Kapitel 3
Die Funktionen des Egos
Tatsächlich ist aber dieses ständige Erbauen eines äußeren Egos nur ein provisorischer Vorgang, der von der Bewusstseins-Kraft in den Dingen dazu verwendet wird, um damit das verborgene Individuum, den Geist in unserem Inneren, eine repräsentative und instrumentale Gestaltung von sich selbst in der physischen Natur, also eine vorläufige Individualisierung in der Natur der Unwissenheit ausformen zu können. Mehr als das lässt sich vorerst nicht tun in einer Welt, die aus universaler Unbewusstheit hervortritt.
Ich nehme an, dass das Ego hier [auf Erden] erstens als ein Instrument des äußeren Bewusstseins erschien, das sich in dem ständigen Wandel der Natur individualisierte, und zweitens als ein Ansporn für den tamasischen Tier-Menschen, damit er handle und etwas zuwege bringe. Im anderen Fall hätte er sich vermutlich nur mit Essen und Schlafen zufriedengegeben und nichts anderes getan. Mit diesem Ansporn des Egos (Besitzergreifung, Eitelkeit, Ehrgeiz, Machthunger usw. usw.) begann er, alle möglichen Dinge zu tun, die er sonst niemals getan hätte.
Zuerst organisiert sich das Leben um den Ego-Antrieb. Der Trieb nach Ego-Ausdehnung ist das erste Mittel, um den Kontakt von Mensch zu Mensch aufzunehmen. Der Kampf um Besitz war die erste primitive Möglichkeit zu einer Einigung, die aggressive Behauptung des kleineren Selbsts, der erste Schritt zum Hineinwachsen in ein größeres. So war alles im Lebenskampf eine halbgeordnete Verwirrung, durch die Notwendigkeit und den Instinkt des Zusammenschlusses gemildert, ein Kampf von Individuen, von Klans, von Stämmen, Gesellschaften und Nationen, von Ideen, Zivilisationen und Kulturen, von Idealen und Religionen, ein Kampf, in dem jeder sich behauptete, in dem jeder zum Kontakt, zur Beziehung und zum Kampf mit den anderen gezwungen wurde. Während die Natur das Ego als Schleier verwendet, hinter dem sie die individuelle Manifestation des Geistes vorbereiten kann, zwingt sie dieses Ego zugleich zum Wachstum, bis es sich zuletzt in das größere Selbst erweitern oder in ihm aufgehen kann, in dem es sich begegnet und mit sich selbst in Einklang setzt, in dem es sich seiner selbst bewusst und eins wird mit der übrigen Existenz. Um dieses Wachstum zu unterstützen, erweckt die Lebens-Natur in sich selbst ego-erweiternde, ego-überschreitende, ja sogar ego-zerstörende Instinkte und Bewegungen, die mit den kleineren, sich selbst behauptenden Instinkten und Bewegungen kämpfen und sie zu verbessern suchen…
Das Hervortreten des Lebens-Egos ist ein Mechanismus der kosmischen Natur, um das Individuum durchzusetzen, um es herauszulösen aus der unbestimmten Massen-Substanz des Unterbewussten und um ein bewusstes Wesen auf der durch die Unbewusstheit vorbereiteten Grundlage erscheinen zu lassen. Das Prinzip der Lebens-Behauptung durch das Ego ist die notwendige Folge davon. Das individuelle Ego ist eine pragmatische und wirksame Erfindung, eine Übertragung des verborgenen Selbsts in die Begriffe des vordergründigen Bewusstseins oder ein subjektiver Ersatz für das wahre Selbst in unserer äußeren Erfahrung: Es ist durch die Unwissenheit von dem Selbst der anderen und von der inneren Göttlichkeit abgesondert. Dennoch wird es insgeheim zur evolutionären Vereinigung in der Verschiedenheit weitergetrieben. Obwohl es selbst endlich ist, hat es hinter sich den Impuls des Unendlichen. Aber dies überträgt sich in den Begriffen eines unwissenden Bewusstseins in den Willen, sich auszuweiten und grenzenlos endlich zu sein. Es will alles, was es kann, in sich hineinnehmen, in alles eindringen, es besitzen und auch selbst von diesem in Besitz genommen werden, wenn es sich dadurch befriedigt fühlen und in anderen oder durch sie wachsen kann. Oder es kann durch Unterwerfung das Wesen und die Macht anderer in sich hineinnehmen, dadurch eine Hilfe oder einen Impuls für seine Lebens-Behauptung, seine Lebens-Freude und die Bereicherung seines mentalen, vitalen oder physischen Daseins gewinnen.
