Kapitel 25
Erzählungen über Selbstkontrolle
Worte der Mutter
Ein wildes Pferd kann gezähmt werden, aber einem Tiger legt man niemals Zaumzeug an. Warum ist das so? Weil es in einem Tiger eine böse, grausame und unverbesserliche Kraft gibt, können wir niemals etwas Gutes von ihm erwarten und müssen ihn vernichten, um ihn davon abzuhalten, Schaden anzurichten.
Aber andererseits kann das wilde Pferd, wie widerspenstig und launisch es anfangs auch sein mag, mit ein bisschen Mühe und Geduld kontrolliert werden. Mit der Zeit lernt es zu gehorchen und uns sogar zu lieben, und zum Schluss wird es von sich aus sein Maul für den Happen öffnen, der ihm gegeben wird.
Auch in den Menschen gibt es rebellische und widerspenstige Wünsche und Impulse, aber diese Dinge sind selten so unkontrollierbar wie der Tiger. Öfter ähneln sie einem wilden Pferd: um gebrochen zu werden, brauchen sie einen Zaum; und das beste Zaumzeug ist das, welches du dir selber anlegst, – dasjenige, das Selbstkontrolle genannt wird.
Hussein war der Enkel des Propheten Mohammed. Sein Haus war wunderschön und seine Börse gut gefüllt. Wer immer ihn beleidigte, verärgerte einen reichen Mann. Und der Ärger der Reichen wiegt schwer.
Eines Tages ging ein Sklave, der einen Topf kochenden Wassers trug, an Hussein vorbei, der beim Mahl saß. Unglücklicherweise spritzte etwas Wasser auf den Enkel des Propheten, welcher wütend aufschrie.
Während er auf die Knie fiel, war der Sklave so geistesgegenwärtig, einen geeigneten Vers des Korans zu zitieren:
„Das Paradies gehört jenen, die ihren Ärger zügeln“, sagte er.
„Ich bin nicht ärgerlich“, brach es aus Hussein hervor, der von diesen Worten berührt war.
„… und jenen, die den Menschen vergeben“, fuhr der Sklave fort.
„Ich vergebe dir“, sagte Hussein.
„… denn Allah liebt die Barmherzigen“, fügte der Diener hinzu.
Im Laufe dieses Gesprächs war aller Ärger Husseins verschwunden. Ganz im Frieden mit sich selbst ließ er den Sklaven sich erheben und sagte:
„Von nun an bist du frei. Hier, nimm diese vierhundert Silberstücke.“
Auf diese Weise lernte Hussein sein Temperament zu zügeln, welches ebenso großmütig wie ungeduldig war. Da sein edler Charakter weder böse noch grausam war, war er wert beherrscht zu werden.
Deshalb …, wenn eure Eltern oder Lehrer euch manchmal auffordern eure Natur zu zähmen, ist es nicht, weil sie eure Fehler, ob groß oder klein, für nicht korrigierbar halten, sondern im Gegenteil: weil sie wissen, das euer schneller und feuriger Geist wie ein junges Vollblutpferd ist, das unter Kontrolle gehalten werden muss.
Wenn du die Wahl hättest, in einer heruntergekommenen Hütte oder in einem Palast zu leben, was würdest du wählen? Den Palast, sehr wahrscheinlich.
Uns wird erzählt, dass Mohammed bei einem Besuch im Paradies große Paläste sah, die auf einer Anhöhe gebaut waren, von der die gesamte Landschaft überschaut werden konnte.
„Oh Gabriel“, sagte Mohammed zu dem Engel, der ihm all diese Dinge zeigte, „für wen sind diese Paläste?“ Der Engel antwortete:
„Für diejenigen, die ihren Ärger beherrschen und Beleidigungen vergeben können.“
Nun, ein friedvoller Geist, frei von Groll, ist in der Tat wie ein Palast, doch ein rachsüchtiger, aufgewühlter Geist dagegen nicht. Unser Denken ist ein Haus, das wir, wenn wir es wollen, rein, süß und heiter machen können, voll von harmonischen Klängen; aber wir können es auch zu einer dunklen und fürchterlichen Höhle mit traurigen Geräuschen und misstönenden Schreien werden lassen.
