Kapitel 2
Das Heilmittel
Worte Sri Aurobindos
Wie soll sich aber diese evolutionäre Absicht der Natur erfüllen, durch welche Macht, Mittel, Impulse, durch was für ein Prinzip und Verfahren von Auswahl und Harmonisierung? Die vom Mental des Menschen durch die Zeiten hindurch angewandte Methode ist immer ein Prinzip von Auswahl und Verwerfung gewesen. Es hat die Formen einer religiösen Sanktion, einer sozialen und moralischen Lebens-Ordnung oder eines ethischen Ideals angenommen. Das ist aber ein empirisches Mittel, das nicht an die Wurzeln des Problems rührt, weil es keine Schau der Ursache und des Ursprungs der Krankheit besitzt, die es zu heilen versucht. Es behandelt die Symptome, behandelt sie aber nur im Vorübergehen, ohne zu wissen, welcher Funktion sie in der Absicht der Natur dienen und was da im Mental und Leben ist, das sie unterstützt und im Dasein erhält. Überdies sind das menschliche Gute und Böse relativ. Die von der Ethik aufgestellten Maßstäbe sind ebenso unsicher wie relativ. Was von der einen oder anderen Religion verboten wird, was von der gesellschaftlichen Meinung als gut oder böse angesehen wird, was man als nützlich oder schädlich für die Gesellschaft betrachtet, was ein zeitbedingtes Gesetz des Menschen erlaubt oder verbietet, was für einen selbst oder für andere hilfreich oder schädlich ist oder dafür angesehen wird, was mit diesem oder mit jenem Ideal übereinstimmt, was befürwortet oder verboten wird durch einen Instinkt, den wir Gewissen nennen, – eine Verschmelzung von all diesen Gesichtspunkten ist die bestimmende heterogene Idee der Moralität und begründet ihre Substanz. In ihnen allen herrscht die ständige Vermischung von Wahrheit, Halb-Wahrheit und Irrtum, die durch alle Aktivitäten unserer einengenden mentalen Wissens-Unwissenheit hindurchgeht. Eine mentale Kontrolle über unsere vitalen und physischen Sehnsüchte und Triebe, über unser persönliches und soziales Wirken, unseren Umgang mit anderen ist für uns als menschliche Wesen unentbehrlich. Die Moralität schafft einen Maßstab, durch den wir uns führen und eine Kontrolle des Herkommens errichten können. Diese Kontrolle ist aber immer unvollkommen. Sie ist ein Notbehelf, aber keine Lösung: Der Mensch bleibt stets, was er ist und von jeher war, eine Mischung von Gut und Böse, von Sünde und Tugend, ein mentales Ego mit einer unvollkommenen Verfügungsgewalt über seine mentale, vitale und physische Natur.
Das Bemühen, auszuwählen, durch unser Bewusstsein und Handeln all das zu bewahren, was uns als gut erscheint, und all das zu verwerfen, was scheinbar böse ist, und so unser Wesen neu zu gestalten und uns in das Ebenbild eines Ideals zu formen und umzuformen, ist ein tieferes ethisches Motiv, das dem wahren Ziel näher kommt. Es ruht auf der gesunden Vorstellung, dass unser Leben ein Werden ist und dass es etwas gibt, was wir werden sollen und sein müssen. Aber die vom menschlichen Mental konstruierten Ideale sind nur auswählend und relativ. Bildeten wir unsere Natur starr nach ihnen, würden wir uns einengen und dort eine künstliche Konstruktion herstellen, wo wir in ein umfassenderes Wesen emporwachsen sollen. Unsere wahre Berufung ist der Ruf des Unendlichen und des Höchsten. Die Selbst-Bejahung und