Kapitel 1
Das Verständnis von Schöpfung und Schöpfer
„Auf der einen Seite wird der Sucher sich einer unendlichen und aus sich selbst existierenden Gottheit in ihrem Sein [Ishvara] bewusst, die alle Dinge in einer unsagbar erhabenen Entwicklungsmöglichkeit ihrer Existenz enthält, ein Selbst aller Selbste, eine Seele aller Seelen, eine spirituelle Substanz aller Substanzen, eine unpersönliche unbeschreibliche Existenz, aber zugleich eine grenzenlose Person, die sich hier in zahllosen Persönlichkeiten selbst darstellt, ein Gebieter über das Wissen, ein Gebieter über die Kräfte, ein Herr der Liebe, der Seligkeit und der Schönheit, ein einziger Ursprung der Welten, ein sich selbst Offenbarender und sich selbst Erschaffender, ein kosmischer Geist, ein universales Mental, ein universales Leben, die bewusste und lebendige Wirklichkeit, die die von uns als unbewusste, unbelebte Materie empfundene Welt der Erscheinungen trägt.“ (Sri Aurobindo, The Synthesis of Yoga)
Liebe Mutter, was bedeutet „sich selbst Erschaffender“?
Sich selbst Erschaffender? Das bedeutet, dass Er Sich Selbst erschafft.
Erschaffen ist im Sinn von offenbaren, objektivieren, sichtbar machen gebraucht. So ist es sein eigenes Selbst, das Er offenbart. Er selbst ist es, den Er offenbart, den Er augenfällig, den Er sichtbar macht.
Eigentlich wird das Wort „erschaffen“ meistens in einem anderen Sinn gebraucht: Es bedeutet, etwas aus etwas anderem machen. Deshalb hat Sri Aurobindo „sich selbst Erschaffender“ gesagt, das heißt, Er gibt Sich Selbst eine äußere Form aus Sich Selbst. Es ist eine Änderung der Seinsweise: Statt eine nicht offenbarte Möglichkeit zu sein, wird sie zu einer offenbarten Realität. Sie ist nur umgekehrt, nicht etwas anderes. Es ist dasselbe: Auf diese Weise ist sie nicht zu sehen, auf jene Weise ist sie zu sehen – das ist alles. Man wendet es wieder um, und es ist zu sehen. Man dreht es so, und man sieht es nicht; man dreht es so, und man sieht es. Das ist alles. So einfach.
Es ist dasselbe, das in sich existiert, nicht manifestiert, und das dann, plötzlich, so macht (wegschleudernde Handbewegung). Und es ist genau dasselbe, aber es ist eine Bewegung, die hervortreibt, was im Inneren war. Und das, das macht die Welt. Es ist dasselbe in einer doppelten Bewegung: wie wenn du schläfst und erwachst oder bewegungslos bist und anfängst, dich von der Stelle zu rühren, oder dich still verhältst und Lärm zu machen beginnst, so ist das.
Kapitel 2
Eine Geschichte zum Verständnis der Entstehungsweise der Schöpfung
Wir haben die Wahl zwischen vielen Geschichten [über die Schöpfung], die erzählt worden sind, die mehr oder weniger wahr, mehr oder weniger vollständig, mehr oder weniger ausdrucksvoll sind1…
Ich will ganz kurz eine davon erzählen. Nehme sie nicht als Evangelium! Nehme sie vielmehr … als eine Geschichte.
Als der Höchste beschloss, Sich nach außen zu wenden, um Sich Selbst sehen zu können, war das erste, das Er von Sich nach außen wandte, das Wissen über die Welt und die Macht, sie zu erschaffen. Dieses Wissens-Bewusstsein und diese Kraft begannen ihre Arbeit; und im höchsten Willen war ein Plan, und das erste Prinzip dieses Planes war der Ausdruck essenzieller Freude und essenzieller Freiheit zugleich, die der interessanteste Wesenszug dieser Schöpfung zu sein schien.
Es bedurfte also der Vermittler, um diese Freude und diese Freiheit in Formen auszudrücken. Zunächst wurden vier Wesenheiten ausgesandt, diese universale Entwicklung zu beginnen, die die schrittweise Objektivierung von allem sein sollte, was potenziell im Höchsten enthalten ist. Diese Wesenheiten waren in ihrem Wesensprinzip: Bewusstsein und Licht, Leben, Seligkeit und Liebe sowie Wahrheit.
Man kann sich leicht vorstellen, dass sie das Gefühl großer Macht, großer Stärke, von etwas Gewaltigem hatten, da sie ja wesensmäßig das Prinzip dieser Dinge waren. Außerdem hatten sie eine unbeschränkte Entscheidungsfreiheit, da diese Schöpfung die Freiheit selbst sein sollte … Sobald sie sich an die Arbeit gemacht hatten – sie hatten ihre eigene Vorstellung davon, wie sie getan werden sollte –, beschlossen sie, sie unabhängig zu tun. Anstatt die Haltung des Dienenden und des Instrumentes einzunehmen, von dem Sri Aurobindo in dem Text spricht, den ich eben vorgelesen habe2, nahmen sie natürlich die Haltung des Herrn ein, und dieser Irrtum – so kann man sagen – war der erste Grund, die Hauptursache für die ganze Unordnung im Universum. Sobald die Trennung vollzogen worden war – denn dies war der Hauptgrund, Trennung –, sobald die Trennung zwischen dem Höchsten und seinen Emanationen vollzogen worden war, wandelte sich Bewusstsein in Nichtbewusstheit, Licht in Dunkelheit, Liebe in Hass, Seligkeit in Leiden, Leben in Tod und Wahrheit in Falschheit. Und sie führten ihre Schöpfung unabhängig durch, in der Trennung und in der Unordnung.
Das Ergebnis ist die Welt, wie wir sie sehen. Sie ist allmählich so geworden, Schritt für Schritt, und das alles zu erzählen, würde wirklich etwas lange dauern, doch der Abschluss schließlich, das ist Materie – dunkel, nichtbewusst, kümmerlich … Die schöpferische Kraft, von der diese vier Wesenheiten eigentlich zur Erschaffung der Welt ausgesandt worden waren, beobachtete dieses Geschehen und wandte sich an den Höchsten und flehte um das Heilmittel und die Heilung des Übels, das angerichtet worden war.
