Kapitel 4
Die Formulierung unseres Bestrebens
Worte Sri Aurobindos
Das sind die Grundbedingungen für unser Bemühen. Sie weisen auf ein Ideal hin, das in den folgenden oder in gleichwertigen Begriffen formuliert werden kann:
Wir sollen in Gott leben und nicht im Ego. Darum werden wir uns viel mehr in dem Bewusstsein der All-Seele und des Transzendenten bewegen, das auf einer weitesten Grundlage ruht, und nicht in dem kleinen egoistischen Bewusstsein.
Wir sollen allen Geschehnissen und allen Wesen gegenüber völlig ausgeglichen sein und sie in ihrem Einssein mit dem eigenen Selbst und mit dem Göttlichen sehen und fühlen; wir sollen sie alle im eigenen Selbst und alle in Gott erleben; wir sollen Gott in ihnen allen erfahren und uns selbst in allen.
Wir sollen in Gott wirken und nicht im Ego. Man soll hier das Wirken nicht in erster Linie im Hinblick auf persönliche Bedürfnisse und Auffassungen wählen, sondern im Gehorsam gegenüber den Geboten der lebendigen höchsten Wahrheit, die über uns ist. Ferner sollen wir, sobald wir im spirituellen Bewusstsein genügend fest gegründet sind, nicht mehr durch unseren abgesonderten Willen oder aus egoistischen Regungen handeln, sondern unser Wirken soll immer mehr unter dem Impuls und der Lenkung durch einen göttlichen Willen geschehen, der höher ist als der unsrige. Schließlich sollen wir – und das ist das höchste Ergebnis – in eine Identität mit der Göttlichen Shakti in Wissen, Kraft, Bewusstsein, Handeln und Daseinsfreude erhoben sein. Wir werden dabei eine dynamische Regung fühlen, die nicht durch das sterbliche Begehren, den vitalen Instinkt und Impuls oder den trügerischen freien Willen beherrscht, sondern lichtvoll empfangen und in unsterblichem Entzücken des Selbstes und in unendlichem Wissen des Selbstes entfaltet wird. Das ist die Wirkensweise, die durch bewusste Unterwerfung und Versenkung des natürlichen Menschen unter und in das göttliche Selbst und den ewigen Geist zustande kommt. Der Geist allein ist es, der diese Weltnatur für immer transzendiert und dennoch lenkt.
Kapitel 5
Dies, zusammengefasst, wird von uns gefordert
Worte Sri Aurobindos
Dies, zusammengefasst, wird also von uns gefordert: wir sollen unser ganzes Leben in ein bewusstes Opfer umwandeln. Jeder Augenblick und jede Regung unseres Wesens sollen entschieden zu einer ständigen und aufrichtigen Selbsthingabe an den Ewigen gemacht werden. All unsere Handlungen sollen als Werke opfernder Darbringung getan werden: die kleinsten, gewöhnlichsten und unbedeutendsten nicht weniger als die größten, außergewöhnlichen und edelsten. Unsere individualisierte Natur soll in dem alleinigen Bewusstsein leben, dass jede innere und äußere Regung an Etwas jenseits von unserem Ego geweiht ist. Welche Gabe es auch sei und wem immer wir sie darbringen mögen, es soll uns beim Tun bewusst werden, dass wir sie dem einen göttlichen Sein in allen Wesen weihen. Unsere gewöhnlichsten und gröbsten materiellen Handlungen müssen diesen verfeinerten Charakter annehmen. Wenn wir essen, sollten wir dessen eingedenk sein, dass wir unsere Nahrung jener Präsenz in uns darbringen. Das soll wie ein heiliges Opfer in einem Tempel sein. Das Empfinden, dass wir dabei nur unser körperliches Bedürfnis sättigen oder uns durch einen Genuss befriedigen, soll von uns abfallen. Bei jeder großen Arbeit, in jeder hohen Disziplin und in jedem schwierigen oder edlen Unternehmen dürfen wir, auch wenn wir es um unsretwillen, für andere oder für die Menschheit leisten, nicht bei der Vorstellung „wir selbst“, „die Menschheit“, „die anderen“ stehen