Kapitel 4
Der Ursprung von Falschheit, Irrtum, Leid und Bösem
Worte Sri Aurobindo
Wenn Unwissenheit ihrer Art nach ein sich selbst begrenzendes Wissen ist, das die integrale Selbst-Bewusstheit vergessen hat und auf ausschließende Konzentration auf ein einziges Feld oder auf die sie verbergende Oberfläche kosmischer Bewegung beschränkt ist, – was sollen wir bei dieser Betrachtung mit dem Problem machen, das das Mental des Menschen am qualvollsten beschäftigt, wenn er sich dem Geheimnis seiner eigenen Existenz und der des kosmischen Daseins zuwendet: mit dem Problem des Bösen? Man mag als einen verständlichen Prozess des universalen Bewusstseins und der universalen Energie eine begrenzte Erkenntnis zulassen, die von einer geheimen All-Weisheit als Werkzeug benutzt wird, um innerhalb der notwendigen Begrenzungen eine beschränkte Weltordnung auszuarbeiten. Weniger leicht kann man aber die Notwendigkeit von Lüge und Irrtum, die Notwendigkeit von Unrecht und Bösem oder deren Nutzen im Wirken der allgegenwärtigen Göttlichen Wirklichkeit zugeben. Wenn aber jene Wirklichkeit das ist, was wir von ihrem Wesen vermuten, muss es auch eine gewisse Notwendigkeit für das Erscheinen dieser entgegengesetzten Phänomene, eine gewisse Bedeutung und Funktion geben, denen sie im Haushalt des Universums zu dienen hatten. Denn solche Phänomene können im vollständigen und unveränderlichen Selbst-Wissen des Brahman – das notwendigerweise All-Wissen ist, da all das, was ist, das Brahman ist, – nicht als Zufall, als ein beiläufiger Eingriff, ein unwillkürliches Vergessen oder eine Verwirrung der Bewusstseins-Kraft des All-Weisen im Kosmos oder als ein hässliches Missgeschick eingetreten sein, auf das der innewohnende Geist nicht vorbereitet war und deren Gefangener er ist, der in einem Labyrinth unter größter Schwierigkeit des Entkommens herumirrt. Es kann auch kein ursprüngliches und ewiges unerklärliches Geheimnis des Wesens sein, von dem der göttliche All-Lehrer sich oder uns keine Rechenschaft ablegen kann. Dahinter muss eine Bedeutung der All-Weisheit selbst liegen, eine Macht des All-Bewusstseins, die das zulässt und für eine in den gegenwärtigen Wirkensweisen unserer Selbst- und Welt-Erfahrung unentbehrliche Funktion verwendet. Dieser Aspekt des Seins muss jetzt unmittelbar und kraftvoll in seinen Ursprüngen und in den Begrenzungen seiner Wirklichkeit sowie in Bezug auf seinen Platz in der Natur untersucht werden.
Man kann dieses Problem von drei Gesichtspunkten her anfassen: von seiner Beziehung zum Absoluten, zur höchsten Wirklichkeit, von seinem Ursprung und Platz im kosmischen Wirken, von seinem Wirksamwerden im individuellen Wesen und seiner Bedeutung für dieses her. Offensichtlich haben diese entgegengesetzten Phänomene keine unmittelbare Wurzel in der höchsten Wirklichkeit selbst. Dort gibt es nichts, was dieses Gepräge hat. Sie sind ein Erzeugnis von Unwissenheit und Nichtbewusstheit, keine fundamentalen und primären Aspekte des Wesens, nicht ursprünglich zugehörig zur Transzendenz oder zur unendlichen Macht des Kosmischen Geistes. Manchmal hat man auch folgendermaßen argumentiert: Ebenso wie die Wahrheit und das Gute ihr Absolutes besitzen, müssen auch die Falschheit und das Böse ihre Absolutheit haben, oder beide müssten, wenn das nicht der Fall ist, zur Relativität gehören. Wissen und Unwissenheit, Wahrheit und Falschheit, Gut und Böse existierten nur in relativer Beziehung zueinander und besäßen jenseits der Dualität kein Dasein. Das ist aber nicht die fundamentale Wahrheit der Beziehung dieser Gegensätze zueinander. Denn erstens sind die Falschheit und das Böse, im Unterschied zur Wahrheit und zum Guten, ganz deutlich die Ergebnisse der Unwissenheit und können nicht existieren, wo es keine Unwissenheit gibt: Sie können im Göttlichen Wesen kein Selbst-Sein haben. Sie können keine ursprünglichen Elemente der Höchsten Natur sein. Wenn also das begrenzte Wissen, das die Natur der Unwissenheit ist, auf seine Begrenzungen verzichtet und die Unwissenheit in das Wissen verschwindet, können das Böse und die Falschheit nicht länger fortdauern: Denn beide sind die Ergebnisse von Nichtbewusstheit und falschem Bewusstsein. Sie haben, wenn wahres oder vollständiges Bewusstsein als Ersatz für die Unwissenheit herrscht, keine Basis mehr für ihr Dasein. Darum kann es kein Absolutes der Falschheit, kein Absolutes des Bösen geben. Diese Dinge sind das Nebenprodukt der Welt-Bewegung. Die Nachtschattengewächse von Falschheit, Leiden und Bösem haben ihre Wurzeln im schwarzen Boden des Nichtbewussten. Andererseits gibt es kein wirklich wesentliches Hindernis für die Absolutheit der Wahrheit und des Guten: Die Relativität von Wahrheit und Irrtum, von Gut und Böse ist zwar eine Tatsache unserer Erfahrung. Sie ist aber in ähnlicher Weise Neben-Produkt des Daseins und kein ihm ureigener dauernder Faktor. Denn sie trifft nur auf die vom menschlichen Bewusstsein getroffenen Bewertungen zu, und zwar nur für unser partielles Wissen und unsere partielle Unwissenheit.
Wahrheit ist deshalb für uns relativ, weil unser Wissen von Unwissenheit umgeben ist. Unser exaktes Sehen macht Halt bei den äußeren Erscheinungen, die nicht die vollständige Wahrheit der Dinge sind. Wenn wir tiefer eindringen, sind die Erleuchtungen, zu denen wir gelangen, Ergebnisse des Ratens oder indirekter Schlussfolgerungen, oder sie sind Ahnungen, nicht aber die Schau unbezweifelbarer Wirklichkeiten: Unsere Schlussfolgerungen sind partiell, spekulativ oder konstruiert. Ihre Darstellung, die der Ausdruck unseres indirekten Kontakts mit der Wirklichkeit ist, hat die Art von Repräsentationen, von Figuren, Wortbildern oder Gedankenbegriffen, die selbst wieder Bilder, aber nicht Verkörperungen der Wahrheit an sich, nicht unmittelbar wirklich und authentisch sind. Diese Gestaltungen und Wiedergaben sind unvollkommen und undeutlich. Sie tragen einen Schatten von Nichtwissen oder Irrtum an sich. Denn sie scheinen andere Wahrheiten zu bestreiten oder auszuschließen. Selbst die Wahrheit, die sie ausdrücken, bekommt nicht ihren vollen Wert. Nur ein Zipfel oder Rand von ihr wird in eine Form projiziert; alles übrige wird unsichtbar oder entstellt oder ungenau sichtbar im Schatten gelassen. Man kann beinahe sagen, dass keine mentale Behauptung über Dinge gänzlich wahr sein kann. Sie ist nicht die reine, bloße, verkörperte Wahrheit, sondern eine drapierte Figur – oft ist von ihr nur die Draperie sichtbar. Aber diese Charakterisierung trifft nicht für die Wahrheit zu, die durch unmittelbare Bewusstseins-Tätigkeit wahrgenommen wird, auch nicht für die Wahrheit des Wissens durch Identität. Unser Sehen mag dabei begrenzt sein. Soweit es aber reicht, ist es authentisch; und Authentizität ist ein erster Schritt zur Absolutheit. Ein Irrtum mag sich an eine unmittelbare oder identische Schau von Dingen durch mentale Beifügung, irrige oder nicht legitime Ausdehnung oder Fehlinterpretation des Mentals anhängen. Das dringt aber nicht in die Substanz ein. Diese authentische oder identische Schau oder Erfahrung der Dinge ist die wahre Natur des Wissens und im Wesen selbst-seiend, auch wenn es in unserem Mental durch sekundäre Gestaltung wiedergegeben wird, die nicht authentisch sondern abgeleitet ist. Die Unwissenheit hat in ihrem Ursprung nicht dieses Selbst-Sein oder diese Authentizität. Sie existiert durch Begrenzung des Wissens, durch sein Fehlen oder dadurch, dass es in einem Schwebezustand gehalten wird. Irrtum kommt durch Abweichen von der Wahrheit. Falschheit entsteht durch Verzerrung der Wahrheit oder durch Widerspruch gegen sie oder durch ihre Verleugnung. Man kann aber nicht ähnlich vom Wissen sagen, es existiere seiner eigentlichen Natur nach durch Begrenzung der Unwissenheit, durch ihr Fehlen oder dadurch, dass man sie im Schwebezustand hält. Es kann zwar im menschlichen Mental zum Teil durch den Prozess einer solchen Begrenzung oder durch einen Schwebezustand hervortreten, dadurch, dass die Finsternis aus einem partiellen Licht zurückweicht. Oder es kann wie Unwissenheit aussehen, die sich dem Wissen zuwendet. Tatsächlich tritt aber das Wissen durch unabhängige Geburt aus unseren Tiefen hervor, wo es sein ursprüngliches Sein hat.
Auch vom Guten und vom Bösen kann man sagen, das eine existiere durch wahres, das andere überlebe nur durch falsches Bewusstsein. Wenn das Bewusstsein unvermischt wahr ist, kann das Gute allein existieren, ist es nicht mehr mit dem Bösen vermischt oder in dessen Anwesenheit geformt. Die menschlichen Werte von Gut und Böse wie die von Wahrheit und Irrtum sind tatsächlich unsicher und relativ: Was man an einem Ort zu einer Zeit für Wahrheit hält, wird an einem anderen Ort oder zu einer anderen Zeit als Irrtum angesehen. Was für gut gehalten wird, betrachtet man anderswo oder zu anderen Zeiten als böse. Auch finden wir, dass das, was wir mit böse bezeichnen, zu guten Ergebnissen, und das, was wir gut nennen, zu bösen Resultaten führt. Dieses unglückliche Ergebnis aber, dass das Gute das Böse hervorbringt, rührt von der Verwirrung und Vermischung von Wissen mit Unwissenheit her. In das wahre Bewusstsein ist falsches Bewusstsein eingedrungen, so dass es zu einer unwissenden oder irrigen Verwendung unseres Guten kommt. Oder das Böse kommt daher, dass sich bösartige Kräfte einmischen. Im umgekehrten Fall, dass das Böse das Gute hervorbringt, kommt das glücklichere und widersprechende Ergebnis dadurch zustande, dass ein wahres Bewusstsein und eine gute Kraft, die im Hintergrund aktiv sind, trotz falschen Bewusstseins und falschen Willens einwirkten. Oder es rührt daher, dass sich Kräfte des Wiedergutmachens einschalteten. Diese Relativität, diese Vermischung, ist eine Begleiterscheinung der menschlichen Mentalität und des Wirkens der Kosmischen Kraft im menschlichen Leben, es ist nicht die fundamentale Wahrheit von Gut und Böse. Man könnte einwenden, das physisch Böse wie der Schmerz und die meisten körperlichen Leiden sei unabhängig von Wissen und Unwissenheit, von richtigem und falschem Bewusstsein; es sei der physischen Natur eingeboren. Grundsätzlich sind aber aller Schmerz und alles Leiden das Ergebnis einer unzureichenden Bewusstseins-Kraft im äußeren Wesen, die es diesem unmöglich macht, in rechter Weise mit dem Selbst und mit der Natur umzugehen, oder es nicht fertigbringen lassen, sich den Kontakten der universalen Energie zu assimilieren oder sie mit sich in Einklang zu bringen. Die Leiden würden nicht existieren, wenn es in uns eine integrale Gegenwart des erleuchteten Bewusstseins und die göttliche Kraft integralen Wesens gäbe. Darum ist die Beziehung zwischen Wahrheit und Falschheit, zwischen Gut und Böse nicht die gegenseitiger Abhängigkeit, vielmehr von der Art eines Widerspruchs wie zwischen Licht und Schatten. Der Schatten hängt vom Licht ab, was seine Existenz betrifft. Aber das Licht ist hinsichtlich seines Daseins nicht vom Schatten abhängig. Die Beziehung zwischen dem Absoluten und diesen Gegensätzen zu einigen seiner fundamentalen Aspekte ist nicht so, dass sie entgegengesetzte fundamentale Aspekte des Absoluten wären: Die Falschheit und das Böse besitzen keinen fundamentalen Charakter, keine Macht der Unendlichkeit oder ewigen Wesens, kein Selbst-Sein, auch nicht dadurch, dass sie im Selbst-Seienden latent vorhanden sind; sie besitzen nicht die Authentizität ursprünglichen Inne-seins im Absoluten.