Da wurde ihr der Befehl gegeben, ihr Bewusstsein in die Nichtbewusstheit, ihre Liebe in dieses Leiden und ihre Wahrheit in diese Falschheit hinabzustürzen. Und ein größeres Bewusstsein, eine umfassendere Liebe, eine vollkommenere Wahrheit als die zuerst ausgesandten tauchte sozusagen in den Schrecken der Materie ein, um dort Bewusstsein, Liebe und Wahrheit zu erwecken und diese Erlösungsbewegung zu beginnen, die das materielle Universum zu seinem höchsten Ursprung zurückführen sollte.
Es hat also so etwas wie „aufeinanderfolgende Involutionen“ in der Materie gegeben, und es gibt eine Abfolge dieser Involutionen. Das gegenwärtige Ergebnis dieser Involutionen ist das Erscheinen des aus dem Nichtbewussten auftauchende Supramental; aber nichts deutet darauf hin, dass es nach diesem Erscheinen nichts anderes mehr geben wird… denn der Höchste ist unerschöpflich und wird immer neue Welten erschaffen.
Das ist meine Geschichte.
1 Wir können diese Geschichten doch mindestens als ein Mittel für unser kindliches Bewusstsein nehmen, etwas lebendig werden zu lassen, das uns sonst zu fern liegen würde.
2 „Das Schwert hat Freude auf dem Schlachtfeld, der Pfeil hat Frohsinn in seinem Zischen und Hochschießen, die Erde hat Begeisterung in ihrem schwindelnden Wirbel durch den Raum, die Sonne hat die königliche Ekstase ihres strahlenden Glanzes und ihrer ewigen Bewegung. O du deiner selbst bewusstes Instrument, ergreife auch du die Wonne deiner eigenen dir bestimmten Werke.“ (The Supramental Manifestation, SABCL, Vol. 16, p. 288)
Kapitel 3
Der Abstieg der Göttlichen Liebe und ein ununterbrochener Aufstieg
Infolge des Wirkens der Kräfte der Zerteilung ist das Bewusstsein Nichtbewusstheit geworden, und die Materie wurde so erschaffen, wie sie ist, auf einer Grundlage vollständiger Nichtbewusstheit, dass zwischen dem Ursprung und dem Erschaffenen keinerlei Kontakt mehr möglich schien. Und diese so vollständige Nichtbewusstheit machte eine direkte Herabkunft des göttlichen Bewusstseins in seiner Form der Liebe ohne den Durchgang durch die Zwischenbereiche notwendig. Und diese Herabkunft der Göttlichen Liebe, die die Materie durchdrang und ihrer Zusammensetzung ein neues Element hinzufügte, erlaubte den für uns zwar langsamen, doch ununterbrochenen Aufstieg des Nichtbewussten zum Bewusstsein und der Dunkelheit zum Licht.
…diese Göttliche Liebe, die alles belebt, alles durchdringt, alles trägt und alles auf den Fortschritt und den Aufstieg zum Göttlichen hinführt, wird vom menschlichen Bewusstsein nicht gespürt, nicht wahrgenommen, und der Mensch, soweit er sie wahrnimmt, vermag sie nur schwer zu ertragen; nicht nur, sie zu fassen, sondern sie tolerieren zu können, möchte ich sagen, weil ihre Macht in ihrer Reinheit, ihre Intensität in ihrer Reinheit von einer zu starken Qualität sind, als dass die menschliche Natur sie aushalten könnte. Erst wenn sie verdünnt, verformt, abgeschwächt und sozusagen verdunkelt wird, wird sie für die menschliche Natur annehmbar. Erst wenn sie sich von ihrer wahren Natur und ihrer wesenhaften Qualität entfernt, gewährt der Mensch ihr Zutritt und (lächelnd) bejaht und verherrlicht sie sogar. Sie muss schon sehr aus der Bahn geraten sein, um vom menschlichen Bewusstsein aufgenommen zu werden. Und damit das menschliche Bewusstsein sie in ihrer Fülle und Reinheit annimmt, toleriert und empfängt, muss es göttlich werden.
Du sagst: „Die Liebe ist überall – in den Pflanzen ist ihre Regung, vielleicht sogar in den Steinen…“ (CWM Vol. 3, pp. 69-70) Wenn es in einem Stein Liebe gibt, wie lässt sie sich erkennen?
Vielleicht sind die verschiedenen Elemente, die den Stein ausmachen, durch den Funken der Liebe untereinander verbunden. Ich bin überzeugt, dass die Materie, als die Göttliche Liebe in sie hinabstieg, völlig ohne Bewusstsein war, sie hatte überhaupt keine Form; man kann sogar sagen, dass Formen ja geradezu ein Ergebnis des Bemühens der Liebe sind, Bewusstsein in die Materie zu bringen. Wenn einer von euch (ich nehme es nicht an, aber immerhin) in das Nichtbewusste hinabsteigen würde, in das, was das reine Nichtbewusste genannt wird, so würdet ihr sehen, was das tatsächlich ist. Im Vergleich damit erschiene euch ein Stein wunderbar bewusst. Ihr sprecht mit Verachtung von einem Stein, weil ihr ein klein wenig mehr Bewusstsein habt als er, doch ist der Unterschied zwischen dem total Nichtbewussten und dem Stein vielleicht größer als der zwischen dem Stein und euch. Und das Herauskommen aus dem Nichtbewussten ist ausschließlich dem Opfer des Göttlichen zu verdanken, dieser Herabkunft der Göttlichen Liebe in die Nichtbewusstheit. Darum hätte ich, als ich sagte: „…vielleicht sogar in den Steinen“, das „vielleicht“ auch weglassen können – ich versichere, dass die Liebe überall ist, ja sogar in den Steinen. Es gäbe nichts – keinen Stein, kein Metall, keine atomare Gestaltung – ohne diese Gegenwart der Göttlichen Liebe.
