Kapitel 8
Erkenne den inneren Ratgeber
Dieser innere Ratgeber ist zu Beginn gerade durch die Intensität unserer persönlichen Bemühungen und durch die Hauptbeschäftigung des Egos mit sich selbst und seinen Zielen verschleiert. Während wir Klarheit gewinnen und der Aufruhr der egoistischen Anstrengung einem ruhigeren Selbst-Wissen Platz macht, erkennen wir die Quelle des wachsenden Lichts in uns. Wir erkennen sie im Nachhinein während wir begreifen, wie alle unsere dunklen und widersprüchlichen Bewegungen auf ein Ende hin ausgerichtet waren, das wir erst jetzt langsam erkennen, und wie sogar vor unserem Betreten des Yogapfades die Entwicklung unseres Lebens bewusst auf ihren Wendepunkt hin geleitet wurde. Denn jetzt beginnen wir den Sinn unserer Anstrengungen und Bemühungen, Erfolge und Misserfolge zu verstehen. Endlich können wir die Bedeutung unserer Prüfungen und Leiden begreifen und die Hilfe, die uns durch all das, was verletzte und Widerstand leistete sowie den Nutzen jedes unserer Stürze und Fehltritte wertschätzen. Wir erkennen diese göttliche Führung hinterher, nicht in der Rückschau, sondern unmittelbar danach an der Formung unserer Gedanken durch einen transzendenten Seher, unseres Willens und Handelns durch eine alles umarmende Macht, unseres Gefühlslebens durch eine Wonne und Liebe, die alles anzieht und integriert. Wir erkennen sie auch in einer persönlicheren Beziehung, die uns von Anfang an berührte oder zuletzt ergreift; wir fühlen die ewige Gegenwart eines höchsten Meisters, Freundes, Geliebten und Lehrers. Wir erkennen sie in der Essenz unseres Wesens, wenn es sich zu einem Abbild und einer Einheit mit einem größeren und weiteren Sein entwickelt. Denn wir begreifen, dass diese wunderbare Entwicklung nicht das Ergebnis unserer eigenen Anstrengung ist. Eine ewige Vollkommenheit formt uns nach ihrem eigenen Bild. Einer, der in der Yogaphilosophie der Herr oder Ishwara ist, der Ratgeber im bewussten Wesen (caitya guru oder antaryamin), das Absolute des Denkers, das Unbegreifliche des Agnostikers, die universale Kraft des Materialisten, die höchste Seele und höchste Shakti; der Eine, welcher in allen Religionen mit anderem Namen genannt und imaginiert wird, ist der Meister unseres Yoga.
Diesen Einen in unseren inneren Selbst und in unserer gesamten äußeren Natur zu sehen, zu erkennen, zu werden und zu verwirklichen, war immer das heimliche Ziel und wird nun der bewusste Zweck unserer verkörperten Existenz. Sich seiner in allen Teilen unseres Wesens und gleichermaßen in allem, was der trennende mentale Geist als außerhalb von unserem Selbst sieht, bewusst zu sein, ist die Vervollkommnung des individuellen Bewusstseins. Von ihm ergriffen zu sein und ihn in uns selbst und in allen Dingen zu gewinnen, ist das Merkmal jedes Imperiums und jeder Meisterschaft. Sich an ihm in allen Erfahrungen von Passivität und Aktivität, von Frieden und Macht, Einheit und Verschiedenheit zu erfreuen, ist das Glück, welches die in der Welt verkörperte individuelle Seele, jiva, im Geheimen sucht. Dies ist die vollständige Definition des Ziels des Integralen Yoga. Es ist die Umsetzung der Wahrheit, welche die universale Natur in sich verbirgt und welche sie sich zu entdecken müht, in die persönliche Erfahrung. Es ist die Wandlung der menschlichen Seele in die göttliche Seele und des natürlichen Lebens in göttliches Leben.
Der sicherste Weg zu dieser integralen Erfüllung besteht darin, den Meister des Geheimnisses zu finden, der in uns wohnt, uns immer der göttlichen Macht zu öffnen, die auch die göttliche Weisheit und Liebe ist, und ihr zu vertrauen, um die Wandlung zu bewirken.
