Kapitel 8
Die Zahlen 7 und 100 im Veda
Worte Sri Aurobindos
Die Zahl 7 spielt eine äußerst wichtige Rolle im vedischen System, ebenso wie in den meisten sehr alten Schulen der Denker. Wir sehen sie ständig wiederkehren: die sieben Wonnen, sapta ratnani, die sieben Flammen, Zungen oder Strahlen Agnis, sapta arcisah, sapta jvalah, die sieben Formen des Gedanken-Prinzips, sapta dhitayah, die sieben Strahlen oder Kühe, Formen der unschlachtbaren Kuh, Aditi, Mutter der Götter, sapta gavah, die sieben Flüsse, die sieben Mütter oder nährenden Kühe, sapta matarah, sapta dhenavah, ein Begriff, der in gleicher Weise auf die Strahlen und die Flüsse angewandt wird. Alle diese Siebener-Formeln hängen, so scheint mir, mit der vedischen Klassifizierung der Grundprinzipien, tattvas, des Daseins zusammen. Die Ergründung der Zahl dieser tattvas interessierte den spekulativen Geist der Vorväter sehr, und in der indischen Philosophie finden wir verschiedene Antworten, die vom Einen aufwärts bis in die zwanziger Zahlen reichen. Im vedischen Denken wählte man als Basis die Zahl der psychologischen Prinzipien, weil alles Sein von den Rishis als eine Bewegung bewussten Wesens konzipiert wurde. Wie sehr diese Spekulationen und Klassifikationen dem modernen Mental auch seltsam oder inhaltslos erscheinen mögen, waren sie doch keine bloß trockenen metaphysischen Unterscheidungen, sondern eng verknüpft mit einer lebendigen psychologischen Praxis, für die sie in großem Umfang die Gedanken-Basis bildeten. In jedem Fall müssen wir sie klar verstehen, wenn wir uns ein präzises Bild von diesem alten und fernen System machen wollen.
Im Veda finden wir also die Zahl der Grundprinzipien vielfältig dargestellt. Das Eine wurde als Grundlage und Enthaltendes anerkannt. In diesem Einen gab es die beiden Prinzipien göttlich und menschlich, sterblich und unsterblich. Die Zahl 2 kommt auch an anderer Stelle zur Anwendung: in den beiden Prinzipien Himmel und Erde, Mental und Körper, Seele und Natur, die als der Vater und die Mutter aller Wesen betrachtet werden. Es ist jedoch bezeichnend, dass Himmel und Erde, wenn sie zwei Formen natürlicher Energie symbolisieren, das mentale und das physische Bewusstsein, nicht mehr der Vater und die Mutter sind, sondern die beiden Mütter. Das Dreier-Prinzip wurde zweifach anerkannt, erstens im dreifachen göttlichen Prinzip, das dem späteren Sachchidananda entspricht, dem göttlichen Sein, Bewusstsein und der göttlichen Seligkeit, und zweitens im dreifachen weltlichen Prinzip, Mental, Leben und Körper, worauf die dreifache Welt von Veda und Puranas errichtet ist. Aber die gewöhnlich anerkannte volle Zahl ist 7. Zu dieser Zahl gelangte man, indem man die drei göttlichen Prinzipien zu den drei weltlichen hinzufügte und ein siebtes oder Binde-Prinzip einschaltete, das eben das des Wahrheitsbewusstseins ist, ritam brihat, später bekannt als Vijnana oder Mahas. Letzterer Begriff bedeutet das Weite und ist daher die genaue Entsprechung von brihat. Es gibt andere Klassifikationen von fünf, acht, neun und zehn, ja, wie es scheint, sogar zwölf…
All jene Prinzipien, dies ist zu beachten, gelten als wirklich untrennbar und allgegenwärtig und beziehen sich daher auf jede einzelne Gestaltung der Natur. Die sieben Gedanken zum Beispiel sind das Mental, das sich jeder der sieben Ebenen, wie wir sie jetzt nennen würden, zuwendet und das Materie-Mental bildet, wenn wir es so nennen dürfen, das nervliche Mental, das reine Mental, das Wahrheits-Mental und so fort bis zum höchsten Gipfel, parama paravat. Die sieben Strahlen oder Kühe sind Aditi, die unendliche Mutter, die unschlachtbare Kuh, höchste Natur oder unendliches Bewusstsein, Urquelle der späteren Vorstellung von Prakriti oder Shakti – der Purusha ist in dieser frühen ländlichen Bildersprache der Bulle, Vrishabha –, die Mutter der Dinge, die auf den sieben Ebenen ihrer Weltaktion Gestalt annimmt als Kraft des bewussten Wesens. Ebenso sind auch die sieben Flüsse bewusste Strömungen, die der siebenfachen Substanz des Ozeans des Seins entsprechen, die uns in den von den Puranas aufgezählten sieben Welten dargestellt werden. Ihr volles Strömen im menschlichen Bewusstsein ist es, was die gesamte Aktivität des Wesens bildet, seinen vollen Fundus an Stoff, sein volles Spiel von Energie. Im vedischen Bild trinken seine Kühe vom Wasser der sieben Flüsse.
