Kapitel 18
Japaner und Ärger
Worte Sri Aurobindos
Es ist ihre alte Kultur – die hervorragende Organisation und Disziplin der Samurai, die sich auf das ganze Volk erstreckt hat. Diese Disziplin besteht in großer Selbstkontrolle und Aufopferung bei dem Ruf der Pflicht. Ein Japaner lebt für den Mikado oder sein Land; in Japan kann es keinen Verräter geben. Dann zeigen sie großes Durchhaltevermögen; es gibt nirgendwo Schreien und Brüllen; wenn sie wütend sind, mögen sie ihren Feind töten, werden aber ihren Zorn auf keine andere Weise ausleben. Was immer du tun musst, tue es ohne zu sprechen oder damit zu prahlen. Während des letzten großen Brandes gingen vierzigtausend Menschen gefasst in den Tod, aber von Flammen umgeben zeigten sie keine Ungeduld, – sie sangen Hymnen und starben gefasst, alle diese Vierzigtausend! Wenn jemand stirbt, wird niemand wehklagen. Angesichts der Pflicht erfüllen sie sie oder begehen Selbstmord.
Kapitel 19
Theons Ärger
Worte der Mutter
Satprem erinnert sich, dass Mutter ihm vor einigen Jahren über die Umstände dieses Vorfalls berichtet hatte: während ihrer Arbeit in Trance entdeckte Mutter den Ort des ‚Mantra des Lebens‘, – des Mantras, welches die Macht besitzt Leben zu erschaffen (und ebenfalls – es zurückzunehmen). Theon, eine Inkarnation des Asuras des Todes, war natürlich ziemlich daran interessiert und forderte Mutter auf, dieses Mantra für ihn zu wiederholen. Mutter weigerte sich. Theon wurde furchtbar ärgerlich, und die Verbindung wurde gekappt (der Link, der Mutter mit ihrem Körper verband). Als er die Katastrophe erkannte, die sein Ärger verursacht hatte, bekam Theon Angst (weil er wusste, wer die Mutter war), und, wie Mutter erzählte, benutzte er all seine Kraft um ihr zu helfen, wieder in ihren Körper zurückzukommen. Später gab Mutter dieses Mantra Sri Aurobindo, … der es ruhig in Vergessenheit geraten ließ. Denn das Geheimnis des Lebens (oder Todes) wird nicht durch ein Mantra beherrscht, sondern durch Kenntnis der wahren Kraft, – mit anderen Worten – letztendlich der Kenntnis der Gegebenheiten von Materie und des Mechanismus des Todes (es ist der ganze Yoga der Zellen von Sri Aurobindo und Mutter).
(Es war in Tlemcen, in Algerien. Während Mutter in Trance war, verursachte Theon durch eine ärgerliche Regung die Kappung des Links, der Mutter mit ihrem Körper verband. Er war ärgerlich, weil Mutter, die sich in einer Region befand, in der sie das ‚Mantra des Lebens‘ sah, sich weigerte, ihm dieses Mantra zu nennen. Angesichts des unermesslichen Resultats seines Ärgers fing Theon sich wieder, und es brauchte all Mutters Kraft und Theons ganzes okkultes Wissen, um Mutter wieder in ihren Körper eintreten zu lassen, – was eine sehr schmerzvolle Friktion im Moment ihres Wiedereintritts verursachte, vielleicht die Art Reibung, die neugeborene Kinder schreien lässt.)