Kapitel 9
Was der Mensch ist
Ein höheres Säugetier:
Eine Upanishad erklärt, dass das Selbst oder der Geist nach der Entscheidung Leben zu erschaffen zuerst Tierarten wie die Kuh und das Pferd formte. Aber die Götter, – die im Denken der Upanishaden Kräfte des Bewusstseins und der Natur sind, – sahen sie als ungenügende Vehikel an. Deshalb erschuf der Geist schließlich die menschliche Form, die die Götter außerordentlich gut und ausreichend fanden, und in welche sie zur Ausübung ihrer kosmischen Funktionen eintraten. Dies ist ein klares Gleichnis für die Erschaffung immer evolvierterer Formen, bis eine gefunden wurde, die ein entwickeltes Bewusstsein beherbergen konnte.
Eine empfängliche Seele:
Das Tier hat nur wenige Bedürfnisse und ist zufrieden. Den Göttern genügt ihre eigene Pracht. Aber der Mensch kann nicht eher ruhen, als bis er ein höchstes Gut erlangt. Er ist das größte der lebenden Wesen, weil er das unzufriedenste ist, weil er den Druck seiner Einschränkungen am meisten spürt. Nur ihm ist es vielleicht möglich, von einer göttlichen Passion für ein fernes Ideal ergriffen zu sein.
Für den Lebensgeist ist deshalb in erster Linie der Mensch, das Individuum, in dem sich seine Möglichkeiten zentrieren, der Purusha. Es ist der Sohn des Menschen, der in höchstem Maße fähig ist, Gott zu inkarnieren. Dieser Mensch ist nach dem Denken der Weisen aus alter Zeit der Manu, der Denker, der Manomaya Purusha, die mentale Person oder die Seele im Mental. Er ist nicht bloß ein höheres Säugetier, sondern eine empfängliche Seele, die in der Materie auf dem tierischen Körper gründet. Er ist bewusster Name oder Numen und nutzt Form als Medium, durch welches Person mit Dingen wirken kann. Das aus der Materie hervorgehende tierische Leben ist nur der untergeordnete Ausdruck seiner Existenz. Das Leben von Denken, Fühlen, Wollen, bewusster Impulse, das, was wir in seiner Ganzheit das Mental nennen, das, was sich bemüht, die Materie und ihre vitalen Kräfte zu beherrschen und sie dem Gesetz seiner eigenen fortschreitenden Transformation zu unterwerfen, ist der mittlere Ausdruck, in welchem er seinen Wirkungsort errichtet. Aber es gibt genauso einen höchsten Ausdruck, nach dem der Mentale Geist des Menschen sucht, damit er, nachdem er ihn gefunden hat, ihn in seiner mentalen und körperlichen Existenz verankern kann. Diese praktische Verankerung von etwas, das sein jetziges Selbst wesentlich übersteigt, ist die Grundlage des göttlichen Lebens im menschlichen Wesen.
In seiner wahren Natur ist er Geist:
Der Mensch ist in seiner wahren Natur… Geist, der das mentale Denken, das Leben und den Körper für eine individuelle und eine gemeinschaftliche Erfahrung und Selbstmanifestation im Universum nutzt. Dieser Geist ist ein unendliches Sein, das sich für individuelle Erfahrungen in einem äußeren Wesen selbst begrenzt. Er ist ein unendliches Bewusstsein, das sich in endlichen Bewusstseinsformen definiert, um sich an verschiedenartigem Wissen und vielfältigen Wesenskräften zu erfreuen. Er ist im Lebewesen unendliche Wonne, die sich und ihre Kräfte ausdehnt und zusammenzieht, verbirgt und enthüllt und viele Ausdrucksweisen ihrer Daseinsfreude formuliert, sogar bis hin zu einer scheinbaren Verdunkelung und Leugnung ihrer eigenen Natur. In sich selbst ist er ewiger Sachchidananda, aber diese Komplexität, dieses Entknoten und Enträtseln des Unendlichen im Endlichen ist der Aspekt, den wir ihn in der universalen und individuellen Natur annehmen sehen. Das ewige Sachchidananda, dieses essentielle Selbst unseres Wesens, zu entdecken und darin zu leben, ist die stabile Basis für die Offenbarung seiner wahren Natur. Hier kann es in unseren Instrumenten von Obermental, Mental, Leben und Körper, den aktiven Prinzipien einer spirituellen Vollkommenheit, einen göttlichen Weg zu leben erschaffen.