Wenn wir einmal von der Existenz solcher Konzepte ausgehen, ist ersichtlich, dass dies die natürliche Bildersprache für ein Volk ist, das wie die alten Arier lebt und sich in seiner Umwelt befindet – ebenso natürlich für sie und unvermeidlich wie für uns das Bild der „Ebenen“, mit dem das theosophische Denken uns vertraut gemacht hat. Wenn diese Metaphorik also akzeptiert wird, so wird die Stellung von Saraswati als einem der sieben Flüsse deutlich. Sie ist der Strom, der vom Wahrheitsprinzip herkommt, vom ritam oder Mahas, und wir sehen, dass von diesem Prinzip auch tatsächlich im Veda gesprochen wird…
Worte Sri Aurobindos
Die beiden noch verbleibenden Riks zeigen das Ergebnis auf, das diese Aktion von Himmel und Erde sowie ihr Freigeben verborgener Formen und nicht-geoffenbarter Kräfte auf die Bewegung Vayus hat, während sein Wagen zum Ananda galoppiert. Zunächst einmal sollen seine Pferde ihre normalerweise vollständige gewöhnliche Zahl erlangen. „Mögen die neunundneunzig angeschirrt werden und dich tragen, jene, die vom Mental angeschirrt werden.“ Die ständig wiederkehrenden Zahlen 99, 100 und 1000 haben im Veda eine symbolische Bedeutung, die sich kaum präzise ausmachen lässt.
Das Geheimnis liegt vielleicht in der Multiplikation der mystischen Zahl 7 mit sich selbst und ihrer doppelten Wiederholung, wobei am Anfang und am Ende eine Einheit hinzugefügt wird, so dass wir 1 + 49 + 49 + 1 = 100 erhalten. 7 ist die Zahl der Grundprinzipien in der manifestierten Natur, der sieben Formen des göttlichen Bewusstseins, die in der Welt aktiv sind. Jede enthält, vielfach formuliert, die anderen sechs in sich. So ergibt sich die volle Zahl 49. Ihr wird die Einheit oben hinzugefügt, aus der sich alles entwickelt, so dass wir eine Gesamtzahl von 50 erhalten, die die vollständige Skala aktiven Bewusstseins bildet. Aber wir haben auch ihre Duplikation durch eine aufsteigende und herabkommende Reihe, die Herabkunft der Götter, den Aufstieg des Menschen. Dadurch erhalten wir 99, jene Zahl, die im Veda vielfach auf Pferde, Städte, Flüsse angewandt wird, in jedem einzelnen Fall mit einer gesonderten, jedoch verwandten Symbolik. Wenn wir eine dunkle Einheit unten, in die alles herabkommt, der leuchtenden Einheit oben, zu der alles aufsteigt, hinzufügen, erhalten wir die volle Summe von 100.
Eine komplexe Kraft von Bewusstsein soll daher das Resultat von Vayus Bewegung sein. Es ist das Auftreten der vollsten Bewegung der mentalen Aktivität, die jetzt nur latent als Potential im Menschen liegt – die 99 Stuten, die vom Mental angeschirrt sind. Und im nächsten Vers wird die gipfelnde Einheit hinzugefügt. Wir haben dort 100 Pferde, und weil die Aktion jetzt jene vollständig erleuchteter Mentalität ist, sind diese Stuten, obgleich sie noch Vayu und lndra tragen, nicht mehr bloß niyut, sondern hari, der Farbe von Indras glänzenden Stuten. „Joche, Vayu, hundert von den Strahlenden an, die vermehrt werden sollen.“
Aber warum vermehrt? Weil 100 die allgemeine Fülle der vielfältig kombinierten Bewegungen repräsentiert, nicht ihre äußerste umfassende Vollständigkeit. Jedes 100 lässt sich mit 10 multiplizieren. Alle können in ihrer eigenen Art vermehrt werden: Das ist das Wesen der Vermehrung, angedeutet durch das Wort posyanam. Daher, so sagt der Rishi, komme entweder mit der allgemeinen Fülle der 100, die später zu ihrer vollen Komplexität von 100 10er zu nähren sind, oder, wenn du willst, komme sogleich mit deinen 1000 und lass deine Bewegung in der äußersten Masse ihrer vollständigen Energie eintreffen. Es ist die vollständige und vielfältige, alles umgebende, alles dynamisierende mentale Erleuchtung, mit ihrer ganzen Vollkommenheit von Sein, Macht, Seligkeit, Wissen, Mentalität, vitaler Kraft, physischer Aktivität, die er begehrt. Denn wenn sie erlangt ist, wird das Unterbewusste dazu gezwungen, auf den Willen des vervollkommneten Mentals hin all seine verborgenen Möglichkeiten für die reiche und überfließende Bewegung des vervollkommneten Lebens freizugeben.
Worte Sri Aurobindos
Ashwa oder das Pferd ist das Symbol der Lebenskraft, wie die Kuh das Symbol des Lichtes ist. 50, 100, 1000 sind Zahlen, die Vollständigkeit symbolisieren.