bleiben. Was wir da tun, soll bewusst als ein Opfer des Wirkens nicht an diese, sondern entweder durch sie oder unmittelbar der Einen Gottheit dargebracht werden. Das innewohnende Göttliche Wesen, das durch diese Gestaltungen verhüllt war, soll nicht länger verborgen bleiben, sondern unserer Seele, unserem Mental und unseren Sinnen gegenwärtig sein. So sollen unsere Taten und ihre Ergebnisse in die Hand dieses Einen gelegt werden, weil wir fühlen, dass der Unendliche und Erhabene jene Präsenz ist, durch die allein unser Arbeiten und Streben möglich ist. Denn in seinem Wesen findet alles statt. Für ihn nimmt die Natur all unser Wirken und Streben entgegen und bringt es auf seinem Altar dar. Auch dort, wo die Natur allein ganz deutlich die Wirkende ist und wo wir ihr Wirken nur beobachten und dessen Gefäß und Träger sind, sollten wir ständig an den göttlichen Meister denken und uns ihn als den Wirkenden nachdrücklich bewusst machen. Sogar unser Einatmen und Ausatmen, ja unser Herzschlag kann und soll als der lebendige Rhythmus des universalen Opfers in uns bewusst gemacht werden.
Drei Resultate dieser Praxis
Es ist klar, dass eine solche Auffassung und deren praktische Verwirklichung drei Ergebnisse enthalten müssen, die für unser spirituelles Ideal von zentraler Bedeutung sind. Zunächst ist offensichtlich, dass eine solche Disziplin selbst dann, wenn sie ohne innige Hingabe begonnen wurde, doch direkt und unvermeidlich zur höchstmöglichen Verehrung des Göttlichen führt. Denn sie muss sich ganz natürlich in die denkbar vollkommenste Anbetung und innigste Gottesliebe vertiefen. Verbunden damit ist ein wachsendes Empfinden für das Göttliche in allen Dingen, eine immer tiefer werdende Kommunion mit dem Göttlichen in all unserem Denken, Wollen und Handeln. Ferner kommt es in jedem Augenblick unseres Lebens zu einer immer tiefer motivierten Darbringung der Gesamtheit unseres Wesens an Gott. Nun sind aber diese Begleiterscheinungen des Yoga der Werke auch das Wesen einer integralen und absoluten Bhakti…
Weiterhin verlangt die Praxis dieses Yoga, dass wir uns ständig an das eine zentrale Wissen erinnern. Wenn wir dieses Wissen dann stetig nach außen hin im Wirken aktivieren, wird unsere Erinnerung daran immer mehr intensiviert: In allem ist das eine Selbst; das eine Göttliche ist alles. Alle Wesen sind im Göttlichen; alle sind das Göttliche. Im Universum gibt es nichts anderes. Dieser Gedanke oder dieser Glaube ist so lange unser tragender Grund, bis er vollends zur Substanz im Bewusstsein des Wirkenden wird…
Dieser Weg kann nicht zu seinem Ende gelangen, ohne dass wir das Wirken des universalen Geistes überall so lebendig und vital, auf seine Weise so konkret schauen wie beim physischen Sehen. Auf seiner höchsten Höhe erhebt sich dieser Yoga dazu, dass wir ständig in der Gegenwart des Supramentals und des Transzendenten leben, denken, wollen und handeln. Wir sollen dann alles, was wir sehen und hören, berühren und empfinden oder dessen wir bewusst werden, als Jenes wissen und fühlen, das wir innig verehren und dem wir dienen. So wandelt sich alles in ein Ebenbild der Göttlichkeit um, es wird als eine Wohnstatt der Gottheit wahrgenommen und ist in die ewige Allgegenwart eingehüllt. Dieser Pfad des Wirkens verwandelt sich an seinem Ende, wenn nicht schon lange vorher, durch die Kommunion mit der Göttlichen Gegenwart, dem Göttlichen Willen und der Göttlichen Kraft in einen Pfad des Wissens, das vollständiger und integraler ist, als natürliche Intelligenz es konstruieren oder der forschende Intellekt es entdecken könnte.
