Kapitel 6
Der Athlet
Ich kam in einer Sportlerfamilie zur Welt. Beide Elternteile waren große Könner in allen Arten von Spielen, Sportdisziplinen und Körperübungen. Besonders gut war meine Mutter im Schwimmen, Tauchen, Bogenschießen, Fechten und Tanzen. Sie war allgemein bekannt für diese Begabung und hatte auch eine Reihe von Preisen in lokalen Wettbewerben gewonnen.
Mein Vater war ein wunderbarer Bursche. Womit immer er sich beschäftigte – er hatte Erfolg damit. Während seiner Schulzeit war er ein berühmter Fußball-, Basketball- und Tennisspieler. Im Boxen und Langlauf war er bereits der Landesbeste. Später schloss er sich darin einem Zirkus an und wurde als Trapezkünstler und Reitartist bekannt. Aber seine Besonderheit war Bodybuilding und Ringen. Sie brachten ihm große Anerkennung.
Das waren klarerweise ideale Umstände, um eine gesunde, starke und fähige physische Statur zu entwickeln. Alle physischen Qualitäten, die sich meine Eltern durch intensives Training angeeignet hatten, übertrugen sie ohne Schwierigkeit auf mich. Darüber hinaus wünschten sich meine Eltern, dass sich in mir ihr Traum erfülle – sie wollten, dass ich ein großer und erfolgreicher Athlet werde. Deshalb zogen sie mich mit Achtsamkeit auf und setzten all ihr Wissen und ihre Erfahrungen, wie man Gesundheit, Stärke, Kraft und Vitalität erlangt, für meine Erziehung ein. Vom Tage meiner Geburt an stellten sie die besten gesundheitlichen und hygienischen Voraussetzungen bezüglich Ernährung, Kleidung, Schlaf, Sauberkeit, guten Gewohnheiten und so weiter bereit, die materiell möglich waren. Später entwickelten sie in meinem Körper durch gut organisiertes Training Schritt für Schritt Symmetrie, Proportion, Anmut, Rhythmus und Harmonie. Dann kultivierten sie in mir Beweglichkeit, Kühnheit, Wachsamkeit, Genauigkeit und Koordination, und schließlich wurde ich auf Stärke und Ausdauer trainiert.
Ich wurde in ein Internat geschickt. Natürlich interessierte mich der Sportunterricht am meisten. Ich begann mich besonders darauf zu konzentrieren und nahm im Laufe weniger Jahre meinen Platz unter den guten Spielern und Athleten meiner Schule ein. Dann kam mein erster Erfolg, als ich Box-Champion des innerschulischen Wettbewerbs wurde. Wie glücklich und stolz meine Eltern waren, als sie sahen, dass ihr Traum anfing Wirklichkeit zu werden! Mein Erfolg ermutigte mich sehr, und ich wandte mich mit fester Entschlossenheit, Sorgfalt und strenger Disziplin der Meisterung der Technik und der Beherrschung der Grundlagen aller Zweige der Sporterziehung zu. Ich lernte alle verschiedenen Fähigkeiten des Körpers zu entwickeln, indem ich an allen sportlichen Aktivitäten teilnahm. Ich glaubte, dass man durch ein weit gefächertes Training sehr erfolgreich sein und mehr als eine oder einige wenige Sportarten meistern konnte. Aus diesem Grund nahm ich alle Gelegenheiten wahr, die sich mir boten. Jahr für Jahr gewann ich bei Wettbewerben im Ringkampf, Boxen, Gewichtheben, Bodybuilding, Schwimmen, Laufdisziplinen, Sprung- und Wurfwettkampf, Tennis, Gymnastik und vielen anderen Sportarten.
Inzwischen war ich achtzehn Jahre alt. Ich wollte an den nationalen olympischen Wettkämpfen teilnehmen. Da ich an eine allumfassende Körperkultur glaubte, wählte ich den Zehnkampf. Das ist von allen die schwierigste Disziplin – sie stellt höchste Anforderungen an Schnelligkeit, Stärke, Ausdauer, Koordination und viele andere Eigenschaften. Ich begann zu trainieren, und nach sechs Monaten harter Arbeit gewann ich mühelos und ließ den Zweiten weit hinter mir.
Natürlich brachte mein Erfolg die Landessport-Organisation auf die Idee, mich zur Olympiade zu schicken. Man bot mir an, mein Land bei der nächsten Weltolympiade, die in zwei Jahren stattfinden sollte, im Zehnkampf zu vertreten. Es ist keine Kleinigkeit, zur Weltmeisterschaft anzutreten, wo sich die besten Athleten von überall her zusammenfinden. Es gab keine Zeit zu verlieren.
So begann ich unter Vaters Anleitung und Mutters Fürsorge zu trainieren. Ich musste schwer arbeiten. Manchmal schien eine weitere Verbesserung unmöglich, und alles zeigte sich von seiner schwierigsten Seite. Aber ich machte Tag für Tag weiter, Monat für Monat, und schließlich kam der große Tag der Weltolympiade.
Ich will nicht angeben, aber ich war viel besser, als ich selbst gedacht hätte. Ich wurde nicht nur Weltmeister im Zehnkampf, ich brachte so gute Werte, wie noch nie zuvor und nie seither. Niemand hatte das für möglich gehalten. Aber es war passiert, und so wurden die höchsten Erwartungen meiner Eltern und auch meine eigenen erfüllt.