Einmal, als ich mit Theon in Tlemcen war (dies fand zweimal statt, aber ich bin mir über das zweite Mal nicht sicher, weil ich allein war), befand sich mein Körper in einem kataleptischen Zustand und ich war in einer bewussten Trance… Es war eine bestimmte Art von Katalepsie in dem Sinne, dass mein Körper sprechen konnte, obschon sehr langsam, – Theon hatte mich dies gelehrt. Es ist möglich, weil das ‚Leben der Form‘ immer bleibt (es benötigt sieben Tage, um den Körper zu verlassen), und es kann sogar darin trainiert werden, den Körper zu bewegen. – Das Wesen ist nicht länger da, aber das Leben der Form veranlasst den Körper sich zu bewegen (auf alle Fälle Worte zu äußern). Jedoch ist dieser Zustand nicht gefahrlos, wie sich zeigte, als ich in Trance arbeitete. Und die Schnur – ich weiß nicht, wie ich sie nennen soll – aus irgendeinem Grund (an den ich mich nicht länger erinnere, für den aber offensichtlich eine Nachlässigkeit Theons, der anwesend war um über mich zu wachen, verantwortlich war) gekappt wurde! Die Verbindung wurde übelwollend zerrissen, und als es Zeit war, und ich in meinen Körper zurückkehren wollte, konnte ich nicht wieder in ihn eintreten. Aber ich konnte ihn immer noch warnen: ‚Die Schnur ist zerrissen‘. Dann setzte er seine Macht und sein Wissen ein, um mir beim Wiedereintreten zu helfen, – aber es war kein Spaß! Es war sehr schwierig. Und es war hier, dass ich die Erfahrung der zwei verschiedenen Zustände hatte, weil der Teil, der hinausgegangen war, jetzt keine Unterstützung des Körpers hatte, – der Link war gekappt. Dann wusste ich. Natürlich, ich befand mich in einem besonderen Zustand; ich führte mit meiner ganzen vitalen Kraft eine vollständig bewusste Arbeit aus und hatte nicht nur die Kontrolle über meine Umgebung, sondern… Du siehst, was geschieht, ist eine Art Umkehrung des Bewusstseins: du fängst an zu einer anderen Welt zu gehören; du fühlst es ganz deutlich. Theon forderte mich sofort auf mich zu konzentrieren (ich fand es sehr interessant – Mutter lacht, – ich machte Experimente und bereitete mich darauf vor abzuwandern, aber er hatte schreckliche Angst, dass ich seinetwegen sterben würde!). Er bat mich, mich zu konzentrieren, deshalb konzentrierte ich mich auf meinen Körper.
Als ich wieder in ihn eintrat, schmerzte es furchtbar – ein unerträglicher Schmerz wie ein Abtauchen in eine Hölle.
In eine…?
In eine Hölle (Mutter lacht).
Es war schrecklich. Es dauert nicht lange an.
Er ließ mich ein halbes Glas Cognac trinken (immer ließ er mich täglich nach der Trance etwas trinken, weil ich für mehr als eine Stunde in Trance arbeitete, was normalerweise eine verbotene Praxis ist). Nach wie vor bin ich mir ziemlich sicher, dass dies mit jemand anderem als mir und ihm das Ende gewesen wäre. Ich wäre nicht wieder hineingekommen.
Worte der Mutter
Es war nicht beim ersten Mal; als ich mit Theon in Tlemcen arbeitete (beim zweiten Mal dort), stieg ich in das totale, unpersönliche – das heißt unindividualisierte – Nichtbewusste hinab (es war zu der Zeit, als er mich aufforderte das Mantra des Lebens zu finden). Und dort fand ich mich vor etwas Gewölbeähnlichem oder einer Grotte wieder (natürlich ähnelte es diesen nur), und als sich eine Öffnung auftat, sah ich ein Wesen aus irisierendem Licht, das zurückgelehnt, mit dem Kopf auf der Hand fest schlief. Alles Licht um es herum irisierte. Als ich Theon erzählte, was ich sah, sagte er, es sei ‚der immanente Gott in den Tiefen des Nichtbewussten‘, der durch seine Ausstrahlungen langsam das Nichtbewusste zu Bewusstsein erweckte.
Aber dann ereignete sich ein bemerkenswertes Phänomen: als ich ihn anschaute, wachte er auf, öffnete seine Augen und zeigte das Beginnen bewussten, wachen Handelns.
Ich habe den Abstieg in das Nichtbewusste viele Male erlebt (du erinnerst dich: eines Tages warst du da, als es geschah, – es hatte mit göttlicher Liebe zu tun). Diese Erfahrung des Hinabsteigens bis auf den Grund des Nichtbewussten und das Finden des Göttlichen Bewusstseins, der Göttlichen Gegenwart dort, in der einen oder anderen Form. Es ist ziemlich häufig geschehen.
Aber ich kann nicht sagen, dass es mein Vorgehen ist, zuerst dorthin hinabzusteigen, wie du schreibst. Vielmehr kann dies nur die Vorgehensweise sein, wenn du SCHON bewusst und identifiziert bist; dann ZIEHST DU die Kraft HERAB (‚man veranlasst sie herab zu kommen‘, wie Sri Aurobindo sagt) für die Transformation. Dann treibt man mit dieser Transformierung [die Kraft wie einen Drill] in die Tiefe. Die Beschreibung der Rishis von dem, was als Nächstes passiert, ist absolut wahr: ein gewaltiger Kampf bei jedem Schritt. Und es würde wohl unmöglich sein, den Kampf zu wagen, ohne vorher die Verbindung nach oben erfahren zu haben.