Die meisten Menschen sagen, dass es ein „Bewusstsein“ gibt, wenn sie anfangen zu denken – wenn man nicht denkt, sei man nicht bewusst. Doch sind Pflanzen vollkommen bewusst, und doch denken sie nicht. Sie haben sehr präzise Empfindungen, die Ausdruck eines Bewusstseins sind, aber sie denken nicht. Tiere beginnen zu denken, und ihre Reaktionen sind viel komplexer. Aber sowohl Pflanzen als auch Tiere sind bewusst. Man kann sich einer Empfindung bewusst sein, ohne den geringsten Gedanken zu haben.
Gab es die stoffliche Substanz vor der Herabkunft der Göttlichen Liebe?
Man kann nicht sagen, es habe eine stoffliche Substanz gegeben. Das Nichtbewusste ist eben das Nichtbewusste. Ich weiß nicht, wie ich es dir erklären soll. Wenn es eine Verneinung von etwas gibt, dann ist es wahrhaftig das Nichtbewusste. Es ist die Verneinung von allem. Es hat nicht einmal das Vermögen der Leere. Man muss dort hinabgestiegen sein, um zu wissen, was es ist… Worte können es nicht beschreiben. Es ist die Verneinung von allem, weil alles mit dem Bewusstsein beginnt. Ohne Bewusstsein ist nichts.
Gab es Wesen vor dieser Herabkunft der Liebe? Hatten sie Bewusstsein?
Es gab keine irdischen Wesen. Die irdische Welt, die Erde, entstand nach der Herabkunft in das Nichtbewusste, nicht vorher.
Die stufenweise Entstehung der verschiedenen Seinszustände, vom Höchsten bis zum stofflichsten Bereich, kam später als das Nichtbewusste. Als das Bewusstsein seine Schöpfung „begann“ (nimm, was ich sage, nicht allzu wörtlich, als erzählte ich eine kleine Geschichte von einem anderen Land, denn das ist es nicht; ich versuche lediglich, dir etwas klarzumachen), da war das erste, was dies schöpferische Bewusstsein offenbarte, gerade eine Ausstrahlung von Bewusstsein – von bewusstem Licht –, und als diese Ausstrahlung sich von ihrem Ursprung trennte, entstand das Nichtbewusste, als Gegensatz – wie das sagen? … ja, wirklich im Gegensatz dazu. Folglich geht die Geburt des Nichtbewussten der Entstehung der Welten voraus, und erst als die Wahrnehmung kam, dass das ganze Universum umsonst geschaffen würde, erhob sich ein Ruf und stürzte sich die Göttliche Liebe in das Nichtbewusste, um es in Bewusstsein zu wandeln. Darum lässt sich sagen, dass die Entstehung der stofflichen Welten, so wie wir sie kennen, Ergebnis der Herabkunft des höchsten Bewusstseins in das Nichtbewusste ist. Man kann nicht sagen, dass es davor etwas gegeben habe, Dinge, wie wir sie in der stofflichen Welt kennen (ich entschuldige mich für die Unbestimmtheit meiner Worte).
Die Bildung der Erde, wie wir sie kennen, dieser winzige Punkt im ungeheuren Universum, ist dazu geschaffen worden, die Bemühung der Transformation auf einen Punkt zu sammeln; sie ist wie ein im Universum geschaffener symbolischer Punkt, um – durch unmittelbares Wirken an einem Punkt – auf das gesamte Weltall ausstrahlen zu können.
Wenn wir das Problem ein wenig verständlicher machen wollen, genügt es, uns auf die Schöpfung und die Geschichte der Erde zu beschränken, weil sie ein gutes Sinnbild der universalen Geschichte ist.
Vom astronomischen Gesichtspunkt aus ist die Erde nichts, ein ganz winziger Zwischenfall. Vom spirituellen Gesichtspunkt aus ist sie eine willentliche symbolische Formation. Und wie ich schon sagte, findet sich nur auf der Erde diese Gegenwart, dieser unmittelbare Kontakt mit dem höchsten Ursprung, diese Gegenwart des göttlichen Bewusstseins, das sich in allem birgt.
Die anderen Welten sind mehr oder weniger abgestuft organisiert, wenn man so sagen kann, aber die Erde ist eine besondere Formation, dank dem unmittelbaren Eingreifen – ohne Mittler – des höchsten Bewusstseins in das Nichtbewusste.
Bestehen die Sonnenteilchen aus demselben Stoff wie die Erde?
Ich habe betont, dass dies Ausstrahlen eine symbolische Schöpfung war und alles Wirken an diesem besonderen Punkt seine Auswirkung im gesamten Weltall hatte; erinnere dich daran und komme nicht damit, die Erde stamme von einem aus der Sonne projizierten Element, oder ein Nebel habe sich ausgebreitet und die Sonne und all ihre Satelliten gebildet usw.
Der Zustand, in dem ich mich befand, war eine Erinnerung, eine ewig gegenwärtige Erinnerung, an dies Bewusstsein der höchsten Liebe, das der Herr auf die Erde ausgestrahlt hat, in die Erde – in die Erde hinein –, um sie zu Ihm zurückzubringen; denn das war wirklich der Abstieg in die absolute Leugnung des Göttlichen, die Verneinung der eigentlichen Essenz der göttlichen Natur, folglich das Aufgeben des göttlichen Zustands, um die irdische Dunkelheit anzunehmen und die Erde in den göttlichen Zustand zurückzuführen. Und solange nicht diese höchste Liebe hier auf der Erde allgewaltig bewusst wird, kann die Rückkehr niemals endgültig sein.
Kapitel 4
Wie wurden Götter und Göttinnen geboren?
Liebe Mutter, wie wurden die Götter und die Göttinnen geboren?
