Kapitel 8
Dynamischer Gleichmut
Unser gesamtes dynamisches Wesen handelt unter dem Einfluss verschiedenster Impulse, den Manifestationen der niederen unwissenden Natur. Diesen Antrieben gehorchen wir teilweise, beherrschen sie oder erlegen ihnen den verwandelnden oder abändernden Einfluss unserer Vernunft, unseres verfeinernden ästhetischen Sinnes, Mentals und unserer regulierenden ethischen Vorstellungen auf. Ein Wirrwarr von richtiger und falscher, nützlicher und schädlicher, harmonischer oder ungeordneter Aktivität ist das Ergebnis unserer Bemühung, – ein wechselnder Grad menschlicher Vernunft und Unvernunft, Laster und Tugend, Ehre und Unehre, Edlem und Unedlem, der von Menschen akzeptierten und abgelehnten Dinge, des großen Problems der Selbst-Akzeptanz und Selbst-Ablehnung oder der Selbstgerechtigkeit und Abneigung, Scham, Reue und moralischer Depression. – Diese Dinge sind zweifellos zum gegenwärtigen Zeitpunkt sehr notwendig für unsere spirituelle Entwicklung. Aber der Sucher einer größeren Vollkommenheit wird sich von all diesen Dualitäten zurückziehen, sie unparteiisch betrachten und durch Gleichmut zu einer wertneutralen und universalen Aktion des dynamischen Tapas, der spirituellen Kraft, gelangen, in der seine eigene Kraft und seine eigener Wille in reine und gerechte Instrumente eines größeren ruhigen Geheimnisses göttlichen Wirkens verwandelt werden. Die gewöhnlichen mentalen Maßstäbe werden auf der Basis dieser dynamischen Gelassenheit überschritten werden. Das Auge seines Willens muss hinausschauen zu einer Reinheit göttlichen Seins, einer Triebfeder göttlicher Willenskraft, von göttlichem Wissen geleitet, deren Motor, yantra, seine vervollkommnete Natur sein wird. Das wird notgedrungen solange unmöglich bleiben, wie das dynamische Ego mit seiner Unterwerfung unter die emotionalen und vitalen Impulse und die Präferenzen des persönlichen Urteils sein Handeln behindert. Ein perfekter Gleichmut im Willen ist die Macht, die diese Knoten der niederen Handlungsmotive auflöst. Dieser Gleichmut wird nicht auf die niederen Impulse reagieren, sondern Ausschau halten nach einem größeren, klarsehenden Impuls des Lichtes jenseits des Mentals. Er wird nicht mit intellektuellem Urteil bemessen und beherrschen, sondern auf Erleuchtung und Führung durch eine höhere Stufe der Vision warten. Wenn sich diese Gleichmütigkeit zu einem supramentalen Sein erhebt und sich innerlich zur spirituellen Größe weitet, wird die dynamische Natur wie die emotionale und pranische verwandelt, spiritualisiert und zu einer Kraft der göttlichen Natur werden. Es wird viel Straucheln, Irrtum und Unvollkommenheit bei der Anpassung der Instrumente an ihre neue Arbeitsweise geben, aber die immer gleichmütigere Seele wird darüber nicht übermäßig verstört oder bekümmert sein, denn – der Führung durch das Licht und die Macht im Selbst und oberhalb des Mentals hingegeben – wird sie auf ihrem Weg mit festem Vertrauen voranschreiten und mit wachsender Ruhe die Wechselfälle und die Vollendung des Transformationsprozesses erwarten. Das Versprechen des Göttlichen Wesens in der Gita wird der Anker seines Entschlusses sein: „Gib jedes Dharma auf und nimm Zuflucht allein in Mir; Ich werde dich von aller Sünde und allem Bösen befreien; trauere nicht.“
Der gesamte Lauf der Natur wird – zu ihrer Selbsterfahrung – auf der Oberfläche zu einem Steigen und Fallen von Wellen, ohne dass ihr innerer unermesslicher Frieden, ihre weite Freude, ihre gewaltige universale Gelassenheit oder grenzenlose Gott-Existenz gestört werden.
