Kapitel 18
Das Bewusstsein des Körpers
Worte der Mutter
Wenn der Körper etwas braucht und sich dessen sicher ist, dass er das benötigt, und das Vital etwas anderes und das Mental auch etwas anderes möchte, ist es schon möglich, dass sich eine Auseinandersetzung zwischen ihnen anbahnt, dass es Unstimmigkeiten und Konflikte gibt. Und man kann sehr deutlich erkennen, was die Grundhaltung des Körpers ist, das Bedürfnis des Körpers an sich, und in welcher Weise das Vital sich einmischt und dieses Gleichgewicht meistens zerstört und der Entwicklung sehr schadet, weil es unwissend ist. Und wenn das Mental kommt, richtet es noch ein weiteres Chaos an, das sich zum Konflikt des Vitals mit dem Physischen hinzugesellt. Das Mental führt seine Gedanken, seine Normen, seine Prinzipien, seine Regeln, seine Gesetze und so weiter ein, und da es sich über die Bedürfnisse des Körpers nicht recht klar wird, möchte es tun, was alle tun. Da das Mental interveniert und das Gleichgewicht stört, sind die Menschen viel anfälliger als die Tiere. Ihr Gesundheitszustand ist viel labiler. Der Körper, sich selbst überlassen, hat einen sehr sicheren Instinkt. Zum Beispiel wird der sich selbst überlassene Körper niemals essen, wenn er es nicht dringend nötig hat, oder etwas nehmen, was ihm schadet. Oder er wird schlafen, wenn er Schlaf braucht, er wird handeln, wenn er es nötig hat zu handeln. Der Körperinstinkt ist ein sehr sicherer Instinkt. Das Vital und das Mental bringen ihn durcheinander. Das eine mit seinen Begierden und Wünschen, seinen launenhaften Willensregungen, das andere mit seinen Prinzipien, seinen Dogmen, seinen Gedanken, seinen Gesetzen. Und in der Kultur, wie sie heute verstanden wird, wird leider mit der Erziehung, die man den Kindern angedeihen lässt, dieser so sichere Körperinstinkt völlig ausgeschaltet: Alles andere dominiert. Und es kommt, wie es kommen muss: Man isst Dinge, die schaden, man ruht nicht aus, wenn man es nötig hat, oder man ruht zu viel aus, wenn man es gar nicht braucht, oder man tut Dinge, die man nicht tun sollte, und man ruiniert seine Gesundheit vollständig.
Kapitel 19
Zonen des Bewusstseins
Worte der Mutter
Zuerst gelangt man in die Zone der Malerei, Bildhauerei, Architektur: alles, was eine materielle Form hat. Es ist der Bereich der Formen – farbige Formen, die sich durch Gemälde, Skulpturen oder Architektur ausdrücken. Aber diese Formen sind nicht so, wie wir sie kennen, es sind eher Urformen. Man sieht zum Beispiel Grundformen von wunderbar schönen und bunten Gärten oder Grundformen von Bauwerken.
Dann folgt der musikalische Bereich, und dort trifft man auf den Ursprung der Töne, aus denen die verschiedenen Komponisten ihre Inspiration bezogen. Es sind große musikalische Wogen, aber ohne dass man Töne hörte. Das erscheint etwas komisch, doch so ist es…
Über der musikalischen Zone liegt das Denken: die Gedanken, die Anordnungen des Denkens für Theaterstücke, Bücher, Abstraktionen für Philosophien. Mich interessierten besonders die Kombinationen, die Romane oder Theaterstücke ergeben.
Das ist der dritte Bereich…
Darüber liegt eine vierte Zone: ein Bereich farbigen Lichts, Spiele farbiger Lichter. Dies ist die Reihenfolge: erst die Form, dann der Ton, dann die Ideen, dann die farbigen Lichter. Aber das liegt schon ziemlich fern von der Menschheit. Es ist ein Bereich der Kräfte mit dem Aspekt farbiger Lichter. Keine Formen, sondern farbige Lichter, die Kräfte darstellen. Man kann die Kräfte kombinieren, die dann auf die Erdatmosphäre einwirken, um gewisse Ereignisse herbeizuführen. Dieser Bereich der Handlung ist unabhängig von der Form, vom Klang und vom Gedanken: Er liegt darüber. Es ist ein Bereich der Kraft und der aktiven Macht, die man für ein spezielles Ziel benutzen kann – wenn man die Fähigkeit hat, sich ihrer zu bedienen.
