Sri Aurobindo Digital Edition
  • Home
  • SRI AUROBINDO
  • DIE MUTTER
  • KOMPILATIONEN
  • ALLES LEBEN IST YOGA
  • ALL LIFE IS YOGA
  • ANDERE AUTOREN
  • SUCHEN
  • IMPRESSUM
  1. ALLES LEBEN IST YOGA
  2. Gedenken an Sri Aurobindo (2) – Sri Aurobindos Botschaft

Kapitel 1

Der alte Yoga und das neue Ziel

(Ein Auszug aus einem persönlichen Brief von Sri Aurobindo an seinen Bruder Barin. Original in Bengali, geschrieben um 1920).

Womit ich anfing, was Lele mir gab, was ich im Gefängnis tat – all das war eine Suche nach dem Weg, ein Umherkreisen, um hier und dort zu suchen, zu ertasten, aufzunehmen, anzuwenden, dieses und jenes von all den alten partiellen Yogawegen auszuprobieren, eine mehr oder weniger vollständige Erfahrung mit einem Weg zu machen und dann einem anderen nachzugehen. Danach, als ich nach Pondicherry kam, hörte dieser unstete Zustand auf. Der innewohnende Guru der Welt zeigte mir meinen Weg in seiner Gesamtheit, seine vollständige Theorie...

Der Fehler des alten Yoga bestand darin, dass er sich mit der spirituellen Erfahrung im Mental zufrieden gab, da er das Mental und die Vernunft kannte und den Geist kannte. Aber das Mental kann nur das Fragmentarische erfassen; es kann das Unendliche, das Ungeteilte nicht vollständig erfassen. Der Weg des Mentals, es zu erfassen, führt über die Trance des Samadhi, über die Befreiung des Moksha, das Erlöschen des Nirvana und so weiter. Es gibt keinen anderen Weg. Vielleicht erlangt jemand hier oder dort diese eigenschaftslose Befreiung, aber was ist der Gewinn? Der Geist, das Selbst, das Göttliche ist immer da. Was Gott will, ist, dass der Mensch Ihn hier verkörpert, im Individuum und in der Gemeinschaft – um Gott im Leben zu verwirklichen. Das alte Yogasystem konnte den Geist und das Leben nicht zusammenführen oder vereinen; es tat die Welt als eine Illusion oder ein vergängliches Spiel Gottes ab. Das Ergebnis war eine Schwächung der Lebenskraft und der Niedergang Indiens. ... Was für eine Art von spiritueller Vollkommenheit ist es, wenn einige wenige Asketen, Entsagende, Heilige und verwirklichte Wesen die Befreiung erlangen, wenn einige wenige Gottgeweihte in einem Rausch der Liebe, des Gottesrausches und der Glückseligkeit tanzen und eine ganze Menschheit, ohne Leben und Intelligenz, in die Tiefen der Dunkelheit und Trägheit sinkt? Zuerst muss man alle möglichen Teilerfahrungen auf der mentalen Ebene machen, die das Mental mit spiritueller Freude überfluten und es mit spirituellem Licht erleuchten; danach steigt man aufwärts. Solange man diesen Aufstieg, diesen Aufstieg zur supramentalen Ebene nicht vollzieht, ist es nicht möglich, das letzte Geheimnis des Weltdaseins zu erkennen; das Rätsel der Welt ist nicht gelöst....

Die Überlieferungen der Vergangenheit bedeuten viel für ihre Zeit in der Vergangenheit, doch ich sehe nicht ein, warum wir sie lediglich nachahmen und nicht über sie hinausgehen sollten. In der spirituellen Entwicklung des Erdbewusstseins sollte der großen Vergangenheit eine größere Zukunft folgen...

Jeder andere Yoga betrachtet dieses Leben als Illusion oder als vorübergehenden Zustand; allein der supramentale Yoga betrachtet es als etwas, das vom Göttlichen für eine progressive Manifestation geschaffen wurde und die Vollendung von Leben und Körper zum Ziel hat. Das Supramental ist das Wahrheitsbewusstsein und bringt mit seiner Herabkunft die volle Wahrheit des Lebens, die volle Wahrheit des Bewusstseins in der Materie mit sich. Man hat tatsächlich zu hohen Gipfeln aufzusteigen, um es zu erreichen, doch je höher man aufsteigt, desto mehr kann man herabbringen. Kein Zweifel, Leben und Körper dürfen nicht die unwissenden, unvollkommenen und unfähigen Instrumente bleiben, die sie jetzt noch sind; doch warum sollte eine Wandlung in vollere Lebensmacht, in vollere Körpermacht als etwas Fernes, Kaltes und Unerwünschtes erscheinen? Der äußerste Ananda, deren Körper und Leben jetzt fähig sind, ist eine kurze Erregung des vitalen Mentals, der Nerven oder Zellen, unvollkommen und schnell vergänglich; mit der supramentalen Wandlung können sich alle Zellen, Nerven, vitalen Kräfte, alle verkörperten mentalen Kräfte mit tausendfachem Ananda füllen, können einer intensiven Wonne fähig werden, die jede Beschreibung übersteigt und nicht zu verblassen braucht...

