er ist; er wird dich so weit führen, wie du gehen kannst. Aber wenn du das Glück hast, das Göttliche als Guru zu haben, sind Deiner Verwirklichung keine Grenzen gesetzt.“
Allerdings ist sogar das Göttliche, wenn es sich auf der Erde inkarniert, demselben Gesetz der Weiterentwicklung unterworfen. Das von ihm angenommene physische Wesen, sein Instrument der Manifestation, sollte sich in einem fortdauernden Entwicklungsprozess befinden, und das Gesetz seines persönlichen Selbstausdrucks ist in gewisser Weise mit dem generellen Gesetz irdischen Fortschritts verbunden. Deshalb kann sogar die verkörperte Gottheit auf der Erde solange nicht vollkommen sein, wie die Menschen Vollkommenheit nicht verstehen und akzeptieren können. Der Tag wird kommen, wenn alles, was jetzt aus Pflichtgefühl dem Göttlichen gegenüber getan wird, dann aus Liebe zu Ihm getan wird. Fortschritt wird statt Anstrengung und oft sogar Kampf Freude sein. Oder, genauer gesagt, man schreitet mit Freude voran, mit der vollen Zustimmung des ganzen Wesens, statt durch Druck auf den Widerstand des Egos, der große Anstrengung und manchmal sogar großes Leid zur Folge hat.
Abschließend würde ich dies sagen: wenn du möchtest, dass dein Sprechen Wahrheit bekundet und so die Macht des Wortes erlangt, denke dir nie vorher aus, was du sagen möchtest, entscheide nicht, was gut und schlecht zu sagen ist, berechne nicht die Wirkung dessen, was du sagen wirst. Halte den mentalen Geist ruhig und bleibe unerschütterlich in der wahren Haltung steten Strebens nach der Allweisheit, dem Allwissen, dem Allbewusstsein. Wenn dein Streben aufrichtig ist, wenn es kein Deckmantel ist für deinen Ehrgeiz, es gut zu machen und erfolgreich zu sein, wenn es rein, spontan und umfassend ist, dann wirst du sehr einfach sprechen können und nur die Worte sagen, die gesagt werden sollten, weder weniger noch mehr. Und sie werden eine schöpferische Kraft haben.1
1 In den nächsten beiden Artikeln geben wir die Erklärungen der Mutter zu zwei Passagen des obigen Textes wieder. - Hrsg.
Kapitel 4
Wahres Streben frei von Worten
Was bedeutet das Wort?
Das ist etwas anderes. Das Wort – es ist ausdrucksvolles Sprechen, und Wörter…
Es muss von oben kommen, die Quelle dieses Wortes muss dort oben sein, nicht in irgendeinem dazwischenliegenden Bereich. Das ist dann das Wort. Und man muss tun, was ich gesagt habe, – es ist keine einfache Sache.
Was ich dort gesagt habe [im letzten Abschnitt des vorhergehenden Kapitels], ist, dass man die richtige Haltung beibehalten und mental ruhig sein muss: eine Haltung, die sich nicht in Worten oder formulierten Gedanken ausdrückt, sondern durch einen lebendigen Bewusstseinszustand. Eine Haltung sehnenden Strebens, verstehst du? Ich bin gezwungen, es durch Worte auszudrücken, weil es auf Papier gedruckt werden muss (aus diesem Grund verliert alles drei Viertel seiner Kraft), aber es würde sonst auch gar nicht akzeptiert werden. Wenn ich dir ein leeres Blatt gäbe, würdest du nicht genau wissen, was ich dort hinein gelegt habe! Ich bin gezwungen, es in Worte zu fassen.
Ein Streben nach allem, was grundlegend wahr, wirklich und vollkommen ist. Und dieses sehnsuchtsvolle Streben muss frei von Worten sein, einfach eine stille Haltung, aber äußerst intensiv und standhaft. Nicht einem Wort darf erlaubt werden einzudringen und sie zu stören. Sie muss wie eine Säule aus Schwingungen sehnsuchtsvollen Strebens sein, unantastbar und in einer totalen Stille. – Und dort, wenn etwas herabkommt, wird das, was herabkommt (und in deinem mentalen Geist in Worte und in deinem Mund in Laute gekleidet ist) das Wort sein. Aber nichts weniger als dies genügt.
Kapitel 5
Verständigung ohne Worte
„Wenn du nicht allein bist und mit anderen zusammen lebst, kultiviere die Gewohnheit, dich nicht ständig durch lautes Sprechen nach außen zu wenden, und ganz allmählich wirst du bemerken, dass sich zwischen dir und anderen ein inneres Verstehen bildet. Ihr werdet euch dann mit einem Minimum an Worten oder sogar ganz ohne Worte verständlich machen können.“ – Die Mutter
Kann eine innere Verständigung zwischen Leuten in jedem Fall gebildet werden, sogar in Bezug auf materielle Dinge?
Ja, Worte dienen bloß als Mittel der Verständigung zwischen einem Mental und dem anderen. Das ist ihre einzige Rechtfertigung. Aber wenn der mentale Geist klar und kraftvoll genug ist, sich ohne Worte zu verständigen, kommuniziert er viel besser, viel klarer, feinfühliger und genauer. Und dann werden keine Worte gebraucht.
Sogar bei gänzlich materiellen Dingen?