Weil es aber als ein gesondertes Ego diese Dinge zu seinem eigenen Vorteil tut, und nicht durch bewussten Austausch, Gegenseitigkeit und Einigkeit, entstehen im Leben Zwietracht, Konflikt und Disharmonie. Deren Ergebnisse nennen wir das Unrecht und das Böse. Die Natur akzeptiert sie, weil sie notwendige Begleiterscheinungen der Evolution sind, unentbehrlich für das Wachstum des zerteilten Wesens. Sie sind die Ergebnisse der Unwissenheit, befördert durch ein unwissendes Bewusstsein, das sich auf die Zerteilung gründet, durch einen unwissenden Willen, der durch die Zerteilung wirkt, durch eine unwissende Daseins-Freude, die Lust hat an der Zerteilung. Die evolutionäre Absicht wirkt ebenso durch das Böse wie durch das Gute. Sie muss alles verwenden, weil eine Beschränkung auf ein begrenztes Gutes die beabsichtigte Evolution einsperren und verhindern würde. Sie gebraucht jedes verfügbare Material und tut mit ihm, was sie kann. Aus diesem Grunde sehen wir Böses aus Gutem und Gutes aus dem hervorgehen, was wir Böses nennen. Dass selbst jenes, das man für böse hielt, als gut anerkannt wird, und was man für gut hielt, als böse, kommt daher, dass unsere Maßstäbe für beides evolutionsbedingt, begrenzt und veränderlich sind. Es scheint also zunächst, als bevorzuge die evolutionäre Natur, die irdische kosmische Kraft, keinen dieser Gegensätze. Sie verwendet beide gleichermaßen für ihre Absicht. Und doch hat dieselbe Natur, die gleiche Kraft, den Menschen mit dem Sinn für Gut und Böse belastet und legt Nachdruck auf dessen Bedeutung: Offensichtlich hat also auch dieser Sinn einen Zweck in der Evolution. Auch er muss notwendig sein und dazu dienen, dass der Mensch gewisse Dinge hinter sich lässt und anderen zustrebt, bis er aus dem Guten und Bösen hervortreten kann in ein Gutes, das ewig und unendlich ist.
Kapitel 4
Das vitale Ego
Bei unserer äußeren Person erkennen wir von unserem Selbst nur so viel, wie dort formuliert ist, und auch nur das teilweise. Denn wir sehen das vollständige Wesen unserer äußeren Person nur in allgemeiner Unbestimmtheit, in der sich verstreute Punkte präziser Art finden oder die zerteilt ist durch deutlichere Figuren. Auch das, was wir durch unsere mentale Innenschau entdecken, ist nur eine Summe von Fragmenten. Die vollständige Form und der Sinn unserer personalen Gestaltung entziehen sich unserer Kenntnisnahme. Doch gibt es auch hier ein deformierendes Wirken, das selbst diese begrenzte Selbst-Erkenntnis verdunkelt und entstellt. Die Betrachtung unseres Selbsts wird fortwährend beeinträchtigt durch die dauernde Einwirkung und das Eindringen des Selbsts unseres äußeren Lebens, durch unser äußeres vitales Wesen, das stets das denkende Mental zu seinem Werkzeug und Diener zu machen versucht. Denn unser vitales Wesen ist noch viel weniger darauf aus, das Selbst zu erkennen, will sich vielmehr selbst behaupten, sein Begehren und sein Ego durchsetzen. Darum wirkt es ständig auf das Mental ein, um für sich das mentale Gebäude eines scheinbaren Selbsts aufzubauen, das diesen Zwecken dienen soll. Unser Mental wird dahin beeinflusst, uns und den anderen Menschen eine teilweise fiktive Gestalt unserer selbst darzustellen, die unsere Selbst-Behauptung unterstützt, unsere Begehren und Handlungen rechtfertigt und unser Ego füttert. Diese vitale Einmischung ist sicher nicht immer auf unsere Selbst-Rechtfertigung und Selbst-Behauptung gerichtet. Manchmal wendet sie sich auch umgekehrt hin zur Selbst-Entwertung und zur krankhaften und übertriebenen Selbst-Kritik: Aber auch das ist eine Konstruktion des Egos, ein umgekehrter oder negativer Egoismus, eine Show oder Pose des vitalen Ego. Denn in diesem vitalen Ego vermischen sich oft der Scharlatan und der Quacksalber mit dem Poseur und Schauspieler. Ständig nimmt es irgendeine Rolle an und spielt sie entweder vor sich selbst oder vor den anderen als seinem Publikum. So wird der organisierten Unwissenheit vom Selbst noch eine organisierte Selbst-Täuschung hinzugefügt. Nur wenn wir in unser Inneres eindringen und diese Dinge an ihrem Ursprung sehen, können wir aus dieser Finsternis und diesem Wirrwarr herauskommen.