Worte der Mutter
Theon war der Vibhuti des Gottes des Todes.
Es ist eine wundervolle Geschichte, die vielleicht eines Tages erzählt werden wird, … wenn es keine Asuras mehr gibt. Dann kann sie erzählt werden.
Jedenfalls war Theon der Anlass, dass ich das ‚Mantra des Lebens‘ entdeckte, das Mantra, welches Leben verleiht. Und er wollte, dass ich es ihm mitteilte, er wollte es unbedingt haben, – es war etwas Gewaltiges! Es war das Mantra, das Leben gibt (es kann jedermann wieder zum Leben erwecken, aber das ist nur ein kleiner Teil seiner Macht). Und es war an einem besonderen Ort eingeschlossen, versiegelt, mit meinem Namen in Sanskrit darauf. Ich kannte Sanskrit zu der Zeit nicht, aber er schon; und als er mich zu jenem Ort leitete, erzählte ich ihm, was ich sah: ‚Es gibt dort ein bestimmtes Design, es muss Sanskrit sein.‘ (Ich konnte die Lettern als Sanskrit erkennen.) Er sagte mir, ich solle erklären, was ich dort sah, und ich tat es. Es war mein Name, Mirra, in Sanskrit geschrieben. – Das Mantra war für mich bestimmt, und nur ich konnte es öffnen. ‚Öffne es und sage mir, was dort steht‘, sagte er. (Dies alles geschah, während ich mich in einer kataleptischen Trance befand.) Sofort WUSSTE dann etwas in mir, und ich antwortete: ‚Nein‘ und las es ihm nicht vor.
Ich fand es wieder, als ich bei Sri Aurobindo war, und ich gab es Sri Aurobindo.
Aber das ist noch eine andere Geschichte.
Kapitel 20
Übertragung von Ärger
Worte der Mutter
Jetzt bleibt nur noch das Phänomen der Ansteckung (Ansteckung durch Viren oder Bakterien). Wie die Erfahrung zeigt, scheinen Phänomene psychischer Störungen – aller psychischen Störungen – die gleiche Ansteckungskraft zu haben wie eine infektiöse Krankheit und wie alle Viren und Keime (z.B. Pest, Cholera et cetera). Es gibt psychische Ansteckung durch seelische Zustände: Zustände von Rebellion oder Gewalt, Ärger UND DEPRESSION sind gleichermaßen ansteckend, es ist ein ähnliches Phänomen. Deshalb – weil es ein ähnliches Phänomen ist – kann es gemeistert werden. Es ist einfach eine Frage der Benennung: wir nennen sie „Krankheiten“ (aber jene [psychische Ansteckungen] können ebenfalls Krankheiten genannt werden) oder wir können ihnen jeden Namen geben, den wir wollen. Es ist eine Frage der Benennung, das ist alles. Aber es ist vergleichbar, es ist dieselbe Sache: es ist eine Öffnung für Störungen und Aufruhr. Wir können es nennen, wie wir wollen. Nur ereignet es sich in einem anderen Schwingungsfeld. Aber der Charakter ist identisch.
Kapitel 21
Ärger in einer Rose
Worte der Mutter
Etwas sehr Amüsantes ist mir mit Blumen passiert. Ich hatte Rosen arrangiert; ich hatte Rosen ausgewählt, um sie Leuten zu geben, und als sie kamen, nahm ich eine Rose, die ich beiseite gelegt hatte. Aber sie war schon zu weit geöffnet, sie sah nicht mehr so schön aus. Deshalb schaute ich sie noch einmal an und überlegte: „Ist sie schön genug, um gegeben zu werden?“ Ich hielt sie locker in der Hand, so, auf diese Weise…. Mein Kleiner, direkt unter meinen Augen drehte sie sich herum und stach mir einen Dorn in den Finger!
Ich hatte ein anderes Erlebnis, ein sehr amüsantes. Du weißt, dass ich Hibiskusblumen dort unter die Lampe stelle. Ich hatte zwei Blumen „Supramentales Bewusstsein“ und eine andere, blassrosa, „Supramentale Schönheit“ dort arrangiert, unter der Lampe. Dann schickte mir jemand eine „Kraft“, einen große Hibiskusblume, ganz weiß, mit einer dunkelroten Mitte, – wunderschön! So groß. Ich stellte sie dazu; die andere Blume (sie hielt sich sehr gut, sie hatte den ganzen Morgen gehalten), … sie fiel sofort herunter, zornig, – sie „fiel“ nicht, sie warf sich einfach auf den Boden!
