Kapitel 6

Die Schöpfung ist keine Illusion

Zufall gibt es nicht in diesem Universum; die Idee der Illusion ist selbst eine Illusion. Bislang hat es im menschlichen Mental noch nie eine Illusion gegeben, die nicht eine verbergende Form und Entstellung der Wahrheit war. (Sri Aurobindo, Thoughts and Aphorisms)

Was heißt das: „Die Idee der Illusion ist selbst eine Illusion“?

Wir leben in einer Täuschung, was für jeden nachdenklichen Geist unbestreitbar ist. Doch hinter dieser Illusion, die wir erblicken und leben, befindet sich nach Ansicht der einen nichts – da ist die Leere, das Nichtsein –, während die anderen sagen: Was ihr seht und fühlt, was ihr lebt, das ist ein trügerischer und täuschender Anschein, hinter welchem, jenseits von welchem, in welchem eine Wirklichkeit, eine ewige Wahrheit ist, die wir zwar in unserem jetzigen Zustand nicht wahrnehmen, die sich aber erfahren lässt, wenn man sich bemüht und geeignete Methoden anwendet.

In diesem Aphorismus bezieht sich Sri Aurobindo mit der „Idee der Illusion“ auf die philosophische Theorie, dass die materielle Welt keine wirkliche Existenz habe. Sie sei nur ein von der Abirrung des Egos und der Sinne geschaffener Schein, und wenn die Abirrung verschwinde, dann verschwinde zugleich die Welt.

Sri Aurobindo dagegen versichert, dass sich hinter allen äußeren Erscheinungen, auch den trügerischsten, eine Wahrheit befindet, ein bewusster Wille, der die Entfaltung der Welt leitet. Bei dieser Entfaltung ist jedes Ding, jedes Ereignis und jeder Umstand sowohl Ergebnis des Vorangegangenen wie auch Ursache des Folgenden. Zufall und Zusammenhanglosigkeit sind nur ein trügerischer Schein, der sich dem menschlichen Bewusstsein bietet, weil es zu stückhaft und beschränkt ist, um die Wahrheit der Dinge zu erkennen. Doch existiert diese Wahrheit wirklich und greifbar hinter allen äußeren Erscheinungen und ihren täuschenden Zusammenhanglosigkeiten.

Und Sri Aurobindo selbst sagt: Die Welt ist wirklich, bloß unsere Wahrnehmung von ihr ist falsch.

Gleichzeitig aber müssen wir uns von einer gefährlichen Übertreibung der Falschheit der Welt freihalten, die sich einem leicht aufdrängt, wenn man in das höhere Bewusstsein aufsteigt. Mit Shankara und anderen seinesgleichen ist folgendes geschehen: Sie haben einen Schimmer vom wahren Bewusstsein erhascht, was die Falschheit dieser Welt so scharf hervortreten ließ, dass sie behaupteten, das Universum sei nicht nur falsch, sondern es existiere überhaupt nicht wirklich, es sei eine Illusion, die man ganz und gar aufgeben sollte. Wir sehen diese Lüge und Falschheit ebenfalls, doch wissen wir auch, dass dies Weltall gewandelt und nicht als Illusion aufgegeben werden muss. Zwar ist die Wahrheit schlecht übersetzt worden, etwas ist dazwischengetreten und hat die göttliche Wirklichkeit entstellt, aber dennoch ist die Welt tatsächlich dazu bestimmt, die Wahrheit auszudrücken. Und sie auszudrücken ist wahrlich unser Yoga.

Gehen wir zur Lehre der Rishis zurück, sehen wir, dass es dort keine Gedanken an eine Weltflucht gab. Für sie sollte die Verwirklichung von irdischer Art sein. Sie konzipierten ein Goldenes Zeitalter, in dem die Verwirklichung irdisch sein sollte. Doch als ein gewisses Nachlassen der Vitalität im spirituellen Leben des Landes begann, vielleicht als sich eine andere Richtung einstellte … gewiss mit dem Beginn der Lehre Buddhas, kam dieser Fluchtgedanke, der die Vitalität des Landes untergraben hat, denn man musste eine Bemühung aufbringen, sich vom Leben zu trennen. Die äußere Wirklichkeit wurde eine illusorische Lüge, und man durfte nichts mehr damit zu tun haben. So schnitt man sich natürlich von der universalen Energie ab und die Vitalität verringerte sich immer mehr; und mit dieser geschwächten Vitalität verringern sich auch alle Möglichkeiten der Verwirklichung.

Es kam wie etwas Selbstverständliches. Wir sagen: „Was ist die Lüge? Was nennen wir Falschheit? Warum ist die Schöpfung falsch?“ Sie ist keine Illusion in dem Sinne, dass sie nicht existiert: sie existiert wirklich, aber… sie ist sich nicht dessen bewusst, was sie ist! Sie ist sich nicht nur ihres Ursprungs nicht bewusst, sondern auch ihres Wesens, ihrer Wahrheit nicht bewusst – die Schöpfung ist sich ihrer Wahrheit nicht bewusst. Und deshalb lebt sie in der Lüge.

Wir sprechen so, als ob die Dinge sich entfaltet haben, zu einer Zeit, einem Datum, das man festlegen konnte: Der 1. Januar 0000, für den Anfang der Welt, aber das ist keineswegs so! Es gibt beständig ein Transzendentes, beständig ein Universales, beständig ein Individuelles und das Transzendente, das Universale und Individuelle sind gleichzeitig existent. Das heißt, wenn du in einen gewissen Zustand des Bewusstseins eintrittst, kannst du in jedem beliebigen Augenblick in Kontakt treten mit der transzendenten Shakti, du kannst zu einem anderen Augenblick in Kontakt treten mit der universalen Shakti und in Kontakt sein mit der individuellen Shakti und all das gleichzeitig – das entfaltet sich nicht in der Zeit, wir sind es, die sich in der Zeit bewegen, wenn wir sprechen, anders können wir uns selbst nicht ausdrücken.

Wir benutzen Cookies

Wir verwenden auf unserer Website nur für den Betrieb notwendige sowie sogenannte Session Cookies, also ausdrücklich keine Werbe- oder Trackingcookies.

Sie können selbst entscheiden, ob Sie die Cookies zulassen möchten. Bitte beachten Sie, dass bei einer Ablehnung womöglich nicht mehr alle Funktionalitäten der Website zur Verfügung stehen.