Soweit das natürliche vitale Element in uns ungezügelt und ungeübt ist oder seinen primitiven Charakter beibehält, kümmert es sich nicht um Wahrheit, um richtiges Bewusstsein oder um richtiges Handeln. Ihm geht es allein um die Durchsetzung seines Ego, um das Wachsen des Lebens, um Besitz, Befriedigung seiner Impulse, um Erfüllung seiner begehrlichen Wünsche. Dieses Haupt-Bedürfnis und diese Forderung des Lebens-Selbsts scheint ihm über alles wichtig zu sein. Es möchte das ausführen, ohne dabei auf die Wahrheit, das Rechte, das Gute oder eine andere Erwägung Rücksicht zu nehmen. Weil aber das Mental da ist und diese Begriffe besitzt und weil die Seele existiert und diese Seelen-Wahrnehmungen hat, versucht das gesonderte Lebens-Selbst, das Mental zu beherrschen und aus ihm durch Diktat die Zustimmung und Durchführungs-Ordnung für seinen eigenen Willen der Selbst-Behauptung zu erlangen, einen Urteilsspruch über die Wahrheit, das Richtige und Gute zugunsten seiner eigenen vitalen Ansprüche, Impulse und Wünsche. Ihm liegt die Selbst-Rechtfertigung am Herzen, um Raum dafür zu haben, sein Ego voll durchzusetzen. Wenn es die Zustimmung des Mentals erlangen kann, ist es vollauf dazu bereit, alle diese Maßstäbe zu missachten und nur den einzigen Maßstab aufzustellen, die Befriedigung, das Wachsen, die Stärke und Größe des vitalen Ego. Das Lebens-Individuum braucht Platz, Ausdehnung, Besitz der Welt, Herrschaft und Kontrolle über die Dinge und Wesen. Es benötigt Lebensraum, einen Platz an der Sonne, Selbstbehauptung und das Überleben. Es braucht diese Dinge für sich selbst und für die, mit denen es vergesellschaftet ist, für sein eigenes Ego und für das kollektive Ego. Es benötigt sie für seine Ideen, Überzeugungen, Ideale, Interessen und für seine Phantasien. Denn es muss diese Formen von „Ich“ und „Mein“ durchsetzen und seiner Umwelt aufzwingen. Oder es muss, wenn es dazu nicht stark genug ist, sie zumindest gegen andere verteidigen und sie, soweit es in seiner Macht und List steht, aufrechterhalten.
Kapitel 5
Das mentale Ego
So muss also der egoistische Wille im Denken und Handeln, wie wir schon gesehen haben, völlig aufgegeben werden, wenn wir im Yoga der göttlichen Werke vollkommen werden wollen. Wir müssen ihm gleichfalls entsagen, wenn wir im Yoga des göttlichen Wissens die Vollkommenheit erlangen wollen. Der Eigenwille ist in Wirklichkeit ein Egoismus im Mental, das mit starker Bindung die Objekte seiner Vorliebe, seine Gepflogenheiten, seine vergangenen und gegenwärtigen Formationen des Denkens, Betrachtens und Wollens festhält, weil es sie für sein Wesen oder für seinen Besitz hält. Darum spinnt es um sie die zarten Fäden des „Ich“ und des „Mein“ und lebt in ihnen wie eine Spinne in ihrem Netz. Dieser Ego-Wille wird böse, wenn er gestört wird, so wie die Spinne den Angriff auf ihr Netz hasst. Er fühlt sich fremd und unglücklich, wenn er in ganz neue Betrachtungsweisen und Gestaltungen versetzt werden soll, genau so wie eine Spinne sich in einem anderen als ihrem eigenen Netz fremd fühlt. Diese lebhafte Bindung muss aus dem Mental völlig ausgemerzt werden. Wir müssen nicht nur die gewöhnliche Haltung der Welt und dem Leben gegenüber aufgeben, an die sich das unerwachte Mental als an sein natürliches Element klammert. Wir dürfen auch an keine eigene oder fremde mentale Konstruktion, an kein intellektuelles Denksystem, an kein Schema religiöser Dogmen, an keine logischen Schlussfolgerungen gebunden bleiben. Wir müssen nicht nur die Fallstricke des Mentals und der Sinne durchschneiden, sondern müssen auch von den Fallen frei werden, die unserer Seele durch den Denker, den Theologen und Kirchengründer gestellt werden. Wir müssen frei sein vom Netz des Wortes und von der Gebundenheit durch die Idee. Das alles ist darauf aus, in uns den Geist durch Formen einzumauern.
