Kapitel 4
Der Künstler
Ich wurde in einer recht respektablen, bürgerlichen Familie geboren, die die Kunst eher als Zeitvertreib denn als Beruf, und die Künstler als nicht sehr ernsthafte Leute ansah, die zu Ausschweifungen neigten und verächtlich auf Geld herabblickten, was eine recht gefährliche Sache war. Ich verspürte, möglicherweise aus Widerspruchsgeist, einen unwiderstehlichen Drang, ein Maler zu werden. Mein ganzes Bewusstsein war in den Augen zentriert, und ich konnte mich durch eine Zeichnung besser ausdrücken als durch Worte. Ich lernte wesentlich besser, indem ich mir Bilder anschaute, als durch das Lesen von Büchern; was ich einmal gesehen habe – Landschaften, Gesichter oder Zeichnungen – vergesse ich nie wieder.
Mit dreizehn Jahren hatte ich durch viel Fleiß die Zeichentechniken, Aquarell, Pastell und Ölmalerei fast vollständig gemeistert. Ich hatte dann die Gelegenheit, einige bezahlte Aufträge für Freunde und Bekannte meiner Eltern auszuführen. Und als ich anfing, Geld zu verdienen, begannen sich auch meine Familienangehörigen positiv auf meine Berufung einzustellen. Ich ergriff die Gelegenheit zu einem umfassenden Kunststudium. Sobald ich alt genug war, besuchte ich die Kunstakademie und nahm beinahe sofort an dem Prix de Rome Wettbewerb teil, wo ich den ersten Preis gewann. Ich war einer der jüngsten Preisträger. Dadurch erhielt ich die Gelegenheit, mich umfassend mit indischer Kunst vertraut zu machen. Später gab mir ein Stipendium die Möglichkeit, Spanien, Belgien, Holland, England und andere Länder zu besuchen. Ich wollte nicht nur einer Epoche oder Schule angehören. Ich studierte die Kunst aller Länder in allen Ausdrucksformen, seien sie aus dem Westen oder Osten.
Gleichzeitig entstanden meine eigenen Arbeiten. Ich versuchte, eine neue Ausdrucksform zu finden. Dann kam der große Erfolg, Ruhm, erste Preise bei Ausstellungen, Mitgliedschaft bei Preisgerichten, Gemälde, die von den bedeutendsten Museen der Welt gekauft wurden, Begeisterung unter den Kunsthändlern! Das bedeutete Reichtum, Titel, Ehrungen. Selbst das Wort „Genie“ fiel. Aber ich bin nicht zufrieden. Meine Vorstellung von Genie sieht ganz anders aus. Man muss neue Formen schaffen, auf neue Weise und mit neuen Methoden, um eine höhere und reinere, wahrhaftigere und edlere Schönheit von neuer Art zu erschaffen. Solange ich mich an die Menschheit gebunden fühle, kann ich nicht völlig von den Formen der materiellen Natur frei werden. Das Bestreben war da, aber das Wissen, die Vision fehlt.
Und jetzt, wo wir kurz vor dem Tod stehen, habe ich das Gefühl, nichts von dem erschaffen zu haben, was ich eigentlich wollte. Ich habe nichts von dem verwirklicht, was ich verwirklichen wollte. Und trotz all des Ruhmes, mit dem ich überschüttet wurde, habe ich das Gefühl, ein Versager zu sein.