Zweifellos ist es eine Tatsache, dass der Begriff von Falschheit und Bösem zu einer Möglichkeit wird, sobald sich die Wahrheit oder das Gute manifestieren. Denn wo immer es Bejahung gibt, ist auch Verneinung vorstellbar. Da die Manifestation von Sein, Bewusstsein und Seligkeit die Manifestation von Nicht-Sein, Nichtbewusstheit und Unempfindlichkeit denkbar macht und diese, als denkbar, auch unvermeidlich wurde – denn alle Möglichkeiten drängen so lange zur Aktivität, bis sie sie erlangen -, so geschah es auch bei diesen Gegensätzen zu den Aspekten des Göttlichen Seins. Man mag aufgrund dessen sagen, diese Gegensätze könnten, da sie dem sie manifestierenden Bewusstsein unmittelbar erkennbar gewesen sein müssen, als stillschweigend vorausgesetzte Absolute eingeordnet werden und seien vom ganzen kosmischen Sein unabtrennbar. Zuerst muss aber beachtet werden, dass sie allein in der kosmischen Manifestation möglich werden. Sie können nicht im zeitlosen Wesen präexistent sein, denn sie sind unvereinbar mit Einheit und Seligkeit als dessen Substanz. Auch im Kosmos könnten sie nur dann entstehen, wenn die Wahrheit und das Gute in partielle und relative Formen begrenzt werden, wenn die Einheit von Sein und Bewusstsein in ein separatives Bewusstsein und ein gesondertes Wesen zerbrochen wird. Denn wo Einheit und vollständige Gegenseitigkeit der Bewusstseins-Kraft sogar in der Vielfalt und Verschiedenheit vorhanden sind, dort ist die Wahrheit des Selbst-Erkennens und des gegenseitigen Erkennens automatisch vorhanden und der Irrtum des Nicht-Erkennens des Selbsts und des gegenseitigen Nicht-Erkennens unmöglich. Ebenso kann dort, wo die Wahrheit als ein Ganzes auf der Grundlage eines des Selbsts bewussten Einsseins besteht, keine Falschheit eindringen. Das Böse wird dadurch ferngehalten, dass ein falsches Bewusstsein und ein falscher Wille mit ihrer Dynamisierung von Falschheit und Irrtum ausgeschlossen sind. Sobald aber die Absonderung eindringt, können auch diese Dinge hereinkommen. Aber selbst eine solche Gleichzeitigkeit ist nicht unvermeidlich. Wenn die Gegenseitigkeit stark genug ist, können, auch wenn aktives Empfinden des Einsseins fehlt, Harmonie und Wahrheit noch souverän sein. Das Böse wird dann keine Pforte zum Eindringen finden, wenn die gesonderten Wesen ihre Normen eines begrenzten Wissens nicht überschreiten oder von ihnen abweichen. Es gibt deshalb ebensowenig ein authentisches unvermeidliches kosmisches Gesetz für die Falschheit und für das Böse, wie es eine Absolutheit für sie gibt. Sie sind Umstände oder Ergebnisse, die nur auf einer gewissen Stufe auftreten, wenn die Sonderung auf ihrem Höhepunkt umschlägt in Gegensätzlichkeit und ebenso die Unwissenheit in primitive Unbewusstheit des Wissens und in ein sich daraus ergebendes falsches Bewusstsein und Wissen zusammen mit deren Inhalt von falschem Willen, falschem Fühlen, falschem Handeln und falscher Reaktion. Die Frage ist nun, an welchem kritischen Punkt der kosmischen Manifestation die Gegensätze eindringen. Denn das kann entweder auf einer Stufe zunehmender Involution des Bewusstseins im gesonderten Mental und Leben geschehen oder erst nach dem Sturz in die Nichtbewusstheit. Das führt zu der Frage, ob Falschheit, Irrtum, Unrecht und Böses ursprünglich auf den mentalen und vitalen Ebenen existieren und also dem Mental und Leben eingeboren sind, oder ob sie wesentlich nur der materiellen Manifestation angehören und von dorther Mental und Leben durch die Verfinsterung zugefügt werden, die aus der Nichtbewusstheit entsteht. Man mag auch fragen, ob sie, wenn sie wirklich im supraphysischen Mental und Leben existieren, dort ursprünglich und unvermeidlich sind. Sie könnten ja auch aus der materiellen Manifestation als deren Folge oder als eine supraphysische Ausweitung dort eingedrungen sein. Oder, falls dies unhaltbar ist, könnten sie im universalen Mental und Leben als eine sie ermöglichende supraphysische Bejahung erschienen sein, als eine vorausgehende Notwendigkeit für ihr Hervortreten in dieser Manifestation, oder in natürlicherer Weise zu ihr gehören als unvermeidliches Ergebnis des schöpferischen Nichtbewusstseins.
…wir können den Ursprung von Falschheit, Irrtum, Unrecht und Bösem als Ergebnis des Nichtbewussten beobachten und verstehen, denn wir können sehen, wie sie bei Rückkehr des Nichtbewussten in die Bewusstheit ihre Formung annehmen und dort sogar normal und unvermeidlich zu sein scheinen.
Als erstes tritt die Materie aus dem Nichtbewussten hervor. Es hat den Anschein, dass die Falschheit und das Böse in der Materie nicht existieren können, da beide erst durch ein zerteiltes und unwissendes vordergründiges Bewusstsein und seine Reaktionen geschaffen werden. Dort gibt es keine solche aktive äußere Bewusstseins-Organisation, keine Reaktion in den materiellen Kräften oder Dingen: Was immer dort an verborgenem Bewusstsein innewohnen mag, scheint einheitlich, undifferenziert und stumm zu sein. Träge der Energie, die das Objekt konstituiert, innewohnend und ihr ursprünglich eigen, bewirkt es die Form und erhält sie durch die schweigende in ihr verborgene Idee. Aber sonst ist das Bewusstsein in die Form jener Kraft, die es erschaffen hat, selbst-versunken; es hat keine Verbindung nach außen und drückt sich nicht aus. Selbst wenn es sich, gemäß der Form der Materie, in eine entsprechende Form von Selbst-Seiendem differenziert, rupam rupam pratirupo babhuva (Katha Upanishad, V.9), gibt es dort keine psychische Organisation, kein System von bewussten Aktionen und Reaktionen. Materielle Gegenstände üben nur durch Kontakt mit bewussten Wesen Mächte und Einflüsse aus, die man gut oder böse nennen kann. Aber das Gute oder Böse wird je nachdem bestimmt, wie das von ihnen beeinflusste Wesen diesen Kontakt als Hilfe oder Schädigung, als Wohltat oder als Verletzung empfindet. Diese Werte gehören nicht dem materiellen Gegenstand an, sondern einer Kraft, die ihn verwendet; oder sie werden von dem Bewusstsein erschaffen, das mit ihm in Kontakt kommt. Das Feuer erwärmt einen Menschen, oder es verbrennt ihn. Das hängt davon ab, ob er unfreiwillig auf es stößt oder ob er es freiwillig gebraucht. Eine Heilpflanze hilft, eine giftige Pflanze tötet. Die Bewertung als gut oder böse wird von dem getroffen, der sie verwendet. Dabei ist zu beachten, dass ein Gift sowohl heilen wie töten, eine Medizin ebenso gut töten oder schaden wie heilen oder wohltun kann. Die Welt der reinen Materie ist neutral, unverantwortlich. Die Werturteile, auf die das menschliche Wesen drängt, existieren nicht in der materiellen Natur: Wie die höhere Natur jenseits von Gut und Böse, so liegt diese niedere Natur unterhalb davon. Die Frage mag einen anderen Aspekt annehmen, wenn wir hinter die physische Erkenntnis zurücktreten und die Ergebnisse okkulter Forschung akzeptieren, denn man sagt uns, es gebe hier bewusste Einflüsse, die sich an die Gegenstände haften, und diese könnten gut oder böse sein. Man kann aber immer noch der Auffassung sein, das beeinflusse nicht die Neutralität des Gegenstandes, der nicht aufgrund eines individuellen Bewusstseins handle, sondern so, wie er für gut oder böse oder für beides verendet wird: Der Dualismus von Gut und Böse ist dem materiellen Prinzip nicht ursprünglich eigen, er fehlt in der Welt der Materie.
Der Dualismus beginnt mit dem bewussten Leben und tritt mit der Entwicklung des Mentals im Leben voll hervor. Das vitale Mental, das Mental des Verlangens und der Sinnesempfindungen, ist der Schöpfer des Empfindens und der Tatsache des Bösen. Überdies ist im Tierleben die Tatsache des Bösen vorhanden: das übel des Leidens und die Empfindung von Leiden, das Böse von Gewalt, Grausamkeit, Kampf und Täuschung. Doch fehlt das Empfinden für das moralisch Böse. Im Tierleben gibt es keinen Dualismus von Sünde und Tugend. Alle Betätigung ist neutral und für die Erhaltung des Lebens, für seinen Unterhalt, für die Befriedigung der Lebens-Instinkte zulässig. Die Empfindungswerte von gut und böse sind Eigenheiten von Schmerz und Lust, von vitaler Befriedigung und vitaler Enttäuschung. Die mentale Idee jedoch, die moralische Reaktion des Mentals auf diese Werte, sind eine Schöpfung des menschlichen Wesens. Daraus ergibt sich nicht, wie man allzu rasch folgern könnte, diese Werte seien nicht wirklich, sondern nur mentale Konstruktionen. Die einzig wahre Art, die Aktualitäten der Natur zu empfangen, sei neutrale Gleichgültigkeit oder gelassenes Akzeptieren, oder man gebe intellektuell zu, alles, was die Natur tue, sei ein göttliches oder natürliches Gesetz, in dem alles unparteiisch annehmbar sei. Das ist in der Tat auch die eine Seite der Wahrheit. Es gibt eine infrarationale Wahrheit von Leben und Materie, die unparteiisch und neutral ist, die alle Dinge als Tatsachen der Natur und als dienlich für Schöpfung, Erhaltung und Zerstörung des Lebens anerkennt, als drei notwendige Vorgänge der universalen Energie, die im Zusammenhang unentbehrlich sind und jeder an seinem Ort von gleichem Wert ist. Es gibt auch eine Wahrheit der unabhängigen Vernunft, die alles, was so von der Natur zugelassen wird, als ihren Verfahrensweisen in Leben und Materie dienlich, und alles, was ist, mit unbewegter Neutralität und Annahmebereitschaft betrachtet. Das ist eine Philosophie und wissenschaftliche Vernunft, die nur als Zeuge beobachtet und zu verstehen sucht, es aber für zwecklos hält, sich als Richter über die Aktivitäten der kosmischen Energie aufzuspielen. Auch gibt es eine suprarationale Wahrheit, die sich in spiritueller Erfahrung ausdrückt, die das Spiel der universalen Möglichkeit beobachten, alles unparteiisch als wahre und natürliche Erscheinungen und Ergebnisse einer Welt der Unwissenheit und Nichtbewusstheit akzeptieren oder als Teil des göttlichen Wirkens ruhig und mitleidend annehmen kann. Diese Einstellung wartet auf das Erwachen eines höheren Bewusstseins und Wissens als den einzigen Ausweg aus dem, was als das Böse auftritt, ist aber zu Hilfe und Eingreifen bereit, wo das nützlich und möglich ist. Nichtsdestoweniger gibt es auch jene andere mittlere Wahrheit des Bewusstseins, die uns erweckt für die Werte von gut und böse und dafür, dass wir ihre Notwendigkeit und Bedeutung anerkennen. Dieses Erwachen ist einer der unentbehrlichen Schritte im Prozess der evolutionären Natur, was auch immer die Sanktion oder die Gültigkeit seiner speziellen Beurteilungen sein mag.