Kapitel 6
Das tamasische, rajasische und sattwische Ego
Das tamasische Ego
Tamas1 und tamasisches Ego schließen einander mit ein. Wenn man dem Tamas nachgibt, gibt man sich dem tamasischen Ego hin.
Das tamasische Ego akzeptiert und stützt die Verzagtheit, die Schwäche, Trägheit und Selbst-Erniedrigung, den Widerwillen zu handeln und den Widerwillen zu wissen oder offen zu sein, die Ermüdung, Faulheit, Nichtstuerei.
Tamas wird uns zur Fessel durch die Schwäche in unserer Natur und durch ihr Verlangen nach leichtem Leben und nach Untätigkeit. Unser Ego sinkt immer hinab in den Müßiggang, in Depression, Verwirrung des Denkens, in Furcht, Enttäuschung, Niedergeschlagenheit und Verzweiflung.
Das tamasische Ego hingegen hat immer das Gefühl: „Ich bin schwach, ich bin elend, ich bin machtlos, ich werde vom Göttlichen weder geliebt, noch bin ich von ihm auserwählt, ich bin so schlecht und unfähig – was kann das Göttliche für mich tun?“ Oder auch: „Ich bin in besonderem Maß für Unglück und Leiden ausersehen. Jeder andere wird mir vorgezogen, alle machen Fortschritte, nur ich bleibe zurück. Alles lässt mich im Stich, vor mir liegt nichts als Flucht, Tod oder Verhängnis“, usw. usw., oder etwas von allem oder alles zusammen gemischt. Manchmal vermengen sich der rajasische und tamasische ahankar2 miteinander und unterstützen sich gegenseitig auf subtile Weise. In beiden Fällen ist es das „Ich“, das ein Spektakel veranstaltet und die wahre Schau trübt. Die wahre spirituelle oder seelische Schau ist diese: „Was immer auch geschehen mag, meine Seele ist ein Kind des Göttlichen und muss das Göttliche früher oder später erreichen. Ich bin unvollkommen, suche aber die Vollendung des Göttlichen in mir – das aber wird nicht durch mich, sondern durch die Göttliche Gnade zuwege gebracht. Wenn ich mich an das halte, wird die Göttliche Gnade selbst alles tun.“ Das „Ich“ muss den ihm angemessenen Platz einnehmen, als ein kleiner Teil, ein kleines Instrument des Göttlichen, etwas, das ohne das Göttliche nichts ist, aber mit der Gnade all das sein kann, was das Göttliche will, es sei.
Solcherart [Gefühle der Hoffnungslosigkeit] sind die Gefühle des tamasischen Egos – die Reaktion auf eine Enttäuschung im rajasischen Ego. Mit der richtigen Haltung und Erfahrung vermischt oder gleichzeitig damit einhergehend bestand eine Forderung des Vitals: „Was ich jetzt habe, muss ich immer haben, sonst kann ich die Sadhana nicht ausüben. Wenn ich das jemals verliere, werde ich sterben.“ Die richtige Haltung aber ist diese: „Wenn ich es für eine gewisse Zeit verliere, dann deshalb, weil etwas in mir gewandelt werden muss, damit sich das Bewusstsein der Mutter in mir vollende, nicht nur im Selbst, sondern in jedem Wesens-Teil.“ Die niederen Kräfte griffen an einer schwachen Stelle an, stellten Forderungen durch das Vital und führten einen Zustand von Trägheit herbei, in dem das, woran du dich geklammert hattest, verloren schien und sich hinter dem Schleier verbarg. So kam die tamasische Reaktion des Egos zustande: „Welchen Sinn hat es zu leben, ich möchte lieber sterben.“ Offensichtlich ist es nicht dein ganzes Wesen, welches das sagt, sondern ein Teil im enttäuschten Vital oder tamasischen Physischen. Die aktiven Forderungen zu zähmen und abzulegen ist nicht genug. Denn auch diese Haltung ist ein passiver Weg des Forderns: „Meine Forderungen können nicht erfüllt werden, nun gut, ich trete ab, ich will nicht mehr leben.“ All das muss aufhören.