Letztlich zwingt uns die Praxis dieses Yoga des Opfers dazu, allem zu entsagen, was den Egoismus fördert. Wir wollen ihn aus unserem Mental, Wollen und Handeln ausmerzen und seine Saat, seine Gegenwart, seinen Einfluss aus unserer Natur ausschalten. Alles soll für das Göttliche allein getan werden. Alles soll auf das Göttliche gerichtet sein. Wir dürfen nichts für uns selbst als für eine abgesonderte Existenz unternehmen. Wir sollen nicht nur deshalb für andere, für unsere Nachbarn, Freunde, Familie, für unser Land, die Menschheit oder andere Geschöpfe etwas tun, weil sie mit unserem persönlichen Leben, Denken und Empfinden verbunden sind oder weil unser Ego Interesse an ihrem Wohlergehen hat. Wenn wir so handeln und denken, wird alles Wirken und Leben zur täglichen dynamischen Verehrung und zum Dienst am Göttlichen im grenzenlosen Tempel seiner kosmischen Existenz. Das Leben wird immer mehr zu einem Opfer, das der Ewige im Individuum ständig der ewigen Transzendenz darbringt. Das Opfer geschieht auf dem weiten Opferplatz des ewigen kosmischen Geistes. Die Kraft, die das Opfer darbringt, ist die ewige Kraft, die allgegenwärtige Mutter.
Teil 3 LEITFADEN
Kapitel 1
Der Empfänger des Opfers und das Opfer
Worte Sri Aurobindos
Zuletzt wollen wir ihn betrachten, der das Opfer empfängt, und sehen, von welcher Art das Opfer ist. Wir können unser Opfer anderen Menschen darbringen; es mag auch den göttlichen Mächten gespendet werden. Wir können es dem kosmischen All anbieten oder dem transzendenten Höchsten. Diese Verehrung kann jede Form annehmen: von der Darbringung eines Blütenblattes, eines Bechers Wasser, einer Handvoll Reis oder eines Brotes bis hin zur Aufopferung all dessen, was wir besitzen, und zur Unterwerfung all dessen, was wir sind. Wen auch immer wir als den Empfänger ansehen und was immer die Gabe sei: es ist der Erhabene, der Ewige in den Dingen, der die Opfergabe empfängt und annimmt, selbst wenn sie vom unmittelbaren Empfänger abgewiesen oder gering geachtet würde. Denn der Erhabene, der größer ist als das Universum, weilt, wenn auch verhüllt, hier in uns, in der Welt und in ihren Geschehnissen. Er ist hier als der allwissende Beobachter und Empfänger aller Dinge, die wir tun. Er ist insgeheim ihr Meister. Alle unsere Handlungen und Bemühungen, selbst unsere Sünden, Irrungen, Leiden und Kämpfe werden – für uns verborgen oder bewusst, erkennbar und schaubar oder auch unerkennbar und verhüllt – letztlich von dem Einen regiert. Alles ist eine Darbringung an ihn in seinen zahllosen Gestalten und wird durch diese der einzigen Allgegenwart geopfert. In welcher Form und in welchem Geist wir ihm nahen, in derselben Form und im gleichen Geist nimmt er auch unser Opfer an.
