Kapitel 3
Der Wissenschaftler
Anders als manche von euch, setzte ich mir nicht zum Ziel, die Lebensbedingungen meiner Mitmenschen zu ändern. Erkenntnis war es, die mich anzog, nicht die Tat; und zwar Erkenntnis in ihrer modernen Form als Wissenschaft. Nichts erschien mir erstrebenswerter, als einen Zipfel des Vorhangs zu lüften, der die Geheimnisse der Natur vor unseren Augen verbirgt – fähig zu sein, mehr und mehr über ihre geheimen Ursprünge zu erfahren. Ich habe, vielleicht unbewusst, die Annahme akzeptiert, dass mehr Wissen notwendig auch mehr Macht bringt und dass jeder neue Sieg über die Natur auch die menschlichen Lebensbedingungen verbessert, materiell wie auch sittlich. Für mich – wie für alle anderen Denker, die im letzten Jahrhundert wurzeln, dem Jahrhundert der Begründung der Wissenschaft, – war Unwissenheit das hauptsächliche, wenn nicht das einzige Übel, eben jenes, das die Menschheit bei ihrem Aufschwung zur Vollendung bremste. Wir glaubten ohne jede Diskussion, an die unbegrenzte Vervollkommnungsfähigkeit der menschlichen Rasse. Der Fortschritt mag schnell oder langsam sein, trotzdem ist er gewiss. Da wir dahin gelangten, wo wir heute sind, wissen wir, dass wir noch weiter gehen können. Für uns bedeutete, mehr zu wissen: mehr zu verstehen, weiser zu werden, gerechter – mit einem Wort: besser.
Das ist ein anderes Postulat, das wir ungeprüft übernahmen, nämlich, dass es möglich sei, das Universum zu erkennen, wie es wirklich ist, seine Gesetze objektiv zu erfassen. Dies schien so offensichtlich, dass sich die Frage nicht einmal stellte … Das Universum und ich – beide existieren wir; das eine zu dem Zweck, das andere zu erkennen. Zweifellos bin ich Teil des Universums, doch im Erkenntnisprozess sondere ich mich von ihm ab, ich betrachte es objektiv. Ich gehe davon aus, dass das, was ich die Naturgesetze nenne, unabhängig von mir existiert, von meinem Geist, dass sie in sich selbst existieren und für alle, die sie wahrnehmen können, dieselben sind.
Beseelt von diesem Ideal der reinen Erkenntnis, machte ich mich an die Arbeit. Ich wählte die Wissenschaft der Physik, und zwar speziell die Erforschung des Atoms, der Radioaktivität, ein Gebiet, dessen große Umrisslinien Becquerel und Curie bereits vorgezeichnet hatten. Es war jene Epoche, in der man die natürliche Radioaktivität durch die künstliche zu ersetzen gelernt hatte – jene Zeit, die den Traum der Alchimisten wahr werden ließ. Ich arbeitete mit den großen Physikern zusammen, die die Uranspaltung entdeckt hatten, und ich war bei der Geburt der Atombombe dabei … Jahre harter, zäher und konzentrierter Arbeit. Das war auch die Zeit, in der mir die Idee kam, die mich zu meiner ersten Entdeckung führte, nämlich der Möglichkeit, die es· uns heute erlaubt, Elektroenergie direkt aus inneratomarer oder Nuklearenergie zu gewinnen. Wie ihr alle wisst, bewirkte dies einen radikalen Wandel der wirtschaftlichen Bedingungen auf der ganzen Welt, weil dadurch billige Energie allgemein verfügbar wurde. Diese Entdeckung war deshalb so überwältigend, weil sie den Menschen von dem Fluch der Arbeit befreite, von dem Zwang, sein Brot im Schweiße seines Angesichts zu verdienen.
So verwirklichte ich den Traum meiner Jugend – eine große Entdeckung –, und ich erkannte zugleich ihre Bedeutung für die Menschheit, der ich, ohne mich ausdrücklich darum zu bemühen, eine große Wohltat erwiesen hatte.
Ich hatte allen Grund, vollkommen zufrieden zu sein, doch wenn ich es war, dann nur für kurze Zeit. Denn bald darauf – ich kann euch dies sagen, weil uns jetzt nur eine Handbreit vom Tode trennt und mein Geheimnis mit mir untergehen wird – bald darauf fand ich die Methode, Atomenergie nicht nur aus Uran, Thorium und einigen anderen Metallen zu gewinnen, sondern aus den meisten der gewöhnlichen Metalle, wie Kupfer, Aluminium usw. Damit aber stand ich einem gewaltigen Problem gegenüber, unter dessen Last ich fast zusammenbrach. Sollte ich meine Entdeckung bekannt geben? Bis heute kennt niemand außer mir dieses Geheimnis.
Ihr kennt alle die Geschichte der Atombombe. Ihr wisst, dass nach ihr eine Waffe kam, die wesentlich zerstörerischer ist – die Wasserstoffbombe. Und ihr wisst auch, ebenso gut wie ich, dass die Menschheit unter der Wucht dieser Entdeckungen, die ihr eine Macht der Zerstörung in die Hände gegeben hat wie nie zuvor, aus dem Gleichgewicht gerät. Aber wenn ich nun meine Entdeckung preisgeben würde, mein Geheimnis enthüllte, würde ich eine diabolische Macht in die Hände von – ja, tatsächlich von jedermann legen, und sie könnte durch Regierungen weder eingeschränkt noch kontrolliert werden. Uran und Thorium könnten leicht durch Regierungen monopolisiert werden, erstens weil sie relativ selten sind, hauptsächlich aber wegen der Schwierigkeiten, sie in Atommeilern zu verarbeiten. Aber ihr könnt euch gut vorstellen, was passieren würde, wenn jeder Kriminelle, Verrückte oder Fanatiker in irgendeinem improvisierten Labor eine Waffe herstellen könnte, die imstande wäre, Paris, London oder New York in die Luft zu sprengen! Wäre das nicht der endgültig vernichtende Schlag für die Menschheit? Auch ich trug schwer an der Last der Verantwortung. Ich zögerte lange Zeit und bin auch jetzt noch zu keinem Entschluss gekommen, der beide zufriedenstellt: meine Vernunft und mein Herz.