Aber in mir geschah etwas Merkwürdiges. Obgleich ich den Höhepunkt meines Erfolges und Ruhmes erlangt hatte, fühlte ich, dass mich nach und nach eine Art Traurigkeit und Leere beschlich; – als würde jemand in mir sagen, dass irgend etwas fehlt, dass etwas gefunden werden muss, dass etwas in mir entstehen sollte. Diese Stimme schien zu sagen: vielleicht gibt es etwas anderes, wofür meine physische Befähigung, mein physisches Vermögen und meine Energie besser eingesetzt werden können. Aber ich hatte nicht die geringste Vorstellung, was das sein konnte. Dann verschwand diese Empfindung langsam. Danach nahm ich an vielen wichtigen Wettkämpfen teil und war sehr erfolgreich. Aber ich bemerkte, dass ich nach jedem Erfolg von diesen Gefühlen heimgesucht wurde.
Mein Ruhm bewirkte, dass sich ein paar junge Leute um mich scharten. Sie baten mich, ihnen bei verschiedenen Aspekten der Leibeserziehung zu helfen, was ich gerne tat. Und dann entdeckte ich, dass eine große Freude darin enthalten war, anderen bei meiner Lieblingsbeschäftigung zu helfen, nämlich bei Spielen, sportlichen Disziplinen und Körperübungen. Auch als Trainer bewährte ich mich. Viele meiner Schüler erreichten außergewöhnliche Werte bei verschiedenen Spielen, Sportarten und allgemeiner körperlicher Ertüchtigung. Als ich bemerkte, wie gut ich als Sportlehrer war, und ich zudem Spiele und Sport so gern hatte, dass ich immer damit in Verbindung bleiben wollte, dachte ich daran, das Unterrichten als Lebensaufgabe anzunehmen. Um mich auf die theoretische Seite dieser Arbeit vorzubereiten, ließ ich mich an einer berühmten Sportakademie einschreiben und erlangte in vier Jahren mein Diplom als Sportlehrer.
Jetzt, wo ich den Bereich der Körpererziehung praktisch und theoretisch gemeistert hatte, machte ich mich an die Arbeit. Solange ich Athlet war, beschäftigte ich mich nur damit, Gesundheit, Stärke, Vermögen und physische Schönheit auszubauen und in meinem eigenen Körper ein hohes Maß an Vollkommenheit zu verwirklichen. Jetzt begann ich damit, anderen dabei zu helfen diese gleichen Qualitäten zu erreichen. Ich organisierte im ganzen Land Ausbildungszentren für Sportlehrer und bildete sehr fähige Leute aus. Mit ihrer Hilfe eröffnete ich überall in meiner Heimat eine Vielzahl von Sportschulen, deren Anliegen es war, Gesundheitspflege, Sporterziehung und wissenschaftlich fundierte Entspannung in der Öffentlichkeit zu verbreiten. Sie leisteten sehr gute Arbeit, und nach einigen Jahren hatte sich der Gesundheitszustand in meiner Heimat wesentlich verbessert. Meine Lehrer zeigten sowohl im In- wie im Ausland gute Leistungen in Spielen und den Sportarten, und bald erlangte mein Land sehr große Anerkennung in der Sportwelt. Ich muss hinzufügen, dass ich viel Hilfe und Unterstützung durch die Regierung meines Landes und einen besonderen Auftrag als Minister für Körpererziehung erhielt. Deshalb konnte ich so viel tun.
Innerhalb kurzer Zeit wurde ich in der ganzen Welt als großer Sportlehrer und Organisator bekannt, und man sah mich international als Autorität im Bereich der Körpererziehung an. Ich wurde von vielen Regierungen eingeladen, über mein System der Körpererziehung zu sprechen und es in den jeweiligen Ländern einzuführen. Aus der ganzen Welt erhielt ich Briefe, in denen Auskunft über meine Methode und mein Rat bezüglich bestimmter Probleme der Körperertüchtigung erbeten wurden.
Aber inmitten intensiver Arbeit hatte ich plötzlich das Gefühl, dass all meine Energie und mein Talent, die Organisation in meinem Land und die Kraft, die von ihr ausging, und mein weltweiter Einfluss vielleicht für ein höheres, edleres und erhabeneres Ziel eingesetzt werden könnten und dass nur dann all mein Tun einen wirklichen Sinn erhalten würde. Aber bislang ist mir nicht klar geworden, welches Ziel dies sein könnte.
Manchmal hat man mich sogar „Übermensch“ genannt, aber ich bin kein Übermensch. Ich bin immer noch Sklave der Natur, ein Mensch mit all seiner Unwissenheit, seiner Beschränktheit und Unfähigkeit; ich laufe immer noch Gefahr, dass mir ein Unfall widerfährt oder dass ich krank werde oder dass mich eine dieser menschlichen Leidenschaften packt, die dich völlig kraftlos machen. Ich spüre, dass ich noch nicht über diesen Dingen stehe und dass es noch etwas anderes gibt, das man begreifen und verwirklichen muss.
Jetzt, wo ich dem Tod gegenüber stehe, bin ich völlig frei von Angst. Der Gedanke an extremes Leiden, Hunger und Durst quält mich nicht. Aber es schmerzt mich, dass ich meine Lebensprobleme nicht lösen konnte. Ich hatte großen Erfolg in meinem Leben, ich wurde berühmt, geehrt und reich und erhielt alles, wovon ein Mensch träumen könnte. Ich bin nicht zufrieden, weil ich nicht herausfand:
„Was fehlt mir so sehr, trotz allem? Was wäre die höchste Verwendung meiner physischen Vollkommenheit und Befähigung? Welchem Zweck könnte die Macht meiner landesweiten Organisation und mein internationaler Einfluss am besten dienen?“
Dann ertönt die Stimme des Unbekannten, ruhig, sanft, klar, voll heiterer Kraft.