Das rajasische Ego
Rajas3 fesselt durch das Begehren und Sehnen in unserer Natur nach Betätigung und Aktivität. Es ist immer auf das Wirken und auf die Frucht des Wirkens aus.
Der rajasische Mensch, vital, dynamisch, aktiv, versucht sich seiner Welt und Umgebung aufzuzwingen. Er vermehrt aber dadurch nur die ihn verwundende Bürde, das tyrannische Joch seiner turbulenten Leidenschaften, Begierden und Egoismen, die Last seines ruhelosen Ich-Willens, das Joch seiner rajasischen Natur.
Das rajasische Ego ist durch Stolz und Eigendünkel aufgebläht oder setzt sich ständig oder wo immer es kann hartnäckig durch…
Willst du behaupten, dass du niemals ein rajasisches Element in dir hattest? Es gibt kein menschliches Wesen ohne dieses rajasische Element in sich, solange es in seinem Vital nicht vergöttlicht ist. Was waren all die vitalen Suggestionen, die dir so beharrlich zusetzten anderes als Appelle an das rajasische Ego? Als du Sex, Eifersucht, Eitelkeit usw. aus dir verbannt hattest, was hattest du verbannt, wenn nicht das rajasische Ego?
Es gibt drei Hindernisse im Vital, die man zu überwinden hat, und sie sind sehr schwer zu überwinden: Lust (sexuelles Begehren), Zorn und das rajasische Ego. Das rajasische Ego ist die stützende Grundlage für die beiden anderen.
Das sattwische Ego
Sattwa4 bindet durch das Streben nach Erkennen und nach Lebensfreude. Es hängt sich immer an eine noch unvollkommene Verwirklichung, an die Überzeugung von der eigenen Tugend, an die Richtigkeit der eigenen Meinungen und Grundsätze. Auf dem Höhepunkt stellen wir sogar, wie es Arjuna tat, unsere persönliche Auffassung von Altruismus, Gerechtigkeit oder Tugend in einen Gegensatz zur Unterwerfung unseres Willens unter das, was Gott von uns verlangt.
Der sattwische Mensch versucht, seine begrenzten personalen Maßstäbe rationaler Erkenntnis zu errichten und ihnen zu folgen: der erleuchteten Nützlichkeit oder mechanisierten Tugend, religiösen, philosophischen und ethischen Formeln, mentalen Systemen und Konstruktionen, starren Vermittlern von Idee und Verhalten, die nicht mit der Ganzheit des Lebenssinnes übereinstimmen und ständig von der Bewegung der umfassenderen universalen Absicht des Geistes durchbrochen werden. Das Dharma5 des sattwischen Menschen ist im Kreislauf der Gunas6 das höchste. Aber auch dieses ist eine begrenzte Betrachtung und ein zwerghafter Maßstab. Seine unvollkommenen Anleitungen führen nur zu kleinlicher und relativer Vollkommenheit. Mögen sie auch zeitweise das erhellte persönliche Ego befriedigen, so gründen sie sich doch weder auf die ganze Wahrheit des Selbsts noch die der Natur.