Die Frucht des Opfers der Werke wechselt je nach dem Werk, nach der Intention des Werkes und nach dem Geist, der hinter der Absicht steht. Alle anderen Opfer sind nur partiell, egoistisch, vermischt, zeitlich und unvollständig. Sie behalten diesen Charakter, selbst wenn sie den höchsten Mächten und Prinzipien dargebracht werden. Darum ist das Ergebnis eines solchen Opfers partiell, begrenzt, zeitlich, in seinen Reaktionen vermischt und nur für einen geringeren oder vorläufigen Zweck wirkungsvoll. Das einzige Gott wirklich willkommene Opfer ist eine letzte, höchste, äußerste Selbsthingabe, jene Unterwerfung von Angesicht zu Angesicht, in tiefer Verehrung und Erkenntnis, frei und ohne jeden Vorbehalt, an den Einen, der zugleich unser innewohnendes Selbst, das uns umgebende und konstituierende All und die Höchste Wirklichkeit jenseits von dieser oder jener Manifestation ist. Zugleich ist er insgeheim dieses alles zusammen, überall verborgen, die immanente Transzendenz. Denn Gott beschenkt eine Seele, die sich ihm ganz hingibt, mit sich selbst in seiner Allheit. Nur wer seine ganze Wesensart opfert, findet das Selbst. Wer alles hingeben kann, gewinnt überall die Freude am Göttlichen All. Wer sich im Höchsten selbst aufgeben kann, gelangt zum Höchsten. Wenn wir durch das Opfer alles, was wir sind, sublimieren, können wir das Höchste verkörpern und hier in dem immanenten Bewusstsein des transzendenten Geistes leben.
Worte Sri Aurobindos
Das wahre Wesen des Opfers ist aber nicht diese vernichtende Selbst-Hinopferung, sondern die Selbst-Hingabe. Sein Ziel ist nicht die Austilgung des eigenen Selbstes, sondern dessen Erfüllung. Seine Methode ist nicht die Selbst-Abtötung, sondern ein größeres Leben, nicht die Selbst-Verstümmlung, sondern eine Transformation unserer natürlichen menschlichen Seiten in solche göttlichen Wesens. Wir sollen uns nicht selbst quälen, wir sollen aus einer niederen Selbst-Genügsamkeit zu einem höheren Ananda weitergehen. Am Anfang bereitet dem noch rohen oder verworrenen Teil unserer Oberflächennatur ein einziges Opfer besondere Schmerzen. Das ist die unentbehrliche Disziplin, die verlangt wird, und die notwendige Entsagung, damit das unvollkommene Ego untergeht. Dafür kann es aber einen raschen, großartigen Ausgleich geben, in dem wir eine wirklich höhere oder letzte Vollkommenheit entdecken: in den anderen, in allen Dingen, in der kosmischen Einheit, in der Freiheit des transzendentalen Selbstes und Geistes, im Entzücken bei der Berührung mit dem Göttlichen.