Ich will dir das in ganz kindlicher Form erzählen:
Sie, Aditi, das Schöpferische Bewusstsein, hat zunächst vier Wesen gebildet. Als sie die Aufgabe bekam zu erschaffen, hat sie vier Emanationen, Aussendungen, ihres Wesens geschaffen; und diese vier Emanationen waren erschaffen worden mit der Auflage, das Universum zu entwickeln. Und dann nahm es eine schlechte Wendung, sagen wir‘s mal so; und als die Dinge dann schlecht liefen, machte sie eine Neuschöpfung all der Wesen, die Götter geworden sind; und parallel zu der Unordnung, die durch die vier ersten Emanationen entstanden war, lief die geordnete Entwicklung, das heißt, unter der Leitung des Höchsten die geordnete Schöpfung aller Welten in absteigender Reihenfolge bis zur Materie. Und aus dieser Reihe stammen die Götter, die später erschienen sind: eine Formation, eine immer größer werdende Materialisierung im Bereich des Obermentals, wie Sri Aurobindo es nennt. Und von da an haben die Götter die Schöpfung des materiellen Universums und der Erde geleitet. Und eine der Verfahrensweisen war die Bildung der Erde als symbolische Schöpfung, die für das ganze Universum steht, um das Problem zu verdichten und zu konzentrieren, damit es leichter gelöst werden kann. Und diese Erde, obwohl sie astronomisch unendlich klein ist und so unbedeutend wie nur möglich, ist vom okkulten Standpunkt der Weltschöpfung aus gesehen ein Symbol, das das Universum so vollkommen darstellt, dass durch die Umwandlung der Erde das Universum durch Ansteckung oder Analogie umgewandelt werden kann, weil die Erde das Symbol des Universums ist. Das war das Verfahren, das die Götter angenommen hatten. Und der Sitz dieser Götter ist das Obermental, wie Sri Aurobindo es genannt hat.
Natürlich sind die Dinge nicht so. Glaube nicht, dass ich dir eben die Geschichte so erzählt habe, wie sie sich zugetragen hat. Die Dinge sind nicht so, sondern das ist eine Art und Weise, sie dem Kopf verständlich zu machen. Es sieht so aus, als wäre es so geschehen.
Doch diese vier Wesen, von denen ich zuerst gesprochen habe, sind geschlechtslos, sie waren weder Mann noch Frau; und in der vitalen Welt ist ein ganzer Teil der vitalen Schöpfung aus diesen Wesen hervorgegangen, ein ganzer Teil hat kein Geschlecht. Im Übrigen haben auch die Götter eine Welt geschaffen, die geschlechtslos ist. Das ist die Welt der Engel, was man Engel nennt, was man im Okkultismus Bildner, Gestalter nannte. Das sind geschlechtslose Geister. Sie wurden mit Flügeln dargestellt und sind geschlechtslos.
Es gibt im Universum Wesen, die kein Geschlecht haben, die weder Männer noch Frauen sind, und es gibt viele davon in der vitalen Welt. Es gibt geschlechtliche Wesenheiten in der vitalen Welt, aber in ihrem materiellsten Teil, der der Erde am nächsten ist, und nicht in ihrem wichtigsten. Der wichtigste Teil ist geschlechtslos. Das macht sie übrigens nicht besser, da es dem göttlichen Willen und der göttlichen Verwirklichung feindlich gesinnte Wesen sind, aber es verleiht ihnen eine gewaltige Kraft. Und so haben die Götter im Gegenzug auch eine ganze Gruppe von Wesen geschaffen, die kein Geschlecht haben und von denen die Menschen als Engel sprechen. Wie sagt man? „Dein Schutzengel“, und was noch? Vor allem „Engel“.
(Pavitra) Die Cherubim, die Seraphim.
Ja, ja, das ist es. Sie haben viele Namen gegeben. So ist es!
Liebe Mutter, in den alten Überlieferungen spricht man immer von den Frauen der Götter, die von den Asuras behelligt wurden.
Was, die Frauen der Götter, die von den Asuras behelligt wurden? Ja.
Sind sie ebenfalls dem Materiellen näher? Ist es in der vitalen Welt oder ist es…
Es ist in der vitalen Welt.
(Pavitra) Mutter, und im Mental gibt es Wesen des Mentals…
Es gibt Wesen des Mentalen, die auch geschlechtslos sind, nicht alle, aber viele. Es gibt viele. Es gibt diese mentalen Formationen, die immerwährend sind, die sehr gut gemacht sind, sehr harmonisch, beständig, so etwas wie mentale Konstruktionen, mentale Formationen, die lebendige Wesen sind, die aber, wenn sie sich inkarnieren, ganz neutral von einem männlichen in einen weiblichen Körper übergehen. Das ist ihnen völlig gleichgültig, für sie besteht da kein Unterschied.
Ist das alles? Oder hast du dazu noch etwas?
Mutter, was ist der eigentliche Grund für das Erscheinen des Geschlechts? Denn in der Biologie sieht man, dass die einzelligen Lebewesen ja zunächst geschlechtslos waren; das Geschlecht erscheint später.
Das ist die Natur, mein Kind, die alle möglichen Systeme ausprobiert hat. Das sind alles Mittel, die die Natur anwandte. Möglicherweise war für die Vervollkommnung der Gattung die Verdoppelung notwendig im Hinblick auf die materielle Evolution. Es sieht so aus, denn das wurde ja offensichtlich später angenommen. Ja, die Natur … sie hat wohl alle Möglichkeiten ausprobiert – einfach alles.
Du sagst doch aber, dass sogar die Götter ein Geschlecht haben!
Ja, schon, vielleicht hat die Natur dies unter ihrem Einfluss gemacht. Es ist gewiss nicht so, dass die Götter es haben, weil es auf der Erde erschienen ist. Wir können also logisch folgern: Weil es bei den Göttern so war, ist es auch auf der Erde so geworden. Doch scheint die Natur keine direkten Eingebungen empfangen zu haben. Sie scheint ihren eigenen Weg auf ihre Weise gegangen zu sein. Aber sie hat alle Möglichkeiten ausprobiert. Ich glaube nicht, dass sie etwas nicht versucht hat, und sie macht weiter. Doch hat auch die Natur geschlechtslose Wesen geschaffen, sogar in menschlicher Form, es gab welche. Ich habe sogar einmal eine griechische Statue dieser Art gesehen. Die Griechen kannten das.