Worte Sri Aurobindos
1000 symbolisiert absolute Vollständigkeit…
Kapitel 9
Indizien und supraphysisches Wissen
Worte Sri Aurobindos
Da sich der Mensch vor diese Unfähigkeit seiner Intelligenz, die Zukunft zu kennen, gestellt sah, aber doch begierig danach war, verfiel er auf Zeichendeuten, Wahrsagen, Traumdeutung, Astrologie und andere äußere Wege zum Erlangen angeblichen Wissens über Vergangenheit und Zukunft. Sie wurden in weniger skeptischen Zeiten als Wissenschaften zur Wahrheitsfindung formuliert. Obwohl durch die kritische Vernunft angefochten und in Misskredit gebracht, üben sie doch noch immer auf unser Mental Anziehungskraft aus und behaupten sich. Ihre Stützen sind nicht nur Verlangen, Leichtgläubigkeit und Aberglaube, sondern auch die häufige, wenngleich unvollkommene Bekundung von Wahrheit, die wir aus ihren Behauptungen erhalten. Ein höheres psychologisches Wissen zeigt uns, dass die Welt voll ist von Systemen der Entsprechung und Hinweise. Wenn sie auch von der menschlichen Intelligenz missbraucht wurden, können sie uns, am richtigen Ort und unter den rechten Bedingungen, doch Tatsachen supraphysischen Wissens vermitteln. Eigentlich kann nur ein intuitives Wissen diese entdecken und formulieren – wie denn auch ursprünglich allein das seelische und intuitive Mental die Methoden des wahrsagenden Wissens formuliert hat. In der Praxis wird man finden, dass auch nur intuitives Wissen – und nicht die Anwendung traditioneller oder zufälliger Interpretation oder mechanischer Regel und Formel – die richtige Verwendung dieser Andeutungen garantieren kann. Wenn sie von oberflächlicher Intelligenz gehandhabt werden, verwandeln sie sich notwendigerweise in einen Dschungel des Irrtums.
Kapitel 10
Verschiedene Arten von Symbolen
Worte Sri Aurobindos
Ein Symbol, wie ich es auffasse, ist eine Form, die zu einer bestimmten Ebene gehört und die Wahrheit einer anderen Ebene darstellt. Zum Beispiel ist die Fahne das Symbol einer Nation. Im Allgemeinen aber sind alle Formen Symbole. Dieser unser Körper ist ein Symbol unseres wirklichen Wesens, und alles ist Symbol einer höheren Wirklichkeit. Es gibt jedoch verschiedene Arten von Symbolen:
1. Die traditionellen Symbole, wie sie die vedischen Rishis mit Dingen aus ihrem Lebensbereich schufen. Die Kuh symbolisierte das Licht, weil das gleiche Wort go sowohl Strahl als auch Kuh bedeutete, und weil die Kuh ihr wertvollster Besitz war, der ihr Leben aufrechterhielt und dabei ständig in Gefahr war, geraubt und verborgen zu werden. Ist solch ein Symbol jedoch einmal erschaffen, dann wird es lebendig. Die Rishis erfüllten es mit Leben, und es wurde ein Teil ihrer Verwirklichung. In ihren Visionen erschien es als Ebenbild des spirituellen Lichtes. Auch das Pferd war eines ihrer bevorzugten Symbole und ein leichter anwendbares, da seine Kraft und Energie durchaus einleuchtend waren.
2. Solche, die wir Lebens-Symbole nennen könnten, die nicht künstlich ausgewählt oder mental auf bewusst überlegte Weise gedeutet werden, sondern ganz natürlich unserem alltäglichen Leben entstammen und aus der Umwelt erwachsen, die unseren normalen Lebensweg bedingt. Für die Vorväter war der Berg ein Symbol des Yoga-Pfades, Ebene über Ebene, Gipfel auf Gipfel. Eine Reise, die das überqueren von Flüssen und die Begegnung mit lauernden Feinden, sowohl tierischen als auch menschlichen, mit sich bringt, löste eine ähnliche Vorstellung aus. Allerdings würden wir heutzutage den Yoga eher mit einer Reise auf dem Motorrad oder mit der Eisenbahn vergleichen.
3. Symbole, die in sich selbst angemessen und machtvoll sind. Akasha oder der ätherische Raum ist Symbol des unendlichen, alles durchdringenden, ewigen Brahman. Unabhängig von Nationalität wäre die Bedeutung überall die gleiche. Ebenso steht die Sonne universal für das supramentale Licht, die göttliche Gnosis.
4. Mentale Symbole, wie zum Beispiel Zahlen oder Alphabete. Wenn sie einmal akzeptiert sind, werden auch sie wirksam und können nützlich sein. So werden geometrische Figuren auf verschiedene Weise erklärt. Nach meiner Erfahrung symbolisiert das Quadrat das Supramental. Ich kann nicht sagen warum. Jemand oder irgendeine Kraft kann es geformt haben, bevor es in mein Mental eintrat. Auch für das Dreieck gibt es verschiedene Erklärungen. In der einen Stellung kann es die drei niederen Ebenen symbolisieren, in der anderen die drei höheren: Daher können beide miteinander zu einem einzigen Zeichen verbunden werden. Die Vorväter liebten es, sich ähnlichen Spekulationen mit Zahlen hinzugeben, ihre Systeme aber waren hauptsächlich mental. Zweifellos ist es richtig, dass es supramentale Wirklichkeiten gibt, die wir in mentale Begriffe, wie Karma, seelische Evolution usw., übersetzen. Es sind aber gleichsam unendliche Wirklichkeiten, die durch diese symbolischen Formen nicht begrenzt, aber irgendwie ausgedrückt werden können. Sie könnten ebenso gut durch andere Symbole ausgedrückt werden, so wie ein und dasselbe Symbol auch viele verschiedene Ideen zum Ausdruck bringen kann.
