Kapitel 8
Freie Entwicklung
Worte der Mutter
Es gibt alle Arten von verschiedenen und sogar entgegengesetzten Theorien. Einige Leute sagen: „Man muss den Kindern ihre eigene Erfahrung lassen, denn durch Erfahrung lernen sie die Dinge am besten.“ Der Gedanke als solcher ist ausgezeichnet; aber in der Praxis sind offenbar einige Einschränkungen notwendig, denn wenn du ein Kind auf einer Mauer gehen lässt, und es fällt und bricht sich ein Bein oder das Genick, so ist die Erfahrung ein wenig grob; oder wenn du es mit Streichhölzern spielen lässt und es sich die Augen versengt, so ist das ein sehr hoher Preis für ein wenig Wissen! Ich habe dies mit … diskutiert. Ich erinnere mich jetzt nicht mehr daran, wer es war … ein Pädagoge, der sich mit Erziehungsfragen beschäftigte. Er war aus England gekommen und hatte seine eigenen Vorstellungen von der Notwendigkeit einer absoluten Freiheit. Ich machte ihm gegenüber diese Bemerkung; dann sagte er: „Man kann aber aus Liebe zur Freiheit das Leben vieler Leute opfern.“ Das ist ein Standpunkt.
Dann gibt es auch das andere Extrem, dass man die ganze Zeit da ist und ein Kind am Experiment hindert, indem man ihm sagt: „Tu dies nicht, sonst wird das passieren“, „Tu das nicht, sonst wird jenes passieren“ – dann wird es am Ende ganz in sich zusammensinken und weder Mut noch Kühnheit im Leben haben, und das ist ebenfalls sehr schlecht.
Es läuft auf folgendes hinaus:
Man soll nie Regeln aufstellen.
Jede Minute muss man sich bemühen, die höchste Wahrheit zur Anwendung zu bringen, die man wahrnehmen kann. Das ist sehr viel schwieriger, aber das ist die einzige Lösung.
Ganz gleich, was du auch tust, lege vorher keine Regeln fest, denn wenn du einmal eine Regel aufgestellt hast, folgst du ihr mehr oder minder blind, und dann kannst du sicher sein, dass du neunundneunzigeinhalbmal in hundert Fällen falsch liegst.
Es gibt nur einen Weg, um richtig zu handeln, und der besteht darin, in jedem Augenblick, in jeder Sekunde, in jeder Bewegung zu versuchen, nur die höchste Wahrheit auszudrücken, die man wahrnehmen kann, und gleichzeitig zu wissen, dass diese Wahrnehmung progressiv sein muss und dass das, was dir jetzt am wahrsten zu sein scheint, es morgen nicht mehr sein wird, und dass sich eine höhere Wahrheit mehr und mehr durch dich ausdrücken muss. Das lässt dir dann keinen Raum mehr, in bequemem tamas (Untätigkeit) zu ruhen.
Worte der Mutter
Ich glaube, es war erst heute, oder es mag gestern gewesen sein, da plädierte ich für das Recht eines jeden Menschen, in der Unwissenheit zu bleiben, wenn es ihm so gefällt – ich spreche nicht von der Unwissenheit vom spirituellen Standpunkt, der Welt der Unwissenheit, in der wir leben, davon spreche ich nicht. Ich spreche von der Unwissenheit entsprechend den klassischen Erziehungsidealen. Ich sage also, wenn es Leute gibt, die nicht lernen wollen und möchten, so haben sie das Recht, nicht zu lernen.
Nur eines müssen wir ihnen sagen: „Du bist jetzt in einem Alter, wo dein Gehirn sich heranbildet. Es wird geformt. Immer, wenn du etwas Neues lernst, entsteht eine kleine Windung in deinem Gehirn. Je mehr du lernst, je mehr du denkst, je mehr du reflektierst, je mehr du arbeitest, desto umfassender und vollständiger wird dein Gehirn in seinen winzig kleinen Windungen. Und da du jung bist, geschieht es am besten jetzt. Daher wählt man allgemein die Jugend als Lernzeit, denn dann ist es unendlich viel einfacher.“…
Und so sage ich: Wenn in diesem Alter einige Kinder kategorisch erklären, „intellektuelle Entwicklung interessiert mich überhaupt nicht, ich will nicht lernen, ich will unwissend bleiben nach Art der Unwissenheit“, so weiß ich nicht, mit welchem Recht man ihnen Studien aufzwingen könnte oder warum es notwendig sein sollte, sie zu standardisieren.
Es gibt jene, die ganz unten sind, und andere, die sich auf einer anderen Ebene befinden. Es gibt Leute, die ganz erstaunliche Fähigkeiten besitzen mögen, und doch keinen Geschmack an intellektueller Entwicklung finden. Man mag sie warnen, dass, wenn sie nicht arbeiten, wenn sie nicht studieren, sie sich vielleicht im Erwachsenenalter in Gesellschaft anderer schämen werden. Doch wenn ihnen dies nichts ausmacht und sie ein nicht-intellektuelles Leben leben möchten, so glaube ich, hat man kein Recht, sie zu zwingen. Das ist mein ständiger Streitpunkt mit den Lehrern an der Schule! Sie kommen und sagen mir: „Wenn sie nicht arbeiten, so werden sie dumm und unwissend sein, wenn sie erwachsen sind.“ Ich antworte: „Wenn es ihnen aber gefällt, dumm und unwissend zu sein, welches Recht habt ihr dann, euch einzumischen?“
Man kann Wissen und Intelligenz nicht obligatorisch machen. Das ist alles.