Selbst-Verneinung, die durch die Natur uns auferlegt ist, sind beides Bewegungen in der Richtung hin zu Jenem. Wir müssen den rechten Weg von Selbst-Bejahung und Selbst-Verneinung zusammen nehmen anstatt des unrichtigen, weil unwissenden Weges des Egos. Wir müssen ihn suchen anstelle des Konflikts zwischen dem Ja und dem Nein der Natur. Wenn wir ihn nicht finden, wird der Druck des Lebens zu stark sein für unser enges Ideal der Vollkommenheit. Seine Instrumentation wird zerbrechen, und es wird dabei versagen, sich zur Vollendung zu bringen und sein Selbst dauerhaft zu machen. Oder wir werden im besten Fall nur ein halbes Resultat erzielen. Es kann sich schließlich aber auch der Drang vom Leben weg als einziges Heilmittel empfehlen, als einziger Ausweg aus der sonst unüberwindbaren Herrschaft der Unwissenheit. Das ist in der Tat der Weg, der gewöhnlich von der Religion gezeigt wird. Eine von Gott vorgeschriebene Moral, ein Leben in Frömmigkeit, Rechtschaffenheit und Tugend, wie das in einem religiösen Kodex für das Verhalten niedergelegt ist, ein Gesetz Gottes, das durch eine gewisse menschliche Inspiration bestimmt ist, wird als ein Teil des Mittels, die Richtung bestimmend, bezeichnet, damit wir so den Weg gehen können, der zum Ausgang, zum Ziel führt. Dieser Ausweg belässt aber das Problem dort, wo es war. Er ist nur ein Weg der Flucht für das personale Wesen aus der ungelösten Rätselhaftigkeit des kosmischen Daseins. Im alten indischen spirituellen Denken gab es ein klareres Erfassen der Schwierigkeit. Man betrachtete das Praktizieren von Wahrheit, Tugend, rechtem Wollen und rechtem Handeln als Notwendigkeit für den Zugang zur spirituellen Verwirklichung. Aber erst in der Verwirklichung selbst erhebt sich das Wesen zu dem höheren Bewusstsein des Unendlichen und Ewigen und schüttelt die Bürde von Sünde und Tugend ab. Denn beide gehören zur Relativität und Unwissenheit. Hinter diesem umfassenderen Verstehen lag die Intuition, dass ein relatives Gutes eine uns von der Welt-Natur auferlegte Einübung ist, damit wir durch sie hindurch zu dem wahren Guten weitergehen, das absolut ist. Diese Probleme sind solche des Mentals und des unwissenden Lebens. Sie begleiten uns nicht über das Mental hinaus. Wie in einem unendlichen Wahrheits-Bewusstsein der Dualismus von Wahrheit und Irrtum aufhört, so wird das unendliche Gute befreit vom Dualismus von Gut und Böse; dort herrscht Transzendenz.
Aus diesem Problem, das die Menschheit immer gequält und aus dem sie keinen befriedigenden Ausweg gefunden hat, kann es kein künstliches Entrinnen geben. Der Baum der Erkenntnis von Gut und Böse mit seinen süßen und bitteren Früchten ist verborgen und verwurzelt in der eigentlichen Natur der Nichtbewusstheit, aus der unser Wesen hervorgetreten ist und auf der es immer noch als auf seinem niederen Boden und der Grundlage unseres physischen Daseins steht. Er ist sichtbar emporgewachsen in mancherlei Verzweigungen der Unwissenheit, die immer noch Haupt-Stamm und Grundlage unseres Bewusstseins in seiner schwierigen Evolution zum höchsten Bewusstsein und integralen Gewahrsein ist. Solange dieser Boden mit seinen unentdeckten Wurzeln und diese nährende Luft und das Klima von Unwissenheit existieren, wird der