Das ist der höchste Bereich.
Wir haben demnach: die Form, die sich durch Malerei, Bildhauerei oder Architektur ausdrückt, dann den Ton, der sich durch musikalische Themen ausdrückt, danach den Gedanken, der sich durch Themen in Büchern, Theaterstücken oder Romanen oder sogar durch intellektuelle, philosophische oder andere Theorien ausdrückt. Von diesem Bereich aus kann man Ideen auf solche Weise aussenden, dass sie in der ganzen Welt tätig werden, auf der ganzen Erde, denn sie beeinflussen aufnahmefähige Gehirne in allen Ländern, und das drückt sich in ihnen durch entsprechende Gedanken in ihrer jeweiligen Sprache aus. Oberhalb dieses Bereichs, frei von allen Formen, Tönen oder Gedanken, liegt das Spiel der Kräfte, die sich durch farbige Lichter ausdrücken. Wenn man dort eintritt und die entsprechende Macht hat, kann man die Kräfte kombinieren, die sich später durch Schöpfungen auf der Erde ausdrücken. Das nimmt einige Zeit in Anspruch, es geschieht selten sofort.
Kapitel 20
Die Bewusstseinszentren oder Chakras
Worte Sri Aurobindos
Es gibt sieben Zentren oder Chakras:
1. Den tausendblättrigen Lotos über dem Scheitelpunkt des Kopfes,
2. das Ajna-Chakra in der Stirn (Wille, Vision, dynamisches Denken),
3. das Hals-Zentrum, das sich ausdrückende Mental (das physische Mental),
4. den Herz-Lotus, das emotionale Zentrum (die Seele befindet sich dahinter),
5. den Nabel, das eigentliche höhere Vital,
6. unterhalb des Nabels das niedere Vital,
7. das Muladhara, das Physische.
Diese Zentren befinden sich in der Mitte des Körpers, und man ordnet sie der Wirbelsäule entlang an. In Wirklichkeit jedoch befinden sie sich alle im feinstofflichen Körper, suksma deha, obwohl man, sobald das Bewusstsein erwacht ist, das Gefühl hat, als würden sie im physischen Körper wirken.
Worte Sri Aurobindos
Man kann von Chakras nur in Bezug auf den Yoga sprechen. In den gewöhnlichen Menschen sind die Chakras nicht geöffnet, erst wenn man die Sadhana ausübt, öffnen sich die Chakras. Denn Chakras sind Zentren des inneren Bewusstseins, die eigentlich dem feinstofflichen Körper angehören. Was von ihnen im durchschnittlichen Menschen aktiv ist, ist sehr wenig – in ihnen ist das äußere Bewusstsein aktiv.
Worte Sri Aurobindos
Chakras sind Zentren des Bewusstseins. Durch ihre Öffnung entwickelt sich das yogische oder innere Bewusstsein – andernfalls wärst du an das gewöhnliche, nach außen gerichtete Bewusstsein gebunden.
Worte Sri Aurobindos
Man geht weder durch das seelische noch durch irgendein anderes Zentrum hindurch. Die Zentren öffnen sich unter dem Druck der Sadhana. Man kann sagen, dass die Kraft in ein Zentrum herabkommt oder in es aufsteigt.