Worte Sri Aurobindos
In der einen oder anderen Form haben all diese Ideen (die der Zahlenbedeutung) in der Vergangenheit bestanden. Die Bedeutung von Zahlen war eines der hauptsächlichen Elemente der Lehre des Pythagoras, fünfhundert Jahre vor Christus.
Kapitel 11
Aberglaube
Worte Sri Aurobindos
Es stimmt, das Wort „Aberglaube“ wurde stets als handliche Axt benutzt, um jeglichen Glauben niederzuschlagen, der nicht mit den Ideen des materialistischen Verstandes übereinstimmt, das heißt also des physischen Mentals, das sich mit dem augenscheinlichen Gesetz eines physischen Vorganges befasst und nicht darüber hinaussieht. Es wurde ebenfalls dazu benutzt, um Ideen und Ansichten herabzusetzen, die sich nicht in Übereinstimmung mit dem befanden, was man sich selbst unter der rationalen Norm supraphysischer Wahrheiten vorstellt. Viele Zeitalter hindurch hegte der Mensch Glaubensvorstellungen, die eine Kraft im Hintergrund mit einbezogen, deren Wirkungsweise dem physischen Mental unbekannt war, da sie die Beglaubigung des äußeren Verstandes und der Sinne überschritt. Die Wissenschaft trat dann mit einer Erkenntnismethode auf, welche die Wirklichkeit dieses äußeren Bewusstseinsbereiches erweiterte und glaubte, mit dieser Methode das gesamte Dasein erklären zu können. Sie fegte sofort alle alten Glaubensformen ohne nähere Prüfung als „Aberglauben“ hinweg – die wahren, halbwahren oder falschen, und alle wanderten mit einem gleichgültigen Schwung auf den Kehrichthaufen, da sie sich nicht auf die Methode der Naturwissenschaft verließen, außerhalb deren Daten lagen oder mit ihrem Standpunkt unvereinbar zu sein schienen. Selbst im Bereich supraphysischer Erfahrung wurde nie das anerkannt, was man entsprechend einem bestimmten Vorstellungsbereich mental-rational erklären konnte – alles Übrige, alles, was zu seiner Erklärung einen okkulten, mystischen oder unterhalb der Oberfläche liegenden Ursprung in Anspruch zu nehmen schien, wurde als Aberglaube abgetan. Volkstümliche Glaubensvorstellungen, die manchmal der Phantasie entsprangen, doch manchmal auch einem traditionell-empirischen Wissen oder einem echten Instinkt, teilten das gleiche Schicksal. Dass all dies ein voreiliges und unberechtigtes Vorgehen war, das sich seinerseits auf dem „Aberglauben“ der Gültigkeit der neuen Wissensmethode gründete, die aber tatsächlich nur in einem begrenzten Bereich anwendbar ist, wird nun immer deutlicher. Ich stimme mit dir überein, das Wort „Aberglauben“ sollte entweder überhaupt nicht oder nur mit großer Vorsicht benutzt werden. Es für Glaubensformen anzuwenden, die von der Religion, der man zufällig angehört oder die man schätzt, nicht anerkannt werden, ist ganz offensichtlich ein Anachronismus.