Baum wachsen und blühen und seine zwiefältigen Blüten und die Frucht von vermischter Art hervorbringen. Daraus folgt, dass es keine endgültige Lösung geben kann, ehe wir nicht unsere Nichtbewusstheit in dieses höhere Bewusstsein umgewandelt, die Wahrheit von Selbst und Geist zu unserer Lebensgrundlage gemacht und unsere Unwissenheit in ein höheres Wissen umgebildet haben. Alle anderen praktischen Lösungen bleiben Notbehelfe oder Sackgassen. Eine vollständige und radikale Transformation unserer Natur ist die einzige Lösung. Ein falsches Wissen und ein falscher Wille sind deshalb möglich, weil die Nichtbewusstheit ihre ursprüngliche Verfinsterung unserem Wahrnehmen des Selbsts und der Dinge aufzwingt, weil die Unwissenheit dieses auf ein unvollkommenes und zerteiltes Bewusstsein gründet und weil wir in dieser Dunkelheit und Zerteilung leben. Ohne falsches Wissen könnte es weder Irrtum noch Falschheit geben. Ohne Irrtum und Falschheit in unseren dynamischen Schichten gäbe es keinen falschen Willen in unseren Organen. Ohne falschen Willen wären falsches Handeln und das Böse nicht vorhanden. Solange diese Ursachen fortdauern, werden auch die Wirkungen in unserem Handeln und in unserer Natur weiterbestehen. Mentale Beherrschung kann nur eine Kontrolle, keine Heilung sein. Mentale Lehre, Ordnung und Maßstäbe können nur ein künstliches Geleise herstellen, in dem sich unser Handeln mechanisch oder unter Schwierigkeiten im Kreise dreht und das dem Ablauf unserer Natur eine gezügelte, eng begrenzte Form aufzwingt. Eine totale Umwandlung des Bewusstseins, eine radikale Veränderung unserer Wesensart ist die einzige Abhilfe und das einzige Ziel.
Da aber die Wurzel der Schwierigkeit ein zersplittertes, begrenztes und gesondertes Dasein ist, muss diese Umwandlung in der Integration und Heilung des zerteilten Bewusstseins unseres Wesens bestehen. Und da dessen Teilung komplex und vielseitig ist, kann keine partielle Umwandlung auf nur einer Seite unseres Wesens als ausreichender Ersatz für die integrale Transformation geltend gemacht werden. Unsere erste Zerteilung ist die von unserem Ego, hauptsächlich, am kraftvollsten und lebendigsten die von unserem Lebens-Ego geschaffene. Sie trennt uns von allen anderen Wesen als unserem Nicht-Selbst und fesselt uns an unsere Ego-Zentrierung und an das Gesetz egoistischer Ego-Behauptung. In deren Irrtümern treten zuerst das Unrechte und das Böse auf. Ein falsches Bewusstsein entzündet in den einzelnen Seiten unseres Wesens, im denkenden Mental, im Herzen, im Lebens-Mental, im sinnenhaften Wesen und im eigentlichen Körper-Bewusstsein einen falschen Willen. Ein verkehrter Wille erzeugt verkehrtes Wirken all dieser Instrumente, vielfältigen Irrtum und vielverzweigte Verdorbenheit von Denken, Wollen, Empfinden und Fühlen. Auch können wir mit anderen Menschen so lange nicht richtig umgehen, als sie für uns die anderen sind, uns fremde Wesen, von deren innerem Bewusstsein, den Bedürfnissen ihrer Seelen, ihres Mentals, Herzens, Lebens und Körpers wir nichts oder nur wenig wissen. Das wenige an unvollkommenem Mitfühlen, Wissen und gutem Willen, die von Gesetz, Bedürfnis und Gewohnheit der Gesellschaft hervorgebracht werden, ist nur eine geringfügige Menge dessen, was