Was wir den Kindern erklären sollten
Worte der Mutter
Sehr wichtig ist, dass man weiß, was man will. Und dafür ist ein Minimum an Freiheit notwendig. Man darf nicht unter Zwang oder unter einer Verpflichtung stehen. Man muss in der Lage sein, Dinge mit voller Zuwendung zu tun. Wenn du träge bist, wirst du schon erkennen, was es bedeutet, träge zu sein … Wisst ihr, im Leben müssen die Trägen zehnmal mehr als andere arbeiten, denn was sie tun, tun sie schlecht, und so müssen sie es wieder tun. Doch dies sind Dinge, die man durch Erfahrung lernen muss. Man kann sie dir nicht einpflanzen.
Wenn der mentale Geist nicht unter Kontrolle ist, so ist er etwas, was fluktuiert und keine Präzision hat. Wenn man nicht die Gewohnheit hat, ihn zu konzentrieren, so wandert er die ganze Zeit ständig umher. Das geht ohne Unterbrechung so weiter, und er wandert in eine Welt der Verschwommenheit. Und wenn man dann seine Aufmerksamkeit auf etwas richten möchte, so tut es weh! Und bei einer kleinen Anstrengung sagt man dann schon: „Oh, wie ermüdet das, wie schmerzhaft ist es!“ Dann tut man es nicht. Und man lebt in einer Art Nebel. Und dein Kopf ist wie eine Wolke; es ist so, die meisten Gehirne sind wie Wolken: Es ist keine Präzision da, keine Genauigkeit, keine Klarheit, es ist verschwommen – vage und verschwommen. Du hast von den Dingen eher Eindrücke als ein Wissen. Du lebst in einer Annäherung, und du kannst in dir alle Arten von widersprüchlichen Ideen beherbergen, die meist aus Eindrücken, Empfindungen, Gefühlen und Emotionen bestehen – alle Arten von Dingen, die sehr wenig mit Denken zu tun haben und die nichts als ein vages Herumschweifen sind.
Wenn du aber einen genauen, konkreten, klaren, definitiven Gedanken zu einem bestimmten Gegenstand fassen möchtest, so musst du eine Anstrengung unternehmen, dich sammeln, fest bei der Sache sein, dich konzentrieren. Das erste Mal, wenn du es tust, tut es wortwörtlich weh, es ermüdet! Wenn du aber nicht eine Gewohnheit daraus machst, wirst du dein ganzes Leben in Unentschlossenheit verbringen. Und wenn praktische Dinge auf dich zukommen, wenn du konfrontierst wirst mit … – denn trotz allem wird man immer konfrontiert mit einer Anzahl von Problemen, die zu lösen sind, von einer sehr praktischen Art, dann wirst du, anstatt in der Lage zu sein, die Elemente des Problems aufzunehmen, sie alle nebeneinander zu stellen, die Frage von jeder Seite zu betrachten und dich dann darüber zu erheben und die Lösung zu sehen –, dann wirst du stattdessen in den Strudeln einer ungewissen Grauzone herumgewirbelt, und es wird sein wie zahlreiche Spinnen, die in deinem Kopf herumwandern –, aber es wird dir nicht gelingen, die Sache beim Schopf zu packen.
Ich spreche hier ja von den einfachsten Problemen; ich spreche nicht davon, das Schicksal der Welt oder der Menschheit zu entscheiden, oder selbst eines Landes – nichts dergleichen. Ich spreche von den Problemen deines täglichen Lebens. Sie werden zu etwas recht Verworrenem.
Um dies nun zu vermeiden, sagt man dir, wenn dein Gehirn sich heranbildet: „Anstatt zuzulassen, dass es durch solche Gewohnheiten und Eigenschaften geformt wird, versuche, ihm ein wenig Genauigkeit zu geben, Präzision, Konzentrationsvermögen, die Fähigkeit, eine Wahl zu treffen, zu entscheiden, die Dinge in Ordnung zu bringen; versuche, deinen Verstand zu gebrauchen.“
Natürlich versteht es sich, dass der Verstand nicht die höchste Fähigkeit des Menschen ist und überstiegen werden muss, aber es ist ganz klar, dass, wenn du ihn nicht besitzt, du ein ganz und gar inkohärentes Leben leben wirst. Du wirst nicht einmal in der Lage sein, dich rational zu verhalten. Die geringste Sache wird dich völlig aus der Ruhe bringen und du wirst nicht einmal wissen, warum, und noch weniger, wie du dem abhelfen kannst. Demgegenüber kann jemand, der sich ein aktives, klares Vernunftdenken erarbeitet hat, Attacken aller Arten ins Gesicht schauen, emotionalen Attacken oder Prüfungen welcher Art auch immer; denn Leben besteht ganz aus diesen Dingen – Unerfreuliches, Ärgerliches –, die klein sind, aber proportional dem, der sie fühlt, und so natürlich von ihm als sehr groß empfunden, weil sie ihm proportional sind. Der Verstand aber kann ein wenig von den Dingen Abstand nehmen, lächeln und sagen: „Oh nein, wegen einer solchen Trivialität soll man nicht so viel Theater machen.“
Wenn du keinen Verstand hast, wirst du wie ein Korken auf stürmischer See sein. Ich weiß nicht, ob der Korken unter seinem Zustand leidet, aber es scheint mir nicht ein sehr glücklicher zu sein.
So verhält sich das also.
