Kapitel 1
Der Staatsmann
Da ihr mich dazu aufgefordert habt, will ich euch als erster erzählen, wie mein Leben aussah.
Der Sohn eines Politikers, war ich seit meiner Kindheit vertraut mit Regierungsfragen und politischen Problemen. Alle diese Dinge wurden ausgiebig bei Abendessen diskutiert, die meine Eltern für ihre Freunde gaben; Und da ich zwölf war, war ich ebenfalls mit von der Runde. Die Standpunkte der verschiedenen politischen Parteien stellten für mich kein Geheimnis mehr dar, und in meinem kleinen enthusiastischen Kopf fand ich für jede Schwierigkeit eine einfache Lösung.
Mein Studium folgte natürlich der gleichen Richtung, und ich wurde ein glänzender Student der politischen Wissenschaft.
Als schließlich die Zeit kam, wo ich von der Theorie zur Praxis übergehen musste, hatte ich mich den ersten ernsthaften Schwierigkeiten zu stellen, und ich begann zu begreifen, wie beinahe unmöglich es war, Ideen in die Wirklichkeit zu übersetzen. Ich musste mich auf Kompromisse einlassen, und allmählich schwand mein großes Ideal dahin.
Ich entdeckte auch, dass Erfolg nicht Ausdruck des persönlichen Wertes, sondern der Fähigkeit ist, sich an die Umstände anpassen und anderen nach dem Mund reden zu können. Dazu muss man den Schwächen der Leute schmeicheln, statt zu versuchen, ihre Mängel zu korrigieren.
Sicher wisst ihr alle, wie glänzend meine Karriere verlief, und ich brauche mich darüber nicht weiter auszulassen. Aber ich möchte euch erzählen, dass ich mich, sobald ich Premierminister wurde und ich durch meine Position wirkliche Macht besaß, an die humanitären Ambitionen meiner Jugendzeit erinnerte und versuchte, mich von ihnen leiten zu lassen. Ich versuchte, kein Parteigänger zu sein. Ich suchte eine Lösung zu finden für den großen Konflikt zwischen den politischen und sozialen Tendenzen, die alle ihre Vor- und Nachteile hatten und die die Welt in Stücke rissen. Keine ist vollkommen gut, keine vollkommen schlecht: Man muss den Weg finden, wie man das Gute in jedem Vorschlag herausfindet und ein praktikables harmonisches Ganzes zustande bringt. Aber ich war unfähig, die vereinigende Formel zu finden, die die Gegensätze versöhnen würde und noch unfähiger, sie in die Tat umzusetzen.
Ich wünschte Frieden, Eintracht, Bündnisse unter den Nationen, Zusammenarbeit für das Wohl aller und war durch eine Macht, die größer war als ich, gezwungen, Krieg zu führen und durch skrupelloses Vorgehen und unbarmherzige Entscheidungen zu siegen.
Aber dennoch sieht man mich als großen Staatsmann an. Ich werde mit Ehrungen und Lobpreisungen überschüttet: man nennt mich den Freund der Menschen.
Aber ich spüre meine Schwäche. Ich weiß, dass mir wahres Wissen und wahre Macht versagt geblieben sind, die die Hoffnungen meiner Kindheit mit Erfolg gekrönt hätten.
Und jetzt ist das Ende nahe. Ich fühle, dass ich sehr wenig vollbracht habe und das Wenige noch sehr schlecht. Ich werde das Tor des Todes traurig und enttäuscht durchschreiten.