Kapitel 9
Der Gleichmut des denkenden Mentals und der höchste spirituelle Gleichmut
Der Gleichmut des denkenden Mentals wird ein Teil, ein sehr wichtiger Teil der Vervollkommnung der Instrumente in der Natur sein. Unsere gegenwärtige attraktive, sich selbst rechtfertigende Bindung an unsere intellektuellen Vorlieben, Beurteilungen, Meinungen, Vorstellungen und einengenden Assoziationen der Erinnerung, die die Grundlage unserer Mentalität ist, an die laufenden Wiederholungen unseres gewohnheitsmäßigen Denkens, an die Forderungen unseres pragmatischen Verstandes und die Begrenzungen sogar unseres intellektuellen Wahrheits-Mentals muss wie andere Anhaftungen der Objektivität einer gleichmütigen Schau weichen. Das gelassene Denk-Mental wird Wissen und Unwissenheit, Wahrheit und Irrtum, die Dualitäten, welche von der begrenzten Natur unseres Bewusstseins und den Vorurteilen unseres Intellekts und seines kleinen Vorrats an Argumenten und Intuitionen kreiert sind, betrachten und alle – ohne von einer der beiden Schlingen gebunden zu sein – akzeptieren und eine leuchtende Transzendenz erhoffen. In Unwissenheit wird es ein Wissen sehen, das eingekerkert ist und sich nach Befreiung sehnt oder sie erwartet, und im Irrtum eine Wahrheit bei der Arbeit, die sich selbst verloren hat oder vom tastenden Mental in irreführende Formen gekleidet wurde. Auf der anderen Seite wird es sich nicht von seinem Wissen gefangen halten oder sich an der Suche nach frischer Erhellung hindern lassen, noch mit zu grimmigem Griff auf der Wahrheit bestehen – auch wenn es sich ihrer in vollem Maße bedient – oder sich an ihre gegenwärtigen Ausformungen ketten. Dieser vollkommene Gleichmut des denkenden Mentals ist unverzichtbar, weil das Ziel dieses Fortschritts das größere Licht ist, welches zu einer höheren Ebene spiritueller Erkenntnis gehört. Dieser Gleichmut ist der störanfälligste und schwierigste von allen und wird vom menschlichen Mental am wenigsten praktiziert. Seine Vervollkommnung ist unmöglich, so lange das supramentale Licht nicht vollständig auf die aufwärts schauende Mentalität fällt. Ein wachsender Wille zur Gelassenheit in der Intelligenz ist aber notwendig, bevor das Licht frei auf die mentale Substanz einwirken kann. Dies ist auch keine Verneinung der Bestrebungen und kosmischen Zwecke der Intelligenz, keine Gleichgültigkeit oder neutrale Skepsis und auch kein Ruhigstellen aller Gedanken in der Stille des Unbeschreibbaren. Ein Beruhigen des mentalen Denkens kann Teil der Disziplin sein, wenn es das Ziel ist, das Mental von seinem eigenen einseitigen Arbeiten zu lösen, damit es zu einem geeigneten Kanal für ein höheres Licht und Wissen werden kann. Doch es muss auch eine Transformation der mentalen Substanz geben, sonst kann das höhere Licht nicht in seiner Fülle eine überzeugende Form für das geplante Wirken des göttlichen Bewusstseins im menschlichen Wesen annehmen. Die Stille des Unbeschreibbaren ist eine Wahrheit göttlichen Seins, aber das Wort, das von jener Stille ausgeht ist auch eine Wahrheit, und es ist dieses Wort, welchem eine Gestalt in der bewussten Form der Natur gegeben werden muss.
Aber schließlich ist diese Glättung der Natur eine Vorbereitung, damit der höchste spirituelle Gleichmut das ganze Wesen in Besitz nehmen und eine intensive Atmosphäre schaffen kann, in der das Licht, die Macht und Freude des Göttlichen sich im Menschen in zunehmender Fülle manifestieren können. Jener Gleichmut ist der ewige Gleichmut des Sachchidananda. Es ist ein Gleichmut des unendlichen Seins, das aus sich selbst existiert, ein Gleichmut des ewigen Geistes. Aber er wird das Mental, Herz, Leben, den Willen und das physische Wesen in seine eigene Form gießen. Es ist ein Gleichmut des unendlichen spirituellen Bewusstseins, welches das selige Fließen und die ruhigen Wellen eines göttlichen Wissens enthält und stützt. Es ist ein Gleichmut des göttlichen Tapas, das in der ganzen Natur ein leuchtendes Wirken des göttlichen Willens anstoßen wird. Es ist ein Gleichmut des göttlichen Ananda, der das Spiel einer universellen göttlichen Freude, universeller Liebe und eine unermessliche Ästhetik universeller Schönheit etablieren wird. Die vollkommene Ruhe und Stille des Unendlichen wird zum weiten Himmelsraum unseres vervollkommneten Wesens werden; aber das ideale, gleichmütige und perfekte, durch die Natur auf die Beziehungen des Universums einwirkende Handeln des Unendlichen wird zum ungestörten Einfließen seiner Kraft in unser Wesen. Dies ist die Bedeutung des Gleichmuts im Sinne des integralen Yoga.