Ja, man kann ein Experiment machen. Wenn zum Beispiel zwei Leute geistig aufeinander eingestimmt sind, und einer denkt: „Warum sollte dies Objekt hier sein statt dort?“, geht der andere ganz natürlich, schaut nach dem Objekt und stellt es an seinen Platz. Er versteht das ganz klar, es braucht ihm nicht gesagt werden. Oder jemand denkt: „Es ist Zeit nach draußen zu gehen“ oder „ich brauche dieses und jenes“, und der andere versteht das ohne Probleme und braucht es nicht gesagt zu bekommen. Bevor man soweit ist, geschieht etwas sehr häufig, – ich spreche von denen, die eine Kontrolle über sich haben und bewusst sind – bei zusammen lebenden Menschen: jemand beantwortet eine Frage, die der andere nicht ausgesprochen hat. Jener dachte mental daran, und der andere antwortet: – „Warum, ja, so ist das nun mal; nein, das wurde nicht gemacht.“ Die andere Person hatte nicht gefragt, aber sie hat die Nachricht bekommen und verstanden. Das passiert oft, nicht wahr? Und dann – sogar wenn bei Dingen etwas unbedingt mitgeteilt werden muss, kannst du statt zehn Worten nur eines sagen, und es genügt, der Rest wird verstanden. Und diese direkte Kommunikation ist eine Erfahrung, die man sehr leicht machen kann. Wenn du mit jemand anderem sprichst, aber keinen ausreichenden geistigen Kontakt mit ihm hast, wird er Worte benutzen, die du gewöhnlich in einem bestimmen Zusammenhang gebrauchst, und du verstehst ihn überhaupt nicht. Es ist, als ob ihr nicht die gleiche Sprache sprecht. Nach einiger Zeit, wenn ihr euch mehrfach trefft und geistig aufeinander eingestimmt seid, fangt ihr an euch zu verstehen.
Wirklich, Worte dienen nur als Transportmittel für etwas, das dahinter steht, und das von jenen, die einen genügend entwickelten und präzisen Sinn haben, ohne zu sprechen ausgedrückt werden kann. Wenn man sich wirklich in den Gefilden des Denkens befindet, mindern Worte den Sinn. Sie verringern ihn, engen und grenzen ihn ein und nehmen ihm seine Kraft. Durch direkte Übermittlung ist der Gedanke viel kraftvoller als durch sein Aussprechen. Worte reduzieren, begrenzen, verhärten und nehmen die Flexibilität und echte Kraft – das Leben – weg. Dass uns keine Gedankenübermittlung ohne Worte möglich ist, liegt einfach daran, dass die menschliche Ausrüstung nicht richtig angepasst ist. Wenn sie sehr fein abgestimmt wäre, müsste man, um immer verstanden zu werden, an einem ganzen Tag keine zehn Worte sprechen.
Kapitel 6
Wenn man etwas nicht versteht
Vom Gesichtspunkt individueller Entwicklung und derer, die erst am Anfang des Weges stehen, ist das Wissen, wie man still bleibt, bevor man etwas verstanden hat, eines der Dinge, die dem Vorankommen am meisten helfen würden. – Man sollte wissen, wie man still bleibt, nicht nur äußerlich, ohne ein Wort zu sprechen, sondern auch innerlich, damit der mentale Geist sein Unwissen nicht mit der gewöhnlichen Überheblichkeit behauptet und nicht versucht, Dinge mit einem dafür nicht ausgerüsteten Instrument zu verstehen. Er muss seine eigene Schwäche verstehen und sich einfach und ruhig öffnen und warten, bis seine Zeit gekommen ist, das Licht zu empfangen. Denn nur das Licht, das wahre Licht kann ihm Verstehen ermöglichen. Es ist weder all das, was er gelernt oder beobachtet hat, noch all seine sogenannte Lebenserfahrung, – es ist etwas anderes, was völlig außerhalb davon liegt. Und bis dieses Andere – das der Ausdruck der Gnade ist – sich in ihm manifestiert, und der mentale Geist sehr still und sehr bescheiden ruhig bleibt, nicht zu verstehen und vor allem nicht zu beurteilen sucht, – würden die Dinge viel schneller gehen.
Der von all diesen Worten und Ideen in deinem Kopf verursachte Lärm ist so ohrenbetäubend, dass er dich hindert, die Wahrheit zu hören, wenn sie sich zeigt.
Lernen ruhig und still zu sein… Wenn du ein Problem lösen musst, kommt die Lösung sehr schnell, wenn du mit einem Streben nach Wohlwollen und, wenn möglich, einem Bedürfnis nach Wohlwollen ganz ruhig bleibst, statt in deinem Kopf alle Möglichkeiten, alle Konsequenzen und alles, was man tun oder nicht tun sollte, herumzuwälzen. Und weil du still bist, kannst du sie hören.
Wenn du in eine schwierige Situation geraten bist, versuche diese Methode: statt aufgeregt, ängstlich und ärgerlich zu werden und all diese Ideen zu überprüfen und aktiv Lösungen zu finden, – statt in deinem Kopf hin und her zu rennen – ich meine nicht äußerlich, denn da hast du wahrscheinlich genug gesunden Menschenverstand, das nicht zu tun! sondern innen, in deinem Kopf – bleibe ruhig. Und je nach deiner Natur leidenschaftlich, voll Frieden, intensiv oder dich öffnend oder allem zusammen bitte dringend um das Licht und erwarte sein Kommen.
Auf diese Weise würde der Weg beträchtlich abgekürzt werden.