Kapitel 2

Die richtige Einstellung und das wahre Verhalten

Das Wissen, auf das ein Mensch, der im Yoga wirkt, all sein Handeln und seine Entwicklung gründen muss, hat zum Eckstein seines Gebäudes eine immer konkreter werdende Wahrnehmung der Einheit, das lebendige Empfinden eines alles durchdringenden Geeintseins. Er bewegt sich in dem wachsenden Bewusstsein der unteilbaren Ganzheit alles Seienden. So ist alles Tun ein Teil dieses unteilbaren göttlichen Ganzen. Sein persönliches Handeln und dessen Ergebnisse können nicht länger eine abgesonderte Bewegung sein oder als solche erscheinen, die hauptsächlich oder vollständig durch den egoistischen „freien“ Willen eines Individuums bestimmt sind, das für sich gesondert in der Masse lebt. Unsere Werke sind Teil einer unteilbaren kosmischen Aktion. Sie werden an ihren Platz im Ganzen gestellt, aus dem sie entstehen (oder genauer gesagt, sie stellen sich selbst dorthin). Ihr Ergebnis wird durch Kräfte bestimmt, die mächtiger sind als wir. Diese Weltaktion ist in ihrer ungeheuren Totalität und in jeder kleinsten Einzelheit die unteilbare Bewegung des Einen, der sich fortschreitend im Kosmos manifestiert. Auch der Mensch wird erst in dem Maße immer besser der Wahrheit über sich selbst und der Wahrheit in den Dingen bewusst, wie er erwacht zur Erkenntnis des Einen in seinem Inneren und außerhalb von sich sowie zum Verständnis der verborgenen, wunderbaren und bedeutungsvollen Wirkensweise der Kräfte dieses Einen im Ablauf der Natur. Diese Aktion und Bewegung ist weder in uns selbst noch in den Menschen unserer Umgebung auf jenen kleinen fragmentarischen Teil der kosmischen Wirkensweisen begrenzt, dessen wir in unserem Oberflächenbewusstsein innewerden. Sie wird von einem ungeheuren uns umgebenden, allem zugrundeliegenden Dasein getragen und gefördert, das für unser Mental hinter seinem Wachbewusstsein verborgen subliminal oder unterbewusst ist. Es wird von einem mächtigen, unsere Existenz transzendierenden Sein angezogen, das für unsere Natur überbewusst ist. So erhebt sich unser Handeln ebenso aus einer Universalität, wie wir selbst aus dieser empor getaucht sind, deren wir aber nicht gewahr werden. Wir gestalten sie durch unser persönliches Temperament, unser persönliches Mental, unseren Denk-Willen oder durch die Kraft unseres Impulses oder Begehrens. Die tiefe Wahrheit der Dinge und das wahre Gesetz des Handelns sind aber viel umfassender als die persönlichen menschlichen Gestaltungen. Für das Auge der spirituellen Wahrheit ist jeder Standpunkt und jede von Menschen gemachte Regel des Handelns (auch wenn sie für die äußerliche Praxis noch so nützlich sein mögen), sofern sie diese unteilbare Totalität der kosmischen Bewegung missachten, doch nur eine unvollkommene Betrachtungsweise und ein Gesetz der Unwissenheit.

Selbst wenn wir eine Ahnung von dieser Idee gewonnen haben und sie als ein Wissen des Mentals und als eine sich daraus ergebende Haltung der Seele fest in unser Bewusstsein einprägen konnten, ist es doch für unsere äußeren Seiten und unsere aktive Natur immer noch schwierig, diesen universalen Standpunkt mit den Ansprüchen unserer persönlichen Meinung, unseres persönlichen Willens, Fühlens und Begehrens in Einklang zu bringen. Wir müssen darum immer wieder mit dieser unzertrennbaren Bewegung so umgehen, als ob sie eine Masse unpersönlichen Materials wäre, aus der wir, das heißt unser Ego, unsere Person, uns entsprechend unserem eigenen Willen und unserer mentalen Phantasie durch persönliches Ringen und Mühen etwas herausschneiden müssten. Das ist die normale Haltung des Menschen seiner Umwelt gegenüber. Sie ist in Wirklichkeit falsch, weil unser Ego und sein Wille Geschöpfe und Marionetten der kosmischen Kräfte sind. Nur wenn wir hinter unser Ego in das Bewusstsein des göttlichen Wissens-Willen des Ewigen, der in ihnen wirkt, zurücktreten, können wir durch eine Art Beauftragung von oben her ihr Meister werden. Dennoch ist diese persönliche Stellung für den Menschen solange die richtige Einstellung, als er noch an seiner Individualität hängt und diese noch nicht voll entfaltet hat. Ohne eine solche Einstellung und Motivkraft kann er in seinem Ego nicht wachsen und sich nicht genügend aus dem unterbewussten oder halbbewussten universalen Massendasein herausentwickeln und von diesem unterscheiden.