Nachdem ich nun all dies gesagt habe –, und ich habe es euch nicht nur einmal gesagt, sondern viele Male, und ich bin bereit, es euch wieder zu sagen, so oft ihr wollt –, nachdem ich dies gesagt habe, halte ich es für richtig, euch volle Freiheit zu geben, zu wählen, ob ihr der Korken auf der stürmischen See sein möchtet oder ob ihr eine klare, genaue Wahrnehmung und hinreichendes Wissen der Dinge erlangen wollt, um in der Lage zu sein, zu gehen nach – nun, einfach dahin, wohin ihr gehen wollt.
Denn es gibt eine Klarheit, die unerlässlich ist, wenn man in der Lage sein will, auch nur dem Pfad zu folgen, den man gewählt hat. Es ist keineswegs mein Anliegen, dass ihr zu Gelehrten werden sollt, ganz gewiss nicht! Denn dann fällt man in das andere Extrem: man füllt seinen Kopf mit so vielen Dingen, dass kein Raum mehr da ist für das höhere Licht; aber es gibt ein Minimum, das unerlässlich ist, um nicht … nun, um nicht der Korken zu sein.
Kapitel 9
Kleine Kinder sind wunderbar!
Worte der Mutter
Kleine Kinder sind wunderbar. Es genügt völlig, sie mit Dingen zu umgeben und sich selbst zu überlassen. Misch dich nie ein, außer wenn es absolut notwendig ist. Und lass sie für sich sein. Und schelte sie nie.
Worte der Mutter
Bis zum Alter von sieben Jahren sollten Kinder sich vergnügen. Die Schule sollte ganz ein Spiel sein, und sie lernen, indem sie spielen. Indem sie spielen, entwickeln sie Interesse zu lernen, das Leben kennenzulernen und zu verstehen. Das System ist nicht so wichtig. Der Lehrer sollte nicht etwas sein, was man zwangsweise erträgt. Er sollte immer der Freund sein, den du liebst, denn er hilft dir und unterhält dich.
Worte der Mutter
Wenn man den Kindern schon in sehr jungem Alter beibringt, Ordnung zu halten, Gegenstände nach ihrer Art zu klassifizieren usw., so gefällt ihnen das sehr, und sie lernen sehr gut. Dies ist eine wunderbare Gelegenheit, ihnen guten Unterricht in Ordnung und Aufbewahrung zu geben, praktischen, effektiven Unterricht, nicht Theorie.
Versucht es, und die Kinder werden euch sicher helfen, die Dinge an ihren Platz zu bringen.
Worte der Mutter
Es ist klar, dass das Kind, bis es sich zumindest ein wenig seiner selbst bewusst wird, einer gewissen Regel unterworfen werden muss, denn es hat noch nicht die Fähigkeit, für sich selbst eine Wahl zu treffen.
Das Alter ist sehr unterschiedlich; es hängt von den Leuten ab, von jedem Individuum. Aber wir wissen, dass man in den sieben Jahren zwischen sieben und vierzehn beginnt, das Alter der Vernunft zu erreichen. Wenn man Hilfe empfängt, kann man zwischen sieben und vierzehn zu einem Vernunftwesen werden.
Es gibt Genies, die es schon vor sieben werden – es gibt immer Genies, überall – doch in der Regel ist sich das Kind nicht seiner selbst bewusst und weiß nicht, warum oder wie man die Dinge tut. Das ist die rechte Zeit, um seine Konzentrationsfähigkeit zu entwickeln, ihm beizubringen, wie man sich auf das konzentriert, was man tut, ihm eine kleine Basis zu geben, die für es genügt, um nicht ganz und gar wie ein kleines Tier zu sein, sondern der menschlichen Art mittels einer elementaren intellektuellen Entwicklung anzugehören.
Danach gibt es eine Zeitspanne von sieben Jahren, während der dem Kind beigebracht werden muss, eine Wahl zu treffen – zu wählen, was es sein möchte. Wenn es die Wahl trifft, ein reiches, umfassendes, gut entwickeltes Gehirn zu haben, das kraftvoll in seiner Funktion ist, so muss man ihm beibringen, zu arbeiten; denn durch Arbeit, durch Reflektion, Studium, Analyse und so weiter wird das Gehirn herangebildet. Mit vierzehn bist du reif – oder solltest du reif sein – um zu wissen, was du sein möchtest.
Worte der Mutter
Nach meiner Schau und meinem Wissen sollte man Kindern über 14 Jahren ihre Unabhängigkeit lassen und ihnen nur einen Rat erteilen, falls und wenn sie darum bitten.
Sie sollten wissen, dass sie selbst Verantwortung tragen für ihren eigenen Lebensweg.
Worte der Mutter
Man muss sehr viel Geduld mit kleinen Kindern haben und dieselbe Sache oft vor ihnen wiederholen, es ihnen in verschiedener Weise erklären. Nur allmählich nehmen sie den Gedanken auf.
Worte der Mutter
Für Kinder sollte es eine Zeit für Arbeit und Studium, und eine Zeit fürs Spielen geben.
Worte der Mutter
Intelligenz und Auffassungsgabe sind sicher wichtiger als Regelmäßigkeit bei der Arbeit. Stetigkeit kann später erworben werden.
Worte der Mutter
Der Lehrer muss herausfinden, zu welcher Kategorie jedes der Kinder unter seiner Obhut gehört. Und wenn er nach gründlicher Beobachtung zwei oder drei außergewöhnliche Kinder entdeckt, die gerne lernen und Fortschritte machen möchten, sollte er ihnen helfen, ihre Energien für diesen Zweck zu gebrauchen, indem er ihnen die Freiheit gibt, eine Wahl zu treffen, was die individuelle Entwicklung begünstigt.
