Kapitel 15
Einige Erinnerungen
Im Folgenden geben wir einige Anekdoten wieder, die aus den Erinnerungen von Schülern zusammengestellt wurden, die das Privileg hatten, engen Kontakt mit der Mutter zu haben und sie im Umgang mit Kindern zu sehen. Diese Anekdoten offenbaren nicht nur die tiefe Liebe der Mutter zu den Kindern, sondern auch ihre unvergleichliche Weise, eine Situation zu betrachten, so dass nichts belanglos bleibt und alles mit einer tieferen Bedeutung versehen wird.
Der wahre Wert eines Menschen
Ich half, eines der ersten Ashram-Wohnheime für Schüler zu führen, das von der Mutter eröffnet wurde. Einmal erklärte einer der Jungen beim Mittagessen sehr stolz, dass sein Vater immer in gutem Stil reise, nur ‚erster Klasse‘. Ich berichtete der Mutter am nächsten Tag davon. Die Mutter fragte mich, was ich daraufhin gesagt hätte. Ich antwortete, ich hätte es einfach nur ignoriert. Aber sie sagte, ich hätte das nicht tun sollen und fügte hinzu, dass, wenn die Gelegenheit sich ergäbe, ich die Kinder zusammenrufen und ihnen erklären sollte, dass weltlicher Reichtum nicht von Bedeutung sei; nur der Reichtum, der dem Göttlichen dargebracht würde, sei von Wert. Man wird nicht dadurch bedeutend, dass man in großen Häusern wohnt, erster Klasse reist und große Summen Geld ausgibt. Du wächst nur dadurch, dass du ehrlich, aufrichtig, gehorsam, dankbar bist und dem Göttlichen dienst.
Die Bedeutung der Arbeit
Einmal wurden im Ashram Kokosnüsse verteilt. Die Mutter eines jungen Mädchens war nicht gekommen. Aber als das Mädchen aufgefordert wurde, die Kokosnuss zu tragen, weigerte es sich und sagte, es fühlte sich schüchtern, eine Kokosnuss auf der Straße zu tragen. Als ich der Mutter von diesem Vorfall berichtete, sagte sie, alle Kinder sollten ermutigt werden, eine Arbeit als Teil ihrer Ausbildung aufzunehmen, damit sie derartige Reaktionen überwinden könnten und den wahren Wert der Arbeit erkennen würden. Ich wurde aufgefordert, sofort diese Aktivitäten zu organisieren. Die Kinder reagierten mit Begeisterung, besonders als sie sahen, wie glücklich die Mutter war, sie bei der Arbeit zu sehen.
Erziehung kann man nicht verkaufen
Einmal befand sich der Ashram in einer schwierigen finanziellen Situation. Einige Mitglieder wiesen darauf hin, dass wir so vielen Kindern kostenlose Ausbildung gaben und große Summen Geld für sie ausgaben. Viele Kinder stammten aus wohlhabenden Familien und keiner hätte etwas dagegen, wenn wir für die ihnen gegebene Ausbildung eine nominale Gebühr erhöben. Auf der anderen Seite würde es dem Ashram beträchtlich helfen. Die Mutter antwortete mit ernstem Ton, dass Erziehung in Indien nie verkauft worden sei und sie es nicht tun würde. Die Frage wurde nie wieder aufgeworfen.
Einige Hinweise für die Eltern
Ich betreute einige Kinder in einem Ashram-Wohnheim und die Mutter nahm stets Interesse an allen Aspekten des Lebens der Kinder. Bei verschiedenen Anlässen sagte sie uns folgendes:
a) Wenn man ein schlafendes Kind aufweckt, sollte man es nicht laut bei seinem Namen rufen oder seinen Körper berühren. Stattdessen sollte man es sanft und leise rufen.
b) Es ist sehr wichtig, dass man den Kindern beibringt, zu einer festen Zeit zu schlafen und zu essen. Beim Essen sollten die Kinder ermutigt werden zu fühlen, welches die Erfordernisse des Körpers sind, anstatt sich nur vom Geschmack leiten zu lassen. Wenn einige Kinder gern zu reichlich essen, braucht man es ihnen nicht abzuschlagen, aber man sollte ihnen von Anfang an kleinere Portionen geben.
c) Nichts sollte den Kindern aufgezwungen werden. Man kann sie veranlassen, etwas zu tun, was man möchte, indem man es ihnen in der richtigen Weise erklärt, aber nie durch Zwang.
Die Zeitung und die Süßigkeiten
Während der frühen Tage meiner Verbindung mit der Mutter brachte ich ihr einmal einen großen Korb Süßigkeiten aus Delhi für meine Kinder.
Die Mutter öffnete den Korb und sah, dass die Süßigkeiten in Zeitungspapier gehüllt waren. Sie rief sofort jemanden, der in ihrer Nähe stand, überreichte ihm den Korb und sagte ihm, er solle ihn wegwerfen.
Sie sagte: „Schau, die Süßigkeiten können Kindern nicht zum Essen gegeben werden, wenn sie in Zeitungen verpackt sind. Die Tinte, mit der die Zeitungen gedruckt sind, ist giftig. Und Zeitungen sind immer schmutzig.“
Da wurde mir klar, wie umsichtig die Mutter mit Dingen war, die Kinder betrafen. Ich fühlte auch, wenn meine Kinder in die Liebe und Süße der Mutter gehüllt waren, welche Notwendigkeit bestand dann für Süßigkeiten aus Delhi.
