Kapitel 7

Was ist Liebe?

In ihrer Essenz ist Liebe die Freude an der Identität; sie findet ihren höchsten Ausdruck in der Glückseligkeit der Einung. Zwischen diesen beiden liegen alle Stufen ihrer Offenbarung im Universum.

Zu Beginn dieser Manifestation, in der Reinheit ihres Ursprungs, wird die Liebe aus zwei Bewegungen gebildet, aus zwei einander ergänzenden Polen des Dranges zur vollständigen Einung. Auf der einen Seite aus der höchsten Kraft der Anziehung, auf der anderen Seite aus dem unwiderstehlichen Bedürfnis nach absoluter Selbsthingabe. Besser und stärker konnte keine andere Bewegung den Abgrund überbrücken, der sich auftat, als sich im individuellen Wesen das Bewusstsein von seinem Ursprung trennte und Unbewusstheit wurde.

Was in den Raum projiziert worden war, musste zu sich zurückgeführt werden, jedoch ohne dass das so erschaffene Weltall dadurch vernichtet würde. Das ist der Grund, warum die Liebe entsprang, diese unwiderstehliche Macht der Einung.

Sie schwebte über der Dunkelheit und der Unbewusstheit; sie war zerstreut und fragmentiert im Schoße der unergründlichen Nacht. Und dann begann das Erwachen und der Aufstieg, die langsame Heranbildung von Materie und ihre endlose Entwicklung. Es ist in der Tat Liebe, in einer entstellten und verdunkelten Form, die mit all den Impulsen der physischen und vitalen Natur assoziiert ist, als der Drang hinter aller Bewegung und Gruppierung, die recht wahrnehmbar im Pflanzenreich wird. In Bäumen und Pflanzen ist es die Notwendigkeit zu wachsen, um mehr Licht, mehr Luft, mehr Raum zu erlangen; in Blumen ist es die Gabe ihrer Schönheit und ihres Duftes in einem liebenden Aufblühen. In den Tieren dann ist es Liebe, die hinter dem Hunger und Durst steht, der Notwendigkeit der Aneignung, Expansion, Fortpflanzung, kurz, sie ist hinter jedem Begehren, ob bewusst oder nicht. Und bei den höheren Spezies ist sie in der selbstaufopfernden Hingabe des Weibchen an ihre Jungen. Dies führt uns ganz natürlich zur menschlichen Rasse, in der diese Assoziation mit der triumphalen Ankunft mentaler Aktivität ihren Höhepunkt erreicht, denn sie ist bewusst-und-gewollt geworden. Sobald die irdische Entwicklung es möglich machte, nahm die Natur diese sublime Kraft der Liebe und stellte sie in den Dienst ihrer schöpferischen Arbeit, indem sie sie mit ihrem Fortpflanzungstrieb verknüpfte und vermischte. Diese Assoziation wurde sogar so eng, so innig, dass nur sehr wenige Menschen in ihrem Bewusstsein genügend erleuchtet sind, um imstande zu sein, diese Regungen voneinander zu trennen und sie getrennt zu erfahren. Auf diese Weise hat Liebe jede Degradierung erlitten; sie wurde auf die Ebene des Animalischen heruntergezogen.

Seitdem tritt in den Werken der Natur auch deutlich der Wille auf, schrittweise und stufenweise und durch immer zahlreichere und komplexere Gruppierungen die ursprüngliche Einheit wieder neu zu schaffen. Nachdem die Natur die Kraft der Liebe gebraucht hatte, um zwei Menschen zusammenzubringen, um die Zweier-Gruppe zu bilden, den Ursprung der Familie, nachdem sie die engeren Grenzen des persönlichen Egoismus gebrochen hatte und ihn in einen Zweier-Egoismus verwandelte, brachte sie dann mit dem Auftreten von Kindern eine komplexere Einheit hervor, die Familie. Und im Laufe der Zeit wurden mit vielfältigen Verbindungen zwischen Familien, durch individuellen Austausch und Blutvermischung größere Gruppierungen gebildet: Sippen, Stämme, Kasten, Klassen, was zur Schöpfung von Nationen führte. Dieses Werk der Gruppenbildung erfolgte gleichzeitig in den verschiedenen Völkern. Und allmählich wird die Natur auch diese Völker verschmelzen in ihrer Bemühung, eine wirkliche und materielle Grundlage für eine geeinte Menschheit zu schaffen.…

Für jemanden, der die Liebe zum Göttlichen kennengelernt hat, sind alle anderen Formen der Liebe obskur und zu sehr vermischt mit Engstirnigkeit und Egoismus und Dunkelheit; sie sind wie ein ständiges Feilschen oder ein Kampf um Vorherrschaft und Dominanz, und selbst unter den Besten sind sie voller Missverständnisse und Irritationen, voller Reibungen und Unverständnis.

Außerdem wächst man bekanntlich in die Ähnlichkeit mit dem, was man liebt. Wenn du also dem Göttlichen ähnlich sein willst, dann liebe Ihn allein. Nur wer die Ekstase des liebevollen Austausches mit dem Göttlichen erlebt hat, kann wissen, wie fade und stumpf und schwach jeder andere Austausch im Vergleich ist. Und selbst wenn die strengste Disziplin erforderlich ist, um zu diesem Austausch zu gelangen, ist nichts zu hart, zu lang oder zu streng, um ihn zu erreichen, denn er übertrifft jeden Ausdruck.

Dies ist der wunderbare Zustand, den wir auf der Erde verwirklichen wollen; er wird die Kraft haben, die Welt zu verändern und sie zu einer Wohnstätte zu machen, die der göttlichen Gegenwart würdig ist. Dann wird sich die reine und wahre Liebe in einem Körper manifestieren können, der für sie keine Verkleidung und kein Schleier mehr ist.

In der Tat gibt es nur eine Liebe, universell und ewig, so wie es nur ein Bewusstsein gibt, universell und ewig.

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