für ein wahres Wirken erforderlich ist. Ein umfassenderes Mental, ein größeres Herz, eine reichere und edlere Lebens-Kraft können etwas dazu beitragen, uns oder anderen zu helfen und die gröbsten Verstöße zu meiden. Das reicht aber nicht wirklich aus und wird nicht verhindern, dass eine Masse von Schwierigkeiten und Schäden entsteht und dass das, was wir als das Gute vorziehen, mit dem Guten der anderen zusammenprallt. Durch die eigentliche Natur unseres Egos und durch unsere Unwissenheit setzen wir uns in egoistischer Weise gerade dann durch, wenn wir uns am meisten etwas auf unsere Selbstlosigkeit einbilden. Wir tun das in Unwissenheit gerade dann, wenn wir uns unseres Verstehens und Wissens rühmen. Auch der Altruismus befreit uns nicht, wenn er zu einer Lebensregel geworden ist. Er ist ein machtvolles Instrument zur Ego-Ausweitung und zum Korrigieren einer engeren Haltung unseres Egos. Er hebt dieses aber nicht auf und verwandelt es nicht in das wahre Selbst, das mit allen eins ist. Das Ego des Altruisten ist ebenso machtvoll und absorbierend, wie das Ego des Egoistischen. Es ist oft machtvoller und aufdringlicher, weil es ein selbstgerechtes und vergrößertes Ego ist. Noch weniger hilft es, wenn wir unserer Seele, unserem Mental, Leben oder Körper ein Unrecht zufügen in dem Gedanken, dass wir unser Selbst dem Selbst anderer unterordnen wollen. Der wahre Grundsatz lautet, unser eigenes Wesen in rechter Weise so zu bejahen, dass es eins werden kann mit allen, nicht aber, es zu verstümmeln oder aufzuopfern. Zu gewissen Zeiten mag die Selbst-Aufopferung für eine große Sache ausnahmsweise notwendig sein als Antwort auf ein Verlangen des Herzens oder aus einer gerechten oder hohen Absicht. Das kann aber nicht zum Gesetz oder zur Natur des Lebens gemacht werden. So übertrieben würde die Selbst-Aufopferung nur das Ego der anderen nähren und übermäßig stärken. Oder sie würde irgendein kollektives Ego mächtig machen, aber weder uns noch die Menschheit dazu führen, unser oder ihr wahres Wesen zu entdecken und zu bejahen. Opfer und Selbst-Hingabe sind gewiss ein wahres Prinzip und eine spirituelle Notwendigkeit, denn wir können unser wahres Wesen nicht recht gewinnen ohne Opfer oder ohne dass wir etwas von uns selbst an das hingeben, das größer ist als unser Ich. Aber gerade das muss mit richtigem Bewusstsein und Willen getan werden, die auf wahres Wissen gegründet sind. Das Beste, was wir innerhalb der Grenzen unserer mentalen Struktur tun können, ist, den Sattwa-Teil unserer Natur zu entfalten in eine Natur von Licht, Verstehen, Ausgeglichenheit, Harmonie, Mitleiden, gutem Willen, Freundlichkeit, Nächstenliebe, Selbstbeherrschung und recht geordnetem und harmonischem Wirken. Aber das ist eine Stufe, nicht das Ziel des Wachstums unseres Wesens. Das sind Lösungen unterwegs, Linderungsmittel, notwendige Dinge, um teilweise mit dieser Grund-Schwierigkeit fertig zu werden, provisorische Maßstäbe und Maßnahmen, die uns als vorübergehende Hilfe und Führung gegeben werden, weil die wahre und vollständige Lösung noch jenseits unserer gegenwärtigen Fähigkeit liegt und erst dann kommen wird, wenn wir uns genügend entwickelt haben, um sie sehen und zur Hauptsache unseres Bemühens machen zu können.