Woraus entsteht dieses Erwachen? Was verursacht im menschlichen Wesen den Sinn für gut und böse und gibt ihm seine Macht und seinen Ort? Wenn wir nur den Vorgang betrachten, könnten wir zugeben, es sei das vitale Mental, das diese Unterscheidung trifft. Seine erste Bewertung ist durch die Sinne bedingt und individuell: Alles, was für das Lebens-Ich erfreulich, hilfreich, wohltuend ist, gilt als gut; alles Unerfreuliche, Bösartige, Schädliche, Destruktive ist übel. Seine nächste Bewertung ist utilitaristisch und sozial: Alles, was für das gesellschaftliche Leben als hilfreich angesehen wird, alles, was dieses vom Individuum fordert, damit es in der Gemeinschaft bleibt, um für beste Erhaltung, Befriedigung, Entwicklung, rechte Ordnung des gesellschaftlichen Lebens und seiner Glieder zu sorgen, ist gut. Was in den Augen der Gesellschaft eine gegenteilige Wirkung oder Tendenz hat, gilt als böse. Nun kommt aber das denkende Mental mit einer eigenen Bewertung hinzu und ringt darum, eine intellektuelle Basis zu finden, die Idee eines rationalen oder kosmischen Gesetzes oder Prinzips, vielleicht ein karmisches Gesetz oder ein auf der Vernunft oder auf der Grundlage der Ästhetik, der Gefühle oder des Glücksstrebens errichtetes ethisches System. Die Religion bringt ihre Sanktionen hinzu. Es gibt ein Wort oder ein Gesetz Gottes, das Gerechtigkeit verlangt, auch wenn die Natur das Gegenteil zulässt oder dazu anregt, – oder vielleicht sind Wahrheit und Gerechtigkeit selbst Gott, und es gibt kein anderes Göttliches Wesen? Aber hinter dieser erzwungenen praktischen oder rationalen Durchsetzung des menschlichen ethischen Instinkts steht ein Gefühl, dass es etwas Tieferes gibt: Alle diese Maßstäbe sind entweder zu eng oder zu starr oder zu kompliziert und verworren, zu ungewiss, der Veränderung durch mentalen oder vitalen Wandel und durch Evolution unterworfen. Dennoch fühlt man, es gibt eine tiefere, bleibende Wahrheit und etwas in uns, das die Intuition dieser Wahrheit haben kann, – mit anderen Worten, die wirkliche Sanktion ist etwas Innerliches, Spirituelles, Seelisches. Die traditionelle Bezeichnung für diesen inneren Zeugen ist Gewissen, eine halb-mentale und halbintuitive Macht des Erkennens in unserem Innern. Aber das ist etwas Oberflächliches, Konstruiertes, Unzuverlässiges. Gewiss gibt es einen tieferen spirituellen Sinn in unserem Innern, das Unterscheidungsvermögen der Seele, ein unserer Natur eingeborenes Licht, das nicht so leicht aktiv wird und eher durch vordergründige Elemente verkleidet ist.
Was ist dieser spirituelle oder seelische Zeuge und was bedeutet für ihn der Wert des Empfindens von gut und böse? Man mag betonen, ein Vorteil dieses Empfindens von Sünde und Bösem sei, dass der Mensch, das verkörperte Wesen, des Charakters dieser Welt der Nichtbewusstheit und Unwissenheit bewusst werden könne und zu einer Erkenntnis des Bösen und des Leidens in ihr erwache, dass das Gute und das Glück in ihr nur relativer Art sei und dass er sich von der Welt abwenden soll hin zu dem, was absolut ist. Der spirituelle Wert des Gewissens mag auch darin liegen, dass es die Natur des Menschen reinigt, damit er dem Guten nachstrebt und das Böse verneint, bis er aufbereitet ist, das höchste Gute zu erkennen, sich von der Welt weg und ganz Gott zuzuwenden. Oder das Gewissen mag im Sinn des ethischen Drängens des Buddhismus dazu dienen, die Auflösung des unwissenden Ego-Komplexes und den Weg aus der Personalität und dem Leiden heraus vorzubereiten. Es mag aber auch sein, dass dieses Erwachen eine spirituelle Notwendigkeit der Evolution selbst ist, ein Schritt dorthin, dass das Individuum aus der Unwissenheit in die Wahrheit der göttlichen Einheit und in die Entwicklung göttlichen Bewusstseins und göttlichen Wesens wächst. Denn etwas viel Höheres als das Mental oder das Leben, die sich sowohl zum Guten wie zum Bösen hinwenden können, ist die Seelen-Personalität, das psychische Wesen, das nachdrücklich auf der Unterscheidung zwischen beiden besteht, wenn auch in einem umfassenderen Sinn als nur dem eines moralischen Unterschieds. Die Seele in unserem Inneren wendet sich immer zur Wahrheit, zum Guten und zur Schönheit, da sie allein durch diese Dinge an Größe gewinnt. Alles Übrige, alles dem Entgegengesetzte, ist notwendiger Teil der Erfahrung. Man muss durch die spirituelle Mehrung des Wesens über sie emporwachsen. Die fundamentale seelische Wesenheit in uns genießt die tiefe Freude am Leben und an aller Erfahrung als einen Teil der fortschreitenden Manifestation des Geistes. Das wahre Prinzip ihrer tiefen Lebensfreude ist aber, dass sie aus allen Kontakten und Ereignissen deren geheimen göttlichen Sinn und ihre Essenz, ihre göttliche Verwendung und Absicht sammelt, so dass unser Mental und unser Leben durch solche Erfahrung aus der Nichtbewusstsein zu einem höchsten Bewusstsein emporwachsen kann, aus den Zerteilungen der Unwissenheit zu einem integral-einenden Bewusstsein und Wissen. Dafür ist die menschliche Seele da. Von einem Lebensablauf zum anderen verfolgt sie ihre immer wachsende Tendenz und ihr Drängen nach oben: Das Wachsen der Seele ist ein Wachsen aus der Finsternis in das Licht, aus der Falschheit in die Wahrheit, aus dem Leiden in ihr eigenes höchstes und universales Ananda. Das Verständnis der Seele für das, was gut und böse ist, kann nicht mit den künstlichen Maßstäben des Mentals übereinstimmen. Sie hat ein tieferes Empfinden, eine sichere Unterscheidung dessen, was auf das höhere Licht hinweist. Es ist wahr, ebenso wie das niedere Licht unterhalb von gut und böse, so ist auch das höhere Licht jenseits von gut und böse. Das gilt aber nicht in dem Sinn, dass man alle Dinge unparteiisch billigt oder in gleicher Weise den Impulsen des Guten wie des Bösen gehorcht. Vielmehr bedeutet es, dass ein höheres Gesetz des Wesens eingreift, in dem es keinen Platz und keine Verwendung mehr für diese Werte gibt. Es existiert ein im Selbst gegründetes Gesetz erhabener Wahrheit, das über allen unseren Maßstäben steht. Es gibt ein höchstes und universales Gutes, das ursprünglich, innerlich wahr, selbst-seiend, selbst-bewusst ist, vom Selbst motiviert und bestimmt wird und das unendlich formbar ist durch die reine Formbarkeit des erleuchteten Bewusstseins des höchsten Unendlichen.
Wenn also das Böse und die Luge natürliche Produkte des Nichtbewussten und automatisches Ergebnis der Evolution von Leben und Mental aus ihm im Prozess der Unwissenheit sind, müssen wir sehen, wie sie entstehen, wovon sie für ihr Dasein abhängig sind und welches Mittel es gibt, sie zu überwinden oder ihnen zu entkommen. Der Vorgang, wie diese Phänomene ins Dasein eintreten, ist erkennbar beim Her vortreten des mentalen und vitalen Bewusstseins aus der Nichtbewusstheit in den Vordergrund. Hier gibt es zwei bestimmende Faktoren, und sie sind die bewirkende Ursache für das gleichzeitige Hervortreten von Falschheit und Bösem. Zunächst gibt es ein zugrunde liegendes, ein noch verborgenes Bewusstsein und die Macht eines ursprünglichen Wissens. Und es gibt auch die darüber liegende Schicht dessen, das man einen noch unbestimmten oder noch schlecht ausgeformten Stoff des vitalen oder physischen Bewusstseins nennen könnte. Durch dieses obskure, schwierige Medium muss sich die hervortretende Mentalität ihren Weg erzwingen und durch konstruiertes, nicht mehr innewohnendes Wissen seiner Herr werden, da dieser Stoff immer noch voll von Unwissenheit und schwer beladen mit dem Nichtbewussten der Materie und in dieses eingehüllt ist. Als nächstes findet das Emportauchen einer gesonderten Form von Leben statt, die sich gegen ein Prinzip der unbelebten materiellen Trägheit und gegen das ständige Herabziehen dieser materiellen Trägheit durchzusetzen hat, von ihr aufgelöst zu werden und wieder in die ursprüngliche unbelebte Nichtbewusstheit zurückzufallen. Diese gesonderte Lebens-Gestalt muss sich auch gegen eine Außenwelt behaupten und wird dabei durch ein begrenztes Prinzip von Zusammenschluss unterstützt. Diese Außenwelt ist, wenn nicht überhaupt gegen ihr Dasein feindlich, so doch voller Gefahren, über die sie Herr werden, sich einen Lebensraum erobern und dazu kommen muss, sich auszudrücken, sich auszubreiten, wenn sie überleben will. Das Ergebnis des Hervortretens von Bewusstsein unter diesen Bedingungen ist das Entstehen eines sich selbst behauptenden vitalen und physischen Individuums, eine Konstruktion der Natur von Leben und Materie, mit einem verborgenen seelischen oder spirituellen Individuum dahinter, für das die Natur dieses Mittel erschafft, damit es sich ausdrücken kann. In dem Maß, wie die Mentalität wächst, nimmt dieses vitale und materielle Individuum die entwickeltere Gestalt eines sich auf die Dauer behauptenden mentalen, vitalen und physischen Egos an. Unser vordergründiges Bewusstsein und der Typus unseres Daseins, unser natürliches Wesen, hat seinen gegenwärtigen Charakter unter dem Zwang dieser beiden anfänglichen und grundlegenden Tatsachen des evolutionären Hervortretens entwickelt.
Bei seinem ersten Erscheinen gleicht das Bewusstsein einem Wunder, einer Macht, die der Materie fremd ist und sich auf unerklärliche Weise in einer Welt nichtbewusster Natur manifestiert und langsam, unter Schwierigkeiten wächst. Wissen wird erworben, sozusagen aus dem Nichts erschaffen, es wird erlernt, vermehrt, von einem kurzlebigen unwissenden Geschöpf angesammelt, dem es bei der Geburt völlig fehlt oder nicht als Wissen, sondern in der Form ererbter Befähigung vorhanden ist, die der Entwicklungsstufe dieser langsam lernenden Unwissenheit entspricht. Man könnte vermuten, Bewusstsein ist nur die ursprüngliche Nichtbewusstheit, die mechanisch die Tatsachen des Daseins als Bericht in den Gehirnzellen speichert, wobei dann ein Reflex oder eine Reaktion in den Zellen automatisch den Bericht liest und die Antwort diktiert. Bericht, Reflex und Reaktion sollten also zusammen das konstituieren, was ein Bewusstsein zu sein scheint. Das ist aber offensichtlich nicht die ganze Wahrheit. Das mag wohl die Beobachtung und ein mechanisches Handeln erklären, – obwohl nicht klar ist, wie ein unbewusster Bericht und eine Antwort darauf sich in eine bewusste Beobachtung, in ein bewusstes Empfinden der Dinge und in ein Empfinden des Selbsts umwandeln können. Das ist keine glaubwürdige Erklärung für Ideenbildung, Fantasie, Spekulation, für das freie Spiel des Intellekts mit diesem beobachteten Material. Die Evolution von Bewusstsein und Wissen kann nicht erklärt werden, wenn es nicht schon ein verborgenes Bewusstsein in den Dingen gibt, das mit den ihm innewohnenden, angeborenen Mächten allmählich immer mehr hervortritt. Ferner zwingen uns die Tatsachen des Tierlebens und die Wirkensweise des im Leben hervortretenden Mentals zu dem Schluss, dass es in diesem verborgenen Bewusstsein ein zugrunde liegendes Wissen oder eine Macht von Wissen gibt, die durch den Zwang der Lebens-Kontakte mit der Umgebung an die Oberfläche kommt.