Die Mutter – Menschlich und Göttlich
Mein Kind P. war im Ashram-Wohnheim für Schüler aufgenommen worden. Eines Morgens ging ich vom Ashram heim und P. folgte mir auf der Straße. Ich hörte einen lauten Schrei. Ich drehte mich um und sah, dass er gefallen war und sich verletzt hatte. Auf seiner Stirn war eine tiefe Schnittwunde. Seine Kleidung war blutbefleckt.
Ich lief, um ihn aufzurichten und nach Hause zu bringen, doch bevor ich das tun konnte, war er schon schreiend aufgestanden; anstatt zu mir zu kommen, begann er in die entgegengesetzte Richtung zu laufen. Ich war überrascht. Ich lief hinter ihm her, rief ihn mehrere Male, doch er wollte nicht hören und ging in den Ashram zurück. Ich rief weiter nach ihm, aber er wollte nicht hören und lief noch schneller.
Ich musste auch hinter ihm her rennen. Er ging die Treppe hinauf und gelangte zur Mutter. Ich war erstaunt, dass er, anstatt zu mir zu kommen, die ganze Entfernung zurücklief, um zur Mutter zu gelangen.
Die Mutter hielt ihn und fragte: „Mon Petit, was ist denn geschehen?“ Er war knapp drei Jahre alt und konnte daher mit der Mutter weder englisch noch französisch reden.
Er fiel vor der Mutter auf den Boden, indem er mit Gesten andeutete, was ihm zugestoßen sei. Obgleich er noch blutete, hatte er nun aufgehört zu schreien, weil er der Mutter genau erklären wollte, was geschehen war.
Die Mutter ging in ihr Zimmer und brachte ihren Erste-Hilfe-Kasten, wusch dem Kind die Stirn mit Spiritus, bandagierte sie gut und hüllte ihn in Liebe. Sie gab ihm auch einige ‚Süßigkeiten‘ und schickte ihn mit mir nach Hause.
Mit Erstaunen sah ich, wie die Schönheit göttlicher Liebe menschlich wurde.
Geschicklichkeitsspiele
Die Mutter liebte sehr Geschicklichkeitsspiele. Sie sagte mir einmal, wir sollten Spiele einführen, bei denen feinfühliges Geschick erforderlich wäre. Um uns die Bedeutung der Entwicklung solcher Geschicklichkeit vor Augen zu führen, forderte sie uns der Reihe nach auf, den Deckel einer Kristallschale anzuheben und wieder aufzusetzen, ohne das geringste Geräusch dabei zu verursachen. Wir versuchten es alle, aber es war die Mutter, die ihn ohne das geringste Geräusch wieder aufsetzte.
Ich berichtete der Mutter, dass wir in der Bibliothek der Sportabteilung bereits einige Geschicklichkeitsspiele für die Kinder eingeführt hätten. Sie schien sich sehr zu freuen, dies zu hören.
Immer wenn man ihr Geschicklichkeitsspiele brachte, gab sie uns die Spiele. Wir hatten bald eine kleine Ecke ganz für uns, wo wir all diese Spiele aufbewahrten. Wir spielten ‚Fiedelbogen‘, ‚fliegende Hüte‘ usw., aber am meisten spielten wir ‚Mikado‘, ein japanisches Spiel, dem die Mutter Vorrang vor allen anderen gab.
Mikado wurde mit feinen Stäbchen gespielt, die dünn wie Streichhölzer waren. Sie wurden entweder zusammen in der Hand gesammelt und alle zusammen freigelassen, oder, um das Spiel schwieriger zu gestalten, wurden sie übereinander angeordnet. Jeder Spieler hatte der Reihe nach so viele Stäbchen aufzunehmen, wie er konnte, ohne einen anderen Stab zu bewegen. Wenn irgendein Stab außer dem angehobenen sich bewegte, verlor der Spieler seinen Versuch und der nächste kam an die Reihe. Wer die meisten Stäbchen hatte, gewann das Spiel.
Mutter liebte dieses Spiel so sehr, dass sie immer, wenn sie ein wenig Zeit hatte, zu uns kam und sich uns zugesellte. Sie setzte sich auf den Teppich und spielte mit uns. Später gab man uns einen kleinen Tisch, und wenn die Mutter zum Spielen kam, stand ein kleiner Stuhl für sie bereit.
Der Mutter beim Yoga helfen
In den fünfziger Jahren gab die Mutter den Kindern Französisch-Unterricht. Während einer dieser Unterrichtsstunden am Freitagabend auf dem Playground fragte eines der Kinder die Mutter: „Was können wir tun, um dir, Mutter, beim Yoga zu helfen?“ Es gab ein allgemeines Gelächter. Doch Mutter war ganz ernst, und nach einer Weile sagte sie schlicht:
„Seid glücklich.“
Wieder wurde gelacht und das Kind sagte: „Aber wir sind doch immer glücklich, Mutter.“ Die Mutter fuhr fort. „Ja, das ist gut, denn wenn ihr hier glücklich seid, bedeutet es, dass ihr euch auf dem rechten Pfad befindet – doch sobald ihr euch unbehaglich fühlt oder nicht so glücklich, bedeutet es, dass mit euch etwas nicht in Ordnung ist, worum ihr euch kümmern müsst – etwas ist dann nicht in Ordnung, was ihr korrigieren müsst.“