Kapitel 2

Der Integrale Yoga

Was ist der Integrale Yoga?

Es ist der Weg einer vollständigen Gottverwirklichung, einer vollständigen Selbstverwirklichung, einer vollständigen Erfüllung unseres Wesens und Bewusstseins, einer vollständigen Transformation unserer Natur – und das bedeutet eine vollständige Vollkommenheit des Lebens hier und nicht nur eine Rückkehr zu einer ewigen Vollkommenheit anderswo.

Das ist das Ziel, aber auch in der Methode gibt es dieselbe Vollständigkeit, denn die Ganzheit des Ziels kann nicht ohne eine Ganzheit in der Methode erreicht werden; eine vollständige Hinwendung, Öffnung, Selbsthingabe unseres Wesens und unserer Natur in allen Teilen, Seinsweisen, Regungen zu dem, was wir verwirklichen.

Unser Mental, unser Wille, unser Herz, unser Leben, unser Körper, unsere äußere und innere und innerste Existenz, unser Über- und Unterbewusstsein sowie unsere bewussten Wesensteile, müssen alle so hingegeben werden, müssen alle ein Mittel, ein Feld dieser Verwirklichung und Transformation werden und an der Erleuchtung und dem Wandel von einem menschlichen in ein göttliches Bewusstsein und eine göttliche Natur teilhaben.

Dies ist der Wesenskern des Integralen Yoga.

Dies ist ein Yoga der Transformation des Wesens, nicht nur ein Yoga der Erlangung des inneren Selbstes oder des Göttlichen, obwohl diese Verwirklichung seine Grundlage ist, ohne die keine Transformation möglich ist. In dieser Transformation gibt es vier Elemente: die seelische Öffnung, den Durchgang durch das Okkulte, die spirituelle Befreiung und die supramentale Vollkommenheit. Wenn eines dieser vier Elemente nicht erreicht wird, bleibt der Yoga unvollständig.

Kapitel 3

Selbsthingabe – das Schlüsselwort des Yoga

Der supramentale Yoga ist zugleich ein Aufstieg zu Gott und eine Herabkunft der Gottheit in die verkörperte Natur.

Der Aufstieg kann nur durch eine ausschließliche, allumfassende Aspiration der Seele, des Mentals, des Lebens und des Körpers gelingen. Die Herabkunft kann nur durch einen Ruf des ganzen Wesens nach dem unendlichen und ewigen Göttlichen veranlasst werden. Wenn dieser Ruf und diese Aspiration vorhanden sind oder wenn sie irgendwie erweckt werden und ständig wachsen und die ganze Natur erfassen können, dann und nur dann wird eine Erhebung und Umwandlung in und durch das Supramental möglich sein.

Der Ruf und die Aspiration sind nur erste Voraussetzungen. Zugleich mit ihnen und als Ergebnis ihrer wirksamen Intensität muss eine Öffnung des ganzen Wesens zum Göttlichen hin und eine absolute Hingabe an das Göttliche erfolgen.

Diese Öffnung besteht in einem weiten Offenlegen der ganzen Natur auf all ihren Ebenen und in all ihren Wesensteilen. Sie ermöglicht ihr, das größere göttliche Bewusstsein, das bereits über und hinter dieser sterblichen, halbbewussten Existenz zugegen ist und sie umfängt, ohne Abschwächungen und Begrenzungen in sich aufzunehmen. Bei dieser Aufnahme darf ihr Fassungsvermögen sich nicht als unzureichend erweisen, darf kein Bestandteil des Systems unter dem Druck der Umwandlung zusammenbrechen, sei es im Mental, in den Nerven oder im Körper. Eine grenzenlose Aufnahmefähigkeit ist erforderlich sowie ein ständig wachsendes Vermögen, das immer stärker und akzentuierter werdende Eingreifen der göttlichen Kraft auszuhalten. Anders kann nichts Großes und Dauerhaftes zustande kommen. Der Yoga würde mit einem Zusammenbruch, einem trägen Anhalten oder einer frustrierenden oder verheerenden Stockung enden – bei einem Vorgang, der absolut und integral zu sein hat, wenn er kein Fehlschlag sein soll.

Da aber kein menschlicher Organismus diese grenzenlose Aufnahmefähigkeit und diese einwandfreie Eignung aufweist, kann der supramentale Yoga nur dann Erfolg haben, wenn die Göttliche Kraft bei ihrer Herabkunft die persönliche Kraft vermehrt und die zur Aufnahme erforderliche Stärke an jene Kraft angleicht, die von oben her in die Natur eindringt, um in ihr zu arbeiten. Dies kann nur geschehen, wenn auf unserer Seite eine fortschreitende Hingabe in die Hände des Göttlichen erfolgt. Eine vollständige und nie ausbleibende Zustimmung ist vonnöten, eine mutige Einwilligung in alles, was die Göttliche Macht mit uns vornehmen muss, um ihr Werk zu vollbringen.