Das individuelle Tierwesen muss sich anfänglich bei seiner bewussten Selbst-Behauptung auf zwei Quellen von Erkennen stützen. Da es nichtwissend und hilflos ist, nur ein kleines Gebilde von unorientiertem oberflächlichen Bewusstsein in einer ihm unbekannten Welt, schickt die verborgene Bewusstseins-Kraft nur ein Minimum an Intuition an diese Oberfläche, das ihm zur Erhaltung seiner Existenz und zur Durchführung seiner Maßnahmen für Leben und überleben notwendig ist. Das Tier ist nicht Besitzer dieser Intuition, sondern diese besitzt und bewegt es. Sie ist etwas, das sich von selbst im Kern seiner vitalen und physischen Bewusstseins-Substanz unter dem Druck einer Not und für den notwendigen Anlass offenbart. Zugleich sammelt sich aber ein Ergebnis dieser Intuition im äußeren Wesen und nimmt die Form eines automatischen Instinkts an, der stets wirksam wird, wenn die Gelegenheit für ihn wiederkehrt. Dieser Instinkt gehört zur Rasse und wird ihren individuellen Gliedern bei der Geburt mitgegeben. Die Intuition ist, wenn immer sie kommt oder wiederkommt, ohne Irrtum. Der Instinkt ist normalerweise automatisch korrekt. Er kann sich aber irren, denn ihm unterlaufen dann Fehler oder Missgriffe, wenn sich das vordergründige Bewusstsein oder eine schlecht entwickelte Intelligenz einmischen oder wenn er mechanisch weiterwirkt, obwohl infolge veränderter Umstände das Bedürfnis oder die notwendigen Voraussetzungen nicht mehr vorhanden sind. Die zweite Quelle der Erkenntnis ist der vordergründige Kontakt mit der Welt außerhalb des natürlichen individuellen Wesens. Dieser Kontakt ist die Ursache, zuerst einer bewussten Empfindung und Sinneswahrnehmung, dann von Intelligenz. Gäbe es aber jenes grundlegende Bewusstsein nicht, würde der Kontakt keine Wahrnehmung und Reaktion hervorrufen. Dieser Kontakt stimuliert zum Fühlen und zu einer oberflächlichen Reaktion das Subliminal eines schon durch das unterbewusste Lebens-Prinzip vitalisierten Wesens, seine ersten Bedürfnisse und sein anfängliches Suchen, so dass sich äußere Bewusstheit bildet und entwickelt. Ursprünglich ist das Hervortreten eines oberflächlichen Bewusstseins durch die Kraft der Lebens-Kontakte der Tatsache zu verdanken, dass in beiden, im Subjekt und im Objekt des Kontakts, bereits eine Bewusstseins-Kraft in subliminaler Verborgenheit existiert. Sobald das Lebensprinzip bereit und im Subjekt reizempfindlich geworden ist, tritt der Empfänger des Kontakts, das subliminale Bewusstsein, mit einer Antwort auf den stimulierenden Kontakt hervor. Damit beginnt ein vitales oder Lebens-Mental, sich zu konstituieren, das Mental des Tieres, und dann, im Lauf der Evolution, eine denkende Intelligenz. Das verborgene Bewusstsein wird nun vordergründig wiedergegeben in äußerer Empfindung und Wahrnehmung, die geheime Kraft in einem äußeren Impuls.
Würde das zugrunde liegende subliminale Bewusstsein selbst nach außen hervortreten, käme es zu einem unmittelbaren zusammentreffen zwischen dem Bewusstsein des Subjekts und den Inhalten des Objekts. Das Ergebnis wäre unmittelbares Wissen. Das ist aber nicht möglich, erstens wegen des Vetos oder des Widerstandes der Nichtbewusstheit, und zweitens, weil es die evolutionäre Absicht ist, sich langsam, durch unvollkommene, aber wachsende vordergründige Bewusstheit hindurch, zu entwickeln. Darum muss sich die verborgene Bewusstseins-Kraft zu unvollkommenen Wiedergaben an der Oberfläche in vitaler und mentaler Vibration und Wirkensweise einschränken und ist durch das Fehlen, das Zurückhalten oder die Unzulänglichkeit der direkten Bewusstheit gezwungen, Organe und Instinkte für eine indirekte Erkenntnis zu entwickeln. Dieses Erschaffen einer äußeren Erkenntnis und Intelligenz findet in einer schon vorbereiteten unbestimmten bewussten Struktur statt; das ist die früheste Gestaltung an der Außenseite. Zuerst ist diese Struktur nur eine minimale Gestaltung von Bewusstsein mit einer vagen sinnenhaften Wahrnehmung und einem Reaktions-Impuls. Je mehr organisierte Formen von Leben erscheinen, desto mehr wächst dieses in ein Lebens-Mental und eine vitale Intelligenz, die am Anfang weithin mechanisch und automatisch und nur an der Befriedigung praktischer Bedürfnisse, Begehren und Impulse interessiert ist. Diese ganze Aktivität ist anfangs intuitiv und instinktiv. Das ihnen zugrundeliegende Bewusstsein wird im Oberflächen-Substrat in automatische Bewegungen des bewussten Stoffes von Leben und Körper umgewandelt. Sobald Mental-Bewegungen auftreten, werden sie in diese Automatismen involviert. Sie erscheinen als untergeordnete mentale Kenntnisnahme innerhalb einer vorherrschenden vitalen Sinnen-Erfahrung. Allmählich beginnt aber das Mental mit seiner Aufgabe, sich freizumachen. Es arbeitet noch für den Lebens-Instinkt, für die Lebens-Bedürfnisse und für das Lebens-Begehren. Aber seine eigenen besonderen Charakterzüge treten hervor: Beobachtung, Erfindung, Planung, Absicht, Zweckerfüllung, während die Sinnesempfindungen und Impulse sich durch das hinzugewonnene Gefühl zu ihrer rohen vitalen Reaktion eine subtilere, feinere, gefühlsbetonte Motivierung und Wertung erwerben. Das Mental ist noch stark in das Leben involviert. Seine höchsten, rein mentalen Wirkensweisen treten noch nicht in Erscheinung. Es akzeptiert den umfassenden Hintergrund von Instinkt und vitaler Intuition als seine Stütze. Die entwickelte Intelligenz ist ein hinzugefügter Überbau, sie wächst in dem Maße, wie die Lebens-Skala des Tieres emporsteigt.
Wenn sich die menschliche Intelligenz der Basis des Tieres hinzufügt, bleibt diese Grundlage immer noch gegenwärtig und weiter aktiv. Sie wird aber durch den bewussten Willen und die bewusste Absicht weithin verwandelt, verfeinert und emporgehoben. Das automatische Leben von Instinkt und vitaler Intuition nimmt ab und kann seine ursprünglich vorherrschende übermacht gegenüber der des Selbsts bewussten mentalen Intelligenz nicht wahren. Intuition wird weniger rein intuitiv. Selbst wenn noch eine starke vitale Intuition da ist, wird ihr vitaler Charakter durch Mentalisierung verborgen. Mentale Intuition ist sehr oft eine Mischung, nicht rein, denn es ist ein Zusatz beigefügt, um sie mental geläufig und verwendungsfähig zu machen. Auch im Tier kann das äußere Bewusstsein sich der Intuition widersetzen oder sie verändern. Da es aber schwächer ausgerüstet ist, wirkt es weniger störend auf die automatische, mechanische oder instinktive Aktion der Natur ein. Sobald im mentalen Menschen die Intuition in den Vordergrund drängt, wird sie, schon bevor sie ihn erreicht, abgefangen und in Begriffe der Mental-Intelligenz übertragen, denen noch eine Glosse oder mentale Interpretation beigefügt wird, die den Ursprung der Erkenntnis verbirgt. Auch der Instinkt wird seines intuitiven Charakters dadurch beraubt, dass er so manipuliert und mentalisiert wird. Durch diese Umwandlung wird er unsicherer, wenn er auch durch die formbare Macht der Intelligenz, die sich den Dingen und die Dinge sich selbst anzupassen versteht, mehr unterstützt, wenn nicht sogar ersetzt wird. Das Hervortreten des Mentals im Leben führt zu einer außerordentlichen Ausweitung des Bereiches und der Fähigkeit der sich entwickelnden Bewusstseins-Kraft. Das bringt aber auch eine außerordentliche Vermehrung des Bereiches des Irrtums und der Fähigkeit dazu mit sich. Denn das sich entwickelnde Mental zieht ständig den Irrtum als seinen Schatten hinter sich her, einen Schatten, der mit dem wachsenden Umfang von Bewusstsein und Wissen zunimmt.
Kapitel 5
Das Problem des Irrtums
Worte Sri Aurobindos
Wäre das Bewusstsein unseres äußeren Menschen in der Evolution immer offen für das Wirken der Intuition, dann wäre es unmöglich, dass Irrtum sich einmischt. Denn die Intuition ist ein scharfer Lichtstrahl, der vom verborgenen Supramental ausgesandt wird. Ein hervortretendes Wahrheits-Bewusstsein würde die, wenn auch begrenzte, in ihrem Wirken dennoch sichere Folge sein. Hätte sich dann Instinkt zu formen, so würde er durch die Intuition leicht formbar sein und sich frei der evolutionären Umwandlung und der Wandlung der inneren und äußeren Umstände anpassen. Wenn eine Intelligenz sich zu bilden hätte, würde sie der Intuition dienstbar und ihr genauer mentaler Ausdruck sein. Ihre Brillanz würde vielleicht so gemildert werden, dass sie sich einem verminderten Wirken anpasst und einer verkleinerten Funktion und Bewegung dient – und nicht, wie jetzt, einer Vergrößerung von ihnen. Sie wäre aber nicht durch Abweichen von der Intuition exzentrisch und würde nicht durch ihre obskuren Seiten in das Falsche und Verfehlte hinabsinken. Das könnte aber nicht sein, denn die Macht der Nichtbewusstheit in der Materie, der vordergründigen Substanz, in der Mental und Leben sich auszudrücken haben, verdunkelt unser äußeres Bewusstsein und macht es unempfänglich für das Licht im Inneren. Überdies wird die Intelligenz dazu veranlasst, diesen Mangel zu lieben und immer mehr die unberechenbaren inneren Ahnungen durch ihre eigenen unvollständigen, aber besser verständlichen Klarheiten zu ersetzen. Denn es liegt nicht in der Absicht der Natur, das Wahrheits-Bewusstsein rasch zu entfalten. Die von ihr gewählte Methode ist eine langsame und schwierige Evolution der Nichtbewusstheit, die sich in die Unwissenheit entwickelt, und einer Unwissenheit, die sich in eine vermischte, modifizierte und partielle Erkenntnis entfaltet, bevor sie zur Transformation in ein höheres Wahrheits-Bewusstsein und Wahrheits-Wissen bereit sein kann. Unsere unvollkommene mentale Intelligenz ist eine notwendige Stufe des Übergangs, bevor diese höhere Transformation möglich werden kann.