Kapitel 2
Wie das Göttliche dem Sucher auf dem Weg begegnet
Worte Sri Aurobindos
Hier endet die lange und schwierige Reise. Der Meister der Werke wartet nicht, um erst dann den auf dem Weg des Yoga Suchenden in Empfang zu nehmen und auf ihn, sein inneres Leben und seine Handlungen seine Hand zu legen, die ihn bisher insgeheim führte, ihm aber verborgen geblieben oder nur halb fühlbar gewesen war. Er stand schon in der Welt als der Urheber und Empfänger der Werke hinter den dichten Verhüllungen des Nichtbewussten, verkleidet in die Kraft des Lebens und durch Symbol-Gottheiten und Symbol-Gestalten dem Mental sichtbar. Es mag wohl sein, dass er zuerst in diesen Verhüllungen der menschlichen Seele begegnet, die für den Weg des Integralen Yoga bestimmt ist. Ja selbst dann, wenn er noch undeutlichere Masken trägt, kann er von uns als Ideal begriffen oder mental als eine abstrakte Macht der Liebe, des Guten, der Schönheit oder des Wissens erfasst werden. Vielleicht kommt er uns, wenn wir unseren Fuß auf den Weg setzen, verhüllt entgegen im Anruf der Humanität oder eines Willens in den Dingen, der uns dazu antreibt, dass wir die Welt von der Gewalt der Finsternis und der Falschheit, vom Tod und Leiden befreien sollen, von dieser mächtigen vierfachen Unwissenheit. Wenn wir dann den Weg gehen, umhüllt er uns mit seinem weiten, mächtigen, befreienden apersonalen Wesen. Er naht sich uns aber auch mit dem Angesicht oder der Gestalt einer personalen Gottheit. Wir fühlen in uns und in unserer Umgebung eine Macht, die uns stützt, schützt und liebevoll versorgt. Wir hören eine Stimme, die uns lenkt. Ein bewusster Wille, der größer ist als der unsrige, regiert uns. Eine gebietende Kraft bewegt unser Denken, unser Handeln und sogar unseren Körper. Ein sich stets ausdehnendes Bewusstsein gleicht das unsrige sich an. Ein lebendiges Licht des Wissens erleuchtet alles in unserem Innern. Eine Glückseligkeit dringt in uns ein. Eine Mächtigkeit übt ihren Druck von oben her konkret, massiv und überwältigend auf uns aus. Sie dringt in uns ein und ergießt sich in den eigentlichen Stoff unserer Natur. Dort, am Ursprung, wohnen Friede, Licht, Seligkeit, Stärke und Erhabenheit. Oder wir fühlen Beziehungen, die persönlich und innig sind, wie das Leben selbst, süß wie die Liebe, allumfassend wie der Himmel, tief wie unergründliche Wasser. Ein Freund geht uns zur Seite. Ein Liebender ist bei uns in der geheimsten Kammer unseres Herzens. Ein Meister des Werkes und aller Prüfungen zeigt uns unseren Weg. Ein Schöpfer der Dinge verwendet uns als sein Instrument. Wir ruhen in den Armen der ewigen Mutter. Alle diese für uns begreiflicheren Aspekte, in denen uns der Unausdrückbare begegnet, sind Wahrheiten und nicht nur hilfreiche Symbole oder brauchbare Vorstellungen. Je weiter wir vorwärtskommen, umso mehr weichen ihre ersten unvollkommenen Formulierungen unserer Erfahrung einer umfassenderen Schau der einzigen Wahrheit, die hinter ihnen steht. Bei jedem Schritt fallen ihre rein mentalen Masken, und die Aspekte Gottes gewinnen umfassendere, tiefere und uns inniger ansprechende Bedeutung. Am Ende vereinigen alle diese Gottheiten an den Grenzen des Supramentals ihre heiligen Gestaltungen und gehen ineinander über, ohne dass sie als Eigenwesen aufhören würden.