Die alte Methode der im Klassenzimmer sitzenden Klasse (wobei der Lehrer allen denselben Unterricht gibt) ist sicher ökonomisch und leicht, aber auch sehr uneffektiv, und so wird für alle Zeit verschwendet.
Kapitel 10
Mehr und immer mehr lernen
Worte der Mutter
Kinder haben alles zu lernen. Dies sollte ihre Hauptbeschäftigung sein, um sich auf ein nützliches und schöpferisches Leben vorzubereiten.
Gleichzeitig sollten sie, indem sie groß werden, in sich die Sache oder die Dinge entdecken, die sie am meisten interessieren, und die sie gut tun können. Es gibt latente Fähigkeiten, die zu entwickeln sind. Es gibt auch Fähigkeiten, die zu entdecken sind.
Man muss den Kindern beibringen, gerne Schwierigkeiten zu überwinden und auch, dass dies dem Leben einen besonderen Wert gibt; wenn man das zu tun versteht, so beseitigt es für immer Langeweile und gibt ein ganz neues Interesse am Leben.
Wir sind auf der Erde, um Fortschritte zu machen, und wir haben alles zu lernen.
Worte der Mutter
Was den mentalen Fortschritt der Kinder am meisten behindert, ist ohne Frage die ständige Gedankenzerstreuung. Ihre Gedanken flattern hier- und dorthin wie Schmetterlinge, und sie müssen eine große Anstrengung machen, um ihnen eine feste Richtung zu geben. Und doch ist diese Fähigkeit in ihnen latent, denn wenn es dir gelingt, ihr Interesse zu erwecken, sind sie zu beträchtlicher Aufmerksamkeit fähig. Mit seiner Erfindungskraft wird daher der Erzieher dem Kind schrittweise helfen, die Fähigkeit einer dauerhaften Konzentration zu erlangen und ein Vermögen, sich immer vollständiger in die gegebene Arbeit zu vertiefen. Alle Methoden, die diese Fähigkeit zum Aufmerksam-sein fördern können, von Spielen bis zu Belohnungen, sind gut und können alle je nach Notwendigkeit und Umständen gebraucht werden. Doch am wichtigsten ist der psychologische Vorgang und die höchste Methode besteht darin, im Kind ein Interesse an dem zu erwecken, was du ihm beibringen möchtest, ein Gefallen an der Arbeit, einen Willen zum Fortschritt. Gerne zu lernen, das ist das kostbarste Geschenk, das man einem Kind machen kann: Immer und überall gerne zu lernen, so dass alle Umstände, alle Geschehnisse im Leben ständig erneute Gelegenheiten sind, um mehr und immer mehr zu lernen.
Dafür sollten Aufmerksamkeit und Konzentration ergänzt werden durch Beobachtung, genaue Aufnahme und zuverlässiges Gedächtnis. Diese Fähigkeit der Beobachtung kann mit Hilfe vielfältiger spontaner Übungen entwickelt werden, indem man jede Gelegenheit nutzt, die sich bietet, um das Denken des Kindes wach, aufmerksam und prompt zu machen. Die Entwicklung des Verstehens sollte mehr herausgehoben werden als die des Gedächtnisses. Man weiß nur das gut, was man verstanden hat. Dinge, die man mechanisch auswendig gelernt hat, verblassen allmählich und sind schließlich nicht mehr da; was man verstanden hat, wird nie vergessen. Ferner darfst du dich nie weigern, einem Kind das wie und warum der Dinge zu erklären. Wenn du es nicht selbst tun kannst, muss du das Kind zu einer kompetenten Person hinführen oder es auf einige Bücher verweisen, die sich mit der Frage auseinandersetzen. Auf diese Weise wirst du im Kind allmählich Gefallen an wahrem Lernen erwecken und die Gewohnheit heranbilden, eine beharrliche Bemühung um Erkenntnis zu machen.
Dies wird uns ganz natürlich zur zweiten Entwicklungsphase hinführen, bei der der mentale Geist geweitet und bereichert werden sollte.
Du wirst dem Kind allmählich zeigen, dass alles zu einem interessanten Studiengegenstand werden kann, wenn man die richtige Methode anwendet. Das Leben eines jeden Tages, jeden Augenblickes ist die beste Schule von allen, vielfältig, umfassend, voller unerwarteter Erfahrungen, Probleme, die zu lösen sind, voller klarer und eindrucksvoller Beispiele und offensichtlicher Konsequenzen. Es ist so leicht, eine gesunde Neugier in den Kindern zu erwecken, wenn du die zahllosen Fragen, die sie stellen, intelligent und klar beantwortest. Eine interessante Antwort auf eine Frage bringt leicht andere in ihrem Gefolge, und so lernt das aufmerksame Kind ohne Anstrengung viel mehr als gewöhnlich im Klassenzimmer. Indem du die Lektüre sehr sorgfältig auswählst, solltest du in ihm die Freude an guten Büchern erwecken, die zugleich lehrreich und attraktiv sind. Scheue nicht zurück vor Dingen, die seine Vorstellungskraft erwecken und ihr zusagen; Vorstellungskraft entwickelt die kreative mentale Fähigkeit, und dadurch wird das Studium lebendig und der mentale Geist entwickelt sich freudig.