Seine Befreiung:
Der Purusha, der unser wahres Wesen ist, ist immer unabhängig und Meister der Prakriti, und diese Unabhängigkeit suchen wir zu Recht zu erreichen. Das ist der Nutzen der egoistischen Bewegung und ihrer Selbst-Überschreitung, aber ihre richtige Verwirklichung liegt nicht darin, das Prinzip der unabhängigen Existenz des Egos absolut zu setzen, sondern jene andere höchste Haltung des Purusha in Beziehung zu seiner Prakriti zu erlangen. Hier ist die Natur überschritten, aber auch gemeistert in der vollkommenen Erfüllung unserer Individualität wie auch unserer Beziehungen zur Welt und zu anderen. Deshalb ist eine individuelle Errettung in jenseitigen Himmeln ohne sich um die Welt zu kümmern nicht unser höchstes Ziel. Die Befreiung und Selbsterfüllung anderer ist genauso unser Anliegen, – wir können fast sagen: unser göttliches Selbst-Interesse, – wie unsere eigene Befreiung. Sonst hätte unser Einssein mit anderen keine effektive Bedeutung. Der erste Sieg über uns selbst ist der Sieg über den Reiz der egoistischen Existenz in dieser Welt. Unser zweiter Sieg ist die Überwindung der Verlockung individuellen Glücks in jenseitigen Himmeln. Der letzte und größte Sieg ist der Sieg über die höchste Sogkraft der Flucht aus dem Leben und einer selbstvergessenen Seligkeit in der unpersönlichen Unendlichkeit. Dann haben wir alle individuelle Ausschließlichkeit abgeschüttelt und eine vollkommene spirituelle Freiheit erlangt.
Kapitel 10
Der wahre Sinn unserer Geburt
Warum war eine fortschreitende Manifestation notwendig?
Der Zweck, für den diese ausschließliche Konzentration, die wir die Unwissenheit nennen, notwendig ist, ist, dass der Mensch den Zyklus der Selbst-Vergessenheit und Selbst-Entdeckung durchläuft. Für die Freude des verborgenen Geistes daran hat die Natur die Unwissenheit angenommen. Es ist nicht so, dass die ganze kosmische Manifestation sonst nicht möglich sein würde, aber es wäre eine ganz andere Manifestation als die, in der wir leben. Sie würde sich auf die höheren Welten des göttlichen Seins oder auf einen artspezifischen, sich nicht entwickelnden Kosmos beschränken, in dem jedes Wesen im vollen Licht seines eigenen Naturgesetzes lebte. Dann wäre diese jetzige Manifestation, dieser evolvierende Zyklus nicht möglich. Das, was hier das Ziel ist, würde dann der unaufhörliche Zustand sein, und was hier eine Stufe darstellt, wäre ein verewigtes Seinsmodell. Um sich in den scheinbaren Gegensätzen seines Wesens und seiner Natur zu finden, steigt Sachchidananda in die Nichtbewusstheit der Materie hinab und nimmt deren gewaltige Unwissenheit wie einen äußeren Schleier an, hinter dem er sich vor seiner eigenen bewussten Energie verbirgt und sie ihrer Selbstvergessenheit und Absorption in ihr Wirken und ihre Formen überlässt. In eben diesen Formen muss die sich langsam entwickelnde Seele das gewaltige Wirken einer Unwissenheit akzeptieren, welche in Wirklichkeit ein sich allmählich aus der originalen Unwissenheit erwachendes Wissen ist. Und in den neuen, durch dieses Wirken geschaffenen Bedingungen muss sie sich wiederentdecken und das Leben – welches auf diese Weise arbeitet, um das Ziel seines Herabstiegs in das Nichtbewusste zu erreichen – durch jenes Licht göttlich transformieren. Es ist nicht das Ziel dieses kosmischen Zyklus, so schnell wie möglich zu Himmeln, in denen für immer vollkommenes Licht und Freude herrschen, oder zur überkosmischen Seligkeit zurückzukehren oder bloß eine sinnlose Runde in einer langen unbefriedigenden Spur der Unwissenheit zu wiederholen, die nach Erkenntnis sucht, aber sie niemals völlig erreicht, [– in diesem Fall würde die Unwissenheit entweder ein unerklärliches Versehen des All-Bewussten oder eine schmerzhafte und sinnlose, ebenfalls unerklärliche Notwendigkeit sein]. – Stattdessen will er das Ananda des Selbstes