Kapitel 16

Das bist du

Eine Geschichte aus den Upanishaden

Als Svetaketu zwölf Jahre alt war, sagte sein Vater Uddalaka zu ihm: „Svetaketu, du musst jetzt zur Schule gehen und etwas lernen. Alle in unserer Familie, mein Kind, wissen vom Brahman.“

Daraufhin ging Svetaketu zu einem Lehrer und studierte zwölf Jahre. Nachdem er alle Veden auswendig gelernt hatte, kehrte er voller Stolz auf sein Wissen nach Hause zurück.

Als sein Vater den Hochmut des Jünglings bemerkte, sagte er ihm: „Svetaketu, hast du um jenes Wissen gebeten, durch das wir das Unhörbare hören, das Unsehbare sehen, das Unerkennbare erkennen?“

„Was ist dieses Wissen?“ fragte Svetaketu.

„Mein Kind, so wie man, wenn man einen Klumpen Lehm kennt, alle Dinge kennt, die aus Lehm sind, – der Unterschied ist nur dem Namen nach und ergibt sich aus der Sprache, und die Wahrheit ist, dass alle Lehm sind; so wie man, wenn man einen Goldklumpen kennt, alle Dinge aus Gold kennt, während der Unterschied nur dem Namen nach besteht und sich aus der Sprache ergibt, und die Wahrheit ist, dass sie alle aus Gold sind – genau so ist jenes Wissen, welches besitzend wir alles wissen.“

„Aber sicher haben meine ehrwürdigen Lehrer nicht dieses Wissen; wenn sie es gehabt hätten, hätten sie es mir gegeben. Daher gebt Ihr mir jenes Wissen!“

„So sei es“, sagte Uddalaka und fuhr fort:

„Am Anfang war das Sein, Eines nur ohne ein Zweites. Einige sagen, am Anfang sei nur das Nicht-Sein gewesen, und das Universum sei aus ihm entstanden. Doch wie könnte das geschehen? Wie könnte das Sein aus dem Nicht-Sein geboren werden? Nein, mein Sohn, am Anfang war das Sein allein – Eins nur, ohne ein Zweites. Er, der Eine, dachte bei sich selbst: Ich will viele sein, möge ich wachsen. So projizierte er aus sich selbst das Universum; und nachdem er das Universum aus sich projiziert hatte, trat er in jedes Wesen ein. Alles, was ist, hat sein Selbst in ihm allein. Von allen Dingen ist er der subtile Wesensstoff. Er ist die Wahrheit. Er ist das Selbst. Und das, Svetaketu, DAS BIST DU.“

„Bitte erzählt mir mehr von diesem Selbst.“

„So sei es, mein Kind.

So wie die Bienen Honig erzeugen, indem sie Säfte von vielen blühenden Pflanzen und Bäumen sammeln, und so wie diese Säfte, zu einem Honig geworden, nicht wissen, von welchen Blumen sie jeweils herstammen, ähnlich wissen alle Geschöpfe, mein Sohn, wenn sie in jenem einen Sein aufgehen, ob in traumlosem Schlaf oder im Tod, nichts von ihrer Vergangenheit oder ihrem gegenwärtigen Zustand aufgrund der Unwissenheit, die sie umhüllt – wissen nicht, dass sie in ihn eingetaucht sind und dass sie von ihm herkamen.

Was immer diese Geschöpfe sein mögen, ob ein Löwe oder ein Tiger oder ein Eber oder ein Wurm oder eine Mücke oder ein Moskito, das bleiben sie, nachdem sie vom traumlosen Schlaf zurückkehren.

All diese haben ihr Selbst in ihm allein. Er ist die Wahrheit. Er ist der subtile Wesensstoff von allem. Er ist das Selbst. Und das, Svetaketu, DAS BIST DU.“

„Bitte erzählt mir mehr von diesem Selbst.“

„So sei es, mein Sohn:

Die Flüsse im Osten fließen nach Osten, die Flüsse im Westen fließen nach Westen, und alle münden im Meer. Von Meer zu Meer ziehen sie weiter, die Wolken heben sie zum Himmel als Wasserdampf und schicken sie als Regen herab. Und so wie diese Flüsse, wenn sie mit dem Meer vereinigt sind, nicht wissen, ob sie dieser oder jener Fluss sind, ebenso wissen all jene Geschöpfe, die ich genannt habe, nicht mehr, woher sie kamen, wenn sie vom Brahman zurückkehren.