Um die Geschmeidigkeit und Weite des mentalen Geistes zu erhöhen, sollte man nicht nur darauf achten, dass er viele verschiedene Gegenstände studiert, sondern vor allem, dass ein einzelnes Thema in verschiedener Weise angegangen wird, so dass das Kind praktisch versteht, dass es viele Wege gibt, um dasselbe intellektuelle Problem zu betrachten und zu lösen. Dies wird sein Gehirn von aller Starrheit befreien und gleichzeitig wird es sein Denken reicher und geschmeidiger machen und auf eine vollständigere und umfassendere Synthese vorbereiten. Auf diese Weise wird dem Kind auch das Gefühl der extremen Relativität mentalen Lernens eingepflanzt und ein Verlangen nach einer wahreren Quelle der Erkenntnis wird schrittweise in ihm erwachen.
Worte der Mutter
Wenn dir in ganz jungem Alter beigebracht wurde, z.B. in Hockstellung zu sitzen, wenn dir gleichzeitig beigebracht wurde, nicht zu denken oder sehr ruhig zu bleiben, sich zu konzentrieren oder seine Gedanken zu sammeln, eben … alle Dinge, die man lernen muss zu tun, wie z.B. meditieren; wenn dir in ganz jungem Alter zur selben Zeit, wo dir z.B. beigebracht wurde, gerade zu stehen, zu gehen, zu sitzen oder zu essen – man lehrte dich viele Dinge, aber du bist dir dessen nicht bewusst, denn sie werden gelehrt, wenn du sehr klein bist – wenn dir da auch beigebracht würde zu meditieren, dann könntest du dich später spontan am Tag, wo du beschließt, es zu tun, hinsetzen und meditieren. Aber dies wird dir nicht beigebracht. Absolut nichts von dieser Art wird dir beigebracht. Zudem lehrt man dich gewöhnlich nur wenige Dinge – nicht einmal, richtig zu schlafen, lehrt man dich. Die Leute meinen, sie müssten sich nur in ihr Bett legen und dann schlafen sie. Aber das ist nicht richtig! Man muss lernen, wie man schläft, ebenso wie man lernen muss zu essen oder irgend etwas Beliebiges zu tun. Und wenn man nicht lernt, nun, dann tut man es eben schlecht! Oder man braucht Jahre um Jahre, um zu lernen, wie man es tut, und während all dieser Jahre, wo es schlecht getan wird, passieren alle Arten von unerfreulichen Dingen. Erst wenn man viel gelitten hat, viele Fehler und Dummheiten begangen hat, beginnt man, wenn man alt ist und weißes Haar hat, zu verstehen, wie man etwas richtig macht. Doch wenn deine Eltern oder deine Betreuer sich zu einer Zeit, wo du ganz klein warst, die Mühe machten, dir beizubringen, wie du tun sollst was du tust, es richtig zu tun, wie es getan werden sollte, in der richtigen Weise, dann würde dir das helfen, all diese Fehler zu vermeiden, die du im Laufe der Jahre machst. Und nicht nur machst du Fehler, sondern niemand sagt dir, dass es Fehler sind! Und so bist du überrascht, wenn du erkrankst, ermüdest, nicht weißt, wie du tun sollst, was du tun möchtest, und das ist dir nie beigebracht worden. Manchen Kindern wird überhaupt nichts beigebracht, und so brauchen sie Jahre um Jahre, um die einfachsten Dinge zu lernen, selbst das Elementarste: Sauberkeit.
Es ist wahr, dass die Eltern dies meist nicht lehren, weil sie es selbst nicht wissen! Denn sie selbst hatten niemanden, der es ihnen beibrachte. So wissen sie es nicht … sie haben ihr ganzes Leben im Dunklen getappt, um leben zu lernen. Und so sind sie natürlich nicht in der Lage, dir beizubringen wie man lebt, denn sie wissen es selbst nicht. Wenn du dir selbst überlassen bist, dann dauert es Jahre, Jahre der Erfahrung, um die einfachste Sache zu lernen, und selbst dann muss du daran denken. Wenn du nicht daran denkst, wirst du nie lernen.
Richtig zu leben, ist eine sehr schwierige Kunst, und wenn man nicht bereits in sehr jungem Alter zu lernen beginnt und eine Anstrengung unternimmt, versteht man es nie sehr gut. Ganz einfach ist die Kunst, seinen Körper bei guter Gesundheit zu halten, Ruhe im Mental und guten Willen im Herzen zu bewahren – Dinge, die unerlässlich sind, um annehmbar zu leben – ich sage nicht komfortabel, ich sage nicht sehr gut, ich sage nur annehmbar. Ich glaube nicht, dass es viele gibt, die daran denken, ihren Kindern dies beizubringen.
Worte der Mutter
Alle Studien, oder in jedem Fall der größere Teil der Studien, bestehen darin, dass man über die Vergangenheit lernt, in der Hoffnung, dass dies dir ein besseres Verständnis der Gegenwart ermöglichen wird. Doch wenn du die Gefahr vermeiden möchtest, dass die Schüler an der Vergangenheit festhalten und sich weigern, in die Zukunft zu blicken, musst du sehr darauf bedacht sein, ihnen zu erklären, dass der Zweck von allem vergangenen Geschehen war, auf das vorzubereiten, was jetzt geschieht, und dass alles, was sich jetzt ereignet, nichts als eine Vorbereitung auf den Weg in die Zukunft ist – dies ist gewiss die wichtigste Sache, auf die wir uns vorbereiten müssen.
Durch die Heranbildung von Intuition bereitet man sich darauf vor, für die Zukunft zu leben.