Alles, was man sich vorstellen kann, und noch viel mehr, hat die Natur sich vorgestellt. Nur will sie nicht unter Druck gesetzt werden. Sie hat wohl Spaß daran. Sie will also auf ihre Weise vorgehen: probieren, zerstören, neu beginnen, wieder zerstören. Sie kann eine ganze Gattung so (Handbewegung) vernichten, das ist ihr ganz egal. Sie würde einfach sagen: „Nein, das war nicht gut,“ und Schluss damit. Und sie will nicht, dass man sie zur Eile antreibt. Wenn man zu ihr sagt, man finde, das habe lange genug gedauert, es könnte zu einem etwas harmonischeren Ende kommen, begehrt sie auf und ist gar nicht zufrieden. Immer sagt sie: „Warum habt ihr es denn so eilig? Es kommt alles, was ihr wollt, aber es ist nicht nötig, dass es so schnell kommt. Warum habt ihr es so eilig?“ So antwortet sie immer. Sie schweift gern umher.
Was ist die Natur? Das heißt, was für einen Bezug hat sie zur „Höchsten Mutter“?
Ich denke, die Natur ist der materiellste Teil der Schöpferkraft, die sich mit der Erschaffung besonders der Erde befasst, der materiellen Welt, wie wir sie auf der Erde kennen.
Gibt es die Götter der Puranas und die Götter der griechischen und ägyptischen Mythologie wirklich?
Zwischen den Göttern der Puranas und den Göttern der griechischen und ägyptischen Mythologie finden sich alle möglichen Ähnlichkeiten; es könnte ein interessantes Studienobjekt sein. Für die moderne westliche Welt sind all diese Gottheiten – die griechischen Götter und anderen „heidnischen“ Götter, wie sie sie nennen – einfach ein Produkt der menschlichen Vorstellungskraft und entsprechen nichts Wirklichem im Universum. Aber dies ist ein schwerer Fehler.
Um den Mechanismus des universellen Lebens, selbst des irdischen Lebens, zu verstehen, muss man in der Tat wissen, dass all diese Wesen reale und lebende Wesen sind, jedes in seinem eigenen Bereich, und eine unabhängige Realität haben. Sie würden auch dann existieren, wenn es keine Menschen gäbe. Die meisten dieser Götter existierten, bevor es den Menschen gab.
Woher kommen die Götter?
Das bedeutet? … „Woher kommt“ bedeutet was? Was für einen Ursprung sie haben? Wer sie geformt hat? … Alles, alles kommt aus dem einen Ursprung, aus dem Höchsten – auch die Götter.
In einer ganz alten Überlieferung wird das erzählt. Ich werde sie dir erzählen, wie man sie Kindern erzählt, auf die Art wirst du verstehen:
Eines Tages beschloss „Gott“, aus sich herauszutreten, sich zu objektivieren, um die Freude zu haben, sich in jedem Detail zu erkennen. Also ließ er zuerst sein Bewusstsein ausströmen – das heißt, er manifestierte sein Bewusstsein – und gab diesem Bewusstsein den Befehl, ein Universum zu verwirklichen. Dieses Bewusstsein begann vier Wesen auszusenden, vier Individualitäten, die tatsächlich höhere Wesen waren, von der höchsten Wirklichkeit – nämlich das Wesen des Bewusstseins, das Wesen der Liebe (oder vielmehr des Ananda), das Wesen des Lebens und das Wesen des Lichtes und Wissens (doch Bewusstsein und Licht ist dasselbe). So war es: Bewusstsein, Liebe bzw. Ananda, Leben und Wahrheit – Wahrheit, das ist das exakte Wort. Das waren natürlich äußerst mächtige Wesen. Sie waren das, was man in dieser Überlieferung die ersten Emanationen nennt, das heißt die ersten Gestaltungen. Und jede wurde sich ihrer Eigenschaft, ihrer Macht, ihrer Befähigung und ihrer Möglichkeiten sehr bewusst, und plötzlich vergaß sie auf ihre Weise, dass sie nur eine Emanation und eine Inkarnation des Höchsten war. Und da ereignete sich folgendes: Als das Licht bzw. Bewusstsein sich vom göttlichen Bewusstsein trennte, mit anderen Worten als es zu denken begann, dass es das göttliche Bewusstsein sei und es kein anderes außer ihm gebe, wurde es plötzlich Finsternis und Nichtbewusstheit. Und als das Leben dachte, alles Leben sei in ihm und es gebe kein anderes als das seine und es hänge überhaupt nicht vom Höchsten ab, wurde sein Leben Tod. Und als die Wahrheit dachte, dass sie die ganze Wahrheit enthalte und dass es keine andere Wahrheit gebe als sie, wurde diese Wahrheit zur Falschheit. Und als Liebe bzw. Ananda überzeugt war, dass sie das höchste Ananda sei und dass es kein anderes gebe als sie und ihre Glückseligkeit, wurde sie das Leid. Und so wurde die Welt, die so schön sein sollte, so hässlich. Als jenes Bewusstsein – du kannst es Göttliche Mutter oder Höchstes Bewusstsein nennen – das sah, war es sehr verdrießlich. Die Göttliche Mutter sagte sich: „Das ist total misslungen!“ Also wandte sie sich zum Göttlichen, zu Gott, dem Höchsten, und bat ihn, ihr zu Hilfe zu kommen. Sie sprach zu ihm: „Schau, was geschehen ist. Was machen wir jetzt?“ Er sprach: „Beginne von neuem, aber versuche es so zu organisieren, dass die Wesen nicht so unabhängig werden! Sie müssen mit dir in Verbindung bleiben und durch dich mit mir.“ Und so schuf sie die Götter, die recht fügsam waren und nicht so stolz, und diese begannen mit der Erschaffung der Welt. Aber da die anderen vorher da waren, begegneten die Götter ihnen auf Schritt und Tritt. Und so verwandelte sich die Welt in einen Ort des Kampfes, des Krieges, des Streits, des Leidens, der Dunkelheit und so fort, und bei jeder neuen Schöpfung mussten sich die Götter mit den anderen schlagen, die zuvor ausgesandt worden waren: Sie waren eher dagewesen. Sie hatten sich in die Materie gestürzt und verursachten diese ganze Unordnung, die die Götter nun reparieren mussten. Daher also kommen die Götter. Sie sind die zweiten Emanationen.
Mutter, die vier ersten, die sich veränderten – geschah das durch Zufall oder durch einen Willen?
Nein. Was ist Zufall?