Die wahre Lösung kann erst eintreten, wenn wir infolge unseres spirituellen Wachsens zu einem einzigen Selbst mit allen Wesen werden können, wenn wir sie als Teil unseres Selbsts erkennen, mit ihnen so umgehen, als seien sie unser anderes Selbst. Denn dann ist die Zerteilung überwunden. Das Gesetz der gesonderten Ego-Behauptung, das von sich aus dazu führt, dass wir uns gegen andere und auf Kosten der anderen durchsetzen, wird ausgeweitet und zu einem Gesetz der Freiheit, indem wir es ergänzen durch unsere Selbst-Behauptung zugunsten anderer und unser Selbst in ihrem Selbst finden und verwirklichen. Man hat es zu einem Gesetz der religiösen Ethik gemacht, dass wir im Geist universalen Mitleidens handeln, unseren Nächsten lieben wie uns selbst, den anderen das tun, was wir wünschen, sie möchten es uns tun, Freude und Kummer der anderen als unsere eigenen fühlen. Jedoch ist kein Mensch, der in seinem Ego lebt, wahrhaft und vollkommen fähig, diese Dinge zu tun. Er kann sie nur als Forderungen seines Mentals annehmen, als ein Streben seines Herzens, ein Bemühen seines Willens, nach einem hohen Standard zu leben und seine grobe Ego-Natur durch aufrichtige Anstrengung zu verändern. Wenn wir die anderen ganz innig als uns selbst erkennen und fühlen, kann dieses Ideal zur natürlichen und spontanen Regel für unser Leben werden. Wir können es in der Praxis wie im Prinzip verwirklichen. Aber selbst das Einssein mit den anderen ist an sich allein nicht genug, wenn es ein Einssein mit ihrer Unwissenheit ist. Denn dann wird das Gesetz der Unwissenheit wirksam werden. Irrtum des Handelns und falsches Handeln werden dann, wenn auch an Grad vermindert und an Nachdruck und Charakter abgeschwächt, weiter bestehen. Unser Einssein mit anderen muss fundamental sein: nicht ein Einssein mit ihrem Mental, Herzen, vitalen Selbst und Ego – auch wenn diese in unser universalisiertes Bewusstsein einbezogen werden – sondern Einssein in der Seele und im Geist. Das kann aber nur kommen, wenn wir in die Bewusstheit der Seele und in die Erkenntnis des Selbsts befreit werden. Dass wir, vom Ego befreit, unser Selbst sind und unser wahres Selbst verwirklichen, ist vordringlich notwendig. Alles andere kann als lichtes Ergebnis, als notwendige Konsequenz erlangt werden. Das ist einer der Gründe dafür, warum ein spiritueller Ruf an uns als gebieterisch angenommen werden und Vorrang haben muss vor allen anderen Ansprüchen intellektueller, ethischer, gesellschaftlicher Art, die zum Bereich der Unwissenheit gehören. Denn das mentale Gesetz des Guten verbleibt noch in diesem Bereich und kann nur mäßigen und mildern. Nichts kann ein ausreichender Ersatz für die spirituelle Umwandlung sein, die das wahre und integrale Gute deshalb verwirklichen kann, weil wir durch den Geist an die Wurzel von Handeln und Sein kommen.
Im spirituellen Wissen des Selbsts gibt es drei Stufen, auf denen wir das Selbst erlangen können. Sie sind zugleich auch die drei Teile der einen Erkenntnis. Die erste ist die Entdeckung der Seele, nicht der äußeren Seele von Denken, Fühlen und Begehren, sondern der verborgenen psychischen Wesenheit, des göttlichen Elements in uns. Wenn diese über die Natur vorherrschen wird, wenn wir bewusst die Seele sind und Mental, Leben und Körper ihren richtigen Platz als ihre Werkzeuge einnehmen, werden wir eines Lenkers in uns bewusst, der die Wahrheit, das Gute, die echte tiefe Freude und Schönheit des Daseins kennt. Er beherrscht das Herz und den Intellekt durch sein lichtvolles Gesetz und lenkt unser Leben und Wesen hin zur spirituellen Vollkommenheit. Selbst innerhalb der verdüsterten Wirkensweisen der Unwissenheit haben wir dann einen beobachtenden Zeugen, der unterscheidet, ein lebendiges Licht, das erleuchtet, einen Willen, der sich weigert, irre geleitet zu werden. Er trennt die Wahrheit des Mentals von seinem Irrtum, die innige Antwort des Herzens von seinen Vibrationen aus einem falschen Ruf und einer falschen Forderung an es, des Lebens wahre Glut und die Fülle seiner Regungen von der vitalen