Der wachsende Meinungsumschwung im Hinblick auf viele Dinge, die früher verachtet waren, nun aber wieder zu Ansehen kommen, ist überaus erstaunlich. Den von dir angeführten Beispielen könnten hundert andere hinzugefügt werden. Es ist nicht ganz verständlich, warum ein Glaube an Graphologie als irrational oder abergläubisch abgetan werden sollte. Es erscheint mir vielmehr durchaus vernünftig zu glauben, dass die Handschrift eines Menschen mit seinem Temperament und seiner Natur zusammenhängt oder mit diesen übereinstimmt und bei näherer Betrachtung durchaus als Hinweis für den Charakter dienen kann. Es ist eine bekannte Tatsache, dass jeder Mensch eine eigene Individualität mit der ihr eigenen bestimmten Formung besitzt, die sich von anderen unterscheidet und die aus winzigen Veränderungen im allgemeinen menschlichen Plan besteht. Dies gilt sowohl für kleine physische Merkmale und offensichtlich auch für psychologische Merkmale, und eine Verbindung zwischen beiden anzunehmen, ist durchaus nicht unvernünftig. Auf dieser Grundlage kann Chiromantie sehr wohl eine Wahrheit enthalten. Es ist eine bekannte Tatsache, dass die Linien in der Hand des einen Menschen von den Linien in der Hand des anderen verschieden sind, und dass dies, ebenso wie die Unterschiede in der Physiognomie, psychologische Hinweise enthalten kann, ist durchaus möglich. Für ein Mental, das unter rationalistischen Einflüssen geschult ist, wird die Schwierigkeit größer, wenn solche Linien oder die Daten der Astrologie als Schicksalszeichen gedeutet werden, denn der moderne Rationalismus weist entschlossen von sich, dass die Zukunft vorherbestimmbar oder voraussagbar ist. Doch dies wiederum sieht mehr und mehr wie ein „Aberglaube“ des modernen Mentals aus, der sich seltsamerweise im Widerspruch mit den grundlegenden Vorstellungen der Wissenschaft befindet. Denn die Wissenschaft glaubte zumindest bis gestern, dass alles in der Natur determiniert sei, und versucht, die Gesetze jener Determination zu finden, um künftige physische Geschehnisse auf dieser Grundlage vorauszusehen. Wenn das stimmt, ist die Annahme berechtigt, dass es unsichtbare Zusammenhänge gibt, die das menschliche Geschehen in der Welt bestimmen und dass künftige Ereignisse deshalb vorhersagbar sind. Ob dies nach den Richtlinien der Astrologie oder Chiromantie geschehen kann, wäre zu prüfen, doch kommt man nicht weiter, indem man diese Möglichkeit vorschnell verneint. Es spricht viel für die Astrologie, und es scheint ebenfalls viel für die Chiromantie zu sprechen.
Auf der anderen Seite ist es nicht gut, die entgegengesetzte Richtung allzu hastig einzuschlagen. Es besteht dann nämlich die gegenteilige Tendenz, alles auf diesem Gebiet zu glauben und seine Augen gegenüber dem Element der Begrenzung oder des Irrtums in diesen schwierigen Wissenszweigen zu schließen; und dieses Übermaß an blindem Glauben trug dazu bei, sie in Verruf zu bringen, da ihre Irrtümer auf der Hand lagen. Es scheint mir nicht festzustehen, dass die Sterne die Zukunft bestimmen – obwohl es möglich ist –, doch sieht es so aus, als würden sie diese anzeigen, beziehungsweise einige ihrer Gewissheiten und Möglichkeiten. Die Astrologen geben zu, dass ein weiteres Element der Determination im Menschen selbst vorhanden ist, welches das Feld der astrologischen Voraussage einschränkt und sogar viele ihrer ermittelten Ergebnisse verändern kann. Es ist ein sehr verwickelter und schwieriger Kräfte-Komplex, aus der jede Determination von Dingen in der Welt besteht, und wenn wir einen Faden des Stranges entwirrt haben und ihm folgen, mögen wir viele überraschende Ergebnisse erhalten, können uns aber darauf nicht als den einzigen, völlig sicheren Hinweis verlassen. Die Methoden des Mentals sind zu starr und zu angenehm einfach, als dass sie die volle und ganze Wahrheit der Wirklichkeit oder ihrer einzelnen Phänomene enträtseln könnten.
Ich stimme deiner Äußerung zu, dass man viel über einen Menschen erfahren kann, wenn man einen kleinen Teil seines Wesens untersucht, sei es physisch oder psychologisch. Doch ich glaube, es führt zu weit zu sagen, man könnte den ganzen Menschen aus einem winzigen Partikel seines Haares rekonstruieren. So wie ich die Komplexität und Vielfalt der Elemente im menschlichen Wesen sehe, würde ich eher annehmen, dass ein derartiges Vorgehen vom Zufall geprägt wäre und viel Unbekanntes die übertriebene Sicherheit der daraus resultierenden Struktur überschatten würde.
Ich vermute, wir können nicht so weit gehen zu leugnen, dass es so etwas wie Aberglauben gibt – ein starrer, haltloser Glaube an etwas, das ziemlich unvernünftig und unzusammenhängend ist. Das menschliche Mental klammert sich bereitwillig daran, an solche Dinge zu glauben, die wahr sein können oder in sich wahr sind, und dieses Durcheinander beeinträchtigt sehr ungünstig die Suche nach Erkenntnis. Doch gerade wegen dieser Wirrnis, weil irgendwo hinter dem Aberglauben oder nicht weit weg von ihm meist tatsächlich etwas Wahres steckt, sollte man vorsichtig sein, dieses Wort zu gebrauchen oder mit ihm als handlichem Besen sowohl das Wahre als auch das teilweise Wahre und das Unbegründete wegzufegen und dann zu beanspruchen, der übriggebliebene nackte Boden sei die einzige Wahrheit der Sache.