Es wird auch erzählt – und das ist die Fortsetzung der Geschichte oder vielmehr ihr Anfang –, dass Gott wollte, dass seine Schöpfung eine freie Schöpfung sei. Er wollte, dass alles, was von ihm ausging, absolut unabhängig und frei sei, damit es sich mit ihm in Freiheit vereinigen könne und nicht im Zwang. Er wollte nicht, dass sie treu sein müssten, bewusst sein müssten, gehorsam sein müssten. Sie sollten es spontan tun, im Wissen und in der Überzeugung, dass es viel besser sei. Also wurde diese Welt als eine Welt totaler Freiheit, der Freiheit der Entscheidung, geschaffen. Und das bedeutet, dass jeder in jeder Minute die Freiheit der Entscheidung hat – doch mit allen Konsequenzen. Wenn die Entscheidung gut ist, ist sie gut, ist sie aber schlecht, nun, dann kommt, was kommen muss – und was ja auch gekommen ist!
Man kann die Geschichte viel okkulter und spiritueller verstehen. Doch dann ist es wie bei allen Geschichten über das Universum: Will man sie erzählen, damit die Leute sie verstehen, werden es Kindergeschichten. Kann man aber die Wahrheit hinter den Symbolen sehen, versteht man alles. Auch bei dem, was ich dir in dieser scheinbar kleinen Kindergeschichte erzählte, sogar da kannst du auf das Geheimnis der Dinge kommen, wenn du verstehst, was ich dir sagte, und dir der Sinn klar ist.
Einige Überlieferungen behaupten, es sei insofern ein „Zufall“, als es auch anders hätte sein können. Doch es ist so gekommen. Es ist so gekommen, ja. Doch ist leicht einzusehen, dass jedes dieser Elemente, da es ja im Höchsten seinen Ursprung hatte und es in diesem Moment der Emanation dem Ursprung ganz nahe war, in sich das Bewusstsein seiner Göttlichkeit und seiner Überlegenheit trug – zwangsläufig, denn es ist ja keine Schöpfung aus etwas, das dem Göttlichen fremd ist: Es ist einfach das Göttliche, das aus sich selbst ausströmte, als betrachte es sich – es objektiviert sich, um sich alles, was ist, bewusst zu machen. Statt in einem inneren statischen Zustand der Konzentration zu verharren, in dem alles nicht-manifestiert ist, projiziert es dies nach außen, „um zu sehen“, als wolle es alles wahrnehmen, was in ihm ist, nämlich seine unendlichen Möglichkeiten. Es war also alles möglich. Es ist so gekommen – es hätte auch anders kommen können. Im Übrigen ist es nicht ausgeschlossen, dass es neben unserem Weltall, so wie es ist, noch andere Universen gibt, die so verschieden sind, dass sie keine Verbindung untereinander haben können. Es kann sehr wohl sein, dass unser Universum nicht das einzige Heraustreten des Göttlichen aus sich selbst ist. Unser Weltall ist so, wie wir es kennen. Vielleicht sind andere in einem weit weniger beklagenswerten Zustand als dieses! Im Übrigen ist es nur scheinbar beklagenswert. Wenn man hinter die Erscheinung blickt, merkt man, dass es überhaupt nicht beklagenswert ist. Es ist nur eine Art, wie man es sehen kann.
„Jedes Mal, wenn wir einen entscheidenden Schritt im spirituellen Fortschritt machen, versuchen die unsichtbaren Feinde des Göttlichen, ihre Revanche zu bekommen, und wenn sie der Seele keinen Schaden zufügen können, schlagen sie den Körper. Aber alle ihre Anstrengungen sind vergeblich und werden schließlich zunichte gemacht, denn die Göttliche Gnade ist mit uns.“ (Worte der Mutter, 1949, S. 215)
Was sind diese „unsichtbaren Feinde des Göttlichen“?
Das sind eben diese vier Persönlichkeiten, die natürlich unzählige Emanationen aus sich entlassen haben, die wiederum andere Emanationen hatten, die Formen bildeten. Und nun sind es Millionen, Millionen und Abermillionen, und unter ihnen haben diese eine gewisse Gewohnheit angenommen, die sie konsequent beibehalten, und sie wollen auch weiterhin nicht, dass ein anderes Gesetz als das ihre herrsche. In Indien werden sie Asuras genannt, die Wesen der Finsternis. Es ist logisch, dass sie so sind. Sie haben mit dem falschen Weg angefangen und machen so weiter. Nun muss ich sagen, dass es welche gibt, die ihre geistige Haltung ändern. In der Gita ist davon die Rede. Ich glaube, es geht um die, die sich bekehren werden, und dann um die, die eine Bekehrung rundweg ablehnen, die lieber verschwinden, lieber vernichtet werden wollen, als sich zu bekehren. Und so ist das eben. Die einen sind so, die anderen so.
Welches sind „die anderen“, die sich bekehrt haben?
Einer hat sich bekehrt und arbeitet sogar mit, es ist der des Bewusstseins und Lichts.
Wenn er bekehrt ist, muss die Schwierigkeit von selbst verschwinden.
Natürlich, und seine Macht bleibt. Das wird ein gewaltiges Wesen.
Du hast gesagt, das Bewusstsein habe sich in Nichtbewusstheit gewandelt. Aber wenn das Bewusstsein sich bekehrt, muss dann die Nichtbewusstheit vergehen?
Er wird wieder Bewusstsein und Licht – er wird wieder das, was er war.
Ist er es noch nicht wieder geworden?
Ich sagte doch eben ganz genau, als er das Nichtbewusste oder die Finsternis wurde, schuf er unzählige Formen – Emanationen, Gestaltungen, Schöpfungen. Und seine Umkehr bedeutet nicht, dass alles Übrige folgt. Sie gehorchen demselben Gesetz der Freiheit, der Freiheit der Entscheidung. Sie können sich bekehren oder auch nicht. Manche wandeln sich, manche weigern sich. Die sich weigern, sind allerdings in der Überzahl.