Praktisch gibt es zwei Pole des bewussten Wesens, zwischen denen der evolutionäre Prozess wirksam ist. Der eine ist ein vordergründiges Nichtwissen, das sich allmählich in Wissen zu verwandeln hat. Der andere ist eine verborgene Bewusstseins-Kraft, in der alle Macht von Wissen enthalten ist und die sich allmählich im Nichtwissen manifestieren soll. Das Nichtwissen der Außenseite ist voll von Nicht-Begreifen und Verständnislosigkeit. Sie kann aber in Wissen umgewandelt werden, weil ihr Bewusstsein involviert ist. Würde das Bewusstsein ihr grundsätzlich fehlen, wäre Umwandlung unmöglich. Sie wirkt aber noch als ein Nichtbewusstes, das bewusst zu werden versucht. Zuerst ist es ein Nichtwissen, das durch Not und äußere Einwirkung zum Fühlen und zur Reaktion gezwungen ist, dann eine Unwissenheit, die zu wissen trachtet. Das dazu verwendete Mittel ist ein Kontakt mit der Welt, mit ihren Kräften und Objekten, der, wie wenn man Zunder verwendet, einen Funken von Bewusstheit hervorruft. Die Reaktion von innen her ist dieser Funken, der in die Manifestation hervorspringt. Das Nichtwissen an der Außenseite bemächtigt sich aber der Reaktion, die von einem zugrundeliegenden Ursprung des Wissens empfangen wird, und verwandelt sie in etwas Dunkles und Unvollständiges. Es kommt zu unvollständigem Begreifen oder einem Missverstehen der Intuition, das auf den Kontakt antwortet. Doch beginnt durch diesen Prozess ein reagierendes Bewusstsein, eine erste Ansammlung eines im inneren Kern vorhandenen oder gewohnheitsmäßigen instinktiven Wissens. Darauf folgt erst eine primitive, danach die entwickelte Fähigkeit zu empfänglichem Wahrnehmen, Verstehen, zur Antwort durch Handeln und zum vorausschauenden Einleiten von Handlung, – ein sich entwickelndes Wissen, das halb Wissen, halb Unwissenheit ist. Allem, was noch unbekannt ist, tritt man auf der Grundlage dessen gegenüber, was bekannt ist. Da diese Erkenntnis aber unvollkommen ist, empfängt sie die Kontakte der Dinge auch auf eine unvollkommene Weise und reagiert unvollkommen auf sie. Das kann zu einem falschen Verständnis der neuen Kontakte führen und ebenso zum Missverstehen oder zur Entstellung der intuitiven Reaktion: zur doppelten Quelle von Irrtum.
Unter diesen Umständen ist klar, dass Irrtum eine notwendige Begleiterscheinung, beinahe eine notwendige Voraussetzung und Instrumentation, ein unentbehrlicher Schritt oder eine Stufe in der langsamen Evolution hin zum Wissen in einem Bewusstsein ist, das bei Nichtwissen anfängt und im Stoff eines allgemeinen Nichtwissens wirkt. Das sich entwickelnde Bewusstsein muss Wissen durch ein indirektes Mittel erwerben, das ihm nicht einmal die Bruchstücke einer Gewissheit gibt. Denn hier wird durch den Kontakt mit dem Objekt zuerst nur eine Figur, ein Zeichen, ein Abbild oder eine dem Charakter nach physikalische Vibration und eine sich daraus ergebende vitale Empfindung geschaffen, die durch das Mental und die Sinne interpretiert und in eine entsprechende mentale Idee oder Gestaltung umgewandelt werden müssen. Die so erfahrenen und mental erkannten Dinge müssen miteinander in Beziehung gebracht werden. Unbekannte Dinge muss man beobachten, entdecken, in die schon erworbene Summe von Erfahrung und Erkenntnis einfügen. Bei jedem Schritt steifen sich verschiedene Möglichkeiten von Fakten, Bedeutung, Beurteilung, Interpretation und Beziehung dar. Manche muss man untersuchen und verwerfen, andere akzeptieren und bestätigen: Irrtum auszuschließen, ist unmöglich, ohne dass man dadurch die Chance einengt, Erkenntnis zu erwerben. Beobachtung ist das erste Instrument des Mentals. Beobachtung ist aber an sich ein komplexer Vorgang, in den bei jedem Schritt die Fehler des unwissenden beobachtenden Bewusstseins eindringen können. Verkehrtes Erfassen der beobachteten Tatsache durch die Sinne und das Sinnen-Mental, Weglassen, falsche Auswahl und Zusammensetzung, unbewusste Beifügungen durch persönlichen Eindruck oder persönliche Reaktion bewirken ein falsches oder unvollkommen zusammengesetztes Bild. Zu diesen kommen noch die Irrtümer durch indirekte Schlussfolgerung, Fehlurteil und unrichtige Deutung der Tatsachen vonseiten der Intelligenz. Wenn dann nicht einmal die gesammelten Daten gesichert oder vollkommen sind, müssen auch die daraus gezogenen Schlussfolgerungen unsicher und unvollkommen sein.
Bei seinem Erwerb von Wissen schreitet das Bewusstsein vom Erkannten zum Unbekannten fort. Es errichtet ein Gebäude erworbener Erfahrung, Erinnerungen, Eindrücke, Urteile, einen zusammengesetzten mentalen Plan der Dinge, der seiner Natur nach von veränderlicher und immer neu modifizierbarer Gültigkeit ist. Wird neue Erkenntnis aufgenommen, so wird alles, was zur Annahme hereinkommt, im Licht vergangener Erkenntnis beurteilt und in das Gebäude eingefügt. Kann es nicht richtig hineinpassen, so wird es dennoch irgendwie eingefügt oder verworfen. Das vorhandene Wissen und seine Strukturen oder Maßstäbe mögen aber auf den neuen Gegenstand oder das neue Erkenntnisgebiet nicht anwendbar sein. Das Einfügen mag ein verkehrtes Einpassen, ein Verwerfen, eine irrige Reaktion sein. Zum unrichtigen Erfassen und zur falschen Interpretation der Tatsachen kommen hinzu falsche Anwendung der Erkenntnis, unrichtige Kombination, fehlerhafte Konstruktion, irrige Darstellung – ein komplizierter Mechanismus mentalen Irrtums. In dieser ganzen erhellten Dunkelheit unserer mentalen Funktionen ist eine geheime Intuition am Werk, ein Drängen nach der Wahrheit, das korrigiert oder die Intelligenz veranlasst, zu korrigieren, was irrig ist, und sich um wahre Darstellung der Dinge und um wahres interpretierendes Wissen zu bemühen. Die Intuition selbst ist aber im menschlichen Mental durch das mentale Missverstehen ihrer Anregungen begrenzt und nicht fähig, auf ihrer eigenen Rechtsgrundlage zu wirken. Einerlei, ob es physische, vitale oder mentale Intuition ist, sie kann sich, um angenommen zu werden, nicht unverhüllt und rein darbieten, sondern nur mit mentalem Überzug versehen oder in ein reichlich mentales Gewand eingehüllt. Unter dieser Verkleidung kann ihre wahre Art nicht erkannt werden. Ihre Beziehung zum Mental und ihr Dienst werden nicht verstanden. Ihre Art zu wirken wird durch die voreilige und halbbewusste menschliche Intelligenz nicht beachtet. Es gibt Intuitionen von Aktualität, von Möglichkeit, von der bestimmenden Wahrheit hinter den Dingen. Sie alle werden aber vom Mental miteinander verwechselt. So ist die menschliche Erkenntnis geprägt von einer großen Verwirrung halb begriffenen Materials, von dem Versuch, damit ein Gebäude zu errichten, von einer Darstellung oder mentalen Struktur der Gestalt des Selbsts und der Dinge, die starr und doch chaotisch, halb geformt und geordnet und halb durcheinander gebracht, halb wahr und halb irrig, jedenfalls immer unvollkommen ist.
Irrtum an sich würde jedoch nicht zur Falschheit führen. Er wäre nur eine Unvollkommenheit an Wahrheit, ein Versuch im Erproben von Möglichkeiten. Denn sobald wir etwas nicht wissen, müssen ungeprüfte und ungesicherte Möglichkeiten zugelassen werden. Wenn als ihr Ergebnis eine unvollkommene oder unzutreffende Gedankenkonstruktion aufgebaut ist, kann diese sich dadurch rechtfertigen, dass sie den Zugang zu neuer Erkenntnis in unerwarteten Richtungen eröffnet. Dann mag entweder die Zerstörung und Neuerrichtung dieser Denk-Struktur oder die Entdeckung einer durch sie verborgenen Wahrheit unsere Wahrnehmung oder unsere Erfahrung vermehren. Trotz der hier geschaffenen Mischung könnten Bewusstsein, Intelligenz und Vernunft durch diese vermischte Wahrheit zu einer klareren und wahreren Form von Selbst-und Welt-Erkenntnis heranwachsen. Dadurch würde sich der Widerstand der ursprünglichen umhüllenden Nichtbewusstheit vermindern und ein wachsendes mentales Bewusstsein Klarheit und Vollständigkeit erlangen, die es den verborgenen Mächten einer unmittelbaren Erkenntnis und eines intuitiven Verfahrens möglich machen würde, hervorzutreten, die vorbereiteten und erleuchteten Werkzeuge zu verwenden und die Mental-Intelligenz zu ihrem wirklichen Vollzieher und Wahrheits-Erbauer auf der evolutionären Außenseite zu machen.
Kapitel 6
Das Problem der Falschheit und des Bösen
Worte Sri Aurobindos
Hier greift aber die zweite Bedingung der Evolution, ihr anderer Faktor ein. Denn dieses Suchen nach Wissen ist kein apersonaler mentaler Prozess, der nur durch die allgemeinen Begrenzungen der Mental-Intelligenz beeinträchtigt ist. Da ist das Ego, das physische Ich, das Lebens-Ich, das einen Hang zur vitalen Selbst-Durchsetzung hat und nicht auf die Selbst-Erkenntnis und die Entdeckung der Wahrheit der Dinge und der Wahrheit des Lebens eingestellt ist. Und da ist ein mentales Ich, das ebenso auf eine personale Selbst-Behauptung aus ist und weithin vom vitalen Drang seines Lebens-Begehrens und seiner Lebens-Absicht verwendet wird. Denn im gleichen Maß, wie sich das Mental entwickelt, entfaltet sich auch eine mentale Individualität mit einem personalen Antrieb von Mental-Tendenz, mentalem Temperament und eigener Mental-Gestaltung. Diese vordergründige Mental-Individualität ist egozentrisch. Sie betrachtet die Welt, die Dinge und Ereignisse von ihrem Standpunkt aus. Sie sieht sie nicht so, wie sie sind, sondern so, wie sie auf sie selbst einwirken: Bei ihrer Beobachtung der Dinge gibt sie ihnen die Richtung so, wie es ihrer eigenen Tendenz und ihrem Temperament entspricht, wählt aus oder verwirft und stellt die Wahrheit so dar, wie sie zu dem passt, was sie selbst mental bevorzugt oder was ihr bequem ist. Beobachtung, Beurteilung und Vernunft werden durch diese Mental-Personalität bestimmt oder beeinflusst. Sie werden den Bedürfnissen der Individualität und des Egos angepasst. Sogar dann, wenn das Mental ganz besonders nach einer reinen Apersonalität von Wahrheit und Vernunft strebt, ist ihm gänzliche Apersonalität unmöglich. Auch der am meisten trainierte, strenge und wache Intellekt versagt bei der Beobachtung der Entstellungen und Verdrehungen, die das Ego der Wahrheit bei der Annahme von Tatsachen und Ideen und bei der Konstruktion ihrer mentalen Erkenntnis aufzwingt. Hier haben wir eine fast unerschöpfliche Quelle der Entstellung der Wahrheit, eine Ursache der Verfälschung, einen bewussten oder halb-bewussten Willen zum Irrtum, so dass Ideen und Tatsachen nicht durch eine klare Erkenntnis des Wahren und des Falschen aufgenommen werden, sondern durch Vorliebe, persönliche Nützlichkeit, durch Auswahl je nach Temperament und durch Vorurteil. Auf diesem Saat-Beet wird eine reiche Ernte von Falschheit erzielt. Hier sind eines oder viele Tore, durch die sie heimlich, mit List oder mittels ihrer tyrannischen, aber zugelassenen Gewalttätigkeit eindringen kann. Zwar kann auch die Wahrheit hier hereinkommen und ihre Wohnung aufschlagen, jedoch nicht aus eigener Vollmacht, sondern nur, wenn es dem Mental beliebt.
