Kapitel 5

Der Industrielle

Da wir alle unsere geheimsten Gedanken mitteilen, und da vor allem das, was ich berichten werde, nicht von der Konkurrenz oder von denen benützt werden kann, die mir meinen Erfolg neiden – meinen sogenannten Erfolg – will ich euch meine Lebensgeschichte erzählen, so wie ich sie sehe, und nicht so, wie sie oft geschildert wurde.

Die Fakten an sich wurden richtig weitergegeben. Mein Vater war ein Schmied in einer Kleinstadt. Von ihm erbte ich meine Vorliebe für Metallarbeit, und er brachte mir bei, wie man sich über eine gut gemachte Arbeit freut, wie man sich ganz dem hingibt, was man erreichen will. Ich lernte von ihm auch den Wunsch, immer besser zu arbeiten, besser als andere, besser als früher. Für ihn war Gewinn nicht die Hauptsache, aber es fehlte ihm nicht an Stolz, der Beste in seinem Beruf zu sein, und er genoss es unverhohlen, gelobt zu werden.

Als zu Beginn des Jahrhunderts der Verbrennungsmotor der Öffentlichkeit vorgestellt wurde, waren wir Kinder außer Rand und Band über die Möglichkeiten, die sich abzeichneten, und wir fühlten uns gänzlich dazu angestachelt, eine Kutsche ohne Pferde oder ein Automobil, wie man später sagte, zu konstruieren. Denn die wenigen Autos, die es bereits auf dem Markt gab, waren weit davon entfernt, vollkommen zu sein.

Das erste Auto, das ich mit meinen eigenen Händen aus Teilen zusammensetzte, die nie für diesen Zweck bestimmt waren, bereitete mir gewiss die größte Freude meines Lebens. Höchst zweifelhaft auf einem äußerst ungemütlichen Sitz platziert, fuhr ich die paar hundert Meter von der Werkstatt meines Vaters zum Rathaus; und es schien nichts Schöneres zu geben als dies merkwürdige Gebilde, das tuckerte und schnaufte, die Fußgänger ängstigte, die Hunde kläffen und die Pferde sich aufbäumen ließ.

Ich möchte mich nicht länger über die darauf folgenden Jahre auslassen – über die Feindseligkeit jener, die erklärten, dass Gott das Pferd geschaffen habe, um Kutschen zu ziehen und dass es schon frevelhaft genug gewesen sei, Eisenbahnen zu bauen, so dass man jetzt nicht auch noch Straßen und Städte mit diesen teuflischen Erfindungen bevölkern solle. Und noch mehr Leute sahen keine Zukunft für eine launige Maschine, die nur von Experten oder fanatisierten Sonderlingen gehandhabt werden konnte. Dennoch gab es ein paar Abenteurer, die mir Geld liehen, mit dem ich eine Werkstatt einrichten, ein paar Leute anstellen und etwas Stahl kaufen konnte; aber sie schienen einen blinden Glauben zu haben, ebenso wie die alten Goldgräber, die einem nebulösen und zweifelhaften Reichtum in einer feindseligen und unfruchtbaren Gegend nachliefen.

Ich für meinen Teil war nicht auf Reichtum aus, sondern wollte lediglich ein Auto konstruieren, das leichter zu handhaben und billiger war, als die bereits existierenden Modelle. Ich hatte irgendwie das Gefühl, dass dieses Transportmittel wirtschaftlich sein sollte, da man ja schließlich für die Antriebskraft nur aufzukommen brauchte, solange die Maschine lief. Wenn man den Verkaufspreis niedrig genug ansetzen konnte, würden viele Leute dies Auto kaufen, die jetzt noch vor den Kosten der Pferdehaltung zurückschreckten.

Das erste Modell, das ich herstellte, ist bis heute unvergessen. Hoch gebaut auf großen Rädern, damit es auf Landstraßen fahren konnte, war es stabil konstruiert, um auch der härtesten Behandlung durch die grobschlächtigste Bauernhand widerstehen zu können. Aber es wurde von jenen, die ein Auto immer noch als Luxus der Reichen ansahen, einigermaßen verächtlich registriert. Dennoch ließ dies Modell, das so leicht zu handhaben war, das beinahe keinerlei Mühe machte, darauf hoffen, dass bald jedes gute Auto auch durch den Unerfahrensten bedienbar war.

Aber es bedurfte des Ersten Weltkrieges, um dem Automobil den ersten großen Sieg über das Pferd zu bringen. Krankenwagen, Munitionstransporter, alles, was schnell fahren musste oder sehr schwer war, wurde motorisiert. Die großen Stückzahlen, die von der Armee bestellt wurden, ermöglichten es mir, meine Ausrüstung zu verbessern und neue Fabrikations- und Zusammenbaumethoden zu entwickeln.