Kapitel 12
Zweifel
Worte Sri Aurobindos
Während ich über Zweifel zu schreiben beginne, fechten mich „Zweifel“ an, ob jedwede Menge von Schriften oder irgend etwas anderes den ewigen Zweifel im Menschen, die Strafe seiner angeborenen Unwissenheit, zu zerstreuen vermag. Zunächst einmal, wollte man angemessen darüber schreiben, so würde dies in etwa sechzig bis sechshundert Seiten ausmachen, doch nicht einmal sechstausend überzeugende Seiten könnten den Zweifel überzeugen. Denn der Zweifel besteht um seiner selbst willen. Sein eigentlicher Zweck ist, immer zu zweifeln, und selbst wenn er beschwichtigt ist, weiterhin zu zweifeln, und nur um von demjenigen, der ihn nährt, Unterkunft und Verpflegung zu erhalten, gibt er vor, ein ehrlicher Wahrheitssucher zu sein. Dies ist es, was ich sowohl aus der Erfahrung mit meinem eigenen Mental als auch mit dem Mental anderer gelernt habe. Der einzige Weg, sich vom Zweifel zu befreien, besteht darin, Wahrheit und Falschheit mit Hilfe des Unterscheidungsvermögens ausfindig zu machen und unter seinem Schutz die Tür frei und mutig der Erfahrung zu öffnen.
Gleichviel, ich habe zu schreiben begonnen, doch werde ich nicht mit dem Zweifel beginnen, sondern mit der Forderung nach dem Göttlichen als einer konkreten inneren Gewissheit, genauso konkret wie irgendein physisches Phänomen, das von den Sinnen aufgegriffen wird. Nun, natürlich muss das Göttliche eine derartige innere Gewissheit sein, nicht nur so konkret, sondern noch konkreter als irgend etwas, das von Ohr oder Auge oder beim Kontakt mit der Welt der Materie wahrgenommen wird; es ist jedoch nicht eine Gewissheit des mentalen Denkens, sondern die einer essentiellen Erfahrung. Wenn sich der Friede Gottes auf dich senkt, wenn die Göttliche Gegenwart in dir ist, wenn der Ananda dich überströmt wie ein Meer, wenn du vom Atem der Göttlichen Kraft getrieben wirst wie ein Blatt vor dem Wind, wenn die Liebe sich aus dir über der gesamten Schöpfung entfaltet, wenn das Göttliche Wissen dich mit einem Licht überflutet, in einem Augenblick alles erleuchtend und umwandelnd, was zuvor trüb und sorgenvoll und finster war, wenn alles Bestehende Teil der Einen Wirklichkeit wird, wenn diese Wirklichkeit ganz um dich ist, dann fühlst du, siehst du, berührst du allein das Göttliche, augenblicklich und überall, sei es durch spirituellen Kontakt, die innere Vision, durch das erleuchtete und erkennende Denken, sei es durch die vitale Empfindung und sogar durch die physischen Sinne selbst. Dann kannst du es kaum weniger bezweifeln oder leugnen als du das Tageslicht oder die Luft oder die Sonne am Himmel bezweifeln oder leugnen kannst, denn dieser physischen Dinge bist du nicht sicher, weil sie etwas sind, was deine Sinne dir widerspiegeln. Doch in der konkreten Erfahrung des Göttlichen ist Zweifel nicht möglich.
Was das Andauern anbelangt, so kannst du von einer anfänglichen spirituellen Erfahrung dieses nicht erwarten. Nur wenigen gelingt dies, und selbst bei ihnen ist nicht immer die gleich hohe Intensität der Erfahrung vorhanden. Meist kommt sie und zieht sich dann hinter den Schleier zurück, um zu warten, bis der menschliche Teil vorbereitet ist und reif wird und ihr Anwachsen und dann ihr Andauern ertragen und bewahren kann. Doch sie deswegen in Frage zu stellen, wäre in höchstem Maße vernunftwidrig. Man bezweifelt nicht das Vorhandensein der Luft, wenngleich nicht immer ein starker Wind weht, oder des Sonnenlichts, obwohl die Nacht zwischen Abend und Morgen liegt. Die Schwierigkeit liegt im normalen menschlichen Bewusstsein, zu dem die spirituelle Erfahrung als etwas Anormales kommt, und tatsächlich ist sie übernormal. Diese schwache, begrenzte Normalität hat anfangs Schwierigkeiten, von jener größeren und intensiveren übernormalen Erfahrung auch nur angerührt zu werden, oder sie wird mit dem dunkleren Stoff der eigenen mentalen oder vitalen Erfahrung verdünnt. Und wenn dann die spirituelle Erfahrung in ihrer überwältigenden Macht tatsächlich herabkommt, kann sie diese oft nicht ertragen oder aber nicht halten und bewahren. Dennoch, ist einmal eine entscheidende Bresche in den Wall geschlagen worden, den das Mental gegen das Unendliche errichtet, dann wird sich die Bresche weiten, manchmal langsam, manchmal schnell, bis es keinen Wall mehr gibt – und dies bedeutet dann die Beständigkeit der spirituellen Erfahrung.