Der Mensch kann aus eigener Anstrengung nichts aus sich machen, was mehr ist als ein Mensch. Das mentale Wesen kann sich nicht aus eigener Kraft und ohne Hilfe in einen supramentalen Geist verwandeln. Allein die Herabkunft der Göttlichen Natur kann das menschliche Gefäß vergöttlichen.

Die Fähigkeiten unseres Mentals, unseres Lebens und unseres Körpers sind an ihre eigenen Grenzen gebunden, und wie hoch sie sich auch aufschwingen oder wie weit sie sich auch ausdehnen mögen, sie kommen über ihre natürlichen äußersten Grenzen nicht hinaus. Dennoch kann der mentale Mensch sich dem öffnen, was jenseits seiner liegt: Er kann ein supramentales Licht und eine supramentale Wahrheit und Macht herabrufen, auf dass sie in ihm wirken und das tun, was das Mental nicht vermag. Wenn das Mental nicht aus eigener Anstrengung zu dem werden kann, was jenseits seiner liegt, so kann doch das Supramental herabkommen und das Mental in seine eigene Substanz umwandeln.

Wenn umsichtige Einwilligung und wachsame Hingabe des Menschen der supramentalen Macht ermöglichen, entsprechend ihrer eigenen tiefen und klaren Einsicht und vielseitigen Macht zu handeln, wird diese früher oder später eine göttliche Umwandlung unserer derzeit unvollkommenen Natur bewirken.

Nur wenn Mental, Leben und Körper die bewusste integrale Hingabe an das Göttliche gelernt haben, kann der Weg des Yoga leicht, gerade, schnell und sicher sein. Und es muss eine Hingabe an das Göttliche und nur an das Göttliche sein, eine Öffnung zum Göttlichen hin und zu nichts anderem. Es ist nämlich einem verdunkelten Mental und einer unreinen Lebenskraft in uns möglich, sich ungöttlichen und feindlich gesinnten Kräften zu übergeben, ja sogar solche Kräfte für das Göttliche zu halten. Es kann keinen verhängnisvolleren Irrtum geben. Deshalb darf unsere Hingabe keine blinde und widerstandslose Passivität allen Einflüssen oder jedem beliebigen Einfluss gegenüber sein. Vielmehr hat sie aufrichtig, bewusst und wachsam an das Eine und Höchste allein gerichtet zu sein.

Selbsthingabe an die göttliche und unendliche Mutter, so schwierig sie auch sein mag, bleibt unser einziges wirksames Mittel und unsere einzige dauerhafte Zuflucht. Selbsthingabe an Sie bedeutet, dass unsere Natur ein Werkzeug in Ihren Händen ist und unsere Seele ein Kind in den Armen der Mutter.

Kapitel 4

Die Göttliche Mutter und ihre Verkörperung

Die Göttliche Mutter ist das Bewusstsein und die Kraft des Göttlichen – das die Mutter aller Dinge ist.

Als die ursprüngliche transzendente Shakti steht die Mutter über allen Welten und hält das Höchste Göttliche in ihrem ewigen Bewusstsein. Allein, birgt sie in sich die absolute Macht und die unbeschreibliche Gegenwart; die zu offenbarenden Wahrheiten in sich tragend oder rufend, bringt sie diese aus dem Mysterium, wo sie verborgen waren, herab in das Licht ihres unendlichen Bewusstseins und gibt ihnen eine Form der Kraft in ihrer allvermögenden Macht und ihrem grenzenlosen Leben und einen Körper im Universum. Der Höchste ist in ihr auf ewig manifestiert als das immerwährende Sachchidananda, ist durch sie in den Welten offenbart als das eine und das duale Bewusstsein von Ishwara-Shakti und als das duale Prinzip von Purusha-Prakriti, ist verkörpert durch sie in den Welten und auf den Ebenen und den Göttern und in deren Energien, und dargestellt durch sie als alles, was es in den bekannten Welten und in anderen unbekannten gibt. Alles ist ihr Spiel mit dem Höchsten; alles ist ihre Offenbarung der Mysterien des Ewigen, der Wunder des Unendlichen. Alles ist sie, denn alles ist Teil und Bestand der göttlichen Bewusstseinskraft.

Ihre Verkörperung ist eine Chance für das Erdbewusstsein, das Supramental in sich zu empfangen und dazu zunächst die Transformation zu durchlaufen, die das ermöglicht. Danach wird eine weitere Umwandlung durch das Supramental geschehen, das gesamte Erdbewusstsein wird jedoch nicht supramentalisiert werden – erst wird es eine neue Menschenart geben, die das Supramental repräsentiert, ähnlich wie der Mensch das Mental repräsentiert.

Teil 3 ÜBER SOZIOLOGIE

  1. 1. Sri Aurobindo über Religion
  2. 2. Wie die Gesellschaft das Individuum betrachten sollte
  3. 3. Der Schlüssel zu menschlicher Einheit
  4. 4. Sri Aurobindos Botschaft an das freie Indien

Seite 2 von 3

  • 1
  • 2
  • 3
Copyright © 2026 Sri Aurobindo Digital Edition. Alle Rechte vorbehalten.
Joomla! ist freie, unter der GNU/GPL-Lizenz veröffentlichte Software.