In den Begriffen der Sankhya-Psychologie können wir drei Typen mentaler Individualität unterscheiden: Der vom Prinzip der Finsternis und Trägheit beherrschte, der erstgeborene aus der Nichtbewusstheit, ist der des Tamas. Der von Leidenschaft und Aktivität regierte, kinetische, ist der Typus von Rajas. Der im Prinzip von Licht, Harmonie und Ausgeglichenheit geprägte Typus ist der des Sattwa. Die Intelligenz nach der Art des Tamas hat ihren Sitz im physischen Mental. Sie ist stumpf den Ideen gegenüber – außer gegen solche, die sie träge, blind und passiv von anerkanntem Ursprung oder einer Autorität übernimmt, – verdüstert in ihrer Annahme, unwillig, sich selbst auszuweiten, widerspenstig einer neuen Anregung gegenüber, konservativ und unbeweglich. Die Intelligenz von Tamas klammert sich an die überkommene Wissens-Struktur. Ihre einzige Macht ist eine wiederholende praktische Tüchtigkeit. Sie ist aber in dieser Macht durch das beschränkt, was gewohnt, alltäglich, festgelegt, vertraut und dadurch gesichert ist. Sie verwirft alles, was neu ist und darum wahrscheinlich beunruhigen wird. Die Intelligenz von Rajas hat ihren Sitz hauptsächlich im vitalen Mental und erscheint in zwei Formen: Die eine ist mit Heftigkeit und Leidenschaft defensiv. Sie setzt ihre mentale Individualität durch und erzwingt alles, was damit in Übereinstimmung steht, von ihren Wissenstendenzen bevorzugt wird und ihren Anschauungen gemäß ist. Sie ist aber aggressiv gegen alles, was ihrer mentalen Ego-Struktur entgegengesetzt oder für ihre persönliche Intellektualität unannehmbar ist. Die andere Art ist enthusiastisch für alles Neue, leidenschaftlich, hartnäckig, stürmisch, oft maßlos beweglich, unbeständig und immer ruhelos, von ihrer eigenen Idee, aber nicht von Wahrheit und Licht beherrscht, sondern vom Eifern im intellektuellen Streit für Bewegung und Abenteuer. Die Intelligenz von Sattwa strebt eifrig und so aufgeschlossen, wie sie dafür sein kann, nach Wissen. Sie ist sorgfältig darauf bedacht, zu erwägen, die Wahrheit zu sichern, auszugleichen, anzupassen und mit ihrer Anschauung alles in Einklang zu bringen, was sich als Wahrheit bestätigt. Sie nimmt alles an, was sie sich assimilieren kann, ist geschickt, eine Wahrheit in einer harmonischen intellektuellen Struktur aufzubauen. Da aber ihr Licht begrenzt ist wie alles mentale Licht, ist sie unfähig, sich auszuweiten, um in gleicher Weise alle Wahrheit und alles Wissen aufzunehmen. Sie hat ein mentales Ich, sogar ein erleuchtetes Ich, und wird durch dieses in allem bestimmt: in ihrer Beobachtung, Beurteilung, Schlussfolgerung, mentalen Entscheidung und Bevorzugung. Bei den meisten Menschen findet sich ein Übergewicht einer dieser Eigenschaften, aber auch Vermischung. Dasselbe Mental kann in der einen Richtung offen, formbar und harmonisch sein; in einer anderen ist es kinetisch und vital, voreilig, von Vorurteilen beherrscht und unausgeglichen. In noch einer anderen kann es verfinstert und unempfänglich sein. Diese Begrenzung durch die Ich-Personalität, diese Verteidigung der persönlichen Individualität und die Weigerung dieses Wesens, etwas anzunehmen, das von ihm nicht assimiliert werden kann, ist für es notwendig, da es in seiner Evolution, auf der erreichten Stufe, eine gewisse Art erlangt hat, sich auszudrücken, einen gewissen Typus seiner Erfahrung und der Verwendung seiner Erfahrung, der, zumindest in Bezug auf Mental und Leben, seine Natur beherrschen muss. Für den Augenblick ist das sein Wesens-Gesetz, sein Dharma. Diese Begrenzung des Mental-Bewusstseins durch die Personalität und die Beschränkung der Wahrheit durch das mentale Temperament und dessen Bevorzugungen muss so lange das Gesetz unserer Natur bleiben, als das Individuum noch nicht Universalität erreicht hat und noch nicht darauf vorbereitet ist, das Mental zu transzendieren. Es ist aber offensichtlich, dass dieser Zustand unvermeidlich eine Quelle des Irrtums ist. Er kann in jedem Augenblick die Ursache für eine Verfälschung der Erkenntnis werden und unbewusst oder halb-willentlich zur Selbst-Täuschung führen, zur Weigerung, wahres Wissen anzuerkennen, und zur Bereitschaft, eine ihm zusagende falsche Erkenntnis als wahr durchzusetzen.
Dieses Gesetz herrscht auf dem Feld der Erkenntnis. Dasselbe gilt aber auch für Willen und Handeln. Aus der Unwissenheit entsteht ein unrichtiges Bewusstsein, das eine falsche dynamische Reaktion auf den Kontakt zu Personen, Dingen und Ereignissen hervorruft. Das äußere Bewusstsein entwickelt die Gewohnheit, die Anregungen für oder gegen ein Handeln nicht zu beachten, sie misszuverstehen oder zurückzuweisen, wenn sie aus dem geheimen innersten Bewusstsein, aus der psychischen Wesenheit kommen. Statt dessen reagiert es positiv auf unerleuchtete mentale oder vitale Suggestionen, oder es handelt in Übereinstimmung mit den Forderungen und Impulsen des vitalen Egos. Hier tritt die zweite Grundbedingung der Evolution, das Gesetz eines abgesonderten Lebens-Wesens, das sich in einer Welt durchsetzt, die für es ein Nicht-Selbst ist, bestimmend hervor und gewinnt große Bedeutung. Die vordergründige vitale Personalität, das Lebens-Selbst, setzt hier seine Vorherrschaft durch. Diese übermacht des unwissenden vitalen Wesens ist eine wichtige aktive Quelle für Zwist und Disharmonie, Ursache der inneren und äußeren Verwirrungen des Lebens, Haupt-Triebfeder für falsches Handeln und für das Böse. Soweit das natürliche vitale Element in uns ungezügelt und ungeübt ist oder seinen primitiven Charakter beibehält, kümmert es sich nicht um Wahrheit, um richtiges Bewusstsein oder um richtiges Handeln. Ihm geht es allein um die Durchsetzung seines Egos, um das Wachsen des Lebens, um Besitz, Befriedigung seiner Impulse, um Erfüllung seiner begehrlichen Wünsche. Dieses Haupt-Bedürfnis und diese Forderung des Lebens-Egos scheint ihm über alles wichtig zu sein. Es möchte das ausführen, ohne dabei auf die Wahrheit, das Rechte, das Gute oder eine andere Erwägung Rücksicht zu nehmen. Weil aber das Mental da ist und diese Begriffe besitzt und weil die Seele existiert und diese Seelen-Wahrnehmungen hat, versucht das gesonderte Lebens-Wesen, das Mental zu beherrschen und aus ihm durch Diktat die Zustimmung und Durchführungs-Ordnung für seinen eigenen Willen der Selbst-Behauptung zu erlangen, einen Urteilsspruch über die Wahrheit, das Richtige und Gute zugunsten seiner eigenen vitalen Ansprüche, Impulse und Wünsche. Ihm liegt die Selbst-Rechtfertigung am Herzen, um Raum dafür zu haben, sein Ego voll durchzusetzen. Wenn es die Zustimmung des Mentals erlangen kann, ist es vollauf dazu bereit, alle diese Maßstäbe zu missachten und nur den einzigen Maßstab aufzustellen, die Befriedigung, das Wachsen, die Stärke und Größe des vitalen Egos. Das Lebens-Individuum braucht Platz, Ausdehnung, Besitz der Welt, Herrschaft und Kontrolle über die Dinge und Wesen. Es benötigt Lebensraum, einen Platz an der Sonne, Selbstbehauptung und überleben. Es braucht diese Dinge für sich selbst und für die, mit denen es vergesellschaftet ist, für sein eigenes Ego und für das kollektive Ich. Es benötigt sie für seine Ideen, Überzeugungen, Ideale, Interessen und für seine Fantasien. Denn es muss diese Formen von Egoismus und Besitz-Anspruch des Egos durchsetzen und seiner Umwelt aufzwingen. Oder es muss, wenn es dazu nicht stark genug ist, sie zumindest gegen andere verteidigen und sie, soweit es in seiner Macht und List steht, aufrechterhalten. Es kann das mit Methoden tun, die es für richtig hält oder die es für richtig zu halten oder so darzustellen versucht. Es kann das aber auch durch die Anwendung von nackter Gewalt unternehmen, durch List, Falschheit, destruktive Aggression, das Zerschmettern anderer Lebensformen: Welche Mittel oder moralische Haltung es auch verwendet, das Prinzip ist immer das gleiche. Das vitale Wesen des Menschen hat nicht nur im Bereich der Religion diesen Geist und diese Haltung von Ich-Behauptung, von Kampf und die Verwendung von Gewalt, Unterdrückung und Vergewaltigung, von Intoleranz und Aggression eingeführt. Es hat das Prinzip der Lebens-Ichsucht dem Bereich der intellektuellen Wahrheit und dem Bereich des Geistes aufgezwungen. In seine Ich-Behauptung bringt das sich so durchsetzende Leben den Hass und die Ablehnung gegen alles, was seiner Ausdehnung im Wege steht oder was sein Ego verletzt. Als Mittel oder als Leidenschaft oder als Reaktion der Lebens-Natur entwickelt es Grausamkeit, Verrat und alle Arten des Bösen: Die Befriedigung seines Begehrens und seines Impulses nimmt keine Rücksicht auf Recht und Unrecht, sondern nur auf die Erfüllung von Begehren und Impuls. Um dieser Befriedigung willen ist es bereit, das Risiko der Zerstörung und tatsächliches Leiden auf sich zu nehmen. Denn das Ziel, zu dem es durch die Natur getrieben wird, ist nicht allein, sich selbst zu bewahren, sondern das Leben durchzusetzen, zu befriedigen und die Lebens-Kraft und das Lebens-Wesen klarzulegen.