Kapitel 21
Der Sitz des Göttlichen Bewusstseins im Menschen
Worte der Mutter
Die Welt oder Ebene des seelischen Bewusstseins ist jener Teil der Welt und das seelische Wesen jener Teil unseres Wesens, der unmittelbar unter dem Einfluss des Göttlichen Bewusstseins steht. Die feindlichen Kräfte haben nicht den geringsten Einfluss auf ihn. Er ist eine Welt der Harmonie, und alles in ihm entfaltet sich von Helligkeit zu Helligkeit und von Fortschritt zu Fortschritt. Er ist der Sitz des Göttlichen Bewusstseins, des Göttlichen Selbstes im Einzelwesen. Er ist ein Zentrum von Licht, Wahrheit, Wissen und Schönheit, den das Göttliche Selbst durch seine Gegenwart in jedem von uns allmählich erschafft. Beeinflusst, geformt und bewegt wird er vom Göttlichen Bewusstsein, von dem er ein Bestandteil ist. In jedem ist er das innere Wesen, das du suchen musst, um mit dem Göttlichen in dir in Fühlung zu kommen. Er ist der Mittler zwischen dem Göttlichen Bewusstsein und dem äußeren Bewusstsein. Er ist der Erbauer des inneren Lebens, er ist das, was in der äußeren Natur Ordnung und Gesetz des Göttlichen Willens offenbart. Wenn dein äußeres Bewusstsein der Gegenwart des seelischen Wesens in dir inne wird und es sich ihm eint, kannst du das reine Ewige Bewusstsein entdecken und in ihm leben. Statt – wie es bei den Menschen stets der Fall ist – von der Unwissenheit bewegt zu werden, wirst du der Gegenwart eines ewigen Lichts und Wissens in dir bewusst, und ihm überantwortest und weihst du dich ganzheitlich, um es in allem auszudrücken.
Denn das seelische Wesen ist der Teil in dir, der dem Göttlichen schon gegeben ist. Und indem sich sein Einfluss nach und nach von innen nach außen auf die stofflichsten Grenzen deines Bewusstseins zu ausweitet, wird es die Umwandlung deiner ganzen Natur bewirken. Die meisten sind sich der Seele in ihnen nicht bewusst. Die Disziplin des Yoga will dir die Seele bewusst machen, damit der Vorgang der Umwandlung, statt sich mühselig über Jahrhunderte hinzuziehen, in ein einziges Leben oder sogar in ein paar Jahre zusammengefasst werden kann.
Das seelische Wesen ist es, das den Tod überdauert, denn es ist das unsterbliche Selbst. Es führt das Bewusstsein von Leben zu Leben weiter.
Das seelische Wesen hat die wahre Individualität des eigentlichen Individuums in dir, denn Individualität heißt eine jedem eigentümliche Ausdrucksweise, und dein seelisches Wesen ist einer der zahllosen Aspekte des einzigen Göttlichen Bewusstseins, das in dir Form angenommen hat. Doch für das seelische Bewusstsein gibt es nicht dies Gefühl der Trennung zwischen dem individuellen und dem universalen Bewusstsein, das auf deine anderen Wesensteile einwirkt. Darin weißt du, dass deine Individualität deine eigene Ausdruckslinie ist, doch erkennst du zugleich, dass dieser Ausdruck nur eine Vergegenständlichung des einen universalen Bewusstseins ist. Es ist, als hättest du einen Teil deiner selbst aus dir herausgenommen und dir gegenübergestellt, um zwischen den beiden einen Austausch des Blicks und des Spiels zu ermöglichen. Diese Dualität war nötig, um eine objektive Bewegung herzustellen und sie zu genießen. Aber für das seelische Wesen ist die Trennung, die die Dualität verschärft, nur eine Täuschung, ein Anschein und nichts weiter.
Kapitel 22
Gnostisches Bewusstsein
Worte der Mutter
Es gibt einen Bewusstseinszustand, den man „gnostisch“ nennen kann, in dem du auf einmal alle Theorien, alle Glaubensrichtungen, alle Ideen überblickst, die die Menschen in ihrem höchsten Bewusstsein ausgedrückt haben – auch die einander am meisten widersprechenden, wie die buddhistischen, vedantischen, christlichen Theorien, all die philosophischen Theorien, all die Äußerungen des menschlichen Verstandes, wo es ihm geglückt ist, ein Zipfelchen von der Wahrheit zu erhaschen – und in jenem Zustand weist du nicht nur Jeglichem seinen Platz zu, sondern alles erscheint dir wundervoll wahr und unerlässlich, um auch nur das Geringste verstehen zu können.