Worte der Mutter
Man sollte jedem die Freude aufzeigen, die man erfährt, wenn man gut tut, was man tut, ganz gleich, ob es intellektuelle, künstlerische oder manuelle Arbeit ist, und vor allem die Dignität aller Arbeit, ganz gleich, worum es sich handelt, wenn sie mit Sorgfalt und Geschick getan wird.
Worte der Mutter
Ich bestehe auf der Notwendigkeit guten Betragens. Ich sehe nichts Bemerkenswertes in den Manieren eines Straßenjungens.
Worte der Mutter
Von einem nicht geformten mentalen Geist wird das, was gelesen wird, ohne Rücksicht auf seinen Wert aufgenommen und als Wahrheit registriert. Daher ist es ratsam, die Lektüre für die Kinder sorgsam zu wählen und darauf zu achten, dass nur das Aufnahme findet, was wahr und nützlich für ihre Ausbildung ist.
Worte der Mutter
Es ist nicht so sehr eine Frage des Inhalts, sondern der Rohheit des mentalen Geistes, der Enge und des selbstsüchtigen Gemeinsinns in der Lebensanschauung, ausgedrückt in einer Form, bei der Kunst, Größe oder Verfeinerung abwesend sind; dies ist sorgsam von der Lektüre großer und kleiner Kinder zu beseitigen. Alles, was das Bewusstsein herunterzieht und degradiert, muss ausgeschlossen werden.
Kapitel 11
Nie schimpfen
Worte der Mutter
Ein Kind sollte nie gescholten werden. Man wirft mir vor, schlecht über die Eltern zu reden! Aber ich habe sie in Aktion gesehen und weiß, dass neunzig Prozent der Eltern ein Kind ausschimpfen, das spontan kommt, um einen Fehler einzugestehen: „Du bist sehr ungezogen. Geh jetzt, ich habe viel zu tun“ – anstatt dass sie dem Kind mit Geduld zuhören und ihm erklären, wo sein Fehler liegt, wie es besser gehandelt hätte. Und das Kind, das mit guten Absichten gekommen war, geht tief verletzt davon mit dem Gefühl: „Warum werde ich so behandelt?“ Dann sieht das Kind, dass seine Eltern nicht vollkommen sind – was offensichtlich heutzutage für die Eltern zutrifft – es sieht, dass sie im Unrecht sind und sagt sich: „Warum schimpfen sie mich denn aus, sie sind genau wie ich!“
Worte der Mutter
Ein anderer Fehler, den man vermeiden muss: Schelte dein Kind nicht ohne guten Grund und nur, wenn es ganz unvermeidlich ist. Ein Kind, das zu oft gescholten wird, verhärtet sich gegenüber dem Tadel und misst den Worten oder dem strengen Ton nicht mehr viel Bedeutung bei. Und vor allem achte gut darauf, dass du es nie für einen Fehler ausschimpfst, den du selbst begehst. Kinder sind sehr aufmerksame und scharfsichtige Beobachter; sie entdecken alsbald deine eigenen Schwächen und nehmen sie mitleidslos zu Notiz.
Wenn ein Kind etwas Falsches getan hat, sieh zu, dass es den Fehler spontan und offen bekennt; und wenn es ihn eingestanden hat, gib ihm mit Wohlwollen zu verstehen, was es falsch gemacht hat, damit es den Fehler nicht wiederholt, aber schelte es nie; ein Fehler, der eingestanden wurde, muss immer vergeben werden. Du solltest nicht irgendeine Furcht zwischen dir und deinem Kind treten lassen; Furcht ist ein sehr übles Mittel der Erziehung: Sie erzeugt unweigerlich Täuschung und Lüge. Nur eine wache Zuneigung, die fest und doch sanft ist, und ein angemessenes praktisches Wissen werden die Vertrauensbande heranbilden, die unerlässlich sind für dich, um dein Kind effektiv erziehen zu können. Und vergiss nicht, dass du dich ständig unter Kontrolle halten musst, um deiner Aufgabe gerecht werden zu können und wahrlich die Pflicht zu erfüllen, die du deinem Kind aufgrund der bloßen Tatsache schuldest, dass du es in die Welt gesetzt hast.
Worte der Mutter
Ein Kind sollte aufhören, ungezogen zu sein, indem es lernt, sich seiner Ungezogenheit zu schämen, nicht weil es Angst vor Bestrafung hat.
Im ersten Fall macht es echten Fortschritt.
Im zweiten Fall sinkt es eine Stufe tiefer im menschlichen Bewusstsein, denn Furcht ist eine Degradierung des Bewusstseins.
Worte der Mutter
Kinder schlagen – alle Schläge sind absolut verboten, selbst der geringste Klaps oder der „freundschaftliche“ Knuff. Ein Kind zu schlagen, weil es nicht gehorcht oder nicht versteht oder weil es die anderen stört, deutet auf mangelnde Selbstbeherrschung hin und ist schädlich für Lehrer und Schüler.
Man kann, wenn notwendig, disziplinarische Maßnahmen ergreifen, aber in vollständiger Ruhe und nicht aufgrund einer persönlichen Reaktion.
Worte der Mutter
Du bist ein „guter Lehrer“, aber zu beanstanden ist die Art deines Umgangs mit den Kindern.
Die Kinder sollen in einer Atmosphäre der Liebe und Sanftheit erzogen werden.
Niemals Gewalt. Niemals Schelte.
Immer eine sanfte Freundlichkeit, und der Lehrer muss das lebendige Beispiel der guten Eigenschaften sein, die das Kind erwerben muss.