Daraus folgt aber nicht, dass die vitale Personalität dies alles in ihrer ursprünglichen Zusammensetzung ist oder dass eigentlich das Böse ihren Charakter bildet. Primär kümmert sie sich überhaupt nicht um die Wahrheit und das Gute. Sie kann aber auch eine Leidenschaft für das Wahre und Gute haben, wie sie, noch spontaner, die Leidenschaft für Freude und Schönheit besitzt. In allem, was durch die Lebens-Kraft entfaltet ist, findet sich auch irgendwo gleichzeitig im Wesen entwickelt ein geheimes Entzücken, eine tiefe Freude am Guten wie am Bösen, eine Wonne wegen der Wahrheit und wegen der Falschheit, eine Seligkeit über das Leben und über den Tod, eine Wonne in der Lust wie im Schmerz, im eigenen Leiden und im Leiden anderer, aber auch an der eigenen Freude, dem eigenen Glück und Guten und ebenso an Freude, Glück und Gutem anderer. Denn die Kraft der Lebens-Behauptung bejaht in gleicher Weise das Gute wie das Böse: Sie hat ihre Impulse zur Hilfe und zur Gemeinschaft, zum Edelmut, zur Zuneigung, Loyalität und Selbst-Hingabe. Die vitale Personalität verwendet den Altruismus ebenso wie den Egoismus. Sie opfert sich ebenso, wie sie andere zerstört. Und in allen diesen Handlungen ist dieselbe Leidenschaft für Lebens-Bejahung, dieselbe Kraft zur Aktion und Erfüllung. Dieser Charakter des vitalen Wesens und seine Haltung zum Dasein, zu dem, was wir mit Gut und Böse bezeichnen, sind Nebenerscheinungen, nicht Haupttriebfedern. Das wird im Leben unterhalb des Menschen offenbar. Da sich im menschlichen Wesen ein mentales, moralisches und psychisches Unterscheidungsvermögen ausgebildet hat, ist hier das vitale Wesen der Kontrolle oder Tarnung unterworfen. Es verändert aber dadurch nicht seinen Charakter. Das Vital-Wesen, seine Lebenskraft und ihr Drang nach Selbst-Behauptung sind, da ein offenes Wirken der Seelen-Kraft und der spirituellen Kraft, atmashakti, fehlt, die Hauptmittel der Natur, um Wirkungen auszuüben. Ohne ihre Unterstützung können weder Mental noch Körper ihre Möglichkeiten ausnützen oder ihr Ziel im Dasein verwirklichen. Nur wenn das innere oder wahre vitale Wesen die äußere Lebens-Personalität ersetzt, kann das Drängen des vitalen Egos völlig überwunden und die Lebenskraft zum Diener der Seele und zu einer machtvollen Instrumentation für das Wirken unseres wahren spirituellen Wesens werden.
Kapitel 7
Warum sind wir mit dem Sinn für Gut und Böse belastet?
Worte Sri Aurobindos
Das ist also der Ursprung und die Natur von Irrtum, Falschheit, Unrecht und Bösem im Bewusstsein und im Willen des Individuums: Ein begrenztes Bewusstsein, das aus dem Nichtwissen emporwächst, ist die Quelle des Irrtums. Persönliches Hängen an der Begrenzung und am daraus entstehenden Irrtum ist der Ursprung der Falschheit. Ein falsches Bewusstsein, das vom Lebens-Ego beherrscht wird, ist der Ursprung des Bösen. Es ist aber offensichtlich, dass ihr relatives Dasein nur eine äußere Erscheinung ist, die durch die kosmische Kraft in ihrem Drang nach einem evolutionären Selbst-Ausdruck herausgestellt wurde. Hier müssen wir nach der Bedeutung dieses Phänomens Ausschau halten. Denn das Hervortreten des Lebens-Egos ist, wie wir gesehen haben, ein Mechanismus der kosmischen Natur, um das Individuum durchzusetzen, um es herauszulösen aus der unbestimmten Massen-Substanz des Unterbewussten und um ein bewusstes Wesen auf der durch die Nichtbewusstheit vorbereiteten Grundlage erscheinen zu lassen. Das Prinzip der Lebens-Behauptung durch das Ego ist die notwendige Folge davon. Das individuelle Ego ist eine pragmatische und wirksame Erfindung, eine Übertragung des verborgenen Selbsts in die Begriffe des vordergründigen Bewusstseins oder ein subjektiver Ersatz für das wahre Selbst in unserer äußeren Erfahrung: Es ist durch die Unwissenheit von dem Selbst der anderen und von der inneren Divinität abgesondert. Dennoch wird es insgeheim zur evolutionären Vereinigung in der Verschiedenheit weitergetrieben. Obwohl es selbst endlich ist, hat es hinter sich den Impuls des Unendlichen. Aber dies überträgt sich in den Begriffen eines unwissenden Bewusstseins in den Willen, sich auszuweiten und grenzenlos endlich zu sein. Es will alles, was es kann, in sich hineinnehmen, in alles eindringen, es besitzen und auch selbst von diesem in Besitz genommen werden, wenn es sich dadurch befriedigt fühlen und in anderen oder durch sie wachsen kann. Oder es kann durch Unterwerfung das Wesen und die Macht anderer in sich hineinnehmen, dadurch eine Hilfe oder einen Impuls für seine Lebens-Behauptung, seine Lebens-Freude und die Bereicherung seines mentalen, vitalen oder physischen Daseins gewinnen.
Weil es aber als ein gesondertes Ego diese Dinge zu seinem eigenen Vorteil tut, und nicht durch bewussten Austausch, Gegenseitigkeit und Einigkeit, entstehen im Leben Zwietracht, Konflikt und Disharmonie. Deren Ergebnisse nennen wir das Unrecht und das Böse. Die Natur akzeptiert sie, weil sie notwendige Begleiterscheinungen der Evolution sind, unentbehrlich für das Wachstum des zerteilten Wesens. Sie sind die Ergebnisse der Unwissenheit, befördert durch ein unwissendes Bewusstsein, das sich auf die Zerteilung gründet, durch einen unwissenden Willen, der durch die Zerteilung wirkt, durch eine unwissende Daseins-Freude, die Lust hat an der Zerteilung. Die evolutionäre Absicht wirkt ebenso durch das Böse wie durch das Gute. Sie muss alles verwenden, weil eine Beschränkung auf ein begrenztes Gutes die beabsichtigte Evolution einsperren und verhindern würde. Sie gebraucht jedes verfügbare Material und tut mit ihm, was sie kann. Aus diesem Grunde sehen wir Böses aus Gutem und Gutes aus dem hervorgehen, was wir Böses nennen. Dass selbst jenes, das man für böse hielt, als gut anerkannt wird, und was man für gut hielt, als böse, kommt daher, dass unsere Maßstäbe für beides evolutionsbedingt, begrenzt und veränderlich sind. Es scheint also zunächst, als bevorzuge die evolutionäre Natur, die irdische kosmische Kraft, keinen dieser Gegensätze. Sie verwendet beide gleichermaßen für ihre Absicht. Und doch hat dieselbe Natur, die gleiche Kraft, den Menschen mit dem Sinn für Gut und Böse belastet und legt Nachdruck auf dessen Bedeutung: Offensichtlich hat also auch dieser Sinn einen Zweck in der Evolution. Auch er muss notwendig sein und dazu dienen, dass der Mensch gewisse Dinge hinter sich lässt und anderen zustrebt, bis er aus dem Guten und Bösen hervortreten kann in ein Gutes, das ewig und unendlich ist.
Kapitel 8
Warum ist die Schöpfung voller Falschheit?
Worte Sri Aurobindos
Eine Evolution aus dem Nichtbewussten muss nicht leidvoll sein, solange kein Widerstand vorhanden ist; sie kann ein bewusst langsames und harmonisches Aufblühen des Göttlichen sein. Man sollte erkennen können, wie schön die äußere Natur sein kann und auch gewöhnlich ist, obwohl sie anscheinend „nichtbewusst“ ist. Warum sollte das Wachsen des Bewusstseins in der inneren Natur von so viel Hässlichkeit und Bösem begleitet sein, das die Schönheit der äußeren Schöpfung verdirbt. Der Grund ist in einer Entstellung zu suchen, geboren aus der Unwissenheit, die mit dem Leben aufkam und sich im Mental vergrößerte – es ist die Falschheit, das Böse, die aus dem tiefen Schlaf der Nichtbewusstheit stammen und die deren Wirken vom Licht der verborgenen, doch ihr immer innewohnenden Bewusstheit trennten. Es hätte jedoch nicht so sein müssen, es sei denn aufgrund des alles beherrschenden Willens des Höchsten. Dies aber bedeutet, dass die Möglichkeiten der Entstellung durch die Nichtbewusstheit und Unwissenheit manifestiert werden mussten, da jede Möglichkeit sich irgendwo manifestieren muss, um eliminiert zu werden. Ist sie einmal eliminiert, dann wird die Göttliche Manifestation in der Materie größer sein als im anderen Fall, da sie alle Möglichkeiten, die in dieser komplizierten Schöpfung enthalten sind, verbinden wird, und nicht nur einige von ihnen, wie es in einer einfacheren und weniger komplizierten Schöpfung durchaus hätte sein können.
„Von Schönheit zu größerer Schönheit, von Freude zu größerer Freude durch besondere Anpassung der Sinne“ – ja, das wäre der normale, wenn auch langsame Verlauf einer göttlichen Manifestation in der Materie. „Misstönender Klang und störender Geruch“ sind das Ergebnis einer Disharmonie zwischen Bewusstsein und Natur, sie sind nicht eigentlich vorhanden; für ein befreites und harmonisches Bewusstsein wären sie, da ihm wesensfremd, nicht gegenwärtig und würden eine richtig entwickelte Seele und Natur nicht berühren. Selbst der „speiende Vulkan, das drohende Gewitter, der wirbelnde Zyklon“ sind in sich großartige und schöne Dinge und lediglich für ein Bewusstsein schädlich oder schrecklich, das unfähig ist, ihnen zu begegnen, sich mit ihnen auseinanderzusetzen oder einen Pakt mit den Geistern des Windes und Feuers zu schließen. Du gehst davon aus, dass die Manifestation aus dem Nichtbewussten so zu sein habe, wie sie jetzt und hier ist, und dass keine andere Art Welt der Materie möglich war; doch die Harmonie der stofflichen Natur als solcher zeigt, dass es nicht notwendigerweise eine uneinige, böse, wütende, aufgewühlte und leidvolle Schöpfung sein muss. Das seelische Wesen, wäre es ihm erlaubt gewesen, sich von Anfang an im Leben zu manifestieren und die Evolution zu lenken, statt hinter dem Schleier verbannt zu sein, wäre die Grundlage einer ewig hervorströmenden Harmonie gewesen. Jeder, der die Seele einmal in sich wirken fühlte, frei von vitaler Einmischung, wird sofort erkennen, dass dies ihre Wirkung gewesen wäre, da ihre Wahrnehmung nicht irrt, ihre Wahl richtig und ihr Tun harmonisch ist. Es ist nicht so gekommen, da die dunklen Mächte das Leben zu etwas Forderndem, statt zu einem Instrument machten. Die Wirklichkeit der Feindlichen Mächte, die Art ihrer Rolle und die Richtung ihres Bestrebens kann von niemandem angezweifelt werden, dessen innere Schau entsiegelt wurde und der ihre unerquickliche Bekanntschaft machte.
Worte Sri Aurobindos
Unwissenheit bedeutet avidya, das trennende Bewusstsein und das egoistische Mental und Leben, die aus ihm hervorgehen, sowie alles Übrige, das diesem trennenden Bewusstsein und egoistischen Mental und Leben eigen ist. Diese Unwissenheit ist das Ergebnis einer Bewegung, durch die sich die kosmische Intelligenz vom Licht des Supramentals (der göttlichen Gnosis) trennte und damit die Wahrheit verlor – die Wahrheit des Seins, die Wahrheit des göttlichen Bewusstseins, die Wahrheit der Kraft und Tat, die Wahrheit des Ananda. Die Folge davon ist, dass wir an Stelle einer Welt integraler Wahrheit und göttlicher Harmonie im Licht der göttlichen Gnosis eine Welt errichtet haben, die auf den Teilwahrheiten einer niedrigeren kosmischen Intelligenz beruht, in welcher alles eine halbe Wahrheit und ein halber Irrtum ist. Sie wurde von Denkern der Vergangenheit, wie Shankara, die die größere Wahrheits-Kraft dahinter nicht wahrnahmen, als Maya stigmatisiert in der Meinung, es sei die höchste schöpferische Macht des Göttlichen. Im Bewusstsein dieser Schöpfung ist alles entweder begrenzt oder aber durch die Trennung vom integralen Licht entstellt; selbst die Wahrheit, die sie erkennt, ist nur ein Halb-Wissen. Daher wird sie die Welt der Unwissenheit genannt.