In einer Stadt im Norden Frankreichs sah ich einmal einen Jungen, der eine offene Natur hatte, aber ungestüm war und immer bereit, hitzig zu werden. Ich sagte eines Tages zu ihm:
„Was ist für einen starken Jungen wie dich schwieriger, einen Schlag mit einem Schlag zu vergelten und deine Faust in das Gesicht eines Freundes, der dich beleidigt, fliegen zu lassen, oder in jenem Moment deine Faust in deiner Tasche zu halten?“
„Sie in meiner Tasche zu halten“, antwortete er.
„Und was ist eines tapferen Jungen wie dir würdiger: das Leichtere zu tun oder das Schwierigere?“
„Das Schwierigere“, sagte er nach einem Augenblick des Zögerns.
„Nun, versuche es beim nächsten Mal zu tun, wenn du eine Gelegenheit dazu hast.“
Einige Zeit später kam der Junge um mir zu erzählen – nicht ohne berechtigten Stolz, dass er es geschafft hatte, „das Schwierigere“ zu tun. Er sagte:
„Einer meiner Arbeitskollegen, der für seine schlechte Laune bekannt ist, schlug mich in einem Moment der Wut. Weil er weiß, dass ich normalerweise keiner bin, der schnell verzeiht, und dass ich einen starken Arm habe, bereitete er sich darauf vor, sich zu verteidigen. Aber ich erinnerte mich an das, was Ihr mir gesagt hattet. Es war für mich schwerer, als ich dachte, aber ich behielt meine Faust in der Tasche. Sobald ich das tat, spürte ich keinen Ärger mehr in mir, sondern hatte Mitleid mit meinem Freund. Deshalb reichte ich ihm meine Hand. Das überraschte ihn so sehr, dass er mich für einen Augenblick mit offenem Mund ansah, ohne zu sprechen. Dann nahm er meine Hand, schüttelte sie heftig und sagte gerührt: Nun kannst du mit mir machen, was du willst, ich bin für immer dein Freund.“
Der Junge hatte seinen Ärger beherrscht, wie Kalif Hussein es getan hatte.
Aber es gibt noch viele andere Dinge, die gezügelt werden müssen.
Ein arabischer Dichter, Al Kosai, lebte in der Wüste. Eines Tages sah er einen schönen Naba-Baum und machte aus dessen Ästen einen Bogen und einige Pfeile. In der Abenddämmerung brach er auf um wilde Esel zu jagen. Bald hörte er das Getrappel einer vorbeiziehenden Herde. Darum schoss er seinen ersten Pfeil ab. Aber er hatte den Bogen mit solcher Kraft gespannt, dass der Pfeil den Körper eines der Tiere durchschlug und auf einen Felsen in der Nähe traf. Als er das Geräusch von Holz auf Stein hörte, dachte Al Kosai, dass er sein Ziel verfehlt hatte. So schoss er dann seinen zweiten Pfeil ab, und wieder durchschlug der Pfeil einen Esel und traf auf den Stein. Wieder dachte Al Kosai, er hätte sein Ziel verfehlt. Genauso schoss er einen dritten Pfeil ab, und einen vierten und fünften, und jedes Mal hörte er das gleiche Geräusch. Als es da fünfte Mal geschah, zerbrach er voller Wut seinen Bogen.
Bei Tagesanbruch sah er fünf Esel vor dem Felsen liegen.
Wenn er geduldiger gewesen wäre und bis zum Morgen gewartet hätte, hätte er seinen Seelenfrieden und auch seinen Bogen behalten.
Man sollte aber nicht denken, dass wir ein Training sehr schätzen, welches den Charakter schwächt, indem es ihn all seines Tatendrangs und Elans beraubt. Wenn wir einem wilden Pferd Zaumzeug anlegen, wollen wir nicht im Mindesten sein Maul verletzen und ihm die Zähne brechen. Und wenn wir wollen, dass es seine Arbeit gut verrichtet, müssen wir die Zügel fester anziehen um es zu lenken, aber wir dürfen sie nicht so stramm halten, dass es nicht mehr vorwärts gehen kann.