Doch können weder entscheidende Erfahrungen herbeigeführt werden, noch kann ein neuer Bewusstseinszustand, in dem diese normal sein werden, andauern, solange sich das Mental ständig mit seinen eigenen Vorbehalten, mit seinen Vorurteilen und unwissenden Phrasen einmischt oder darauf besteht, die göttliche Gewissheit – wie die relative Wahrheit einer mentalen Schlussfolgerung – mit Hilfe der Argumentation zu erreichen, mit Hilfe des Zweifels, des Forschens und all dem anderen Rüstzeug der Unwissenheit, das um das Wissen herumtappt und -tastet. Diese größeren Dinge können allein durch ein fortschreitendes Sich-Öffnen eines beruhigten Bewusstseins, das spiritueller Erfahrung immerfort zugewandt ist, herbeigeführt werden. Die Frage, warum das Göttliche es derart auf dieser höchst unbequemen Grundlage eingerichtet hat, ist müßig, denn es handelt sich um nichts anderes als ein psychologisches Erfordernis, das von der eigentlichen Natur der Dinge auferlegt wurde. Diese Erfahrungen des Göttlichen sind keine mentalen Konstruktionen, keine vitalen Regungen, es sind essentielle Dinge, es sind keine nur erdachten Dinge, es sind Realitäten, die nicht mental, sondern in der uns unmittelbar zugrundeliegenden Substanz und Essenz gefühlt werden. Das Mental ist immer bereit, sich einzumischen. Es hat seine eigene Art, das Göttliche zu mentalisieren mit Hilfe von Gedanken, Meinungen, Gefühlen und mentalen Deutungen der spirituellen Wahrheit. Es gibt sogar eine Art mentaler Verwirklichung, die, so gut sie kann, ein gewisses Bild der höheren Wahrheit wiedergibt – und all dies hat seinen Wert, doch ist es nicht konkret, wesenhaft und unbezweifelbar. Das Mental ist von sich aus einer höchsten Gewissheit nicht fähig. Was immer es glaubt, kann es bezweifeln und bezweifelt es. Was immer es bejaht, kann es verneinen. Was immer es ergreift, kann es loslassen und lässt es los. Das ist, wenn du so willst, seine Freiheit, sein edles Recht, sein Privileg. Doch dies ist alles, was du zu seinen Gunsten sagen kannst. Du darfst nicht hoffen, mit Hilfe dieser Methoden des Mentals (außerhalb des Bereichs physischer Phänomene und selbst innerhalb dieser kaum) zu irgend etwas zu gelangen, das du die höchste Gewissheit nennen kannst. Aus diesem zwingenden Grund kann das Denken über das Göttliche oder das Forschen nach ihm nicht das Göttliche herbeiführen. Wenn das Bewusstsein immer mit kleinen mentalen Bewegungen erfüllt ist, die, begleitet von einer Schar vitaler Regungen, Begierden, Voreingenommenheiten und all dem Übrigen, das menschliche Denken beeinträchtigen, so wie es meist der Fall ist – ganz abgesehen von dem eigentlichen Ungenügen der Vernunft –, wo soll da Platz für eine neue Wissensordnung sein, für grundlegende Erfahrungen oder für jenes tiefe und gewaltige Emporwogen oder Herabkommen des Geistes? Allerdings besteht die Möglichkeit, dass das Mental inmitten seiner Aktivitäten plötzlich ergriffen, überwältigt, zur Seite geschwemmt und alles von einem plötzlichen Einbruch spiritueller Erfahrung überflutet wird. Doch wenn es nachher beginnt, in Frage zu stellen, zu zweifeln, zu theoretisieren, zu mutmaßen, was dies sein könnte, ob es wahr sei oder nicht, dann bleibt der spirituellen Macht nichts anderes übrig, als sich wieder zurückzuziehen und zu warten, bis das Schäumen des Mentals sich beruhigt hat.
Ich möchte eine einfache Frage an jene richten, die das intellektuelle Mental zum Maßstab und Richter spiritueller Erfahrung machen. Ist das Göttliche etwas Geringeres oder ist Es etwas Größeres als das Mental? Ist mentales Bewusstsein mit seinen tastenden Fragen, seinem endlosen Argumentieren, seinen unstillbaren Zweifeln, seiner starren und unbiegsamen Logik dem Göttlichen Bewusstsein überlegen oder ebenbürtig oder ist es seiner Tätigkeit und seinem Zustand nach etwas Geringeres? Ist es größer, dann gibt es keinen Grund, das Göttliche zu suchen. Ist es ihm ebenbürtig, dann ist spirituelle Erfahrung ziemlich überflüssig. Ist es aber geringer, wie vermag es dann anzuklagen, zu urteilen, das Göttliche zum Angeklagten oder Zeugen vor seinem Tribunal zu machen, es aufzufordern, als Kandidat vor einem Komitee von Prüfenden zu erscheinen oder es wie ein Insekt unter das untersuchende Mikroskop zu halten? Kann das vitale Tier die Ebene seiner vitalen Instinkte, Assoziationen und Impulse als unfehlbar betrachten und mit ihrer Hilfe das Mental des Menschen beurteilen, interpretieren und ergründen? Es kann das nicht, da das menschliche Mental eine größere Macht ist, die auf eine weitere, komplexere Weise arbeitet, der das tierisch-vitale Bewusstsein nicht zu folgen vermag. Sollte es daher so schwierig sein zu erkennen, dass in gleicher Weise das Göttliche Bewusstsein etwas unendlich Weiteres, Komplexeres als das menschliche Mental sein muss, erfüllt mit größerer Macht und größerem Licht, sich auf eine Weise bewegend, die das reine Mental mit dem Maßstab seines fehlbaren Verstandes und begrenzten Halbwissens weder beurteilen noch interpretieren noch ergründen kann? Es ist klar, dass Geist und Mental nicht das Gleiche sind und dass es das spirituelle Bewusstsein ist, in das der Yogi eintreten muss (in all dem erwähne ich in keiner Weise das Supramental), wenn er in ständigem Kontakt oder der Einung mit dem Göttlichen sein will. Es ist daher keine Laune oder Tyrannei des Göttlichen, darauf zu bestehen, dass das Mental seine Begrenzungen erkennt, sich beruhigt, von seinen Forderungen ablässt, um sich einem größeren Licht als dem seiner eigenen dunkleren Ebene zu öffnen und hinzugeben.