Falschheit hingegen ist nicht dieses avidya, sondern ihr extremstes Ergebnis. Sie wird von einer asurischen Macht geschaffen, die sich in diese Schöpfung einmischt, und ist nicht nur von der Wahrheit getrennt und daher in ihrem Wissen begrenzt und dem Irrtum offen, sondern befindet sich auch im Aufruhr gegen die Wahrheit oder aber ergreift diese lediglich, um sie zu entstellen. Diese Macht, die dunkle asurische Shakti oder rakshasische Maya gibt ihr entstelltes Bewusstsein als das wahre Wissen aus und seine vorsätzlichen Verzerrungen oder Verdrehungen der Wahrheit als die eigentliche Wirklichkeit der Dinge. Die Mächte und Personalitäten dieses entstellten und entstellenden Bewusstseins nennen wir feindliche Mächte oder feindliche Kräfte. Und wann immer diese Entstellungen, die sie aus dem Stoff der Unwissenheit schaffen, von ihnen als die Wahrheit der Dinge ausgegeben werden, bezeichnet man es im yogischen Sinn als Falschheit, mithya, moha, Lüge oder Täuschung.
Diese sind Kräfte und Wesen, die danach trachten, die Falschheiten, die sie in der Welt der Unwissenheit erschufen, aufrechtzuerhalten und sie als die Wahrheit auszugeben, der die Menschen zu folgen haben. In Indien werden sie Asuras, Rakshasas, Pishachas genannt (Wesen des jeweilig mentalisierten Vitals, des mittleren Vitals und der niederen vitalen Ebenen), die sich in Widerstreit mit den Göttern, den Mächten des Lichtes, befinden. Auch sie sind Mächte und auch sie haben ihr kosmisches Feld, in dem sie ihre Herrschaft und Tätigkeit ausüben; einige von ihnen waren einst göttliche Mächte (die früheren Götter, purve devah, wie sie im Mahabharata genannt werden), die durch ihr Aufbegehren gegen den göttlichen Willen, der hinter dem Kosmos steht, der Dunkelheit anheimfielen. Das Wort „Erscheinungen“ bezieht sich auf die Formen, die sie annehmen, um die Welt zu beherrschen – Formen, die oft falsch sind und immer die Falschheit verkörpern, manchmal auch pseudo-göttliche Formen.
Worte der Mutter
Man könnte sich fragen, ob es wirklich keine absolute Dummheit oder absolute Falschheit gibt, ob hinter den Dingen immer eine Wahrheit liegt, dass es keine absolute Falschheit gibt?
Es kann keine absolute Falschheit geben. Praktisch kann das nicht sein, weil das Göttliche hinter allem ist.
Das ist wie bei jenen, die fragen, ob bestimmte Elemente aus dem Universum verschwinden werden. Was kann das bedeuten, die Zerstörung eines Universums? Wenn wir aus unserer Narrheit herauskommen, was kann man dann noch als „Zerstörung“ bezeichnen? – Nur die Form, die Erscheinung wird zerstört (die Erscheinungen werden alle zerstört, eine nach der anderen). Es wird auch gesagt (es wird überall geschrieben, man erzählt vieles), dass die gegnerischen Kräfte entweder bekehrt werden, das heißt sie werden sich der Göttlichkeit in ihnen bewusst und werden göttlich, oder sie werden zerstört. – „Zerstört“, was heißt das?! Ihre Form? – Ihre Bewusstseinsform kann zerstört werden, aber das „Etwas“, wodurch sie existieren, wodurch alles existiert, wie könnte das je zerstört werden?… Das ist schwer zu begreifen, mein Kind. Das Universum ist eine Objektivierung, ein objektives Bewusst-Werden von Dem, das seit aller Ewigkeit besteht, also? Wie kann das Ganze aufhören zu sein? Es ist das Unendliche und Ewige Ganze, das heißt es hat in keiner Weise irgendwelche Grenzen – was kann das verlassen? Es gibt keinen Ort, wo es hingehen könnte! (Du siehst, darüber kann man sich den Kopf zerbrechen, so viel man will!) Wohin gehen? Es gibt nur DAS.
Worte der Mutter
(Mutter zeigt eine Skizze, die sie soeben zeichnete, um einen Abschnitt aus Savitri zu illustrieren, in dem Sri Aurobindo vom „sardonischen Lachen Gottes“ spricht.)
Ich wollte dieses „sardonische Lachen“ des Herrn sehen! So schaute ich, und anstelle eines sardonischen Lachens erblickte ich ein Gesicht… mit einem solch tiefen Schmerz – so tief und ernst – und voller Mitgefühl… Danach sagte ich mir (du erinnerst dich, es war da drüben, ich sah dies): „Die Falschheit ist der Schmerz des Herrn.“ Es war natürlich in der Erfahrung begründet, dass alles der Herr ist – es gibt nichts, was der Herr nicht sein könnte. Was bedeutet also dieses „sardonische Lachen“?… Ego schaute mir das an und erblickte dieses Gesicht.
Ich sollte als Vorlagen für Hs Gemälde Skizzen erstellen, und so machte ich die Skizze: „Die Falschheit ist der Schmerz des Herrn“.
(Mutter zeigt die Skizze, die das schmerzvolle Gesicht des Herrn darstellt. Langes Schweigen)
Sri Aurobindo hatte das Gefühl oder die Empfindung, dass das, was am weitesten vom Herrn entfernt ist… (ich stütze mich dabei die ganze Zeit auf diese Erfahrung, die sich sehr konkret als Empfindung der „Nähe“ oder des „Entfernt-seins“ äußert – keine gefühlsmäßige Entfernung, durchaus nicht, sondern etwas wie eine materielle Tatsache, allerdings keine räumliche Entfernung), nun, Sri Aurobindo selbst hatte den Eindruck, die Grausamkeit sei am weitesten entfernt. Davon fühlte er sich am fernsten, diese Schwingung schien ihm am weitesten weg von jener des Herrn.
Und trotzdem, es scheint sonderbar, aber selbst in der Grausamkeit spürt man noch die Schwingung der Liebe, einer entstellten Liebe. Weit hinter oder tief innerhalb dieser Schwingung der Grausamkeit existiert immer noch die Schwingung der Liebe – in deformierter Form. Und die Falschheit – die wirkliche Falschheit, die nicht von der Angst herrührt und von nichts sonst, für die kein Grund besteht –, die wirkliche Falschheit, die Negation der Wahrheit (die gewollte Negation der Wahrheit), ist für mich etwas völlig Schwarzes und Lebloses. Diesen Eindruck gibt sie mir. Sie ist schwarz, schwärzer als die schwärzeste Kohle, und sie ist leblos – leblos, ohne jegliche Reaktion.
Als ich diese Beschreibung in Savitri las, empfand ich einen Schmerz, den zu empfinden ich, wie ich glaubte, seit langer Zeit nicht mehr fähig war – seit langer Zeit. Ego glaubte (wie soll ich sagen?), von dieser Möglichkeit geheilt zu sein. Und das letzte Mal, als ich dies sah, erkannte ich, dass sie immer noch existierte, und als ich hinschaute, erkannte ich diesen selben Schmerz in dem Herrn, in Seinem Gesicht, Seinem Ausdruck.
Die willentliche Negierung all dessen, was göttlich ist – all dessen, was wir göttlich nennen.
Das Göttliche ist für uns immer die noch nicht manifestierte Vollkommenheit, alle noch nicht manifestierten Wunder, die sich immer noch weiter entfalten müssen.
Das äußerste Ende der Manifestation (wenn man von einer progressiven Herabkunft ausgeht, was möglich ist, ich weiß es nicht… Es gibt so viele Wahrnehmungen von dem, was passiert ist, und manchmal auch widersprüchliche Wahrnehmungen, immer unvollkommene und vermenschlichte Wahrnehmungen), aber wenn man den Aspekt der Evolution ins Auge fasst, neigt man dazu, von einem äußersten Ende auszugehen, von dem aus man auf ein anderes äußerstes Ende hinschreitet (das ist offensichtlich kindisch, na ja…), oder eine äußerste Seinsart, die sich in Richtung auf die Entgegengesetzte Seinsart entwickelt. Nun denn, was mir am Schwärzesten, am Leblosesten erscheint, als vollständige Verneinung dessen, was wir anstreben, ist das, was die Falschheit ausmacht.
Das heißt, vielleicht ist es das, was ich als Falschheit bezeichne, denn die menschliche Falschheit ist immer eine Mischung aus allen möglichen Dingen; die eigentliche Falschheit hingegen ist folgendes: Sie ist die Behauptung, dass Gott nicht existiert, das Leben nicht existiert, das Licht nicht existiert, die Liebe nicht existiert, der Fortschritt nicht existiert – Licht, Leben und Liebe existieren nicht. Ein negatives Nichts, ein dunkles Nichts. Vielleicht ist es dieses Etwas, das sich an die Evolution klammerte und die Dunkelheit erschuf, welche das Licht verneinte, und den Tod, der das Leben verneinte, und auch den Hass und die Grausamkeit, all das, was die Liebe verneinte – aber das ist schon verdünnt, das befindet sich schon in einem verdünnten Zustand, es ist bereits eine Vermischung.
Oh, wenn man daraus Dichtung machen wollte (dies ist keine philosophische und auch keine spirituelle Betrachtungsweise mehr, sondern eine bildliche Art zu sehen), würde man sich einen Herrn vorstellen, der die Totalität aller möglichen und unmöglichen Möglichkeiten in sich schließt und sich auf der Suche nach einer Reinheit und Vollkommenheit befindet, die niemals erreicht werden können und immer weiter fortschreiten… und der Herr würde sich im Laufe der Manifestation von all dem befreien, was Seine Entfaltung erschwert – Er würde mit dem Scheußlichsten beginnen. Verstehst du das?… Totale Nacht, totale Unbewusstheit, totaler Hass (nein, der Hass impliziert noch, dass es die Liebe gibt), die Unfähigkeit zu fühlen. Das Nichts.
Worte der Mutter
109 – Alles, was über seine bereits erreichte Stufe hinausgeht, erscheint dem Menschen schwierig, und für seine alleinige Anstrengung ist es das auch; es wird aber sofort leicht und einfach, wenn Gott im Menschen die Arbeit übernimmt. – Sri Aurobindo (Aphorismen)
Das ist perfekt. Dazu gibt es nichts zu sagen.
Erst vor zwei oder drei Tagen schrieb ich etwas als Antwort auf eine Frage, und ich sagte ungefähr folgendes: „Sri Aurobindo ist der Herr, aber nur ein Teil des Herrn, nicht der Herr in Seiner Totalität, denn der Herr ist Alles – alles Manifestierte und Nicht-Manifestierte.“ Dann schrieb ich: „Es gibt nichts, was nicht der Herr ist, nichts – there is nothing –, es gibt nichts, was nicht der Herr ist, aber sehr wenige sind sich des Herrn bewusst. Und diese Unbewusstheit der Schöpfung macht ihre Falschheit aus.“
Plötzlich war es so offensichtlich: „Das ist es ja!…“ Wie entstand die Falschheit? – Aber genau so: Die Unbewusstheit der Schöpfung macht die Falschheit der Schöpfung aus. Sobald sich die Schöpfung wieder bewusst wird, der Herr zu sein, hört die Falschheit auf.
So läuft es doch: Alles ist schwierig, alles ist anstrengend, alles ist mühsam, alles ist schmerzlich, weil alles außerhalb des Bewusstseins des Herrn geschieht. Wenn Er jedoch wieder Besitz von Seinem Reich ergreift (oder vielmehr, wenn man Ihn wieder von Seinem Reich Besitz ergreifen lässt) und die Dinge in Seinem Bewusstsein, mit Seinem Bewusstsein geschehen, wird alles nicht nur leicht, sondern wunderbar und glorreich – und unsagbar freudig.
Das wurde ganz offensichtlich. Man sagt: „Was ist das, was nennt man Falschheit? Warum ist die Schöpfung voller Falschheit?“ – Sie ist keine Illusion in dem Sinne, dass sie nicht existent wäre: sie ist vollkommen existent, aber… sie ist sich nicht dessen bewusst, was sie ist! Sie ist sich weder ihres Ursprungs bewusst noch ihrer Essenz und ihrer Wahrheit. Sie ist sich ihrer Wahrheit nicht bewusst. Deshalb lebt sie in der Falschheit.
Dieser Aphorismus ist großartig. Es gibt nichts hinzuzufügen, er sagt alles.