Leidenschaft und den verwirrenden Falschheiten unserer vitalen Natur und deren finsterer Ichsucht. Das ist der erste Schritt der Selbst-Verwirklichung: die Seele, das göttliche psychische individuelle Wesen anstelle des Egos auf den Thron zu erheben. Der nächste Schritt ist: des ewigen Selbsts in uns innezuwerden, das ungeboren und eins ist mit dem Selbst aller Wesen. Diese Selbst-Verwirklichung befreit uns und macht uns allumfassend. Auch wenn unser Handeln immer noch in der Dynamik der Unwissenheit verläuft, bindet oder verführt es uns nicht länger, weil unser inneres Wesen seinen Platz im Licht des Selbst-Wissens eingenommen hat. Der dritte Schritt ist, dass wir das Göttliche Wesen erkennen, das zugleich unser eigenes höchstes transzendentes Selbst ist, das Kosmische Wesen, die Grundlage unserer Universalität und Divinität im Inneren. Von ihr ist unser psychisches Wesen, das wahre sich entwickelnde Individuum in unserer Natur, ein Teil, ein Funke, eine Flamme, die emporlodert in das ewige Feuer, aus dem sie entzündet wurde. Sie ist dessen immer lebendiger Zeuge in uns und das bewusste Werkzeug seines Lichts, seiner Macht, Freude und Schönheit. Bewusst geworden des Göttlichen als des Meisters unseres Wesens und Wirkens, können wir nun lernen, Kanäle für seine Shakti zu werden, für die Göttliche Allmacht. Wir können wirken im Einklang mit ihren Geboten oder ihrem Gesetz von Licht und Macht in unserem Innern. Unser Handeln wird dann nicht mehr von unserem vitalen Impuls beherrscht oder von einem mentalen Maßstab beeinflusst sein, sondern sie, Shakti, handelt im Einklang mit der dauernden, doch formbaren Wahrheit der Dinge, – nicht jener Wahrheit, die das Mental konstruiert, sondern jener tieferen, höheren und feineren Wahrheit in jeder Bewegung und jedem Umstand, wie das dem höchsten Wissen bekannt ist und vom höchsten Willen im Universum verlangt wird. Die Befreiung des Willens folgt auf die Befreiung im Wissen und ist deren dynamische Folge. Das ist ein Wissen, das läutert; das ist eine Wahrheit, die befreit. Das Böse ist die Frucht spiritueller Unwissenheit. Es wird nur durch das wachsen des spirituellen Bewusstseins und des Lichtes spirituellen Wissens verschwinden. Die Trennung unseres Wesens vom Wesen anderer Menschen kann nur dadurch überwunden werden, dass wir die Scheidung unserer Natur von der inneren Seelen-Wirklichkeit aufheben, dass wir den Vorhang zwischen unserem Werden und dem Selbst-Wesen beseitigen, dass wir den Abstand unserer Individualität in der Natur vom Göttlichen Wesen überbrücken, das die allgegenwärtige Wirklichkeit in der Natur und oberhalb der Natur ist.
Die letzte Trennung aber, die beseitigt werden muss, ist die Spaltung zwischen der Natur und der Übernatur, die die Selbst-Macht des Göttlichen Seins ist. Schon bevor die dynamische Wissens-Unwissenheit entfernt ist und während diese immer noch als eine unzulängliche Instrumentation des Geistes verbleibt, kann die erhabene Shakti, die Übernatur, durch uns wirken, und wir können ihres Wirkens bewusst werden. Das geschieht dann durch eine Minderung ihres Lichtes und ihrer Macht, so dass wir sie in unserer niederen Natur von Mental, Leben und Körper empfangen und uns assimilieren können. Das ist aber nicht genug. Notwendig ist tatsächlich ein völliges Neugestalten dessen, was wir sind, in eine Art und eine Macht der göttlichen Übernatur. Die Integration unseres Wesens kann erst dann vollständig sein, wenn diese Transformation des dynamischen Handelns erfolgt. Wir müssen die ganze Art und Weise der Natur selbst emporheben und umwandeln. Es soll nicht nur zur Erleuchtung und Verwandlung der inneren Teile des Wesens kommen. Ein ewiges Wahrheits-Bewusstsein muss uns ganz in seinen Besitz nehmen und all unsere natürlichen Verhaltensweisen in seine eigene Art und Weise von Wesen, Wissen und Wirken verfeinern. Dann kann ein spontanes Wahrheits-Bewusstsein, ein Wahrheits-Wille, ein Wahrheits-Fühlen, eine Wahrheits-Bewegung und ein Wahrheits-Wirken zum integralen Gesetz unserer Wesensart werden.