Den Kindern muss es Freude machen, zur Schule zu gehen, Freude machen zu lernen, und der Lehrer muss ihr bester Freund sein, der ihnen das Beispiel der Eigenschaften gibt, die sie erwerben müssen.
Und all dies hängt ausschließlich vom Lehrer ab. Was er tut und wie er sich benimmt.
Worte der Mutter
Liebe Mutter, sollte man ein Kind bestrafen?
Bestrafen? Was meinst du mit bestrafen? Wenn ein Kind in der Klasse lärmt und die anderen an der Arbeit hindert, musst du ihm sagen, dass es sich gut benehmen soll; und wenn es weiter damit fortfährt, kannst du es aus dem Klassenraum schicken. Das ist keine Bestrafung, es ist eine natürliche Konsequenz seiner Handlungen. Aber bestrafen? Bestrafen! Du hast kein Recht zu bestrafen. Bist du denn das Göttliche? Wer hat dir das Recht gegeben zu bestrafen? Die Kinder können dich ebenso für deine Handlungen bestrafen. Bist du selbst vollkommen? Weißt du, was gut oder was schlecht ist? Nur das Göttliche weiß es. Nur das Göttliche hat das Recht zu bestrafen.
Die Schwingungen, die du aussendest, bringen dich mit entsprechenden Schwingungen in Kontakt. Wenn du schädliche und destruktive Schwingungen aussendest, ziehst du ganz natürlich entsprechende Schwingungen an und das ist die wirkliche Bestrafung, wenn du dieses Wort gebrauchen willst; aber das entspricht in keiner Weise der göttlichen Organisation der Welt.
Kapitel 12
Die innere Wahrheit entdecken
Worte der Mutter
Es gibt eine weitere Eigenschaft, die in einem Kind von sehr jungem Alter an kultiviert werden muss: das ist das Gefühl von Unbehagen, einer moralischen Unstimmigkeit, die es spürt, wenn es gewisse Dinge getan hat; nicht, weil ihm gesagt wurde, es solle sie nicht tun, nicht, weil es Bestrafung fürchtet, sondern spontan. Wenn ein Kind zum Beispiel einen Kameraden boshaft verletzt, wird es, wenn es in seinem normalen, natürlichen Zustand ist, Unbehagen fühlen, ein tiefes Bedauern in seinem Wesen, weil das, was es getan hat, seiner inneren Wahrheit entgegensteht.
Denn trotz aller Lehren, trotz allem, was das Denken denken kann, gibt es etwas in den Tiefen, was ein Gefühl einer Vollkommenheit hat, einer Größe, einer Wahrheit, und dem schmerzhaft widersprochen wird von allen Regungen, die sich dieser Wahrheit widersetzen. Wenn ein Kind nicht von seinem Milieu verdorben wurde durch beklagenswert schlechte Beispiele in seiner Umwelt, das heißt, wenn es sich in seinem normalen Zustand befindet, spontan, ohne dass ihm etwas gesagt wird, so wird es ein Unbehagen fühlen, wenn es etwas gegen die Wahrheit seines Wesens getan hat. Und genau hierauf muss sich später seine Bemühung um Fortschritt gründen.
Denn wenn du eine Lehre finden möchtest, eine Doktrin, auf der du deinen Fortschritt gründen kannst, wirst du nie etwas finden – oder genauer gesagt, du wirst etwas anderes finden, denn entsprechend dem Klima, dem Alter, der Zivilisation, ist die Lehre, die gegeben wird, recht entgegengesetzt. Wenn der eine sagt, „dies ist gut“, wird ein anderer sagen, „nein, das ist schlecht“ und mit der gleichen Logik, derselben Überzeugungskraft. Deshalb kann man darauf nicht bauen. Die Religion hat immer versucht, ein Dogma aufzustellen, und sie wird dir sagen, dass, wenn du dem Dogma entsprichst, du dich in der Wahrheit befindest, und wenn du es nicht tust, bist du in der Falschheit. Aber all das hat nie irgendwohin geführt und nur in Verwirrung geendet.
Es gibt nur einen wahren Führer, das ist der innere Führer, der nicht über das mentale Bewusstsein wirkt.
Wenn ein Kind aber eine katastrophale Erziehung bekommt, wird es ganz natürlich immer hartnäckiger versuchen, in sich diese kleine wahre Sache auszulöschen und manchmal gelingt es ihm so gut, dass es allen Kontakt damit verliert, ebenso wie die Fähigkeit, zwischen gut und böse zu entscheiden. Daher bestehe ich darauf und sage, dass Kindern von Kindheit an beigebracht werden muss, dass es eine innere Wirklichkeit gibt – in ihnen selbst, in der Erde, im Universum – und dass sie, die Erde und das Universum, nur als eine Funktion dieser Wahrheit existieren, und dass, wenn sie nicht existierte, das Kind nicht bestehen würde, nicht einmal die kurze Zeit, die es da ist, und dass sich alles auflösen würde, sobald es entsteht. Und weil dies die wirkliche Basis des Universums ist, ist es ganz natürlich auch dies, was triumphieren wird; und alles, was sich diesem widersetzt, kann nicht so lange bestehen wie dieses, denn Jenes, das Ewige, ist an der Wurzel des Universums.