Worte Sri Aurobindos
Der Meister unserer Werke respektiert unsere Natur, gerade wenn er sie umwandelt. Er wirkt stets durch die Natur und nicht durch eine willkürliche Laune. Diese unsere unvollkommene Wesensart enthält die Materialien für unsere Vollkommenheit, wenn sie sich auch noch unfertig, entstellt, am falschen Ort, in Unordnung zusammengewürfelt oder in unvollkommener Ordnung befinden. Dieses ganze Material soll geduldig vervollkommnet, geläutert, reorganisiert, neu geformt und umgestaltet werden. Wir sollen es nicht in Stücke zerhacken, von uns abhauen, vernichten oder verstümmeln. Wir sollen es nicht einfach durch Zwang oder Verleugnung ausmerzen. Diese Welt ist zusammen mit uns, die wir in ihr leben, Gottes Schöpfung und Manifestation. Er geht mit ihr und uns in einer Weise um, die unser enges und unwissendes Mental erst dann verstehen kann, wenn es in das Schweigen versinkt und sich für ein göttliches Wissen öffnet. In unseren Irrtümern liegt der Stoff einer Wahrheit verborgen, die danach ringt, unserer tastenden Intelligenz ihre Bedeutung zu offenbaren. Der menschliche Intellekt schneidet den Irrtum zugleich mit der Wahrheit aus. Dann ersetzt er beides durch eine neue Konstruktion aus halber Wahrheit und halbem Irrtum. Die Göttliche Weisheit duldet aber, dass unsere Irrtümer so lange fortdauern, bis wir zu jener Wahrheit gelangen können, die unter jeder sie verfälschenden Verhüllung verborgen und dadurch geschützt ist. Unsere Sünden sind die falsch gelenkten Schritte einer Macht, die sucht. Sie strebt jedoch nicht nach Sünde, sondern nach Vollkommenheit, nach etwas, das wir göttliche Tugend nennen könnten. Oft sind die falschen Dinge die Verhüllungen einer Eigenschaft, die so umgewandelt werden muss, dass sie aus dieser hässlichen Maske befreit wird. Sonst hätten sie in der vollkommenen Vorsehung der Dinge nicht existieren oder fortdauern dürfen. Der Meister unserer Werke ist weder ein Pfuscher noch ein nur gleichgültig Beobachtender; er treibt mit dem Luxus unnötiger Übel kein leichtfertiges Spiel. Er ist klüger als unsere Vernunft und weiser als unsere Tugend.
Unsere Natur irrt sich nicht nur in ihrem Wollen und ist in Ihrer Erkenntnis unwissend; sie ist auch an Macht schwach. Doch die Göttliche Kraft ist da und will uns, wenn wir auf sie vertrauen, lenken. Sie wird unsere Unzulänglichkeiten ebenso wie unsere Fähigkeiten für ihre göttliche Absicht verwenden. Der Erfolg bei unseren unmittelbaren Absichten bleibt deshalb aus, weil Gott dieses Versagen beabsichtigt hat. Oft ist unser Fehlschlag oder Misserfolg der rechte Weg zu einer eher wahren Verwirklichung, als sie uns durch einen unmittelbaren völligen Erfolg erreichbar gewesen wäre. Wenn wir leiden, soll dadurch etwas in uns für die seltenere Möglichkeit einer tieferen Freude zubereitet werden. Wenn wir straucheln, sollen wir am Ende das Geheimnis eines vollkommeneren Gehens lernen. Selbst den Frieden, die Reinheit und Vollkommenheit sollen wir nicht in wilder Eile erjagen wollen. Den Frieden müssen wir wohl erlangen. Das darf aber nicht der Friede einer leeren, verödeten Natur oder der vernichteten, verkrüppelten Befähigungen sein, die nur deshalb zur Unruhe unfähig sind, weil wir sie so lähmten, dass sie keine Intensität, kein Feuer und keine Kraft mehr erleben können. Die Reinheit muss unser Ziel sein. Es darf jedoch nicht zur Reinheit einer des Lebens entleerten, öden, starren Kälte kommen. Vollkommenheit wird von uns gefordert. Das wäre aber keine Vollkommenheit, die ihren Horizont in engen Grenzen hält oder die willkürlich unter die sich stets erweiternde Liste des Unendlichen einen Schlusspunkt setzt. Unser Ziel ist, uns in die göttliche Natur umzuwandeln. Diese göttliche Natur ist aber kein mentaler oder moralischer, sondern ein spiritueller Zustand, den wir nur schwer erlangen können, ja den wir uns mit unserer Intelligenz nur schwer vorzustellen vermögen. Der Meister unserer Werke und unseres Yoga weiß, was getan werden muss. Wir sollen ihm erlauben, dieses durch seine eigenen Mittel und auf seine eigene Weise zu vollbringen.
Worte der Mutter
Vergiss nie, dass du nicht allein bist. Das Göttliche ist bei dir und hilft und leitet dich.