Dies bedeutet nicht, dass das Mental im spirituellen Leben keinen Platz hat; es bedeutet vielmehr, dass es nicht das Hauptinstrument sein kann, viel weniger die Autorität, deren Urteil sich alle, einschließlich des Göttlichen, unterwerfen müssen. Das Mental hat von dem größeren Bewusstsein, dem es sich nähert, zu lernen und ihm nicht seinen eigenen Maßstab aufzuerlegen. Es muss die Erleuchtung empfangen, es muss sich einer höheren Wahrheit öffnen und eine größere Macht anerkennen, die nicht nach mentalen Richtlinien wirkt, es muss sich unterwerfen und geschehen lassen, dass sein Halblicht und seine Halbdunkelheit von oben überflutet werden, bis es sehen kann, wo es blind war, bis es hören kann, wo es taub war, bis es fühlen kann, wo es stumpf war, und bis es Freude, Erfüllung, Gewissheit und Frieden haben kann, wo es zuvor verwirrt und unsicher, voller Zweifel und Enttäuschung war.
Das ist es, worauf der Yoga fußt, auf einer immerwährenden Erfahrung seit die Menschen begannen, das Göttliche zu suchen. Wenn dies nicht wahr ist, dann ist im Yoga keine Wahrheit, und es besteht auch kein Erfordernis für den Yoga. Wenn es aber wahr ist, dann können wir von dieser Grundlage ausgehend – nämlich von der Notwendigkeit dieses größeren Bewusstseins – erkennen, ob Zweifel irgendeinen Nutzen für das spirituelle Leben haben. Irgendetwas Beliebiges zu glauben, wird vom spirituell Suchenden bestimmt nicht erwartet. Eine solche unkritische und törichte Gläubigkeit wäre nicht nur unintellektuell, sondern auch in höchstem Maße unspirituell. In jedem Augenblick des spirituellen Lebens, bis man in das höhere Licht ganz eingetreten ist, muss man auf der Hut sein und fähig, spirituelle Wahrheit von pseudospirituellen Nachahmungen oder Surrogaten zu unterscheiden, die vom Mental und dem vitalen Begehren geformt werden. Die Fähigkeit, zwischen den Wahrheiten des Göttlichen und den Lügen der Asuras zu unterscheiden, ist ein zentrales Erfordernis für den Yoga. Die Frage ist, ob dies am besten durch die negative und destruktive Methode des Zweifels geschieht, die zwar oft die Falschheit tötet, doch mit demselben gleichgültigen Hieb die Wahrheit zurückschlägt, oder ob eine positivere, eine hilfreichere und lichthaft suchende Macht gefunden werden kann, die durch keine ihr innewohnende Unwissenheit gezwungen wird, Falschheit und Wahrheit gleicherweise mit dem Stilett des Zweifels oder dem Knüppel der Verneinung zu begegnen. Die Lehre der Spiritualität oder des Yoga besteht nicht in der Blindheit des mentalen Glaubens. Der Glaube, von dem der Yoga spricht, ist kein unverarbeiteter, mentaler Glaube, sondern das Festhalten der Seele an dem leitenden inneren Licht, ein Festhalten, das bewahrt werden muss, bis jenes Licht in das Wissen führt.
Worte Sri Aurobindos
Der Glaube an spirituelle Dinge, der vom Sadhak verlangt wird, ist kein unwissender, sondern ein leuchtender Glaube, ein Glaube im Licht und nicht in der Finsternis. Der skeptische Verstand nennt ihn blind, da sich dieser Glaube von äußeren Erscheinungsformen oder scheinbaren Tatsachen nicht leiten lässt – denn er sucht die Wahrheit dahinter – und sich nicht auf den Krücken des Beweises und des Offenkundigen vorwärtsbewegt. Er ist eine Intuition – eine Intuition, die nicht nur auf die Erfahrung wartet, die sie rechtfertigen soll, sondern auch zur Erfahrung führt. Wenn ich an Selbst-Heilung glaube, werde ich nach einer Weile den Weg finden, mich selbst zu heilen. Wenn ich an die Umwandlung glaube, kann ich zu ihr gelangen, indem ich meine Hand an den Vorgang der Umwandlung lege und diesen auslöse. Doch wenn ich mit Zweifel beginne und mit mehr Zweifel fortfahre, wie weit werde ich dann auf dieser Reise vermutlich kommen?