Ich habe das bemerkt: Eifersucht unter Blumen. Einige Rosen welken sofort, wenn du andere Blumen dazustellst.
Aber es ist das erste Mal, dass ich Zorn gesehen habe.
Und das Beste an der Geschichte ist, dass ich die Rose behalten und dann weitergegeben habe! (Lachend) Sie bekam das, was sie wollte!
Es gibt jemanden, dem ich Blumen schicke und der mir jeden Tag Blumen schickt, jemand der ernsthaft Yoga praktiziert. Er schrieb mir (er schickt mir einige dieser goldenen Hibiskusblumen, „Supramentale Schönheit“), – er schrieb mir, dass er zu einer dieser Blumen sagte: „Du wirst Mutter sehen“, und die Blume lächelte. Sie öffnete sich weit, sie war glücklich und sie lächelte. „Sie lächelte mich an“, sagte er.
Ich weiß nicht, ob es unsere Wahrnehmung ist, die Fortschritte macht, oder ob es so ist, wie Sri Aurobindo sagte: „Wenn die supramentale Kraft auf die Erde kommt, wird es ÜBERALL eine Antwort geben.“ Dies scheint mir so zu sein, weil diese Blumen so voller Schwingungen und Leben sind. Morgens arrangiere ich sie immer (es ist eine Arbeit, für die ich etwa eine dreiviertel Stunde brauche, es sind mehr als hundert Blumen in verschiedenen Vasen, die ich arrangieren muss. Und jedem gebe ich eine bestimmte Blumensorte, – ich arrangiere das alles). Und einige Blumen in den Vasen sagen: „Ich!“ … Und es sind genau die, die ich brauche. Sie rufen mir zu, um zu sagen: „Ich!“ … Aber das ist nicht neu, denn als ich in Japan war, hatte ich einen großen Garten, von dem ich einen Teil kultiviert hatte, um Gemüse anzupflanzen. Am Morgen würde ich herunter in den Garten gehen und die Pflanzen holen, die an dem Tag gegessen werden sollten, und einige hier, da und dort (deutende Geste) würden sagen: „Ich! Ich! Ich!“ Auf diese Art. Dann würde ich hingehen und sie pflücken. Sie riefen mich buchstäblich, sie riefen mich.
Das war vor langer Zeit, neunzehnhundert und…. Wann war es? Es war 1916-17, das war… vor vierzig Jahren.
Fünfzig.
(Mutter lacht) Vor fünfzig Jahren!
Aber jetzt, morgens, brauche ich überhaupt nicht nachzudenken, – einfach still sein, und wenn ich mich den Blumen zuwende, sagen sie „Ich! Ich!…“ Trotzdem bin ich überrascht, ich sage: „Wunderbar, genauso wollte ich es!“
Kapitel 22
Matteo tötete mich dreimal fast
Worte der Mutter
(Bei einer anderen Gelegenheit erzählte Mutter Sujata mehr über diese drei Situationen, in denen ihr Bruder sie fast getötet hätte: „Eines Tages spielten wir Kricket. Und entweder, weil er geschlagen worden war oder aus einem anderen Grund, wurde er wütend und schlug mich heftig mit seinem Schläger. Glücklicherweise kam ich mit einem kleinen Kratzer davon. Ein anderes Mal warf er einen großen Stuhl nach mir, als wir in einem Zimmer saßen, – ich duckte mich gerade noch rechtzeitig, und der Stuhl flog über meinen Kopf. Beim dritten Mal stieß er mich unter die Kutsche, als wir von ihr heruntersteigen wollten. Glücklicherweise bewegte sich das Pferd nicht.“)
Mein Bruder war ein furchtbar ernster Junge und erschreckend gelehrtenhaft, – oh, es war grässlich! Aber er hatte auch einen sehr starken Charakter, einen starken Willen, und es war etwas Interessantes an ihm. Als er für die Polytechnische Hochschule studierte, studierte ich mit ihm, – es interessierte mich. Wir standen uns sehr nahe (es lagen nur achtzehn Monate zwischen uns). Er war ziemlich wild, aber von außerordentlicher Charakterstärke. Er tötete mich dreimal beinahe, aber als meine Mutter zu ihm sagte: ‚Beim nächsten Mal wirst du sie umbringen‘, beschloss er, dass es nicht noch einmal passieren sollte, – und so war es auch.