unter anderen Bedingungen als den überkosmischen in einem kosmischen Sein verwirklichen. Ihren Himmel von Freude und Licht sogar in den Gegensätzen zu finden, die eine verkörperte materielle Existenz immer aufweist, welche um die Freude der Selbst-Entdeckung ringt, scheint das wahre Ziel der Geburt der Seele im menschlichen Körper und der Bemühungen der menschlichen Spezies während vieler aufeinanderfolgender Zyklen zu sein. Die Unwissenheit ist eine notwendige, obschon ziemlich untergeordnete Begrenzung, die das universale Wissen sich selbst auferlegt hat, damit diese Bewegung ermöglicht werden kann, – sie ist kein Missgriff, kein Sturz oder Fluch, sondern ein sinnvolles Herabsteigen und eine göttliche Möglichkeit. Die All-Freude in einer umfassenden Bündelung ihrer Vielfalt zu entdecken und zu verkörpern, eine Möglichkeit des unendlichen Seins zu erreichen, die unter anderen Bedingungen nicht erlangt werden könnte, aus der Materie einen Tempel des Göttlichen zu erschaffen, scheint die Aufgabe zu sein, die dem in das materielle Universum hineingeborenen Geist auferlegt worden ist.
Die einzige Frage ist, aus welchem Grund diese Art fortschreitender Manifestation notwendig war; dies ist für die Intelligenz der letzte unklare Punkt geblieben.
Eine Manifestation dieser Art, Selbst-Schöpfung oder Spiel, Lila, schiene nicht gerechtfertigt, wenn sie der unwilligen Kreatur auferlegt worden wäre; aber es ist wohl offensichtlich, dass die Zustimmung des verkörperten Geistes schon vorhanden gewesen sein muss, denn Prakriti kann nicht ohne das Einverständnis des Purusha handeln. Nicht nur der Wille des Göttlichen Purusha, die kosmische Schöpfung zu ermöglichen, sondern auch die Zustimmung des individuellen Purusha zur Bewerkstelligung der individuellen Manifestation musste schon vorhanden gewesen sein. Aber man kann sagen, dass die Ursache des Göttlichen Willens und der Freude in so einer schwierigen und gepeinigten fortschreitenden Manifestation als auch der Grund für die Zustimmung der Seele hierzu noch immer ein Mysterium ist. Aber es ist kein vollständiges Mysterium, wenn wir unsere eigene Natur anschauen und einen verwandten Wesenszug als anfängliche Ursache ihres kosmischen Ursprungs vermuten können. Im Gegenteil, ein Spiel des Selbstversteckens und Selbstfindens ist eine der strapaziösesten Freuden, die das bewusste Wesen sich bereiten kann, ein äußerst attraktives Spiel. Es gibt für den Menschen kein größeres Vergnügen als einen Sieg, der im Prinzip ein Überwinden von Schwierigkeiten ist, ein Sieg des Wissens, der Macht, ein Sieg über die fehlenden Möglichkeiten im Schaffensprozess, eine Freude an der Bezwingung qualvoller Anstrengung und schwerer Leidensprüfung. Am Ende der Trennung steht die intensive Freude der Vereinigung, die Freude eines Treffens mit einem Selbst, von dem wir getrennt waren. Sogar die Unwissenheit übt einen Reiz aus, weil sie uns die Freude des Entdeckens bietet, die Überraschung neuer und unvorhergesehener Schöpfung, ein großes Abenteuer der Seele. Es gibt eine Freude des Reisens, der Suche und des Findens, eine Freude von Krieg und Krone, von Mühe und Belohnung der Mühe. Wenn Daseinsfreude das Geheimnis der Schöpfung ist, ist auch dies eine Daseinsfreude; sie kann als die Ursache oder wenigstens als eine Ursache für diese scheinbar paradoxe und gegensätzliche Lila angesehen werden. Aber außer dieser Wahl des individuellen Purusha gibt es eine dem ursprünglichen Sein innewohnende tiefere Wahrheit, die ihren Ausdruck im Eintauchen in das Nichtbewusste findet. Das Resultat ist eine neue Bekräftigung des Sachchidananda in seinem offenbaren Gegensatz. Wenn man dem Recht des Unendlichen auf vielfältige Selbstmanifestation zustimmt, wird dies ebenfalls als eine Möglichkeit seiner Manifestation verständlich und hat seine profunde Bedeutung.