Es geht natürlich nicht darum, dass man einem Kind philosophische Erklärungen gibt, aber man könnte ihm sehr wohl das Gefühl dieser Art innerer Behaglichkeit geben, der Genugtuung, und – manchmal – einer intensiven Freude, wenn es dieser sehr kleinen, stillen Sache in sich gehorcht, wodurch es davon abgehalten wird, zu tun, was ihr entgegensteht. Auf einer Erfahrung dieser Art kann die Lehre begründet werden. Dem Kind muss der Eindruck vermittelt werden, dass nichts andauern kann, wenn es in sich nicht diese wahre Genugtuung hat, die allein von Dauer ist.
Worte der Mutter
Kann ein Kind sich dieser inneren Wahrheit wie ein Erwachsener bewusst werden?
Für ein Kind ist dies sehr klar, denn es ist eine Wahrnehmung ohne Komplikationen von Wort oder Gedanken – es gibt jenes, was ihm ein gutes Gefühl gibt, und jenes, was es sich unbehaglich fühlen lässt (es ist nicht notwendigerweise Freude oder Sorge, die nur kommen, wenn die Sache sehr intensiv ist). Und all dies ist sehr viel klarer im Kind als in einem Erwachsenen, denn der letztere hat immer einen mentalen Geist, der tätig ist und seine Wahrnehmung der Wahrheit benebelt.
Einem Kind Theorien zu geben, ist völlig nutzlos, denn sobald sein Mental erwacht, wird es tausend Gründe finden, um deinen Theorien zu widersprechen, und es wird recht haben. Diese kleine wahre Sache im Kind ist die göttliche Gegenwart im Seelischen – sie ist auch vorhanden in Pflanzen und Tieren. In Pflanzen ist es nicht bewusst, in Tieren beginnt es bewusst zu sein, und in Kindern ist es sehr bewusst. Ich habe Kinder gekannt, die sich im Alter von fünf Jahren ihres seelischen Wesens sehr viel bewusster waren als mit vierzehn, und mit vierzehn mehr als mit fünfundzwanzig; und vor allem verlieren sie in dem Augenblick, wo sie zur Schule gehen, wo sie alle Arten von intensiver mentaler Schulung bekommen, was ihre Aufmerksamkeit auf den intellektuellen Teil ihres Wesens richtet, verlieren sie dort fast immer und fast vollständig diesen Kontakt mit ihrem seelischen Wesen.
Wenn du nur ein erfahrener Beobachter wärest, wenn du sagen könntest, was in einer Person vor sich geht, indem du ihr einfach in die Augen schaust!… Es heißt, dass die Augen der Spiegel der Seele sind; das ist eine volkstümliche Art, es zu sagen, aber wenn die Augen nicht das Seelische ausdrücken, so deshalb, weil es sehr weit hinten liegt, von vielen Dingen verschleiert. Schau also sorgfältig kleinen Kindern in die Augen, und du wirst eine Art Licht sehen – einige beschreiben es als offenherzig – aber so wahr, so wahr, das mit einem wundersamen Gefühl die Welt betrachtet. Dieses Gefühl ist die Verwunderung des Seelischen, das die Wahrheit sieht, aber nicht viel von der Welt versteht, denn sie ist ihm zu fern. Kinder haben dies, doch indem sie mehr lernen, intelligenter werden, mehr geformt sind, wird dies ausgelöscht, und man sieht alle Arten von Dingen in ihren Augen: Gedanken, Wünsche, Leidenschaften, Bosheit – aber diese Art kleine Flamme, die so rein ist, ist nicht mehr da. Und du kannst sicher sein, es ist der mentale Geist, der da hereingekommen ist, und das Seelische ist sehr weit in den Hintergrund getreten.
Selbst ein Kind, dessen Gehirn nicht hinreichend entwickelt ist, um zu verstehen, – wenn du ihm einfach eine Schwingung des Schutzes oder der Zuneigung oder Zuwendung oder des Trostes übermittelst, wirst du sehen, dass es positiv reagiert. Aber wenn du z.B. einen Jungen von vierzehn nimmst, der zur Schule geht, der gewöhnliche Eltern hat und schlecht behandelt wurde, so steht sein mentaler Geist sehr im Vordergrund; es ist etwas Hartes in ihm, das seelische Wesen hat sich zurückgezogen. Solche Jungen reagieren nicht auf die Schwingung. Man könnte sagen, sie bestehen aus Holz oder Gips.
Worte der Mutter
Es ist recht deutlich, dass alles Böse – zumindest was wir Böses nennen – alle Falschheit, alles, was der Wahrheit entgegensteht, alles Leiden, aller Widerstand das Resultat einer Störung des Gleichgewichts ist. Ich glaube, dass jemand, der die höhere Schau hat, sogleich sieht, dass es sich so verhält. Nun kann die Welt sich nicht auf einer Störung des Gleichgewichts gründen, denn wenn es so wäre, wäre sie lange schon verschwunden. Man fühlt, dass am Ursprung des Universums ein höchstes Gleichgewicht gewesen sein muss, und vielleicht, wie wir neulich sagten, ein progressives Gleichgewicht, ein Gleichgewicht, das das genaue Gegenteil von all dem ist, was man uns lehrte und was wir von Gewohnheit her ‚Böse‘ nennen. Es gibt kein absolut Böses, aber ein Übel, eine mehr oder minder teilweise Störung des Gleichgewichts.
Man kann einem Kind dieses Wissen sehr einfach übermitteln; man kann mit Hilfe materieller Dinge zeigen, dass ein Objekt hinfällt, wenn es sich nicht im Gleichgewicht befindet, dass nur Dinge im Gleichgewicht ihre Stellung behalten und andauern können.