Kapitel 1
Sri Aurobindo über Religion
Das spirituelle Leben (adhyatma jivana), das religiöse Leben (dharma jivana) und das gewöhnliche menschliche Leben, zu dem die Moral gehört, sind drei grundverschiedene Dinge, und man muss wissen, was man will, und darf diese drei nicht miteinander verwechseln. Das gewöhnliche Leben ist das des durchschnittlichen menschlichen Bewusstseins, von seinem wahren Selbst und vom Göttlichen getrennt und gelenkt von den üblichen Gewohnheiten des Mentals, Lebens und Körpers, von den Gesetzen der Unwissenheit. Das religiöse Leben ist eine Bewegung des gleichen unwissenden menschlichen Bewusstseins, das sich von der Erde abwendet oder abzuwenden versucht, dem Göttlichen zu, doch bislang ohne Erkenntnis und von den dogmatischen Lehren und Regeln einer Sekte oder eines Glaubensbekenntnisses gelenkt, die Anspruch darauf erheben, den Weg aus den Banden des Erdbewusstseins in irgendein glückseliges Jenseits gefunden zu haben. Das religiöse Leben mag die erste Annäherung an das spirituelle sein, doch sehr häufig ist es nur ein auswegloses Umherwandern in einem Kreis von Riten, Zeremonien und Praktiken oder von starren Ideen und Formen. Das spirituelle Leben hingegen schreitet direkt durch eine Bewusstseinsveränderung fort, eine Veränderung des gewöhnlichen Bewusstseins, das unwissend und von seinem wahren Selbst und Gott getrennt ist, in ein größeres Bewusstsein, in dem man sein wahres Wesen findet und zuerst mit dem Göttlichen in einen direkten und lebendigen Kontakt tritt und dann zu einer Einung mit ihm gelangt. Für den spirituellen Sucher ist diese Bewusstseinsveränderung das eine, das er sucht, und nichts anderes zählt für ihn.
Moral ist ein Teil des gewöhnlichen Lebens. Sie ist ein Versuch, das äußere Verhalten durch gewisse mentale Regeln zu lenken oder den menschlichen Charakter mit Hilfe dieser Regeln dem Vorbild eines gewissen mentalen Ideals anzupassen. Das spirituelle Leben überschreitet das Mental. Es tritt in das tiefere Bewusstsein des Geistes ein und handelt aus der Wahrheit des Geistes. Was die Frage des ethischen Lebens anbelangt und das Erfordernis, Gott zu erkennen, hängt das davon ab, was mit der Erfüllung der Lebensziele gemeint ist. Wenn das Erlangen des spirituellen Bewusstseins dazugehört, wird dir das die bloße Moral nicht geben.
Man muss wohl zwei Aspekte der Religion unterscheiden: wahre Religion und Religiosität. Wahre Religion ist spirituelle Religion. Sie sucht im Geist zu leben, jenseits des Verstandes, der Ästhetik, des ethischen und praktischen Seins des Menschen, und sie erstrebt, diese Glieder unseres Seins mit dem höheren Licht und Gesetz des Geistes zu erfüllen und zu lenken. Religiosität dagegen verschanzt sich hinter enger, pietistischer Erhöhung der niederen Glieder oder misst intellektuellen Dogmen, Formen und Zeremonien, einem festgelegten und strengen Moralkodex, einem religiös-politischen oder religiös-sozialen System übertriebenen Wert bei. Wohl sollten alle diese Dinge keineswegs vernachlässigt werden, da sie nicht im Geringsten wertlos oder unnötig sind. Auch sollte eine spirituelle Religion die Hilfe von Formen, Zeremonien, Glaubenssätzen oder Systemen nicht missachten. Im Gegenteil, die Menschheit bedarf ihrer, da ihre niederen Glieder erschüttert und erhoben werden müssen, ehe sie spiritualisiert werden, ehe sie den Geist unmittelbar fühlen und seinem Gesetz gehorchen können. Der denkende und überlegende Verstand bedarf oft einer intellektuellen Formel, einer Form oder Zeremonie für das ästhetische Temperament oder für andere Teile des vorrationalen Seins, eines Moralkodex für die vitale Natur des Menschen in ihrer Hinwendung zum inneren Leben. Aber all dies kann nur Hilfe und Stütze sein, ist nicht das Wesen selbst. Eben weil es den rationalen und vorrationalen Teilen zugehört, kann es nichts anderes sein. Stützt man sich allzu sehr auf diese Formen, können sie sogar das überrationale Licht verdunkeln. So wie sie sind, müssen sie dem Menschen angeboten und von ihm benutzt, nicht aber dürfen sie ihm mit unbeugsamem Willen als einziges Gesetz aufgezwungen werden. In ihrer Anwendung sind Toleranz und die Freiheit der Veränderung die oberste Regel. Der spirituelle Gehalt der Religion ist das einzige und höchst Notwendige, an dem wir festhalten müssen und dem wir jedes andere Element oder Motiv unterordnen sollten.