Kapitel 6

Gleichmut im Vital (Prana)

Ein vollkommener Gleichmut nicht nur im Selbst, sondern in der Natur ist eine Bedingung des Yoga der Selbstvervollkommnung. Der erste sichtbare Schritt dahin wird die Beherrschung unseres emotionalen und vitalen Wesens sein, denn hier liegen die Ursachen für die größten Probleme, die wildesten Kräfte des Ungleichgewichts und der Abhängigkeit und die beharrlichsten Forderungen unserer Unvollkommenheit. Der Gleichmut in diesen Teilen unserer Natur entsteht durch Reinigung und Freisein. Wir könnten sagen, dass Gleichmut allein schon das Zeichen von Befreiung ist. Von der Dominanz drängenden vitalen Begehrens und der stürmischen Überwältigung der Seele durch die Leidenschaften frei zu sein, bedeutet, ein ruhiges und gleichmütiges Herz zu haben und ein Lebensprinzip, das vom weiten und gleichmütigen Blick eines universalen Geistes beherrscht wird. Begehren ist die Unreinheit des Prana, des Lebensprinzips, und seine Kette der Knechtschaft. Ein freies Prana bedeutet eine zufriedene und erfüllte Lebens-Seele, die den Kontakt mit äußeren Dingen ohne Begehren bewältigen und sie mit Gleichmut beantworten kann. Wenn es befreit und erhoben über die sklavische Dualität von Mögen und Widerwillen ist, gleichgültig bei dem Drängen von Vergnügen und Schmerz, nicht erregt vom Erfreulichen, nicht verstört und überwältigt vom Unerfreulichen und nicht mit Verhaftung an den Berührungen hängt, die es vorzieht, oder heftig jene zurückweist, für die es eine Abneigung hegt, dann wird es für ein größeres Werte-System von Erfahrung offen sein. Alles, was ihm von Seiten der Welt mit Drohung oder Aufforderung begegnet, wird es an das höhere Prinzip verweisen, an eine Vernunft und ein Herz, die mit dem Licht und der ruhigen Freude des Geistes in Berührung stehen oder von ihnen verwandelt worden sind. Auf diese Weise beruhigt, vom Geist beherrscht und nicht mehr versucht, der tieferen und feineren Seele in uns die eigene Herrschaft aufzuzwingen, wird diese Lebens-Seele selbst spiritualisiert werden und als klares und edles Instrument des göttlicheren geistigen Einwirkens auf die Dinge arbeiten. Es stellt sich hier keine Frage nach einem asketischen Abtöten des Lebensimpulses und dessen innewohnendem Nutzen und seinen Funktionen. Die Funktion des Prana ist der Genuss, aber das wirkliche Genießen der Existenz besteht in einem inneren spirituellen Ananda, nicht partiell und problembeladen wie der unserer vitalen, emotionalen oder mentalen Vergnügungen, die jetzt durch die Dominanz des physischen Mentals entwürdigt sind, sondern universal, tiefgreifend, eine in einer ruhigen Verzückung des Selbst und des ganzen Seins beinhaltete geballte Konzentration spiritueller Wonne. Besitzen ist seine Aufgabe, das Besitzen führt zum Genießen der Dinge durch die Seele, aber dies ist das richtige Besitzen, eine weite und innere Sache, unabhängig vom äußeren Ergreifen, das uns süchtig macht nach dem, was wir in Besitz nehmen. Aller äußerer Besitz und Genuss wird nur ein Anlass zu einem befriedigtem und gleichberechtigtem Spiel des spirituellen Ananda mit den Formen und Phänomenen seines eigenen Welt-Wesens sein. Das egoistische Besitzen, unser Ergreifen der Dinge mit dem egoistischen Anspruch auf Gott, die Wesen und die Welt, parigraha, muss abgelegt werden, damit diese größere Sache, dieses weite, universale und vollkommene Leben kommen kann. Tyaktena bhunjithah, durch den Verzicht auf das egoistische Begehren und Besitzen, genießt die Seele auf göttliche Weise ihr Selbst und das Universum.

Sie [die wahre Aktivität der Sinne] liegt darin, das göttliche oder wahre Sein der Dinge zu erfassen und sie mit dem gleichmütigen Ananda ohne Abneigung oder Begehren zu beantworten.