…die Gita geht in einer Passage sogar soweit, Gelassenheit und Yoga gleichzusetzen, samatvam yoga ucyate. Das bedeutet, dass Gelassenheit das Zeichen der Einheit mit Brahman, des Werdens zu Brahman und des Wachsens in ein ungestörtes spirituelles Ruhen des Wesens im Unendlichen ist.
Teil 2 WIE MAN IM GLEICHMUT WÄCHST
Worte Sri Aurobindos
Kapitel 1
Wie man Gleichmut festigt
Vollkommenes Samata braucht lange, bis es gefestigt ist, und es hat drei Vorbedingungen – die Selbsthingabe der Seele an das Göttliche durch eine innere Hingabe, die Herabkunft der spirituellen Ruhe und des Friedens und die stetige, lange und beharrliche Zurückweisung aller egoistischen, rajasischen und sonstigen Gefühle, die mit dem Samata unvereinbar sind.
Das erste, was getan werden muss, ist die volle Weihung und Darbringung des Herzens, – das Wachsen spiritueller Ruhe und die Hingabe sind die Vorbedingungen der Wirksamkeit des Zurückweisens des Ego, des rajoguna, et cetera.
Wir müssen den Glauben haben, dass trotz unserer Ignoranz und unserer Irrtümer und Schwächen und trotz der Attacken feindlicher Kräfte und jeglichen unmittelbaren Anscheins eines Versagens der Göttliche Wille uns durch alle Gegebenheiten zur letzten Verwirklichung führt. Dieser Glaube wird uns Gelassenheit geben; es ist ein Glaube, der das akzeptiert, was geschieht, – nicht als etwas Endgültiges, sondern als etwas, das man auf dem Weg durchlaufen muss. Ist Gleichmut erst einmal fest verankert, kann auch eine von ihm unterstützte andere Art von Glauben etabliert werden. Er kann durch den Einfluss des supramentalen Bewusstsein dynamisiert werden, die gegenwärtigen Umstände überwinden, bestimmen, wie es weitergehen soll und helfen, die Verwirklichung des Willens des Transzendenten Göttlichen herabzubringen.
Der Glaube an das Kosmische Göttliche ist in seiner Handlungskraft durch die Erfordernisse des Spiels begrenzt.
Um endgültig von diesen Einschränkungen frei zu werden, muss man das Transzendente Göttliche erreichen.
Im Spiel der kosmischen Kräfte, zieht der Wille im Kosmos – wie man sagen könnte – scheinbar nicht immer einen sanften und direkten Weg bei der Arbeit oder Sadhana vor. Er bringt oft plötzliche Wendungen hervor in dem, was wie Turbulenzen zu sein schien, die die Richtung ändern und den Gegebenheiten entgegenstehen, sie aufrühren oder Auswege verkomplizieren, die zeitweise sicher oder etabliert waren. Die wichtige Sache ist, Gleichmut zu bewahren und aus allem, was im Leben und in der Sadhana geschieht, eine Gelegenheit und ein Mittel zum Fortschritt zu machen. Es gibt einen verborgenen höheren transzendenten Willen hinter dem Willen und Spiel der kosmischen Kräfte – einem Spiel, das immer eine Mischung aus vorteilhaften und unerwünschten Dingen ist. Und es ist dieser Wille, vor dem man sich verneigen und dem man Glauben schenken soll; aber du darfst nicht erwarten, seine Wege immer verstehen zu können. Das Mental möchte, dass dieses oder jenes getan und die gewohnte Vorgehensweise beibehalten wird, doch was das Mental will, ist gar nicht immer das, was für ein größeres Ziel beabsichtigt ist. Man muss tatsächlich einem festgelegten zentralen Ziel in der Sadhana folgen und nicht davon abweichen, dabei aber nicht auf äußeren Umständen, Bedingungen et cetera aufbauen, als ob es fundamentale Dinge wären.