Wenn wir dieses Bewusstsein des Ananda Brahman in allen dreien dieser Manifestationen in uns gefestigt haben, oben, im Innern und Außen, sind wir vollkommen eins mit ihm und umarmen alles Seiende in seiner Seligkeit, seinem Frieden, seiner Freude und Liebe. Dann werden alle Welten zum Körper dieses Selbstes. Aber wir haben nicht die umfassendste Kenntnis dieses Ananda, wenn wir nur eine unpersönliche Gegenwart, Größe oder Immanenz fühlen, wenn unsere Verehrung nicht innig genug gewesen ist, damit dieses Wesen uns aus seiner weitgespannten Freude das Antlitz und den Körper enthüllen und uns die Hände des Freundes und Geliebten spüren lassen kann. Seine Unpersönlichkeit ist die selige Größe des Brahman, aber von dort aus kann die Süße und innige Leitung der göttlichen Persönlichkeit auf uns achtgeben. Denn das Ananda ist die Gegenwart des Selbstes und Meisters unseres Wesens und sein Verströmen kann die ungetrübte Freude seiner Lila sein.
Kapitel 11
Schritte, um sich aus der Unwissenheit zu lösen
Die Natur hat aus diesem Grund das Ego erfunden, damit das Individuum sich aus der Unwissenheit oder dem Unbewussten der Masse lösen und zu einer lebendigen Unabhängigkeit im mentalen Denken, der Lebenskraft, Seele und dem Geist gelangen und sich mit der Welt um sich herum koordinieren kann, aber nicht in ihr ertrinkt oder – abgetrennt – nichtexistent und ineffektiv ist. Denn das Individuum ist tatsächlich Teil des kosmischen Seins, aber es ist auch mehr, es ist eine Seele, die aus dem Transzendenten herabgekommen ist. Es kann dieses nicht sofort manifestieren, weil es dem kosmischen Nichtbewussten zu nahe und dem ursprünglichen Überbewussten nicht nahe genug ist. Es muss sich selbst als das mentale und vitale Ego entdecken, bevor es sich als Seele oder Geist erkennt.
Doch seine egoistische Individualität zu entdecken bedeutet nicht sich selbst zu kennen; das wahre spirituelle Individuum ist nicht das mentale Ego, das vitale oder das physische Ego: zuerst ist diese Regung eine Arbeit des Willens, der Kraft und egoistischen Selbstbehauptung und erst in zweiter Linie des Wissens. Deshalb muss eine Zeit kommen, in der der Mensch unter die unklare Oberfläche seines egoistischen Wesens schauen und sich selbst erkennen muss; er muss sich aufmachen den wirklichen Menschen zu entdecken. Ohne das würde er nicht über die primäre Erziehung der Natur hinauskommen und niemals ihre tieferen und größeren Lehren entdecken. Wie groß sein praktisches Wissen und seine Tüchtigkeit auch sein mögen, er würde nur ein klein wenig höher stehen als die Tiere. Zuerst muss er seine Augen der eigenen Psychologie zuwenden und ihre natürlichen Elemente unterscheiden, – Ego, mentaler Geist und seine Instrumente, das Vital und der Körper, – bis er entdeckt, dass seine ganze Existenz eine andere Erklärung als das Wirken der natürlichen Elemente und ein anderes Ziel für seine Aktivitäten als die egoistische Selbstbestätigung und Befriedigung braucht. Er kann sie in der Natur und der Menschheit finden und hierdurch seinen Weg zur Entdeckung seiner Einheit mit dem Rest seiner Welt beginnen: er kann sie in der Übernatur suchen, in Gott, und auf diese Weise seinen Weg zur Entdeckung seines Einsseins mit dem Göttlichen finden. Eigentlich erprobt er beide Wege und versucht, immer schwankend, in sich die sukzessiven Lösungen zu verankern, die am besten mit den verschiedenen Teil-Entdeckungen übereinstimmen können, welche er bei seinem zweigleisigen Suchen und Finden gemacht hat.