Der menschliche Geist hat zur Ethik als Korrektiv seine Zuflucht genommen. Den ersten Gesetzen moralischen Verhaltens gelingt es jedoch im besten Fall auch nur, die egoistische Lebensnorm zu zügeln, nicht, sie zu überwinden. Daher hat sich der ethische Gedanke energisch nach vorn in das andere, entgegengesetzte Prinzip des Altruismus gedrängt. Allgemein ergab sich daraus hauptsächlich ein klareres Erkennen kollektiver Egoismen und ihres Anspruchs auf den Egoismus des Einzelnen und zum andern ein ganz zweifelhafter und undefinierbarer Mischmasch von Widerstreit und Ausgleich egoistischer und altruistischer Motive in unserem Verhalten. Oft genug bleibt der Altruismus vorwiegend ein Bekenntnis, oder er ist ein ganz oberflächlicher Wille, der unser Handeln nicht zentral bestimmt. Er wird dann entweder eine absichtliche oder aber halbbewusste Tarnung, mit der der Egoismus sich maskiert, um unverdächtig an sein Objekt heranzukommen. Aber auch im echten Altruismus ist das Ego verborgen, und der scharfe Test aufrichtiger Selbstprüfung besteht darin, die in unseren mildtätigsten, ja aufopferndsten Handlungen versteckte Ego-Menge herausfinden zu können, und wer diese oft schmerzvolle Analyse nicht rücksichtslos gemacht hat, der kann sich auch nicht wirklich selbst erkennen.
1 Das Prinzip der Unwissenheit und Trägheit, die Kraft der Unbewusstheit, die sich als Unfähigkeit und Untätigkeit ausdrückt.
2 Ego-Sinn, das teilende Prinzip des Egos, der teilende Ego-Sinn, der jedes Wesen sich als unabhängige Persönlichkeit betrachten lässt.
3 Das Prinzip der Tat, des Wünschens, der Leidenschaft, die Kraft der Kinetik, die sich als Kampf, Bemühung, Leidenschaft und Tat ausdrückt.
4 Das Prinzip des Lichtes, Gleichgewichts und Friedens, die Kraft des Gleichgewichts, die sich als Harmonie, Glücklichkeit und Licht ausdrückt.
5 Gesetz des Seins, Prinzip der Wahrheit, Regel oder Gesetz des Handelns, die indische Auffassung des religiösen, sozialen und moralischen Gesetzes und der Verhaltensweise.
6 1. Eigenschaft, Charakter, Merkmal, 2. die drei gunas, die drei Erscheinungsformen der Natur, sattva, rajas, tamas.
Kapitel 7
Das verstärkte Ego und das Substrat des Egos
Das verstärkte Ego
Mit dem verstärkten Ego ist gemeint, dass man ein weit größeres und machtvolleres Bewusstsein und unbegrenzte Möglichkeiten fühlt, wenn die Schranken des gewöhnlichen Mentals und Vitals beseitigt sind. Wenn man aber all das an den Schwanz des eigenen Egos bindet, wird man tausendmal egoistischer als ein gewöhnlicher Mensch. Die Größe des Göttlichen wird zu einem Vorwand und einer Stütze für die eigene Größe, und das große „Ich“ bläht sich auf, um nicht nur die Erde, sondern auch die Himmel einzunehmen.
Selbst wenn wir die Frucht unseres Wirkens und das Verlangen nach dieser Frucht an den Meister des Opfers hingeben, haben wir uns doch nur vom Egoismus des rajasischen Begehrens getrennt. Wir können immer noch jene egoistische Annahme hegen, wir selbst seien der Täter des Werks. Wir sind immer noch an die Empfindung gebunden, dass wir selbst die Handlung vollziehen und ihre Ursache sind und dass wir ihr unsere Zustimmung erteilen. Immer noch meinen wir, es sei das „Ich“, das auswählt und bestimmt. Immer noch übernimmt unser „Ich“ die Verantwortung und fühlt Schuld oder Verdienst.
Wenn der Egoismus des Arbeitenden verschwindet, kann der Egoismus des Instruments ihn ersetzen oder aber ihn in einer versteckten Form verlängern. Das Leben der Welt war voller Beispiele von Egoismus dieser Art und er kann vereinnahmender und gewaltiger sein als jeder andere.
Ja, der Habitus des Egos wird stark abgeschwächt durch die fundierte Erfahrung, dass alle eigenen Energien und Fähigkeiten von den universalen Kräften stammen – er verschwindet aber nicht ganz. Das Ego sucht Zuflucht in dem Gefühl, ein Instrument zu sein, und es kann – falls nicht die seelische Wende stattfindet – es durchaus vorziehen, das Instrument einer bestimmten Kraft zu sein, welche die Befriedigung des Egos liefert. In solchen Fällen kann das Ego immer noch stark bleiben, obwohl es sich als Instrument und nicht als der hauptsächlich Handelnde fühlt.