Das erste Ergebnis der Selbstverwirklichung ist das Gefühl des Einsseins mit anderen Existenzen im Universum. Seine frühe oder unreife Form ist der Versuch, andere zu verstehen oder Sympathie für sie zu empfinden, die Tendenz zu einer sich weitenden Liebe, zu Mitgefühl oder Mitleid mit anderen und der Impuls, für das Wohlergehen anderer zu arbeiten.
Das so verwirklichte Einssein ist eine pluralistische Einheit, das Zusammenbringen gleicher Teile, das eher in einer Gesamtheit oder Solidarität resultiert als ich echtem Einssein. Das Bewusstsein nimmt die Vielen als die wirklichen Existenzen wahr; der Eine ist nur ihr Ergebnis.
Wirkliches Wissen beginnt mit dem Erkennen essentieller Einheit, – eine Materie, ein Leben, ein Mental und eine Seele, die in vielen Gestalten spielt.
Wenn diese Seele der Dinge als Sachchidananda erkannt wird, dann ist das Wissen vervollkommnet. Denn wir sehen, das Materie nur ein Spiel des Lebens ist, Leben ein Spiel der Mentals, welches sich in der Materie aktiviert, und das Mental ein Spiel der Wahrheit oder Kausalidee, welches die Wahrheit des Seins in allen möglichen verschiedenen mentalen Formen darstellt. Wir erkennen Wahrheit als ein Spiel des Sachchidananda und Sachchidananda als Selbstmanifestation eines höchsten Unbegreiflichen, Para-Brahman oder Para-Purusha.
Wir nehmen die Seele in allen Körpern als dieses eine Selbst oder Sachchidananda wahr, welches sich im individuellen Bewusstsein vervielfältigt. Wir sehen auch, dass jedes Mental, Leben und alle Körper aktive Formen desselben Seins im umfassenden Wesen des Selbst sind.
Dies ist das Erschauen aller Existenzen im Selbst und des Selbst in allen Seinsformen, was die Grundlage perfekter innerer Freiheit, Freude und vollkommenen Friedens ist.
Denn durch diese Schau – proportional zu ihrer Intensität und Vollständigkeit – verschwindet aus der individuellen Mentalität jegliche jugupsa, d.h. Abscheu, Zurückweichen, Antipathie, Angst, Hass und andere Verirrungen des Gefühls, die durch die Trennung und den persönlichen Widerstand anderen Wesen oder Dingen gegenüber entstehen. Der vollkommene Gleichmut der Seele ist gefestigt.
Das grundlegende „Ich“-Gefühl verschwindet, wenn in allem das eine universale Selbst erkannt wird und dieses Erkennen in jedem Moment unter allen Bedingungen und Umständen stabil bleibt. Gewöhnlich geschieht dies zuerst im Purusha-Bewusstsein und die Ausdehnung auf die Bewegungen der Prakriti findet nicht sofort statt. Aber sogar, wenn es „Ich“-Regungen in den Reaktionen der Prakriti gibt, betrachtet der innere Purusha sie als kontinuierliches Abspulen eines alten Mechanismus und nicht als zu sich gehörig. Die meisten Vedantisten halten hier, weil sie denken, dass solche Reaktionen beim Tod des Menschen aufhören werden und alle in den Einen eingehen. Aber für einen Wandel der Natur ist es notwendig, dass die Erfahrung und das Erkennen des Purusha sich auf alle Teile erstrecken muss: Mental, Vital, Körper und Unterbewusstsein. Dann können auch die egoistischen Regungen der Prakriti langsam aus einem Bereich nach dem anderen verschwinden, bis keine mehr zurückbleibt. Hierfür ist ein vollkommenes Samata sogar in den Körperzellen und in jeder Schwingung des Wesens notwendig – sama hi brahma. Man ist dann auch in seinen Arbeiten ziemlich frei davon. Das Individuum bleibt, aber es ist nicht das kleine trennende Ego, sondern eine Form und Macht des Universalen, welche sich mit allen Wesen eins fühlt, ein handelndes Zentrum und Instrument des Universalen Transzendenten, voller Ananda über die Gegenwart und das Wirken, aber nicht unabhängig denkend oder fühlend oder für das eigene Wohl handelnd. Dies kann nicht Egoismus genannt werden. Das Göttliche kann nur dann ein Ego genannt werden, wenn es eine getrennte Person ist, die durch ihre Getrenntheit begrenzt ist, wie im christlichen Gottesbegriff (obwohl auch hier das esoterische Christentum diese Begrenzung aufhebt). Ein Ich, das nicht in dieser Weise getrennt ist, ist gar kein Ich.
