Kapitel 15

Aspiration im Physischen im alltäglichen Leben

Hier ist eine Blume, die wir „Aspiration im Physischen nach der Göttlichen Liebe“ genannt haben. Unter dem „Physischen“ verstehe ich das physische Bewusstsein, das allergewöhnlichste und am meisten nach außen gewandte Bewusstsein, das für die meisten Menschen normale Bewusstsein, jenes, das Dingen wie Komfort, gutem Essen, schönen Kleidern, glücklichen Beziehungen usw. so großen Wert beimisst, statt nach den höheren Dingen zu streben.

Aspiration im Physischen nach der Göttlichen Liebe heißt, dass nichts in ihm etwas anderes begehrt als zu spüren, wie es vom Göttlichen geliebt wird. Es begreift, dass all seine gewohnten Befriedigungen völlig ungenügend sind.

Doch dabei kann es keinen Kompromiss geben. Will das Physische die Göttliche Liebe, so muss es allein das wollen und darf nicht sagen: „Ich bekomme die Göttliche Liebe und behalte zugleich meine anderen Anhänglichkeiten, Bedürfnisse und Vergnügungen…“

Das seelische Zentrum ist der eigentliche Sitz der Aspiration. Von dort strahlt sie aus oder offenbart sich im einen oder anderen Teil des Wesens. Wenn ich von Aspiration im Physischen spreche, so meine ich, dass genau jenes Bewusstsein in dir, das nach materiellem Komfort und Wohlstand giert, von sich aus und ohne von den höheren Teilen deiner Natur dazu genötigt zu sein ausschließlich um die Göttliche Liebe bitten sollte. Im Allgemeinen musst du ihm das Licht mit Hilfe der höheren Teile deines Wesens zeigen, und zwar beharrlich, sonst würde das Physische niemals lernen, und es müsste die gewohnte Runde der Natur durch die Zeitalter abwarten, ehe es von sich aus begreifen lernte. Tatsächlich ist diese Runde der Natur dazu da, ihm alle möglichen Befriedigungen zu bieten und – indem sie diese erschöpft – es zu überzeugen, dass sie es nicht wirklich befriedigen können und dass das, was es im Grunde sucht, eine göttliche Befriedigung ist. Durch den Yoga beschleunigen wir das langsame Verfahren der Natur und legen Gewicht darauf, dass das physische Bewusstsein selbst die Wahrheit erkennen und wollen lerne. Aber wie ihm die Wahrheit zeigen? Nun, so wie man ein Licht in einen dunklen Raum bringt. Erhelle die Dunkelheit deines physischen Bewusstseins mit der Intuition und der Aspiration der verfeinerteren Teile und beharre dabei, bis es das Ungenügen und die Nichtigkeit seines Hungers nach den niederen, gewöhnlichen Dingen einsieht und sich spontan der Wahrheit zuwendet. Und wenn es dies wirklich tut, so ändert sich dein ganzes Leben – die Erfahrung ist entscheidend.

Wenn ich mich als Kind bei meiner Mutter über das Essen oder andere kleine Dinge dieser Art beklagte, pflegte sie mir zu sagen, ich solle lieber meine Arbeit tun oder fleißig lernen, als mich mit Lappalien aufzuhalten. Sie fragte mich, ob ich mich in dem Glauben wiege, für mein Vergnügen geboren zu sein. „Du bist geboren, um das höchste Ideal zu verwirklichen“, sagte sie und schickte mich weg. Sie hatte völlig recht, obwohl natürlich ihr Begriff vom höchsten Ideal nach unserem Maßstab ziemlich armselig war. Wir alle sind für das höchste Ideal geboren. Folglich, wann immer in unserem Ashram einer deiner kleinen Wünsche nach mehr Komfort oder materiellem Behagen versagt wird, so geschieht dies zu deinem Wohl und um dich das verwirklichen zu lassen, um dessentwillen du hier bist. Diese Verweigerung ist tatsächlich eine Gunst, denn du wirst in dieser Weise für würdig erachtet, vor dem höchsten Ideal zu stehen und von ihm geformt zu werden.