All jene Wesen haben ihr Selbst in ihm allein. Er ist die Wahrheit. Er ist der subtile Wesensstoff von allem. Er ist das Selbst. Und das, Svetaketu, DAS BIST DU.“

„Bitte erzählt mir mehr von diesem Selbst.“

„So sei es, mein Kind:

Wenn jemand einmal an die Wurzel dieses großen Baumes schlüge, würde dieser bluten, aber leben. Wenn er an seinen Stamm schlüge, würde dieser bluten, aber leben. Wenn er den Wipfel schlüge, würde er bluten, aber leben. Vom lebendigen Selbst durchdrungen, steht dieser Baum fest und nimmt seine Nahrung auf; doch wenn das Selbst einen seiner Zweige verließe, würde jener Zweig dahinwelken; würde es einen zweiten verlassen, würde jener dahinwelken; würde es einen dritten verlassen, würde er dahinwelken. Würde es den ganzen Baum verlassen, würde der ganze Baum dahinwelken.

Ebenso wisse dies, mein Sohn: Der Körper stirbt, wenn das Selbst ihn verlässt – aber das Selbst stirbt nicht.

Alles, was ist, hat sein Selbst in ihm allein. Er ist die Wahrheit. Er ist der subtile Wesensstoff aller Dinge. Er ist das Selbst. Und das, Svetaketu, DAS BIST DU.“

„Bitte erzählt mir mehr von diesem Selbst.“

„So sei es. Bring eine Frucht jenes Nyagrodha-Baumes;“

„Hier ist die Frucht.“

„Brich sie.“

„Sie ist durchbrochen, Vater.“

„Was siehst du?“

„Einige Samenkörner, äußerst klein, Vater.“

„Brich eines von ihnen.“

„Es ist gebrochen, Vater.“

„Was siehst du?“

„Nichts, Vater.“

„Den subtilen Wesensstoff siehst du nicht, und in ihm ist der ganze Nyagrodha-Baum. Glaub mir, mein Sohn, jenes, was der subtile Wesensstoff ist – in jenem haben alle Dinge ihr Sein. Das ist die Wahrheit. Das ist das Selbst. Und das, Svetaketu, DAS BIST DU.“

„Bitte erzählt mir mehr von diesem Selbst.“

„So sei es. Streu dieses Salz ins Wasser und komm morgen früh zu mir.“

Svetaketu tat, wie ihm geheißen. Am nächsten Morgen ließ sein Vater ihn das Salz bringen, das er in das Wasser gegeben hatte. Aber er konnte es nicht bringen, denn es hatte sich aufgelöst. Da sagte Uddalaka:

„Trink etwas von dem Wasser und sag mir, wie es schmeckt.“

„Es ist salzig, Vater.“

„In derselben Weise“, fuhr Uddalaka fort, „ist das Brahman da, obgleich du es nicht hier in diesem Körper siehst. Das, was der subtile Wesensstoff ist – in dem haben alle Dinge ihr Sein. Das ist die Wahrheit. Das ist das Selbst. Und das, Svetaketu, DAS BIST DU.“

„Bitte erzählt mir mehr von diesem Selbst“, sagte der Jüngling ein weiteres Mal.

„So sei es, mein Kind:

Wie man einem Mann die Augen verbinden und ihn wegführen könnte und an einem fremden Ort ließe; und so wie er, nachdem so mit ihm verfahren wurde, sich in jede Richtung wendet und nach jemandem ruft, um seine Augenbinde zu entfernen und ihm den Weg nach Hause zu weisen; und so wie jemand, der so gebeten wurde, seine Augenbinde lösen und ihm Trost spenden könnte; und so wie er daraufhin von Dorf zu Dorf wandert und sich nach dem Weg erkundigt, indem er geht; und er schließlich zu Hause anlangt – gerade so ergeht es einem Menschen, der einem erleuchteten Lehrer begegnet und wahre Erkenntnis erlangt.

Das, was der subtile Wesensstoff ist – in dem haben alle Wesen ihr Sein. Das ist die Wahrheit. Das ist das Selbst. Und das, O Svetaketu, DAS BIST DU.“

„Bitte erzählt mir mehr von jenem Selbst.“

„So sei es, mein Kind:

Wenn ein Mann todkrank im Sterben liegt, wenn sich seine Verwandten um ihn herum versammeln und ihn fragen: „Erkennst du mich, erkennst du mich?“ Solange nun seine Sprache nicht in den mentalen Geist übergegangen ist, der mentale Geist in den Atem, der Atem in die vitale Energie, die vitale Energie in das Höchste Wesen, erkennt er die Verwandten. Aber wenn seine Sprache in seinen mentalen Geist übergegangen ist, sein mentaler Geist in seinen Atem, sein Atem in seine vitale Energie, seine vitale Energie in das Höchste Wesen, dann erkennt er sie nicht.

Das, was der subtile Wesensstoff ist – in dem haben alle Wesen ihr Sein. Das ist die Wahrheit. Das ist das Selbst. Und das, O Svetaketu, DAS BIST DU.“

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