Aber der Einfluss, den dieses Ego-Bewusstsein auf unsere gewohnte Haltung dem Dasein gegenüber ausübt, lässt sich später nur schwer abschütteln, wenn wir in unserer Entwicklung die Stufe der Absonderung, des Individualismus und der Aggression nicht länger nötig haben und aus der Kinderstufe der Seele mit ihrem Bedürfnis nach den kleinen Dingen vorwärts gehen wollen zum Geeintsein, zur Universalität, zum kosmischen Bewusstsein und darüber hinaus zu unserer transzendenten Geist-Gestalt. Es ist dazu unerlässlich, dass wir nicht nur in unserer Denkweise, sondern auch in der Art, wie wir fühlen, empfinden und handeln, klar erkennen, dass diese Bewegung, diese universale Aktion, keine unpersönliche Welle des Seins ist, die widerstandslos dem Willen irgendeines Egos je nach dessen Kraft und Drängen zur Verfügung steht. Vielmehr ist sie die Bewegung eines kosmischen Wesens, das Wissender seines Bereiches ist. Es sind die Schritte einer Göttlichkeit, die Meister ihrer eigenen progressiven Kraft des Handelns ist. So wie diese Bewegung eine einzige und unteilbare ist, so ist auch er, der in der Bewegung gegenwärtig ist, einer, einzig und unteilbar. Von ihm wird nicht nur jedes Resultat bestimmt, sondern es hängen auch jede Initiative und jedes Wirken mit allen Abläufen von dem Antrieb durch seine kosmische Kraft ab. Erst sekundär und in ihrer äußeren Form gehören diese Dinge dem Geschöpf an.

Was muss also die spirituelle Position des als Person Wirkenden sein? Welches ist in der dynamischen Natur seine wahre Beziehung zu diesem einen kosmischen Wesen und zu dieser einen totalen Bewegung? Der Mensch ist für diese Vorgänge nur ein Zentrum. In diesem Mittelpunkt differenziert sich das geeinte persönliche Bewusstsein, in ihm determiniert sich diese eine totale Bewegung. Seine Personalität reflektiert in der Welle einer beharrenden Individualität die einzige universale Person, den Transzendenten, den Ewigen. Solange wir in der Unwissenheit leben, ist diese Widerspiegelung immer gebrochen und entstellt, da der Kamm der Welle, unser bewusstes Selbst in seinem Wachzustand, nur ein unvollkommenes, verfälschtes Ebenbild des göttlichen Geistes zurückwirft…

Am Anfang, wenn wir Gott oder der Shakti bewusst werden, entstehen die Schwierigkeiten unserer Beziehung zu ihnen aus unserem Ego-Bewusstsein, das wir in die spirituelle Beziehung mit hineinbringen. Das Ego in uns stellt Ansprüche an das Göttliche, die etwas anderes sind als spiritueller Anspruch. Diese Ansprüche sind in einem gewissen Sinne legitim. Solange sie aber egoistische Form annehmen (und im Verhältnis dazu), sind sie starker Vergröberung und Perversion ausgesetzt, mit dem Element der Lüge, unerwünschter Reaktion und dem daraus folgenden Bösen belastet. Die Beziehung kann nur dann richtig, glücklich und vollkommen sein, wenn diese Ansprüche zu einem Teil des spirituellen Anspruchs werden und ihren egoistischen Charakter verlieren. Tatsächlich wird der Anspruch unseres Wesens an das Göttliche erst absolut erfüllt, wenn er aufhört, Anspruch zu sein und statt dessen zur Erfüllung des Göttlichen durch das Individuum wird: wenn wir darin allein volles Genüge finden, wenn wir mit der Seligkeit des Einsseins in unserem Wesen zufrieden und damit einverstanden sind, das erhabene Selbst, den Meister des Daseins, durch unsere immer vollkommenere Natur alles das tun zu lassen, was der Wille seiner absoluten Weisheit und seines Wissens ist. Das ist der tiefere Sinn der Unterwerfung des individuellen Selbsts unter das Göttliche, atma-samarpana. Das schließt nicht den Wunsch nach Seligkeit des Einswerdens aus, nach Teilnahme am Bewusstsein, an Weisheit, Wissen, Licht, Macht und Vollkommenheit des Göttlichen und auch nicht den Wunsch, Gott möge in uns zur Erfüllung kommen. Doch dieser Wunsch, die Aspiration, ist nur deshalb unser, weil es Sein Wille in uns ist. Anfangs, wenn wir noch den Nachdruck auf unsere eigene Persönlichkeit legen, spiegelt sie Seinen Willen nur wider. Aber sie ist immer weniger von ihm zu unterscheiden, sie wird immer weniger persönlich und verliert schließlich jeden Schatten von Getrenntsein. Denn unser Wille ist mit dem göttlichen Tapas, dem Wirken der göttlichen Shakti, identisch geworden.

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