Kapitel 2
Drei Stufen im Wachsen des Gleichmuts
Dieser Gleichmut kann nur durch eine langwierige Prüfung und geduldige Selbstdisziplin erreicht werden. Solange das Begehren stark ist, kann es außer in beruhigten Perioden und der Ermüdung des Begehrens überhaupt keinen Gleichmut geben, und dann ist es eher eine träge Gleichgültigkeit oder ein Zurückschrecken des Begehrens vor sich selbst als die wahre Stille und positive spirituelle Einheit. Außerdem hat diese Disziplin oder dieses Wachstum im Gleichmut seine notwendigen Zeiträume und Stufen.
Eine Zeit des Erduldens
Gewöhnlich müssen wir mit einer Periode des Erduldens beginnen; denn wir müssen lernen allen Kontakten zu begegnen, sie zu erdulden und zu integrieren. Jede Faser in uns muss gelehrt werden, nicht vor dem zurückzuschrecken, was schmerzt und Abscheu auslöst, und nicht auf Angenehmes und Anziehendes loszustürzen, sondern uns allem zuzuwenden, es zu akzeptieren, auszuhalten und zu überwinden. Wir müssen stark sein und alle Interaktionen ertragen, nicht nur solche, die uns persönlich betreffen, sondern auch jene, die unserer Sympathie oder unserem Konflikt mit den uns umgebenden Welten, ober- oder unterhalb, und ihren Bewohnern entspringen. Wir sollen das Handeln und den starken Einfluss von Menschen, Dingen und Kräften, den Druck der Götter und die Attacken der Titanen ruhig ertragen; wir sollen uns allem zuwenden, was auf den Wegen der unendlichen Seelenerfahrungen eventuell auf uns zu kommt, und es in das unbewegte Meer unseres Geistes sinken lassen. Dies ist die stoische Periode der Vorbereitung des Gleichmuts, ihre elementarste und doch heldenhafteste Zeit. Aber dieses standhafte Ertragen des Körpers, Herzens und Mentals muss durch ein ausdauerndes Gefühl spiritueller Unterwerfung unter einen göttlichen Willen gestärkt werden: dieser lebendige Lehm soll sich nicht nur in einer harten oder mutigen Ruhigstellung der Berührung der göttlichen Hand ergeben, die seine Vervollkommnung vorbereitet, sondern mit Wissen oder mit Resignation – sogar im Leiden. Ein weiser, frommer oder sogar weicher Stoizismus des Gott Liebenden ist möglich und ist besser als das bloß heidnische, auf sich selbst bauende Ertragen, das ein zu starkes Verhärten des Gefäßes Gottes hervorrufen kann, denn auf diese Weise wird die Stärke vorbereitet, die zu Weisheit und Liebe fähig ist. Ihre Ruhe ist eine tiefbewegte Stille, die leicht zu Seligkeit werden kann. Der Gewinn aus dieser Periode der Resignation und des Durchhaltevermögens ist die gleichmütige Stärke der Seele bei allen Schocks und Kontakten.
Die philosophische Periode in der Vorbereitungszeit
Als nächstes kommt eine Periode hoher Unparteilichkeit und Gleichgültigkeit, in der die Seele frei wird von Hochgefühl, Depression, den Fallstricken freudigen Eifers und den Schmerzen von Kummer und Leiden. Alle Dinge, Personen und Kräfte, alle Gedanken, Gefühle, Empfindungen und Handlungen – eigene nicht weniger als die anderer – werden von oben betrachtet, von einem Geist, der unbewegt und intakt bleibt und durch diese Dinge nicht gestört ist. Das ist in der Erarbeitung des Gleichmuts die philosophische Periode, eine weite und erhabene Bewegung. Aber Gleichgültigkeit darf sich nicht an ein inaktives Abwenden vom Handeln und Erleben gewöhnen; sie darf keine aus Überdruss, Abscheu und Widerwillen geborene Abneigung sein, kein Zurückschrecken aus enttäuschtem oder gesättigtem Begehren und keine durch verwirrten und unbefriedigten Egoismus, der seine leidenschaftlichen Ziele nicht erreichen kann, verursachte Verdrossenheit. Dieses Zurückprallen geschieht zwangsläufig in der unreifen Seele und kann auf gewisse Weise den Fortschritt durch ein Entmutigen der heftigen, wunschgesteuerten vitalen Natur unterstützen, aber es ist nicht die Perfektion, auf die wir hinarbeiten. Die Gleichgültigkeit der Unparteilichkeit, nach der wir streben müssen, ist eine ruhige Erhabenheit (udasina) der über den Berührungen der Dinge stehenden hohen Seele. Sie betrachtet und akzeptiert oder weist sie zurück, bleibt aber in der Ablehnung unbewegt und in der Akzeptanz weiterhin frei. Sie beginnt sich einem stillen Selbst nahe und mit ihm verwandt zu fühlen, eins mit dem selbst-existierenden Geist und getrennt vom Wirken der Natur, welches sie unterstützt und ermöglicht. Sie empfindet sich als Teil der unbewegten ruhigen Wirklichkeit, welche die Bewegung oder Aktion des Universums übersteigt. Der Gewinn dieser Zeit hoher Transzendenz ist der Seelenfrieden, der von den angenehmen Kräuselungen oder stürmischen Brandungswellen des Weltenlaufes unerschüttert bleibt.