Selbst wenn die Verwirklichung angefangen hat, mag es gefährlich sein, sich einzubilden oder zu früh anzunehmen, wir seien nun völlig in der Hand des Höchsten oder seien als dessen Instrument aktiv. Diese Annahme kann eine unheilvolle Verfälschung einleiten. Sie kann eine passive Trägheit bewirken. Sie kann aber auch die Regungen des Egos mit dem Göttlichen Namen verstärken und in verhängnisvoller Weise den ganzen Verlauf des Yoga entstellen und ruinieren.
Auf den spirituellen Ebenen gibt es kein Ego, dennoch kann das Ego auf den niederen Ebenen durch die spirituelle Erfahrung stärker werden und zwar durch Stolz und die falsche Aufnahme der Erfahrung. Das Ego kann sich auch verstärken, wenn man in die größeren mentalen und vitalen Ebenen eintritt. Solche Dinge sind immer möglich, solange im Wesen keine Harmonisierung zwischen dem höheren und niederen Bewusstsein stattgefunden hat und das niedere Bewusstsein nicht in die Natur des höheren umgewandelt worden ist.
Das Substrat des Egos
Aber selbst wenn das alles getan ist, bleibt noch etwas übrig, nämlich ein Substrat all dessen, ein allgemeines Empfinden des gesonderten „Ich“. Dieses Substrat-Ego ist vage, undefinierbar und ungreifbar. Es hat keinen Hang zu etwas Besonderem, als sei das sein Ich (und es braucht das auch nicht). Es identifiziert sich nicht mit irgendetwas Kollektivem. Es ist gleichsam eine fundamentale Form oder Macht des Mentals, die das mentale Wesen dazu veranlasst, sich als ein undefinierbares, aber doch begrenztes Wesen zu fühlen, das zwar nicht das Mental, das Leben oder der Körper selbst ist, unter dem aber deren Aktivitäten in der Natur vor sich gehen. Die anderen Äußerungen des Egos waren eine qualifizierte Ego-Idee und ein Ego-Sinn, die ihre Kraft aus dem Spiel der Prakriti1 bezogen haben. Dieses hier ist jedoch die reine fundamentale Ego-Macht, die sich nur auf das Bewusstsein des mentalen Purusha2 stützt. Da sie aber oberhalb oder hinter dem Kräftespiel und nicht in ihm zu sein scheint und nicht sagt: „Ich bin das Mental, das Vital oder der Körper“, sondern: „Ich bin ein Wesen, von dem die Aktion des Mentals, des Vitals und des Körpers abhängig ist“, meinen viele, sie seien nun befreit, und halten irrtümlich dieses ungreifbare Ego für den Einen, das Göttliche, für den wahren Purusha oder mindestens für die wahre Person in ihrem Inneren. So verwechseln sie das Undefinierbare mit dem Unendlichen. Solange dieser fundamentale Ego-Sinn verbleibt, gibt es keine absolute Befreiung. Selbst wenn das egoistische Leben an Kraft und Intensität verliert, kann es sehr wohl mit dieser Stütze und Hilfe fortdauern. Wenn dann ein Irrtum bei der Identifikation eintritt, kann das egoistische Leben unter diesem Vorwand wieder verstärkte Intensität und Kraft gewinnen. Selbst wenn es nicht zu diesem Irrtum kommt, mag das egoistische Leben zwar umfassender, reiner und flexibler sein. Die Befreiung mag leichter erreichbar und der Vollkommenheit näher erscheinen. Doch das ist keine definitive Befreiung vom Ego. Es ist zwingend nötig, dass wir weiter gehen und uns auch von diesem undefinierbaren, aber fundamentalen Ich-Empfinden befreien, um zum Purusha zurückzukehren, auf den es sich stützt und von dem es ein Schatten ist. Der Schatten muss verschwinden. Durch sein Verschwinden soll er die ungetrübte Substanz des Geistes offenbaren.
1 Natur, Natur-Kraft, Natur-Seele, ausführende oder arbeitende Kraft.
2 Die Person, das bewusste Wesen, die bewusste Seele, die Seele, das essentielle Wesen, welches das Spiel der Prakriti stützt, ein Bewusstsein im Hintergrund, welches das Göttliche ist, der Zeuge, der Wissende, der Genießende, der Erhalter und Ursprung der Zustimmung zum Wirken der Natur.