Kapitel 2

Der Schriftsteller

Mit geflügelten Worten versuchte ich, die Schönheit und die Wahrheit einzufangen, die in unserer Vergänglichkeit pulsieren. Dies Schöpfungspanorama, das sich vor unseren Augen ausbreitet – Menschen, Geschöpfe, Lebewesen und Dinge, Szenen und Ereignisse und das andere Panorama, das sich ebenso in unseren Gefühlen und Wahrnehmungen ausbreitet, in unserem Bewusstsein – sie bilden ein geheimnisvolles Netz, einen Dädalus-Komplex. Es hat mich verzaubert, und ich hörte die Stimme, die mich aufrief zu wissen, zu verstehen und zu ergreifen, diese Stimme, die süßer und verführerischer ist, als selbst die Stimme einer ägäischen Sirene sein könnte. Den Klang dieser Stimme versuchte ich auf meine Worte zu übertragen.

Ich wollte das Geheimnis der Dinge aussprechen, ich wollte die Sphinx zum Reden bringen. Was verborgen ist, was verschlüsselt ist, was aus seinen Geheimnisgründen die Sonnen und Sterne und Herzen bewegt, das strebte ich zu enthüllen und im hellen Tageslicht zu zeigen. Das Mühen der weltlichen wie der überweltlichen Dinge ist eine stumme, ja sogar verwirrte Pantomime; ich gab diesem Mühen Sprache und Bewusstsein. Worte schienen mir das wunderbarste Instrument zu sein, das Werkzeug schlechthin. Es hat genau die Dichte, um zu verkörpern und auszudrücken, ist weder zu flüssig, um vage zu sein, noch zu fest, um schwerfällig zu sein. Das Wort gehört zwei Welten gleichzeitig an. Es ist materiell und kann deshalb eine materielle Form vermitteln; und es ist genügend unstofflich, um in Verbindung mit subtilen Dingen sein zu können, in Verbindung mit Kräften und Schwingungen, Prinzipien und Ideen. Es kann das Unstoffliche materialisieren, das Körperlose einkörpern; und vor allem kann es den Sinn der Dinge vermitteln, die genaue Bedeutung, die in einer Form enthalten ist.

In meinen Gedichten versuchte ich, das Sehnen des Herzens im Menschen oder in der Natur aufzudecken: wonach die Dinge rufen, weshalb sie weinen. In größerem Maßstab porträtierte ich durch Legenden und Parabeln die verschiedenen Schattierungen der Lebensstimmungen und Lebenstriebe, deren seltene Weisheiten und deren große Dummheiten, gab einen pulsierenden Akzent und eine bedeutungsvolle Konkretheit den Episoden, die die Weltgeschichte ausmachen, die Geschichte des Bewusstseins des Menschen und der Natur. Die Tragödien und Komödien des Lebens goss ich außerdem in die dramatische Form, und ihr wisst selbst, wie entzückt ihr wart zu sehen, wie großartig diese alte Form den Notwendigkeiten und Bedürfnissen der Moderne entsprach. Ich formte Figuren und Charaktere lebendiger Kräfte zu unvergesslichen Individuen. Ein umfassenderes und deutlicheres Instrument ist die Novelle, die vielleicht mehr dem wissenschaftlichen und forschenden Zeitgeist entspricht, denn sie ist sowohl illustrativ als auch erklärend. Ich habe euch die Lebensgeschichte von Einzelnen und sozialen Schichten gegeben, und ich habe auch versucht, euch etwas von der Lebensgeschichte der Menschheit im Ganzen zu vermitteln, von dem massiven Gesamtkörper, wie er kreist, wie er sich windet, wie er emporsteigt. Aber ich wusste und fühlte, dass der menschliche Geist nicht nur mit einer bloßen Erweiterung oder Ausdehnung zufrieden ist: mit der großen Menschenmasse. Er braucht Erhöhung. Er braucht den großen Stil. Deshalb gab ich euch mein Epos. Es ist wahrhaftig die Arbeit eines ganzen Lebens. Ich weiß, dass viele von euch dies Epos nicht verstanden haben und nicht verstehen, die meisten waren eingeschüchtert, aber alle fühlten seine magische Vibration. Ja, es war meine verzweifelte Bemühung, den Vorhang aufzureißen.

Ich habe das Thema und den Stil variiert. Wie ein vollendeter Wissenschaftler spielte ich mit meinen Worten, ich wusste ihre Struktur zu verändern und sie überhaupt zu verwandeln, ich wusste, wie sie Träger eines neuen Sinnes, eines neuen Klanges, eines neuen Inhalts werden konnten. Ich besaß etwas von der Meisterschaft der Ciceronischen Epoche, etwas von der Milton‘schen Tragweite, ebenso auch etwas von der Zärtlichkeit Racines. Die Einfachheit eines Wordsworth zu seiner besten Zeit war mir nicht fremd und Shakespeares Magie war mir ebenfalls nicht unzugänglich. Die Erhabenheit von Valmiki oder der Edelmut von Vyasa waren keine zu hohen Gipfel für mich.

Und dennoch habe ich nicht erreicht, was ich wollte. Ich bin unzufrieden. Ich bin unglücklich. Denn letzten Endes sind es Träume, die ich erschaffen habe, »Träume habe ich gestreut in die vier Winde«. Ich spüre, dass ich nicht die letzte Wahrheit der Dinge, nicht ihre Seele der Schönheit berührt habe. Ich habe nur die Oberfläche angekratzt, ich habe nur den äußeren Umhang umarmt, den die Natur anlegt: aber ihr eigentlicher Körper, ihr eigentliches Selbst ist mir entgangen. Einen Gazeschleier habe ich um die Glieder der Schöpfung gewoben, wie scheinbar wahr, wie scheinbar wonnevoll er auch sein mag. Das Mittel, das Instrument selbst, von dem ich einst dachte, es sei seiner Natur nach makellos und vollkommen in seiner Fähigkeit zu durchdringen, zu offenbaren, auszudrücken und zu verkörpern, fand ich am Ende unvollkommen. Eine große Stille, ein reines Schweigen erachtete ich letztlich näher dem Herz der Dinge.

In diesem endlosen Strömen, in diesen unzähligen Verwandlungen strecke ich meine hilflosen Arme aus und rufe wie Faust: „Wo, wo soll ich dich ergreifen, O grenzenlose Natur?“ Ein anderer großer Dichter wurde einst mit einem „machtlosen Engel“ verglichen, »der seine goldenen Flügel vergeblich in der Leere schlägt«. Unsere ganze Lebensform ist nichts Besseres.

Am Ende meines Lebens frage ich mit der Unwissenheit eines Kindes, was all dies ist, vor welchem Gott wir uns verneigen und unser Opfer darbringen sollen – wie sieht die Vision der Shekinah aus? Weshalb haben wir gelebt, wofür sterben wir? Worin liegt der Sinn dieses flüchtigen Auftauchens auf Erden, wozu all dies Mühen und Kämpfen, all dies Siegen, aufgewogen mit so viel Leid? Was ist der Sinn dieser wundervollen Hoffnungen und dieses triumphierenden Enthusiasmus, die nur in den Abgrund der Unbewusstheit und des Unwissens führen, der durch nichts gefüllt werden kann? Und all dies hat als Ende: Verschwinden, Auflösung, die geheimnisvoller sind als das Auftauchen, etwas, das den Eindruck von etwas Widersinnigem vermittelt, von einem schlechten Scherz, der gleichzeitig grauenvoll und sinnlos ist.

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