Wer aber am meisten Schaden anrichtet, das ist der „Herr der Falschheit“. Er ist tatsächlich das größte Hindernis im Universum: Diese ständige Verneinung der Wahrheit. Und er hat einen sehr starken Einfluss auf die irdische Welt, auf die materielle Welt. Im Übrigen nehmen ihn jene, die ihn hier (auf der Erde) sehen können, als ein durchaus wunderbares, glänzendes Wesen wahr. Er betitelt sich mit „Herr der Nationen“, und seine Erscheinung ist gewaltig, leuchtend, mächtig, sehr eindrucksvoll… Historisch war er die Quelle der Inspiration für gewisse Staatschefs, und er nennt sich Herr der Nationen, weil er die Völker beherrscht. Offensichtlich ist er ursprünglich der oberste Organisator dieser beiden letzten Kriege. Bei dieser Gelegenheit hat er sich als Herr der Nationen manifestiert. Er erklärte übrigens, er würde sich nie bekehren. Und er weiß, dass es ein Ende hat – natürlich wird er versuchen, es so weit wie möglich hinauszuschieben. Und er erklärte, vor seiner Vernichtung würde er alles zerstören, was er könne… Man kann sich auf alle möglichen Katastrophen gefasst machen.
Im Februar hast du eine Botschaft gegeben, die besagt, dass ein „neues Licht auf der Erde zum Vorschein kommt“, und gerade danach (am 5. März 1953) starb Stalin. Ist das ein Hinweis auf etwas?
Das wäre wirklich kein großer Erfolg! Der Tod Stalins hat am gegenwärtigen Zustand der Welt nichts geändert (leider genauso wenig wie der Tod Hitlers). Es wäre schon etwas mehr nötig. Denn es ist hier wie bei dem Mörder, den man durch das Fallbeil hinrichtet: In dem Moment, wo man ihn enthauptet, wird sein Lebensgeist, der bleibt, aus ihm herausgeschleudert. Das ist eine vitale Formation, und sie sucht in einem der wohlwollenden Zuschauer Zuflucht, der dann plötzlich einen Verbrecherinstinkt in sich fühlt. Es gibt viele solche Leute, vor allem ganz junge Kriminelle, die man befragte und die es gesagt haben. Die Antwort lautet häufig: „Es hat mich ergriffen, als ich die und die Person unter dem Fallbeil sah.“
Also, der Tod des einen oder des anderen nutzt nichts. Das nutzt nicht viel – es geht anderswo hin. Es ist nur eine Form. Es ist, wie wenn du in einem bestimmten Hemd etwas ganz Schlechtes tust und dann dein Hemd wegwirfst und sagst: „Jetzt tue ich nichts Schlechtes mehr.“ Und du machst in einem anderen Hemd weiter!
Im Übrigen verschwindet nichts. Die Form verschwindet, doch die Grundbestandteile bestehen weiter. Alles ist ewig, da ja alles das Göttliche ist, und nichts kann aus dem Göttlichen hinausfallen, da ja alles göttlich ist. Doch die Formen verschwinden. Und durch diese Identifizierung mit der Form hat man den Eindruck des Todes. Doch die Grundbestandteile sind ewig, weil alles ewig ist. Die Form ist es, die verschwindet.
Nun möchten einige dieser Wesen eben lieber vollständig aufgelöst sein und lieber einfach total im Unendlichen, in der Einheit verschwinden (das bedeutet, dass sie ihr persönliches Bewusstsein verlieren, sie haben kein persönliches Bewusstsein mehr, als persönliches Bewusstsein sind sie nicht mehr vorhanden), sie geben dem den Vorzug vor einem persönlichen Bewusstsein, das sich dem Göttlichen gibt und aus dieser Tatsache heraus bewusst und persönlich unsterblich wird. Ihnen ist Auflösung und persönliches Verschwinden lieber als Umkehr, das heißt Selbsthingabe.
Warum?
Aus Stolz, vermutlich. Immer ist es Stolz. Eigentlich ist es von Anfang an der Stolz – und fast alle Religionen haben es gesagt. Es ist der Stolz, nämlich eine Art Bewusstsein seiner Macht und seiner Bedeutung.
Du hast gesagt, dass diese vier Emanationen Teile des Höchsten seien. Wie können sie dann ein anderes Bewusstsein als er haben?
Anderes Bewusstsein? Es gibt doch gar kein anderes Bewusstsein! Das Prinzip der Emanation ist ja gerade die Objektivierung eines Teiles von sich, der potenziell die Qualitäten des Urhebers der Emanation behält. Wenn aber diese Emanation, wie ich sagte, mit einem Willen zur Freiheit der Entscheidung erfolgt (wie es ja geschah), können diese Emanationen entweder dieser Freiheit und dieser Unabhängigkeit folgen oder aber weiterhin mit dem Urheber der Emanation verbunden bleiben, da ja Entscheidungsfreiheit ist. Diese Macht und diese Kraft, die sie in sich enthalten, genügen völlig, um ihnen das Gefühl ihrer Bedeutung und ihrer Macht zu geben. Wenn sie sich dafür entscheiden, nicht in freiwilliger Verbindung, in einer Verbindung der Hingabe an den Höchsten zu bleiben, wenn sie sich dafür entscheiden, das Maß an Macht, an Bewusstsein und Kraft, das sie in sich tragen, zu benutzen, um das, was sie zu tun haben, in Unabhängigkeit auszuführen, schneiden sie sich gerade durch diese Tatsache von ihrem Ursprung ab – dennoch sind die Grundbestandteile ihres Wesens aber Elemente, die zum Ursprung gehörten. Und daher gibt es, auch wenn sie sich freiwillig abschneiden, im innersten Bewusstsein ein Band, das unzerstörbar ist. Es ist das Band der Identität. Da sie aber mit dieser essenziellen Qualität der Entscheidungsfreiheit ausgesandt wurden, haben sie in der äußeren Manifestation die freie Wahl, dieses oder jenes zu tun. Das ist der Grund, warum auch beim schlimmsten Verbrecher im tiefsten Herzen irgendwo das göttliche Licht scheint. Du hast sicher jenen Abschnitt von Vivekananda gelesen, in dem er sagt, man müsse dem Verbrecher zurufen: „Erwache…,“ – ich weiß den genauen Wortlaut nicht – „erwache, Lichtwesen, und strahle!“
Eben, als ich dir sagte, dass ich dir diese Geschichte wie eine Kindergeschichte erzählen würde, ging es gerade darum, sie so zu erzählen, als wäre es eine materielle Geschichte. Und so erzählt, wird es dann eine Kindergeschichte. Doch muss man die Dinge in ihrem Bereich sehen, und das ist ein spiritueller und kein materieller Bereich. Es ist nicht so, wie es sich hier abspielen würde.