Die höchste Phase der Freude vollkommener Selbsthingabe
Wenn wir durch diese zwei Stufen inneren Wandels hindurchgehen können, ohne in einer aufgehalten zu werden, erlangen wir einen größeren göttlichen Gleichmut, der spiritueller Inbrunst und ruhiger leidenschaftlicher Freude fähig ist, ein glückseliger, alles verstehender, alles besitzender Gleichmut der vervollkommneten Seele, eine intensive und gleichmäßige seelische Weite und Fülle, die alle Dinge umarmt. Dies ist die höchste Phase, und der Weg zu ihr geht durch die Freude einer totalen Selbsthingabe an das Göttliche und die universale Mutter. Denn Stärke ist dann von einer glücklichen Meisterschaft gekrönt, Friede vertieft sich zu Seligkeit, das Innehaben der göttlichen Ruhe ist erhoben worden und wird zur Grundlage für das Einssein mit der göttlichen Bewegung. Aber damit diese größere Perfektion eintreten kann, muss das unparteiische hohe Herabblicken auf den Fluss der Formen, Persönlichkeiten, Bewegungen und Kräfte umgestaltet werden und sich in ein neues Gefühl starker und ruhiger Ergebung und kraftvoller, intensiver Hingabe wandeln. Diese Ergebung wird nicht länger ein resigniertes Dulden sein, sondern eine frohe Zustimmung: denn es gibt kein Gefühl von Leid oder vom Tragen einer Bürde oder eines Kreuzes mehr. Sie wird aus strahlender Liebe, Wonne und Freude der Selbsthingabe bestehen. Und es wird nicht nur eine Hingabe an den göttlichen Willen sein, den wir erkennen, annehmen und befolgen, sondern an eine göttliche Weisheit in dem Willen, die wir wahrnehmen, und eine göttliche Liebe in ihr, welche wir spüren und mit Freude annehmen, – die Weisheit und Liebe eines höchsten Geistes und Selbst in uns und allen, mit denen wir eine glückliche und vollkommene Einheit erlangen können. Eine einsame Macht, Stille und Frieden sind das letzte Wort der philosophischen Gleichmütigkeit des Weisen; aber die Seele in ihrem integralen Erleben befreit sich aus diesem selbstgeschaffenen Zustand und betritt das Meer einer höchsten und alles umfassenden Wonne der anfangs- und endlosen Glückseligkeit des Ewigen. Dann sind wir letztendlich fähig, alle Kontakte mit einem seligen Gleichmut anzunehmen, weil wir in ihnen die Berührung der unvergänglichen Liebe und Freude spüren, das vollkommene Glück, welches sich immer im Herzen der Dinge verbirgt. Die Frucht dieser Kulmination in universeller und gleichmütiger Verzückung sind die sich öffnenden Tore der Seligkeit und die Freude der Seele, welche unendlich ist, die Freude, die alles Verstehen übersteigt.1
1 Man mag anmerken, dass Sri Aurobindo außerdem sagt: „Bevor diese Bemühung um das Auslöschen von Begehren und der Sieg des seelischen Gleichmuts vervollkommnet und fruchtbar werden können, muss die Wende in der spirituellen Bewegung, die zur Aufhebung des Ego-Gefühls führt, abgeschlossen sein.“ (ibid.) – Hrsg.