Am Ende des Krieges verfügte ich über eine reibungslos laufende Organisation, die jedoch im Verhältnis zur Nachfrage aus der Zivilbevölkerung überdimensioniert wirkte. Meine Betriebsleitung beunruhigte sich. Man bedrängte mich, die Produktion zu drosseln, einen Teil der Belegschaft zu entlassen und Bestellungen von Händlern unbearbeitet zu lassen, um zu warten, bis man einschätzen konnte, in welcher Größenordnung sich die Nachfrage einpendeln würde. Das war sicherlich weise; aber jetzt war die Möglichkeit gegeben, das billigste Auto der Welt zu bauen, eine Möglichkeit, die sich kaum noch einmal bieten würde. Die Produktion verlangsamen, bedeutete wachsende Kosten. Ich kam deshalb zu dem Schluss, dass das Problem war zu verkaufen, was wir produzierten und nicht zu produzieren, was wir verkaufen würden. Innerhalb von sechs Monaten hatte ich, nach einer glänzenden Werbekampagne, den Beweis für die Richtigkeit meiner Behauptung erbracht.

Von diesem Zeitpunkt an weitete sich meine Firma beinahe von selbst aus. Immer mehr musste ich wichtige Entscheidungen meinen Mitarbeitern überlassen und mich auf Klärung grundlegender Fragen beschränken. Man musste klären, wie man so preisgünstig wie möglich produzieren konnte, ohne die Qualität und die Löhne zu beeinträchtigen – denn meine Arbeiter sollten die best bezahltesten der Welt sein –, um für den niedrigsten Preis verkaufen zu können, damit immer neue Käuferschichten erreicht werden konnten; und es sollte nicht nur die Gewinnspanne so gering wie möglich sein, ohne dabei das Geschäft in Unordnung zu bringen, es sollten auch die Werbekosten so gehalten werden, dass der gewünschte Umsatz erreicht wurde, ohne dass die Herstellungskosten unnötig belastet wurden. Und schließlich durfte man, im Falle dass die Zwischenhändler zu viel Profit machen wollten, nicht davor zurückschrecken, Ersatzteile herzustellen, Halbfertigprodukte, ja selbst Rohmaterial bereitzustellen.

Mein Geschäft begann sich auszudehnen, als wäre es eine wachsende, lebendige Sache. Was immer ich auf griff, ich war erfolgreich damit. So kam es, dass ich beinahe eine Legende wurde – ein Halbgott, der einen neuen Lebensstil geschaffen hatte – ein nachahmenswertes Vorbild – und das bis zu einem Grad, dass jedes nebensächliche Wort, jede noch so unbedeutende Handlung von mir analysiert und von innen nach außen gewendet wurde, um schließlich zu einem großen Prinzip erklärt und der Allgemeinheit als neues Evangelium präsentiert zu werden.

Und was ist die Wahrheit, die hinter all dem steht? Mein Geschäft ist nur deshalb lebendig, weil es wächst. Jede Unterbrechung der Weiterentwicklung wäre fatal. Denn bei einem sich ausdehnenden Geschäft sind die laufenden Unkosten immer etwas geringer als der Zuwachs der Produktion, und wenn man erlauben würde, dass die Unkosten den Produktionsüberschuss einholen, dann würde sehr schnell der Gewinn, der ja gering gehalten werden soll, aufgebraucht sein. Mein Geschäft dehnte sich so schnell aus, dass es jetzt eher wie ein auf geblasener Luftballon aussieht, als wie ein lebendiger Körper, der sich ausgewogen auf seine Reife zu bewegt. Beispielsweise müssen einige der Abteilungen ihre Arbeiter wie Galeerensklaven antreiben, damit sie mit dem Gesamtprozess Schritt halten können, und sobald dieser Zustand in einem Bereich durch Verbesserung der Maschinen bewältigt ist, taucht er in einem anderen Bereich auf. Ich fühle mich hilflos, denn jede Unterbrechung des Gesamtprozesses würde nur noch mehr Belastung für die Arbeiter bedeuten.

Und was habe ich der Menschheit beschert? Die Leute können leichter reisen. Verstehen sie sich deshalb besser? Entsprechend meinem Vorbild wurden so viele Dinge, von denen es heißt, sie würden das Leben erleichtern, in Massen produziert und einer wachsenden Anzahl von Käufern angeboten. Hat dies nicht bewirkt, dass lediglich neue Wünsche und entsprechende Geldgier geweckt wurden? Meine Arbeiter werden gut bezahlt, aber es sieht so aus, dass ich lediglich Erfolg damit hatte, in ihnen das Verlangen nach immer mehr Verdienst anzuregen – mehr zu verdienen als die Arbeiter in anderen Fabriken. Ich spüre, dass sie unzufrieden sind, mehr noch, dass sie unglücklich sind. Im Gegensatz zu meinen Erwartungen hat sie die Hebung des Lebensstandards und die Sicherung ihres Wohlergehens nicht dazu veranlasst, die menschliche Persönlichkeit zu entwickeln. Tatsächlich bleibt die Vielzahl der menschlichen Leiden praktisch unverändert, so überwältigend wie eh und je und – wie es scheint – resistent gegenüber dem Heilmittel, das ich angewendet habe. Irgend etwas ist von Grund auf falsch, etwas, das meine Unternehmungen nicht ins Lot bringen können, etwas, das ich nicht einmal richtig begreife. Ich fühle, dass es noch ein Geheimnis zu entdecken gibt; und ohne diese Entdeckung sind alle unsere Bemühungen vergeblich.