Auf diese Weise zerbrach die allererste Grundvoraussetzung, mit der ich als junger Wissenschaftler die Suche nach den Geheimnissen der Natur begonnen hatte, in Stücke. Wenngleich aller Zuwachs an Wissen mehr Macht bringt, folgt daraus nicht gleichzeitig, dass die Menschheit automatisch gebessert würde. Wissenschaftlicher Fortschritt bedeutet nicht notwendigerweise moralischen Fortschritt. Wissenschaft und intellektuelles Wissen sind machtlos, wenn es darum geht, die menschliche Natur zu ändern; und doch ist dieser Wandel eine zwingende Notwendigkeit geworden. Wenn menschliche Gier und Leidenschaft unverändert bleiben, wie sie heute sind, nämlich nicht anders als in der Steinzeit, ist die Menschheit zum Untergang verurteilt. Sie hat einen Punkt erreicht, an dem eine schnelle und radikale moralische Veränderung nötig ist, damit sie sich nicht mit der Macht, die sie in Händen hat, selbst vernichtet.
Und was war mit dem zweiten Postulat meiner Jugend geschehen? Hatte ich schließlich die Freude reinen Wissens erlangt, konnte ich mir sicher sein, etwas vom geheimen Mechanismus der Natur verstanden zu haben? Konnte ich hoffen, mich daran zu erfreuen, die wahren Gesetze, die die Natur lenken, verstanden zu haben? Ja, ich fürchte, auch hier ging mein Ideal in die Brüche! … Wir Wissenschaftler haben längst aufgegeben zu meinen, dass eine Theorie entweder richtig oder falsch sein muss. Wir sagen jetzt nur noch, dass sie zweckdienlich ist – dass sie Tatsachen entspricht und sie erklärt. Aber ob sie wahr ist, das heißt, ob sie der Wirklichkeit entspricht, ist eine gänzlich andere Frage. Und vielleicht ist bereits die Frage sinnlos. Zweifellos gibt es, oder vielmehr sollte ich sagen: ganz gewiss gibt es andere Theorien, die die gleichen Fakten ebenso gut erklären und deshalb ebenso zutreffend sind‘. Letztendlich, was sind diese Theorien? Nichts anderes als Symbole. Sie sind sicherlich nützlich, da sie uns ermöglichen vorauszusehen. Sie zeigen auf, wie Dinge passieren, aber sie erklären nicht, warum und wofür es diese Dinge gibt: Sie führen uns nicht zur Wirklichkeit. Man hat immer den Eindruck, die Wahrheit, die Realität zu umkreisen, man nähert sich ihr von verschiedenen Seiten, von verschiedenen Blickpunkten, aber man bleibt immer erfolglos bei dem Unterfangen, sie zu entdecken, sie voll zu begreifen; und ebensowenig enthüllt und zeigt sie sich selbst.
Und dann ist andererseits in all den Messungen, die wir machen und von denen wir denken, dass sie uns etwas von dem äußeren Universum enthüllen, unser persönlicher Eingriff nötig. Und durch die reine Tatsache des Messens verändern wir, wenn auch noch so wenig, die äußeren Erscheinungsformen und dadurch die Erscheinungsform der Welt. Deshalb ist das Wissen, das durch diese Messungen vermittelt wird, ganz und gar unsicher. Alles, was wir von ihnen ableiten können, ist ein Wahrscheinlichkeitszustand der Welt, aber keine Gewissheit. Was die Erscheinungsweisen jener Größenordnung angeht, in der wir leben, ist diese Ungewissheit unbedeutend, aber dies ist nicht im unendlich Kleinen der Fall – in der Welt des Atoms. Hier stoßen wir auf eine grundlegende Unfähigkeit, auf ein Hindernis, das wir niemals zu bewältigen hoffen können. Es liegt gerade in der Natur der Dinge und nicht in der Unvollkommenheit unserer Untersuchungsmethoden; und zwar so sehr, dass wir niemals die gefärbte Brille werden wegwerfen können, durch die wir das Universum betrachten. Alle meine Messungen, alle meine Theorien enthalten mich, mich selbst, den menschlichen Geist, gerade so viel, wie sie auch das Universum enthalten. Sie sind gleicherweise subjektiv wie objektiv und existieren vielleicht nur in meinem Geist.
An den Küsten der Unendlichkeit entdeckte ich eine Fußspur, und ich versuchte, mir das Wesen vorzustellen, das dies Zeichen im Sand zurückgelassen hatte. Ich hatte schließlich Erfolg damit, und es stellte sich heraus, dass ich selbst dies Wesen war. Und so bin ich hier – sind wir alle hier – und finde keinen Ausweg.
Aber vielleicht ist es gerade die Tatsache, dass ich keinerlei Gewissheit über die Welt habe, sondern nur Wahrscheinlichkeiten, die einen Strahl der Hoffnung hinterlässt, dass das Schicksal der Menschheit nicht für immer besiegelt ist.