Aber was er durch all das in diesem Stadium wirklich versucht zu entdecken, zu wissen und zu erfüllen, ist er selbst. Seine Kenntnis der Natur und sein Wissen über Gott sind nur Hilfen auf dem Weg zu Selbsterkenntnis, Vervollkommnung seines Wesens und Erreichen des höchsten Zieles seines individuellen Selbst-Seins…
Darum beginnt die höhere Selbsterkenntnis, sobald der Mensch über seine Beschäftigung mit der Beziehung von Natur und Gott zu seinem oberflächlichen Wesen, seinem am meisten offenkundigen Selbst hinausgekommen ist. Ein Schritt besteht darin, zu erkennen, dass dieses Leben nicht alles ist, sich der Vorstellung seiner eigenen zeitlichen Ewigkeit anzunähern, sich konkret jener subjektiven Dauerhaftigkeit bewusst zu werden, die die Unsterblichkeit der Seele genannt wird. Wenn er weiß, dass es Zustände jenseits des Materiellen gibt, und Leben vor und nach ihm, jedenfalls ein früheres und ein nachfolgendes Dasein, ist er auf dem Weg, seine temporäre Unwissenheit loszuwerden durch sein sich Weiten über die unmittelbaren Momente der Zeit hinaus bis zum Genuss der eigenen Ewigkeit. Ein anderer Schritt vorwärts liegt in der Erfahrung, dass sein äußerer Wachzustand nur einen kleinen Teil von ihm darstellt, sowie im Beginn des Auslotens des abgründigen Nichtbewussten, den Tiefen des Unterbewussten und Feinstofflichen, und dem Erklimmen der überbewussten Höhen. Auf diese Weise leitet er die Beendigung seiner psychologischen Selbst-Unwissenheit ein. Ein dritter Schritt besteht im Erkennen, dass es etwas anderes als seine Instrumente des Mentals und Lebens und des Körpers gibt: nicht nur eine unsterbliche, sich immer weiter entwickelnde individuelle Seele, die seine Natur unterstützt, sondern ein ewiges unveränderliches Selbst und einen Geist. Dieser Schritt beinhaltet auch das Erkennen der Kategorien seines spirituellen Wesens, bis er entdeckt, dass alles in ihm ein Ausdruck des Geistes ist, und er die Verbindung zwischen seinem niederen und höheren Sein deutlich wahrnimmt. So macht er sich daran, die angeborene Unkenntnis seines Selbstes zu beheben. Indem er Selbst und Geist entdeckt, entdeckt er Gott. Er findet heraus, dass es ein Selbst jenseits des Temporären gibt: er erlangt im kosmischen Bewusstsein die Vision jenes Selbstes als die göttliche Wirklichkeit hinter der Natur und dieser Welt der Wesen. Sein mentaler Geist öffnet sich für den Gedanken oder das Spüren des Absoluten, das sich im Selbst, im Individuum und im Kosmos so vielfältig ausdrückt. Das kosmische, das egoistische und das ursprüngliche Nichtwissen beginnen ihren starren Griff zu lockern. In seinem Versuch, sein Dasein in diesem sich weitenden Selbstwissen zu formen, werden Lebens-Sicht und Motiv, Denken und Handeln stufenweise verwandelt und transformiert. Die faktische Unkenntnis seiner selbst, seiner Natur und seines Lebenszieles verringert sich: er hat seinen Fuß auf den Weg gesetzt, der aus der Falschheit und dem Leid einer begrenzten und unvollständigen Existenz zu einem perfekten Besitzen und Genießen eines wahren und vollkommenen Seins führt.