Was hier geschieht, ist symbolisch, also das Gleiche, als das Kind, das geboren wird, nichts anderes ist als ein Stück von seiner Mutter, sogar materiell, ganz materiell. Denn dieses stoffliche Band ist derart stark, ungefähr einige Stunden, etwa zwei Tage lang unvermindert stark und mindestens zwei Monate lang etwas weniger, aber immer noch sehr spürbar, dass man es wirklich als eine materiell-physische Verlängerung von sich empfindet, doch außerhalb von sich. Das ist das Element der Emanation. Nun, das hält aber die Kinder, wenn sie erwachsen werden, nicht davon ab, gänzlich unabhängig von ihren Eltern und manchmal äußerst verschieden zu werden. Doch am Ursprung, am Anfang, ist es das Gleiche. Es ist einfach dieselbe Materie, vollkommen dieselbe, lediglich äußerlich sichtbar gemacht. Das ist alles.
Bei den Emanationen haben wir die gleiche Erscheinung, doch statt auf einer materiellen Ebene nun auf der höchsten spirituellen Ebene. Und was sich hier abspielt, ist ein Symbol dessen, was da oben vor sich geht.
Nun, kommt es dir nie in den Sinn, dich zu fragen: „Weshalb ist dieses Kind, das so gute, so gerechte, so großzügige, so wahrheitsliebende Eltern hat, ein solcher Spitzbube?“ Man kann sich darüber wundern, doch es scheint nichts Unmögliches zu sein. Nun, das ist das Gleiche. Eigentlich hängt alles von der inneren Verfassung des Wesens ab. Es gibt keine zwei Wesen, die einander gleich wären. Keine innere Verfassung gleicht der anderen. Und alles hängt von der inneren Organisation, von der vollständigen Organisation des Wesens ab, von der Ordnung, in der die Elemente organisiert sind, und welches ihre innere Beziehung ist – wie auch die äußere Form verschieden ist, weil die Zellen nicht auf dieselbe Weise organisiert sind. Doch da das eine Erscheinung ist, die du ständig siehst, in der du geboren bist, die du jeden Tag wahrnimmst, kommt dir das ganz selbstverständlich vor. Aber es ist das Gleiche. Es erscheint dir ganz natürlich, dass ein Kind anders ist als seine Mutter, sein Vater, dennoch ist es das Gleiche. Und in einer Emanation des Höchsten ist zunächst ein Teil notwendigerweise anders als das Ganze, obwohl er potenziell das Ganze enthalten kann, doch drückt er das Ganze nicht aus. Und da er das Ganze nicht ausdrückt, ist er zwangsläufig anders als das Ganze, weil die innere Organisation anders ist. So, ich glaube, das genügt.
Kapitel 5
Die Göttliche Mutter – Die Schöpferin
Liebe Mutter, hier hast du gesagt, dass die Höchste Mutter die Schöpferin des Universums sei. Aber in Indien sagt man gewöhnlich, dass Brahma der Schöpfer ist.
Sri Aurobindo aber hat gesagt, dass die Höchste Mutter die Mutter von Brahma ist. Sie ist die Mutter aller Götter.
Die göttliche Mutter ist die göttliche Shakti, das heißt, die schöpferische Kraft. Sie ist identifiziert mit dem Kosmos. Wie kann sie einen transzendenten Aspekt haben?
Aber vielleicht war die Göttliche Mutter bereits vor der Schöpfung da! Sie muss sicherlich bereits vor der Schöpfung existiert haben, denn Sie kann nicht das Produkt der Schöpfung sein. Wenn Sie es ist, die das geschaffen hat, dann muss Sie vor der Schöpfung existiert haben, sonst hätte Sie es ja nicht erschaffen können.
Sie existierte also im Höchsten, also vor der Schöpfung?
„In“ dem Höchsten … es ist ein wenig schwierig von „innen“ und „außen“ zu sprechen, wenn man außerhalb aller Formen ist! Wenn du möchtest, sage: Sie ist eine Regung des Höchsten (wenn dich das besser verstehen lässt) oder ein Wirken des Höchsten oder ein Status des Höchsten, ein Modus… Du magst sagen, was du möchtest, was dir am meisten Bewusstsein von der Sache gibt.
Als der Höchste Herr dir sagte, du sollst die Welt erschaffen, woher wusstest du da, was zu tun war?
Dafür hatte ich nichts zu lernen, denn der Höchste Herr enthält alles in Sich selbst: die ganze Welt, das Wissen über die Welt und die Macht, sie zu erschaffen. Als Er entschied, dass es eine Welt geben sollte, brachte Er zuerst das Wissen über die Welt und die Macht, sie zu erbauen, hervor, und das bin ich. Dann befahl Er mir, die Welt zu erschaffen.
Es gibt nur eine Sache, bei der ich mir absolut sicher bin, und das ist, wer ich bin. Auch Sri Aurobindo wusste es und erklärte es. Selbst die Zweifel der gesamten Menschheit würden an dieser Tatsache nichts ändern.
Aber eine andere Tatsache ist nicht so sicher – es ist die Frage, ob es sinnvoll ist, dass ich hier in einem Körper bin und die Arbeit tue, die ich tue. Ich tue dies nicht aus einem persönlichen Drang heraus. Sri Aurobindo sagte mir, ich solle es tun, und deshalb tue ich es als eine heilige Pflicht im Gehorsam gegenüber den Weisungen des Höchsten.
Die Zeit wird zeigen, wie weit die Erde dadurch profitiert hat.
Warum bist du wie wir gekommen? Warum bist du nicht so gekommen, wie du wirklich bist?
Würde ich nicht so kommen wie ihr, könnte ich euch nie nahe sein und könnte euch nicht sagen: „Werdet, was ich bin.“