Unglücklicherweise gibt es zu viele schwache Charaktere, die durch ein bloßes Bellen wie Schafe angetrieben werden können.
Es gibt servile und unsensible Naturen, denen Eigenständigkeit fehlt und die langmütiger sind, als sie sein sollten.
Abu Otman al-Hiri war für seine übermäßige Geduld bekannt. Eines Tages wurde er zu einem Fest eingeladen. Als er ankam, sagte der Gastgeber zu ihm: „Du musst entschuldigen, ich kann dich nicht empfangen. Gehe deshalb nach Hause, und möge Allah dir gnädig sein.“
Abu Otman kehrte nach Hause zurück. Kaum war er dort angekommen, erschien sein Freund und lud ihn wieder ein.
Abu Otman folgte seinem Freund bis zu dessen Türschwelle, aber hier hielt der Freund wieder an und entschuldigte sich erneut. Abu Otman ging ohne zu murren.
Dieselbe Szene wiederholte sich ein drittes und viertes Mal, aber zum Schluss ließ ihn sein Freund herein und sagte vor versammelter Gesellschaft zu ihm:
„Abu Otman, ich benahm mich so, um deine Gutmütigkeit zu testen. Ich bewundere deine Geduld und Langmut.“
„Lobe mich nicht“, antwortete Abu Otman, „denn Hunde benehmen sich gleichermaßen brav: sie kommen, wenn sie gerufen werden, und gehen, wenn man sie wegschickt.“
Abu Otman war eine Mensch und kein Hund. Und es konnte nichts Gutes dabei herauskommen, wenn er aus freien Stücken ohne Würde oder guten Grund den Spott seiner Freunde hinnahm.
Hatte nun dieser Mann, der so sanft war, nichts in sich, was er hätte beherrschen müssen? Oh doch, er hatte etwas! Es war etwas, was am Schwersten zu kontrollieren war – die Labilität seines Charakters. Und weil er nicht wusste, wie er sie kontrollieren konnte, beherrschte ihn jeder, wie es ihm gefiel.
Ein junger Brahmane war klug und war sich dessen bewusst. Er wollte seine Talente immer mehr vergrößern, damit jedermann ihn bewunderte. Deshalb reiste er von Land zu Land.
Bei einem Pfeilmacher lernte er Pfeile herzustellen.
Danach lernte er Schiffe zu bauen und zu segeln.
An einem anderen Ort lernte er Häuser zu bauen.
Und wieder woanders erlangte er verschiedene andere Fähigkeiten.
Auf diese Weise besuchte er sechzehn verschiedene Länder. Dann kehrte er nach Hause zurück und erklärte stolz: „Wer auf der Welt ist so geschickt wie ich?“ Lord Buddha sah ihn und wollte ihn eine edlere Kunst lehren, als die, die dieser schon beherrschte. Er nahm die Gestalt eines alten Shramana an und erschien mit einer Almosenschale in seiner Hand vor dem jungen Mann.
„Wer bist du?“ fragte der Brahmacharin.
„Ich bin ein Mann, der seinen eigenen Körper beherrschen kann.“
„Was meinst du damit?“
„Der Bogenschütze kann mit seinen Pfeilen zielen“, antwortete der Buddha. „Der Lotse navigiert das Schiff, der Architekt überwacht den Bau von Häusern, aber der weise Mann beherrscht sich selbst.“
„Auf welche Weise?“
„Wenn er gelobt wird, bleibt sein Geist unberührt, wenn er getadelt wird, bleibt er gleichermaßen unbewegt. Er liebt es dem Richtigen Pfad zu folgen und in Frieden zu leben.“
Kinder mit gutem Willen, ihr sollt ebenfalls lernen euch selbst zu beherrschen, und wenn ein festes Zaumzeug notwendig ist um eure Natur zu beherrschen, beklagt euch nicht.
Ein lebhaftes junges Pferd, das mit der Zeit gut erzogen worden ist, ist von viel größerem Wert, als ein ruhiges Holzpferd, das immer sanft bleiben wird, was du auch tust, und dem du einen Zaum nur zum Spaß anlegst.